BUDER, Paul, evangelischer Theologe, * 15. Februar 1836 in Leutkirch (Württemberg), † 5. Mai 1914 in Tübingen. - B. wuchs als Sohn eines Schuhmachermeisters und Mesners auf. Sein schulischer und akademischer Bildungsgang verlief ganz in den Bahnen der württembergischen landeskirchlichen Theologenausbildung. Auf den durch die Landeskirche eröffneten religiösen, theologischen und institutionellen Raum blieb B. auch in seiner späteren beruflichen Laufbahn dauerhaft bezogen. In seinem Heimatort besuchte er die Volks- und die Realschule. Nachdem er das Landexamen bestanden hatte, wurde er in die Seminarschule in Urach aufgenommen. Als Stipendiat des Evangelischen Stiftes in Tübingen studierte er von 1854 bis 1858 Theologie. Der wichtigste Lehrer dieser Jahre war der Systematische Theologe Maximilian Albert Landerer (1810-1878). Nach Ablegung des Examens wurde B. zunächst Vikar in Nürtingen und anschließend Repetent (Gymnasialvikar) am Pensionat in Heilbronn. Im Herbst 1862 trat B. eine Stelle als Repetent am Tübinger Stift an. In den Jahren seiner Tätigkeit am Stift widmete er sich erneut eigenen theologischen und philosophischen Studien. Das Verhältnis von Theologie und Philosophie charakterisierte B. später in folgender Weise: »Ich habe es für meine eigene Person erfahren und habe es zu meiner Bestätigung von manchem meiner Schüler, die meine philosophischen Vorlesungen besuchten, bekennen hören, daß die Grundwahrheiten des Evangeliums in Ewigkeit unerschütterlich feststehen gegen jede falsche Philosophie, und daß jede wahre Philosophie, mit besonnenem Wahrheitssinn betrieben, nicht nur nicht von Gott abführt, sondern, ähnlich wie das Gesetz, selbst ein Zuchtmeister auf Christus sein kann, sonst aber das Rätsel der Welt und des einzelnen Lebens wohl festzustellen, aber nicht zu lösen und gerade da kein Wasser zu geben vermag, wo der menschliche Geist es am meisten bedürfte; und gerade da aufhört zu antworten, wo Verstand, Herz und Vernunft erst eigentlich anfängt zu fragen« (zitiert nach Theodor Haering: von Buder, Paul, Prof. der Theologie und Ephorus des Evangelisch-theologischen Seminars in Tübingen, in: Württembergischer Nekrolog für das Jahr 1914, 100-111, hier: 103). 1865 wurde B. zum Diakonus, 1867 ergänzend zum Bezirksschulinspektor in Backnang und 1868 zum 2. Hofgeistlichen (Hofkaplan) in Stuttgart berufen. Seit 1869 war er neben seiner Tätigkeit als Hofgeistlicher auch als Hilfsarbeiter im Konsistorium und als Mitglied der theologischen Prüfungskommission tätig. B. übte weitreichenden Einfluß auf die schwäbischen Theologiestudenten aus, indem er seit 1872, als Nachfolger des im Februar 1872 gestorbenen Gustav Friedrich Oehler (1812-1872), das Amt des Ephorus des Evangelischen Stiftes bekleidete. Während der fast vierzigjährigen Amtszeit B.s wurde das Tübinger Stift zu einem der wichtigsten Orte in der Wirkungsgeschichte der Theologie Albrecht Ritschls (1822-1889). Diese Entwicklung, die von B. toleriert, jedoch nicht selbst befördert wurde, ging vornehmlich von einer Reihe jüngerer Repetenten, vor allem von Max Reischle (1858-1905) und Friedrich Traub (1860-1939), aus. Reischle wurde 1890 B.s Schwiegersohn. In Ergänzung zum Amt des Ephorus wurde B. 1872 zum außerordentlichen Professor für neutestamentliche Exegese an der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen berufen. 1877 erhielt er dort als Nachfolger Landerers dessen ordentliche Professur für Dogmatik und neutestamentliche Theologie. B. gehörte während vier Wahlperioden der Landessynode an. 1880 wurde er durch die Tübinger Theologische Fakultät zum Dr. theol. h.c. promoviert. 1906 wurde ihm auch die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen verliehen. Im Studienjahr 1891/92 war B. Rektor der Universität. Zum Ende des Sommersemesters 1910 legte er sein Amt als Ephorus und seine Professur nieder. Als Leiter des Stifts folgte ihm Traub. - Literarisch trat B. kaum hervor. Seine einzige wissenschaftlich-theologische Publikation, zugleich seine Tübinger Antrittsrede, war dem Thema »Ueber die apologetische Aufgabe der Theologie in der Gegenwart« (Tübingen 1876) gewidmet. B. verkörperte die württembergische Tradition lutherischer Theologie im späten neunzehnten Jahrhundert. Seine Hauptaufgabe sah er, in konsequentem Verzicht auf jede theologische Originalität, darin, »für den Dienst der evangelischen Kirche und Schule wissenschaftlich tüchtige, von lebendigem Interesse für ihren Beruf erfüllte, nach Sinn und Wandel würdige Männer heranzubilden« (nach Theodor Haering: Ebd.; siehe auch Martin Leube: Das Tübinger Stift 1770-1950, Stuttgart 1954, 614-620).
Werk: Ueber die apologetische Aufgabe der Theologie in der Gegenwart. Akademische Antrittsrede, Tübingen 1876 [ein Exemplar befindet sich in der Bibliothek des Evangelischen Stifts: Signatur 7 an 21].
Lit.: Theodor Haering: von Buder, Paul, Prof. der Theologie und Ephorus des Evangelisch-theologischen Seminars in Tübingen, in: Württembergischer Nekrolog für das Jahr 1914, 100-111; - Martin Leube: Das Tübinger Stift (1770-1950), Stuttgart 1954; - Bibliographie zur Geschichte der Universität Tübingen. Bearbeitet von Friedrich Seck, Gisela Krause und Ernestine Stöhr, Tübingen 1980; - In Wahrheit und Freiheit. 450 Jahre Evangelisches Stift in Tübingen. Herausgegeben von Friedrich Hertel (Quellen und Forschungen zur Württembergischen Kirchengeschichte. Band 8), Stuttgart 1986 (darin: Rolf Schäfer: Die Anfänge des Ritschlianismus im Stift, 205-225); - RGG1 I, 1416; - DBJ 1 (1914/16), 276.