|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
CELTIS (oder Celtes; eigentlich: Bickel oder Pickel), Conradus Protucius (gräzisierter Beiname), Humanist und Dichter, * 1.2. 1459 in Wipfeld bei Schweinfurt als Sohn eines fränkischen Winzers, † 4.2. 1508 in Wien. - Von seinem älteren Bruder, einem Geistlichen, erhielt C. den ersten Lateinunterricht. Da in ihm schon früh die Liebe zu den klassischen Studien und zur Dichtkunst erwachte, er aber nach dem Willen des Vaters Winzer werden sollte, entfloh C. mit 18 Jahren auf einem Mainfloß nach Köln. Er begann 1478 seine Studien an der dortigen Universität und promovierte 1479 zum Baccalaureus artium. Nach fünfjähriger Wanderzeit studierte C. in Heidelberg, wurde dort von seinem Lehrer Rudolf Agricola für den Humanismus gewonnen und vollendete 1485 mit dem Magistergrad seine artistischen Studien. Dann ging er auf Wanderschaft nach Erfurt, Rostock und Leipzig. Am 18.4. 1487 wurde C. als erster Deutscher auf der Burg von Nürnberg von Kaiser Friedrich III. zum Dichter gekrönt. Als einer der ersten deutschen Humanisten weilte er zwei Jahre in Italien und verkehrte an den freien Akademien mit den dortigen Humanisten. Zur Erweiterung seiner Bildung widmete sich C. 1489-91 an der Universität Krakau dem Studium der Mathematik und Astronomie und gründete dort die »Sodalitas Vistulana« als erste der wissenschaftlichen Gesellschaften nach dem Muster der italienischen Akademien. Er kehrte nach Nürnberg zurück und lehrte von Ende 1491 bis Sommer 1492 in Ingolstadt als ao. Professor Poetik und Rhetorik. C. war 1492/93 Rektor der Domschule in Regensburg, wurde 1494 o. Professor in Ingolstadt und hielt sich 1495/96 in Heidelberg als Prinzenerzieher auf. Kaiser Maximilian I. berief ihn 1497 an die Universität Wien als Professor der Beredsamkeit und Dichtkunst. Von einer Reise nach Magdeburg, Lüneburg, Hamburg und Lübeck zurückgekehrt, übernahm er 1502 neben seinem Lehramt die Leitung des durch den Kaiser an der Wiener Universität gegründeten »Collegium poetarum et mathematicorum«. - C. gilt als deutscher »Erzhumanist«; er war der dichterisch bedeutendste und organisatorisch erfolgreichste der deutschen Humanisten. Er gründete Sodalitäten, wissenschaftliche Gesellschaften nach dem Vorbild der italienischen Akademien, u. a. die »Sodalitas litteraria Rhenana«, deren Präsident der Bischof Johann Dalberg von Worms war, und in Ungarn die »Sodalitas litteraria Hungarorum«, die 1497 als »Sodalitas litteraria Danubiana« nach Wien verlegt wurde. Neben der Poesie und Philosophie vertrat er die Fächer der Mathematik und Naturwissenschaft, der Erdkunde und Geschichte. Vorbilder seiner eigenen lateinschen Gedichte sind Ovid und Horaz. Sein lyrisches Hauptwerk sind die »Quatuor libri Amorum«, vier kleine in sich geschlossene lyrische Liebesromane. C. gab alte literarische Denkmäler heraus, die er zum Teil selbst entdeckt hatte, so die Werke der Nonne Hroswitha von Gandersheim. Bekannt ist C. auch durch seine Dichtung und Inszenierung lateinischer Festspiele, die in Linz und Wien vor Maximilian I. aufgeführt wurden. C. hat die Wissenschaft im weitesten Umfang und nach den verschiedensten Seiten gefördert.
Werke: Ars versificandi et carminum (Verslehre u. Poetik), Leipzig 1486; Quatuor libri Amorum secundum quattuor latera Germaniae, 1502, hrsg v. Felicitas Pindter, 1934; De origine, situ, moribus et institutis Norimbergae libellus, 1502, hrsg. v. Albert Werminghoff: C. C u. sein Buch über Nürnberg, 1921; Oratio in gymnasio in Ingolstadio publice recitata, 1492, hrsg. v. Hans Rupprich, 1932; eingel. u. ins Dt. übertr. v. Rudolf Obermeier, in: Sammelbll. des Hist. Ver. Ingolstadt 62, 1953, 3 ff.; Libri Odarum quattuor, 1513, hrsg. v. F. Pindter, 1937; 5 Bücher Epigramme, aus dem Nachlaß hrsg. v. Karl Hartfelder, 1881 (Nachdr. Hildesheim 1963); Der Briefwechsel des K. C., ges., hrsg. u. erl. v. H. Rupprich, 1934; Ludus Dianae (in Linz aufgef.), 1502, hrsg. v. V. Gingerick, in: The Germanic Review, publ. by Columbia Univ. Press, 15, 1940; Rhapsodia, laudes et victoria de Boemanis Maximiliani (1504 in Wien aufgef.), 1505.
Gab heraus: 2 Tragödien Senecas: Hercules furens u. Coena Thestis, 1487; Germania des Tacitus, 1500; De li non aliud (Ausz. aus einer Schr. des Nikolaus v. Cues), 1500; Opera Hroswithae (in St. Emmeram in Regensburg entdeckt), 1501; Ligurinus des Gunther v. Paris (lat. Epos über Friedrich Barbarossa), 1507. - Werke. Ausz. lat. u. dt. K. C. Poeta laureatus. Ausgew., übers. u. eingel. v. Kurt Adel, Graz - Wien 1960.- Selections from C. C. Edited with translation and commentary by Leonard Forster, Cambridge 1948 (Rez. v. Edwin Hermann Zeydel, in: Journal of English and Germanic Philology 43, Urbana/Illinois 1949, 389 f.). - Conradi Celtis quae Vindobonae prelo subicienda curavit opuscula, hrsg. v. dems., Leipzig 1966.
Lit.: Engelbert Klüpfel, De vita et scriptis Conradi Geltis Protucii, hrsg. v. Johann Caspar Ruef u. Karl Zell, 2 Bde., 1827; - Joseph v. Aschbach, Roswitha u. C. C., Wien 18682; - Ders., Die früheren Wanderj. des C. C. u. die Anfänge der v. ihm errichteten gelehrten Sodalitäten, in: SAW 60, 1869, 75 ff.; - Ders., Gesch. der Wiener Univ. im 1. Jh. ihres Bestehens (1365 bis 1465). II: Die Wiener Univ. u. ihre Humanisten im Zeitalter Kaiser Maximilians I., 1877, 189 ff.; - W. Saliger, Die gelehrte Donauges. u. die Anfänge des Humanismus in Östr., Progr. Olmütz 1876; - Karl Hartfelder, C. C. u. der Heidelberger Humanistenkreis, in: HZ 37, 1878; - Ders., C. C. als Lehrer, in: Neue Jbb. f. Philologie u. Päd. 128, 1883; - Conrad Bursian, Gesch. der klass. Philologie in Dtld. v. den Anfängen bis z. Gegenw. = Gesch. der Wiss.en in Dtld. XIX/1, 1883, 109 ff.; - Friedrich v. Bezold, K. C., der dt. Erzhumanist, in: HZ 49 (NF 13), 1883 (Nachdr. Darmstadt 1959); u. in: Ders., Aus MA u. Renaissance. Kulturgeschichtl. Stud., 1918, 82 ff.; - Bernhard Hartmann, C. C. in Nürnberg. Ein Btr. z. Gesch. des Humanismus in Nürnberg, in: Mitt. des Ver. f. die Gesch. der Stadt Nürnberg 8, 1889, 1 ff.; - Arthur Prüfer, Unterss. über den außerkirchl. Kunstgesang in den ev. Schulen des 16. Jh.s (Diss. Leipzig), 1890, 9 ff.; - August Wilhelm Ambros, Gesch. der Musik III, 18913, 385 ff.; - Claus Frederik Moth, C. C. P., Tysklands forste laurbaerkronede Digter (Diss. Kopenhagen), Kolding 1898; - Jakob Zeidler, Dt.-östr. Lit.gesch. I, Wien 1899, 451 ff.; - Gustav Bauch, Gesch. des Leipziger Frühhumanismus, 1899, 16 ff.; - Ders., Die Anfänge des Humanismus in Ingolstadt, 1901; - Ders., Die Rezeption des Humanismus in Wien, 1903; - Ders., Die Univ. Erfurt im Zeitalter des Frühhumanismus, 1904, 67 ff.; - Martin Matz, K. C. u. die rhein. Gelehrtengesellschaft. Btr. z. Gesch. des Humanismus in Dtld., Progr. Ludwigshafen 1903; - G. Manacorda, K. C.' Gedichte in ihrer Beziehung z. Klassizismus u. lt. Humanismus, in: Stud. z. Vergleich. Lit.gesch. 5, 1905, 161 ff.; - Caroline Valentin, Gesch. der Musik in Frankfurt am Main v. Anfang des 14. bis z. Anfang des 18. Jh.s, 1906, 52 ff.; - Adalbert Schröter, Btrr. z. Gesch. der neulat. Poesie Dtld.s u. Hollands, 1909; - Hans Joachim Moser, Gesch. der dt. Musik I, 19233, 406 ff.; - Ders., Paul Hofhaimer. Ein Lied- u. Orgelmeister des dt. Humanismus, 1929, 162 ff.; - Karl Schottenloher, Kaiserl. Dichterkrönungen, in: Papsttum u. Kaisertum. Forsch. z. polit. Gesch. u. Geisteskultur des MA, hrsg. v. Albert Brackmann. Paul Fridolin Kehr z. 65. Gebtag, 1928; - Reinhold Specht, Dichterkrönungen bis z. Ausgang des MA, 1928; - Georg Ellinger, Gesch. der neulat. Lit. Dtld.s im 16. Jh. I: It. u. der dt. Humanismus in der neulat. Lyrik. II: Die neulat. Lyrik Dtld.s in der 1. Hälfte des 16. Jh.s, 1929; - Felicitas Pindter, Die Lyrik des K. C. (Diss. Wien), 1930; - Hans Rupprich, Humanismus u. Renaissance in den dt. Städten u. an den Univ., 1935 (Werkeverz.: 226 ff.); - Joseph Arno v. Bradish, Der »Erzhumanist« C. u. das Wiener »Dichter-Kollegium«. Ein Btr. z. dt. Kulturgesch., in: Mhh. f. dt. Unterricht 28, Milwaukee (Wisconsin) 1936, 157 ff. (Nachdr. Madison/Wisconsin 1936); u. in: Ders., Von Walther v. der Vogelweide bis Anton Wildgans. Aufss. u. Vortrr. aus 5 Jahrhunderten, Wien 1965; - Hermine Telatko, Der Humanismus an der Wiener Univ. unter K. C. (Diss. Wien), 1937; - Ernst Novotny, Die Weltanschauung des K. C. (Diss. Wien), 1938; - Willi Kahl, Die Musik an der alten Kölner Univ. um 1500, in: Festschr. z. Erinnerung an die Gründung der alten Univ. Köln im J. 1388, 1938, 473 ff.; - Ludwig Sponagel, K. C. u. das dt. Nationalbewußtsein (Diss. Heidelberg), 1939; - Wilibald Gurlitt, Musik u. Rhetorik, in: Helicon. Zschr. f. die Grundfragen der Lit.wiss. 5, 1944, 67 ff.; - Harald Drewing (d. i. Richard Newald), Vier Gestalten aus dem Zeitalter des Humanismus. Entwicklung, Höhe u. Krisen einer geist. Bewegung, St. Gallen 1946 (60-124: Konrad Bickel); - Maria Humula, Btrr. z. humanist. Bildungsprogr. des Peter Luder, Rudolf Agricola u. C. C. (Diss. Wien), 1946; - Alfred Schütz, Die Dramen des K. C. (Diss. Wien), 1948; - Ernst Tomek, KG. Östr.s. II: Humanismus, Ref. u. Gegenref., 1949, 128; - Wolfgang Stammler, Von der Mystik z. Barock. 1400-1600 (Epochen der dt. Lit. II/1), 19502, 132 ff. 178 ff. u. ö.; - Kurt Leopold Preiß, K. C. u. der it. Humanismus (Diss. Wien 1952), 1951; - Die Weltlit., hrsg. v. E. Frauwallner, H. Giebisch u. E. Heinzel, I, Wien 1951, 270 f.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch., 1952, 114; - L. Spitzer, The Philosophy of C. C. German Archhumanist, in: Studies in the Renaissance I, 1954; - Dieter Narr, C. C. Aus einem fränk. Humanistenleben, in: Württ. Jb. f. Volkskunde 1, 1955, 66 ff.; - Lewis William Spitz, C. C., the German Arch-Humanist, Cambridge (Massachusetts) 1957; - Walter Luger, Die Benediktinerabtei Lambach in Oberöstr. u. C. C., in: Schweinfurter Heimatbll. 29, 1960, 49 ff. 54 f.; - Eva Maria Marxer, Text u. Ill. bei Sebastian Brant u. K. C. (Diss. Wien), 1960; - Lex. der Weltlit., hrsg. v. Gero v. Wilpert. I: Biogr.-bibliogr. Hdwb. nach Autoren u. anonymen Werken, 1963, 256; - Paul Melchers, Die Bedeutung des K. C. f. die Namenforsch., in: Namenforsch. Festschr. f. Adolf Bach z. 75. Geb.tag. Hrsg. v. Rudolf Schützeichel u. Matthias Zender, 1965, 160 ff.; - Michael Seidlmayer, K. C., Ulrich v. Hutten, in: Ders., Wege u. Wandlungen des Humanismus. Stud. zu seinen polit., eth., rel. Problemen, hrsg. u. mit einem Geleitwort v. Hans Barion, 1965; - Kurt Adel, K. C. in Wien, in: Östr. in Gesch. u. Lit. 10, Graz 1966, 237 ff.; - Dieter Wuttke, Unbekannte C.Epigramme z. Lobe Dürers, in Zschr. f. Kunstgesch. 30, 1967, 321 ff.; - Ders., Zur griech. Gramm. des K. C., in: Silvae. Festschr. f. Ernst Zinn z. 60. Geb.tag, 1970, 289 ff.; - EuG XXI, 135 ff.; - ADB IV, 82 ff., - NDB III, 181 ff.; - DLL II, 554 ff.; - MGG II, 950 ff.; - Riemann I, 294; - LThK II, 991; - NCE III, 385 f.; - EC III, 1275 f.; - RGG I, 1631.
Friedrich Wilhelm Bautz
Werkeergänzung:
2008
Oden, Epoden, Jahrhundertlied. (1513) = Libri odarum quattuor, cum epodo et saeculari carmine. Übers. u. hrsg. von Eckart Schäfer. Tübingen 2008.
Literaturergänzung:
1993
Kurt Stadtwald, Patriotism and antipapalism in the politics of C.C.'s "Vienna Circle", in: ARG 84.1993, S. 83-102; -
2008
Jörg Robert, Mit Pauken u. Trompeten. Erzhumanist u. Erzschelm: vor 500 Jahren starb K.C., in: Zeitzeichen 9.2008, Nr.2, S. 53-56.
Letzte Änderung: 06.03.2009