BURCKHARDT, Walther, * 21.4. 1863 in Altena/Westfalen als Sohn eines Pfarrers, † 24.2. 1890 in Berlin, Pfarrer an der Sophienkirche in Berlin. Nachdem er sein Abitur in Rinteln gemacht hatte, nahm B. sein Theologiestudium im Sommersemester 1881 in Tübingen auf, wo er kurzzeitig Mitglied der freischlagenden Verbindung Saxonia war und sein Militärdienstjahr absolvierte. Nach seinem Wechsel nach Leipzig zum Wintersemester 1882/83 trat er dem nationalen Verein Deutscher Studenten zu Leipzig (VDSt) bei. Bei den Wahlen zur Akademischen Lesehalle Leipzig - dem damals einzigen wählbaren studentischen Gremium - am 12. November 1882, war er nach eigener Aussage "der erste Kandidat der Deutsch-Nationalen..., der... über die vereinigten Juden und Ausländer siegte." Das Sommersemester 1883 verbrachte B. in Bonn, wo er kurzzeitig der Burschenschaft Alemannia angehörte. Gleichzeitig war er in Bonn auch Vorsitzender des VDSt. Trotz intensiven Werbens um Mitglieder mußte B. den VDSt Bonn zum Ende des Semesters auflösen. Im Wintersemester 1883/84 war er Leiter der Bonner Studentenbewegung, die aus Anlaß der Lutherrede von Prof. Wilhelm Bender (1845-1901) entstanden war und Vorsitzender des aus derselben hervorgegangenen "positiv-theologischen Studentenvereins". Durch seine Aktivitäten hatte er sich im Studium neben den wissenschaftlichen Qualifikationen für die theologischen Konsistorialexamina auch rednerische Fähigkeiten angeeignet. Im Herbst 1884 bestand er das erste theologische Examen in Koblenz und ging als Hilfsprediger zur deutschen Gemeinde in Budapest, wo er wegen seines Eintretens für das Deutschtum nur ein dreiviertel Jahr bleiben konnte. Anschließend war er Vertreter eines erkrankten Pfarrers in Suderwick. Adolf Stoecker holte ihn am 1. Januar 1886 als Inspektor in die Berliner Stadtmission. Dort wirkte er als Seelsorger und Missionar und gewann eine volkstümliche Popularität. Im Mai 1886 machte er sein zweites theologisches Examen in Koblenz. Anschließend war er 1887 für ein halbes Jahr Hilfsprediger an der St. Matthäi-Kirche in Berlin, wo er auch ordiniert wurde. Ab Frühjahr 1888 war er dritter Prediger an der Berliner Sophienkirche. Neben diesen Tätigkeiten engagierte er sich für Stoeckers christlich-soziale Bewegung. Vom 1. Oktober 1886 bis 30. September 1887 saß er im Schriftleitungs-Ausschuß der Akademischen Blätter (Verbandsorgan des Kyffhäuser-Verbandes der Vereine Deutscher Studenten), der damals im Deutschen Reich führenden politischen Studentenzeitschrift. Beim VDSt Berlin gründete er die Redehalle, in der sich viele spätere Personen des öffentlichen Lebens in der freien Rede und der politischen Diskussion übten. Am 30. März 1889 hielt er auf der Bismarckfeier des VDSt Berlin - eine damals vielbeachtete nationale Kundgebung - die Festrede. Dabei rief er die deutsche Jugend dazu auf, "dem eisernen Kanzler nachzueifern in Wort und That" und sich "aufzuopfern im Dienst für`s Vaterland". Unter diesem Dienst verstand er die Forderung nach nationaler und sozialer Betätigung über die theoretische Beschäftigung hinaus. B. starb am 24. Februar 1890 in Folge eine Erkältung, die er sich auf einer Agitationsreise für Stoecker ins Siegerland zugezogen hatte. Am 27. Februar 1890 wurde B. beerdigt. Die Gedächtnisrede hielt Stoecker, der von B. die Fortsetzung seiner Lebensarbeit erhofft hatte. Burckhardts Freund und Bundesbruder, der Journalist Hellmut von Gerlach (1866-1935), schilderte die Gedächtnisrede als Beispiel für die große Rednergabe des Hofpredigers: "Burckhardt, schön wie ein junger Gott und hochbegabt, war der Lieblingsschüler des von ihm schwärmerisch verehrten Meisters gewesen. Stöcker, der kinderlose Mann, richtete seinen Blick auf den Sarg: `Er war mir wie ein Sohn, in meiner Arbeit meine rechte Hand. Die ist nun abgehauen.` Da brach dem harten Mann die Stimme. Der ganzen Versammlung stand das Herz still und gingen die Augen über." Am 1. April 1890 erließ ein Ausschuß von etwa 100 Personen einen Aufruf zur Stiftung eines Denkmals für B.: "Hat er in rastlosem Eifer für Kirche und Volk sein Leben früh verzehrt, so will die Dankbarkeit sein Gedächtnis ehren... Obwohl er in der Blüte der Jugend abberufen, hat er seine Wirksamkeit in das Leben unserer Hauptstadt tief eingeprägt... In der Gemeinde wie in der Stadtmission ein unermüdlicher Arbeiter, in der christlich-sozialen Partei und der gesamten Berliner Bewegung ein unerschrockener Vorkämpfer, in dem studentischen Vereinsleben ein begeisternder Führer." Ein schlichtes Denkmal wurde auf dem Friedhof der Sophienkirche errichtet und am 2. Juli 1891 enthüllt. Einen Nachruf auf B. hielt während der Feierlichkeit dessen Bundesbruder Divisionspfarrer Christian Rogge (1864-1912), den Stoecker vergeblich für die Nachfolge Burckhardts gewinnen wollte.
Werke: Rede zur Weihe der Berliner Vereinsfahne, in: Berichte der Verbands-Vereine, Berlin, in: Akademische Blätter (Ak. Bl.), 2. Jg. 1887/88, 28-29; An meinen lieben VDSt zu Leipzig, in: Ak. Bl., 4. Jg. 1889/90, 148-149; Wirket, solange es Tag ist! Ein Jahrgang Predigten von Walther Burckhardt mit einem Nachwort von Hofprediger Stoecker, Berlin 1891 (2. Auflage 1901).
Lit.: Festrede bei der Bismarckfeier 1889, in: Verbands-Nachrichten, Berlin, in: Ak. Bl. 4. Jg. 1889/90, 14-15; - Pastor Burckhardt †, in: ebenda, 221; - Bericht über die Beerdigungsfeier, in: Verbands-Nachrichten, Berlin, in: ebenda, 236; - Gedächtnisrede für Pastor Burckhardt gehalten von Hofprediger Stoecker, Sonderdruck als Beilage der Ak. Bl. 1890; - Aufruf zur Stiftung eines Denkmals für Walth. Burckhardt, in: Ak. Bl. 5. Jg. 1890/91, 50; - Blanke, Dr. v.: Zur Gedächtnisfeier für den heimgegangenen Pastor Walther Burckhardt, Berlin 1890; - Lebensbild und drei Predigten von Pastor Walther Burckhardt. Hrsg. vom Parochial-Verein in der Sophien-Gemeinde, Berlin 1890; Pastor Walther Burckhardt letzte Predigt, gehalten in der Sophienkirche am 9. Februar 1890, Berlin 1891; - Meumann, Ernst: Erinnerungen an Pastor Walther Burckhardt, in: Ak. Bl. 6. Jg. 1891/92, 14; - Petersdorff, Herman v.: Die Vereine Deutscher Studenten. Zwölf Jahre akademische Kämpfe, 3. Auflage Leipzig 1900; - Oertzen, Dietrich von: Adolf Stoecker. Lebensbild und Zeitgeschichte, Bd. 2, Berlin 1910; Braun, Max: Adolf Stoecker, Berlin 1912; - Maßmann, Karl: 1907-1918, in: Beiträge zur Geschichte des Kyffhäuser-Verbandes der Vereine Deutscher Studenten, Berlin 1931, 132; - Mumm, Reinhard: Walther Burckhardt, in: Maßmann, Karl und Oßwald, Rudolf Paul: VDSter - 50 Jahre Arbeit für Volkstum und Staat, Berlin 1931, 36-38; - Ders.: Christian Rogge, in: ebenda, 66-68; - Rosenhagen, Gustav: Aus den ersten Jahren des VDSt zu Leipzig, in: 50 Jahre Verein Deutscher Studenten zu Leipzig, Leipzig 1931, 36-44; - Gerlach, Hellmut v.: Von Rechts nach Links, Zürich 1937.