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Band I (1990) Spalten 1052-1053 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

CLEMENS V., Papst, * in Villandraud (Gironde), † 20.4. 1314 in Roquemaure (Languedoc). - C. hieß ursprünglich Bertrand de Got und stammte aus altem südfranzösischem Adel. Er wurde Grammontensermönch und trat nach dem Besuch der Rechtsschulen in Orléans und Bologna in päpstliche Dienste. Bonifatius VIII. ernannte ihn 1295 zum Bischof von Cominges und 1299 zum Erzbischof von Bordeaux. Bertrand wurde am 5.6. 1305 in Perugia zum Papst gewählt und ließ sich am 14.11. 1305 in Lyon in Gegenwart Philipps IV. des Schönen krönen, in dessen völlige Abhängigkeit er bald geriet. C. weilte 1306/07 in Bordeaux, bis 1308 in Poitiers, ging dann nach Toulouse und machte im März 1309 Avignon (Provence), das damals dem König von Sizilien gehörte, zur dauernden päpstlichen Residenz. Damit begann das "babylonische Exil" der Päpste, das 1377 mit Gregor XI. endete. C. mußte auf Verlangen des Königs den Prozeß gegen Bonifatius VIII. wegen Häresie eröffnen. Er widerrief 1306 die Bulle "Clericis laicos" und schwächte die Bulle "Unam sanctam" ab. Das Verfahren gegen Bonifatius VIII. wurde jahrelang ergebnislos fortgesetzt. Schließlich begnügte sich Philipp IV. mit der Bulle "Rex gloriae" vom 27.4. 1311, die das Vorgehen des Königs und seiner Räte gegen Bonifatius VIII. guthieß und alle seit dem 1.11. 1300 verhängten geistlichen Strafen aufhob. Die wegen des Überfalls von Anagni (1303) verurteilten Kardinäle wurden restituiert und Guillaume de Nogaret, der Urheber des Attentats, unter Auflegung einer Buße absolviert. Auf die Verurteilung Bonifatius' VIII. verzichtete Philipp IV., um mit C.' Hilfe den Templerorden zu vernichten, der reich begütert und vom Staat unabhängig war. Ohne Wissen des Papstes ließ der König am 13.10. 1307 alle Templer in Frankreich, etwa 2000, verhaften und erhob durch den französischen Generalinquisitor gegen den Orden Anklage auf Häresie, Blasphemie und Unzucht. Durch die Folter wurden belastende Geständnisse erpreßt. C. protestierte gegen das Verfahren Philipps IV. und verlangte die Herausgabe aller Gefangenen und ihrer Güter an ihn, befahl aber einen Monat später, am 22.11. 1307, die Verhaftung der Templer in allen Ländern und die Beschlagnahme ihrer Güter und berief zur Entscheidung der Angelegenheit eine allgemeine Synode nach Vienne auf den 1.10. 1310. Am 12.8. 1308 verfügte er die allgemeine Untersuchung des Ordens. Die päpstlichen Untersuchungskommissionen sprachen den Orden frei. Das am 16.10. 1311 von C. eröffnete Konzil von Vienne entschied, daß der Orden der ihm vorgeworfenen Häresien nicht überführt sei und ihm die Verteidigung gestattet werden müsse. C. aber hob durch die Bulle "Vox in excelso" vom 22.3. 1312 nicht kraft richterlicher Entscheidung, sondern aus eigener Machtvollkommenheit den Templerorden auf und wies die Güter dem Johanniterorden zu. Philipp IV. jedoch behielt das bereits Geraubte. Der letzte Großmeister, Jakob von Molay, wurde am 11.3. 1314 in Paris verbrannt. - Die unter dem Namen "Clementinae" (sc. constitutiones) bekannte, von C. veranstaltete und mit eigenen Dekretalen vermehrte Sammlung der Dekrete des Konzils von Vienne (1311/12) wurde nach einer Revision von seinem Nachfolger, Johannes XXII., am 25.10. 1317 veröffentlich und bildet das letzte Hauptstück des "Corpus iuris canonici".

Lit.: Regesta Clementis papae V ed. cura et studio monachorum ordinis S. Benedicti, 9 Bde. u. Appendices, Rom 1885-92; - M. Rabanis, C. V et Philippe le Bel, Paris 1858; - Karl Wenck, C. V. u. Heinrich VII. Die Anfänge des frz. Papsttums. Ein Btr. z. Gesch. des 14. Jh.s, 1882; - Ders., Aus den Tagen der Zusammenkunft C., V. u. Philipps des Schönen zu Lyon Nov. 1305 bis Jan. 1306, in: ZKG 27, 1906, 189 ff.; - K. Schottmüller, Der Untergang des Templerordens, 1887; - M. Souchon, Die Papstwahlen v. Bonifaz VIII. bis Urban VI. u. die Entstehung des Schismas 1378, 1888, 26 ff.; - Hans Prutz, Entwicklung u. Untergang des Tempelherrenordens. Mit Benutzung bisher ungedr. Materialien, 1888 (Neudr. 1972); - Ders., Krit. Bem.en z. Prozeß des Templerordens, in: Dt. Zschr. f. Gesch.wiss. 11, 1894, 242 ff.; - Franz Ehrle, Der Nachlaß C.' V. u. der in Betreff desselben v. Johann XXII. (1318-21) geführte Prozeß, in: ALKGMA 5, 1889, 1 ff.; - F. Lacoste, Nouvelles études sur C. V, Paris 1896; - E. Berchon, Histoire du pape C. V, Bordeaux 1896; - Heinrich Finke, Aus den Tagen Bonifaz' VIII. Funde u. Forsch., 1902, 279 ff. u. LXI-LXVI; - Ders., Papsttum u. Untergang des Templerordens I, 1907, 86 ff.; - Acta Aragonensia, hrsg. v. dems., I, 1908, 197 ff. 263 ff.; - Waldemar Otte, Der hist. Wert der alten Biogrr. des Papstes C. V. Eine qu.krit. Vorstud. f. die Gesch. des ersten Papstes im Exil v. Avignon (Diss. Breslau), 1903; - Johannes Haller, Papsttum u. Kirchenreform I, 1903, 375 ff.; - Anton Eitel, Der Kirchenstaat unter C. V., 1907; - Georges Lizerand, C. V et Philippe IV le Bel, Paris 1910; - Franz Heidelberger, Kreuzzugsverss. um die Wende des XIII. Jh.s, 1911, 24 ff.; - Etienne Baluze, Vitae Paparum Avenionensium, ed. Guillaume Mollat, I, 1914, 1 ff.; III, 1921, 42 ff.; - Elisabeth Kraack, Rom oder Avignon? Die röm. Frage unter den Päpsten C. V. u. Johann XXII. (Diss. Marburg), 1929; - Edmund Ernst Stengel, Avignon u. Rhens. Forsch. z. Gesch. des Kampfes um das Recht am Reich in der 1. Hälfte des 14. Jh.s, 1930, 1 ff.; - Ewald Müller, Das Konzil v. Vienne 1311-1312. Seine Qu. u. seine Gesch., 1934; - A. Mercati, Interrogatorio di Templari a Barcelona, in: Ges. Aufss. z. Kulturgesch. Span., hrsg. v. Heinrich Finke, VI, 1937, 240 ff.; - Theodor E. Mommsen, It. Analekten z. Reichsgesch. des 14. Jh.s (1310-1378). Mitarb.: Wolfgang Hagemann, 1952; - Ernst Sommer, Die Templer. Hist. Roman, Rudolstadt 1957; - Romain Gaignard, Le gouvernement pontifical au travail, in: Annales du midi 72, Toulouse 1960, 169 ff.; - Leonard v. Matt u. Hans Kühner, Die Päpste. Eine Papstgesch. in Bild u. Wort, 1963, 107. 110; - Joseph Lecler, Vienne (Histoire des conciles oecuméniques 8), Paris 1964; - J. R. Wright, The relations between the Church and the English Crown during the pontificates of C. V and John XXII, 1305-1334 (Diss. Oxford), 1967; - Ludger Thier, Kreuzzugsbemühungen unter Papst C. V., 1305-1314 (Diss. Bochum 1971), Werl 1973; - Hauck V, 469 ff.; - Hefele-Leclercq VI, 484 ff.; - Haller V2, 392 ff.; - Seppelt IV2, 469 ff.; - LexP 121 f.; - DBF VIII, 1426 f.; - EItal X, 569; - Catholicisme II, 1187; - DThC III, 61 ff.; - DHGE XII, 1115 ff.; - EC III, 1817 ff.; - LThK II, 1224 f.; - LM I, 1161; - ODCC 297; - Mirbt6 (völlig neu bearb. v. Kurt Aland) I, 1967, 460; - RE IV, 144 f.; XXIII, 311; - EKL I, 799 f.; - RGG I, 1831 f.; - NCE III, 929 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

1981

Carola M. Small, An episode at Sutri in the patrimony of St. Peter. Louis of Savoy and the constitutional position of the pope in Rome (1311), in: AHP 19.1981, S. 309-315; -

1985

Jacqueline Tarrant, The Manuscripts of the Constitutiones Clementinae, Part I: Admont to München, in: ZSavRGkan 70 (1984) 67-133; Part II: Napoli to Zwettl, in: ZSavRGkan 71 (1985) 76-146; -

1998

Sophia Menache, Clement V, Cambridge 1998 (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought, Ser. 4, 36); -

1999

F. Soetermeer, The Origin of MS. D'Ablaing 14 and the transmissio of the Clementines to the Universities, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 54 (1986) 101-112. Nachdr. in: Ders., Livres et juristes au Moyen Age, (Bibliotheca Eruditorum, 26), Goldbach 1999, 83-94 (371-374: addenda et corrigenda); -

2003

Andrea Bartocci, La regola dei frati minori al concilio di Vienne e la bolla "Exivi de paradiso" di Clemente V (1312), in: AFrH 96.2003, S. 45-84; -

2007

Lawrence G. Wrenn, The life, death and possible resurrection of the summary process, in: The Jurist 67.2007, S. 520-534; - Jean-Daniel Morerod, Le "polycopiage" de privilèges cisterciens par la chancellerie de Clément V durant la querelle de l'exemption. Notes sur la vie des documents pontificaux, in: L'acte pontifical et sa critique. Bonn 2007, S. 295-305.

Letzte Änderung: 07.03.2010