BURCHARD von Ursberg, Chronist, * um 1170, † um 1231. - Die Weltchronik des Prämonstratenserprobstes B. zählt zu den bedeutendsten, interessanterweise allerdings zu den letzten noch unübersetzten Zeugnissen der mittelalterlich-lateinischen Weltchronistik. Über ihren Verfasser ist abseits der aus seiner Chronik gezogenen Selbstzeugnisse nur wenig Gesichertes überliefert. Geboren ist er um das Jahr 1170 im württembergischen Biberach. Den Angaben seiner Chronik zu folge scheint er bereits als junger Mann, noch vor dem Übertritt in den geistlichen Stand, in Rom gewesen zu sein, wo er 1198 die von Heinrich IV. geblendeten und auf Betreiben Innocenz III. durch Philipp von Schwaben freigelassenen sizilianischen Barone sah. Im Jahre 1202 wurde B. durch den Konstanzer Bischof Diethelm von Krenkingen zum Priester geweiht; für 1205 verzeichnet er in seiner Chronik: "Eodem anno ego ad religionem veni" - hier wird sein Eintritt ins Kloster als Novize gemeint sein. Nur zwei Jahre später verzeichnet der Chronist seinen Übertritt "ad ordinem Premonstratensum". Er wurde Chorherr im Prämonstratenserstift Schussenried, das zur Konstanzer Diözese gehörte. Ob B. dort bereits 1209 zum Probst gewählt wurde, bleibt strittig - jedenfalls ist er nicht lange dort geblieben, denn schon im Juli 1210 scheint er in Rom gewesen zu sein und dort den Magister Bernhardus Primus und seine Anhänger, die so genannten "Armen von Lyon" gesehen zu haben, als diese unter großer Beachtung der Öffentlichkeit Papst Innocenz III. um Anerkennung und Privilegierung ihrer Glaubensgemeinschaft baten. Auch die römischen Ereignisse der folgenden Jahre scheint B. selbst erlebt zu haben. Im Jahre 1215 schließlich wählten die Chorherren des zur Diözese Augsburg gehörigen Prämonstratenserstiftes Ursberg B. zu ihrem Probst. Von dort an verlieren sich die Hinweise. Das genaue Todesdatum B.s bleibt umstritten: Unhaltbar bleibt die Annahme der älteren Forschung, die in Bezug auf ein Verzeichnis des 16. Jahrhunderts den Januar 1226 als Sterbedatum B.s ansah. Hingegen spricht nichts dafür, daß die auf dieses Jahr folgenden Passagen der Ursberger Chronik, die erst im Sommer 1230 abbricht, von späterer Interpolation herrühren. Vielmehr scheint der Chronist noch im Winter des Jahres 1226 mit großer Sicherheit gelebt zu haben, wodurch der Januar als Sterbedatum ohne dies ausscheidet (Gronau 1890, 86). Man wird also annehmen können, daß B. noch vor Vollendung seiner Chronik, um das Jahr 1231 herum, verstarb. Das Chronicon ist uns in zwei Handschriften überliefert, von denen lediglich die Handschrift aus der Bibliothek des Humanisten Konrad Peutinger den vollständigen Text bietet. Die so genannte "Petroneller Handschrift" war lange Zeit verschollen, tauchte 1985 auf einer Auktion bei Sotheby's auf und wurde schließlich 2003 in Schweizer Privatbesitz verkauft. Ein Autograph ist nicht überliefert. Die Verfasserschaft B.s ist erst 1764 in einer ungedruckten Dissertation des Ulmer Propstes Michael Khuen zu den Wengen festgestellt worden, vorher hatte man den Nachfolger B.s im Amt, Probst Konrad von Lichtenau, als Verfasser der Chronik angenommen.
Werkausgaben: Historia Friderici Imperatoris Magni hujus nominis Ducis Suevorum et parentelae suae conscripta circa annum MCCXXVI. Recens ed., notis illustr., tabulis genealogicis auxit G. A. Christmann Ulm: Wohler 1790; - Oswald Holder-Egger / Bernhard von Simson (Hrsgg.): Die Chronik des Propstes Burchard von Ursberg (MGH SS. Rer. Germ. in usum schol., Bd. 16), 2. Aufl., Hannover / Leipzig 1916.
Lit.: Hermann Ehmer: Reformatorische Geschichtsschreibung am Oberrhein, in: Kurt Andermann (Hrsg.): Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Oberrheinische Studien, Bd. 7), Sigmaringen 1988, 227-245, bes. 234-239; - Eduard Gebele: Burchard von Ursberg, in: Wolfgang Zorn (Hrsg.): Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Bd. 10, Weißenhorn 1976, 1-14; - Wilhelm von Gieseknecht: Kritische Bemerkungen zur Ursperger Chronik (Sbb. München 1/1881, 201-239), München 1881; - Georg Gronau: Die Ursberger Chronik und ihr Verfasser, Berlin 1890; - Ferdinand Güterbock: Über Otto von St. Blasien, Burchard von Ursberg und eine unbekannte Welfenquelle mit Ausblick auf die Chiavennafragen, in: Kritische Beiträge zur Geschichte des Mittelalters. Festschrift für Robert Holzmann (Eberings Historische Studien, Bd. 238), Berlin 1933, 193-209; - Julius Hartmann: Über die Heimat des Chronisten Burchard von Ursberg, in: Württemberger Viertelsjahrshefte für Landesgeschichte 4 (1881), 256-281; - Hartwig Keute: Reformation und Geschichte. Kaspar Heidio als Historiograph (Göttinger Theologische Arbeiten, Bd. 19), Göttingen 1980, bes. 13-69; - Alfred Lohmüller: Das Reichsstift Ursberg. Von den Anfängen 1125 bis zum Jahre 1802, Weißenhorn 1987; - ders.: Die Bibliothek des Prämonstratenser-Reichsstiftes Ursberg, 1125 bis 1803, in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 10 (1976), 281-301; - Carol L. Neel: The Historical Work of Burchard of Ursberg, I: The Ursberg "Chronicon" Text, in: Analecta Praemonstratensia 58 (1982), 96-129; - Michael Oberweis: Die Interpolationen im Chroncion Urspergense. Quellenkundliche Studien zur Priviliengeschichte dir Reform-Orden in der Stauferzeit (Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung, Bd. 40), München 1990 August Potthast: Repertorium Fontium Medii Aevi, Bd. 2, Wien 1856, 609f.; - Henry Simonsfeld: Über eine Handschrift des Chroncion Urspergense, in: NA 7 (1882), 213-215; - Wolfgang Wurz: Der spätstaufische Geschichtsschreiber Burchard von Ursberg, Stuttgart 1982.
Hiram Kümper
Werkeergänzung:
Carol Neel, The historical work of B. of U. 2: The Ursberg "Chronicon" and the "Historia Welforum" tradition, in: AnPraem 58.1982, S. 225-251; 3: The historian and his sources, in: Dass. 59.1983, S. 19-42; 4: B. as historian, in: ebd. S. 221-257; 5: The historian, the Emperor and the Pope, in: Dass. 60.1984, S. 224-255; 6: B.'s life and his historiographical achievement, in: Dass. 61.1985, S. 5-42; -
Quellen zur Geschichte der Welfen u.d. Chronik B.s v.U. Hrsg. u. übers. von Matthias Becher unter Mitarb. von Florian Hartmann u. Alheydis Plassmann. Darmstadt 2007.