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Verlag Traugott Bautz
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COMENIUS, Johann Amos (eigentlich: Jan Amos Komenský), tschechischer Theologe und Pädagoge, letzter Bischof der Böhmisch-Mährischen Brüderunität, * 28.3. 1592 in Nivnice oder dem benachbarten Uherský Brod im südöstlichen Mähren als Sohn eines Müllers, † 15.11. 1670 in Amsterdam. - C. verlor früh seine Eltern und kam darum erst mit 16 Jahren in die Lateinschule nach Prerau. Seit 1611 studierte er Theologie und Philosophie in Herborn (Nassau), wo Johann Heinrich Alsted Einfluß auf ihn gewann, hielt sich kurze Zeit in Amsterdam auf und vollendete das Studium in Heidelberg unter David Paraeus. C. wurde 1614 Rektor der Schule in Prerau und 1618 Prediger in Fulnek. Durch die Seuche verlor er Frau und Kind und 1621 bei der Einäscherung Fulneks Hab und Gut. C. fand Zuflucht auf dem Gut des Karel ze Zerotína in Brandýs an der Adler, mußte aber, als 1624 alle evangelischen Prediger aus Böhmen vertrieben wurden, von Ort zu Ort flüchten und sich überall verborgen halten. Als 1627 alle Evangelischen des Landes verwiesen wurden, zog C. mit vielen seiner Glaubensbrüder nach Lissa (Polen). Dort entfaltete er eine reiche pädagogische Wirksamkeit. C. wurde 1632 Notarius des polnischen Zweiges der Böhmisch-Mährischen Brüderunität, 1636 Senior und 1648 Bischof. Durch seine pädagogischen Lehrbücher und Reformvorschläge erwarb sich C. Weltruf, so daß er 1641 nach London berufen wurde. 1642-48 wirkte C. im Auftrag des schwedischen Kanzlers Axel Oxenstierna als pädagogischer Reformer in Elbing und folgte 1650-54 der Einladung des Fürsten Georg II. Rákóczi von Siebenbürgen zur Neuordnung der Lateinschule in Sárospatak nach seinen Plänen. Lissa wurde 1656 im Schwedisch-Polnischen Krieg zerstört. C. verlor sein Vermögen und seine wertvolle Bibliothek; auch sein Manuskript eines 40 Jahre lang ersammelten Wörterbuchs der böhmischen Sprache verbrannte. C. irrte heimatlos umher, bis er endlich in Amsterdam bei einem reichen Gönner eine Zufluchtsstätte fand. In seiner letzten und schönsten Schrift "Unum necessarium" (Das einzig Notwendige) bekannte der 77jährige Greis: "Mein ganzes Leben war ein Pilgerwandern, ich hatte keine Heimat. Ständig wechselte ich den Ort meines Aufenthaltes: niemals und nirgends hatte ich ein dauerndes Heim. Aber jetzt sehe ich meine himmlische Heimat." - Mit seinen Schriften hat C. seinen Ruhm als Pädagoge unter seinen Zeitgenossen begründet. Die berühmtesten darunter sind die "Janua Linguarum Reserata" (Die geöffnete Sprachenpforte), die den bis dahin unbekannten Versuch einer Verbindung von Sach- und Sprachunterricht darstellt und in 12 europäische und auch mehrere asiatische Sprachen übersetzt wurde, und der "Orbis sensualium pictus" (Die sichtbare Welt in Bildern), die illustrierte Janua, der "Ahnherr aller Kinderbilderbücher". Erwähnt sei auch "Informatorium der Mutterschule oder Über die fürsorgliche Erziehung der Jugend in den sechs ersten Lebensjahren". Sein methodisches Hauptwerk ist die "Didactica magna" (Große Unterrichtslehre), die erste große umfassende und systematische Lösung der unterrichtlichen Methodik seit der humanistischen Zeit. Der "Methodus Linguarum Novissima" (Die neueste Sprachenmethode) faßt die Grundsätze seines Sprachunterrichts systematisch zusammen. Die Aufgabe der Pädagogik besteht nach C. darin, "Glauben und Gottesfurcht, Sitten und Tugenden und sodann Wissenschaft der Sprachen und allerlei Künste" der heranwachsenden Generation zu vermitteln. Des Menschen letzte Bestimmung ist nach der "Großen Unterrichtslehre" des C. die ewige Seligkeit in Gott. Sein Leben auf Erden ist eine Vorbereitung auf das ewige Leben. Zur rechten Vorbereitung darauf bedarf es 1. des Wissens, 2. tugendhafter Sitten und 3. frommer Gesinnung. Da muß nun die Erziehung und der Unterricht einsetzen. Die Ausbildung des Menschen soll im ganzen 24 Jahre umfassen. Vom 1-6. Jahr gehört das Kind in die Mutterschule. Vom 7-12. sollen alle Kinder ohne Unterschied die Volksschule besuchen. Vom 13-18. vermittelt die Lateinschule die wissenschaftliche Vorbildung. Vom 19-24. führt die Akademie das Bildungswerk zu Ende. - Von der Mitwelt hochverehrt, wurde C. später lange Zeit verkannt, bis sein pädagogisches Werk seit Johann Gottfried Herder († 1803) wieder wachsende Anerkennung fand. Der Leipziger Lehrerverein stiftete 1871 zu C.' Gedächtnis eine pädagogische Zentralbibliothek, die Comeniusstiftung. Aufgabe der 1891 gegründeten Comeniusgesellschaft sollte es sein, "den Geist des C. und der ihm innerlich verwandten Männer unter uns lebendig zu erhalten", darin "einigend und versöhnend" für die Zukunft und "bildend und erziehend auf das heutige Geschlecht zu wirken". - Bei aller Wertschätzung der pädagogischen Wirksamkeit des C. darf nicht übersehen werden, daß er auch auf dem kirchlichen und theologischen Gebiet Bedeutendes geschaffen hat. C. gilt als der größte Prediger der Böhmisch-Mährischen Brüderunität, der hervorragendste unter ihren asketischen Schriftstellern und wegen seines Gesangbuchs von 1659 auch als namhafter Hymnologe. Von den Trostwerken, die in den Jahren entstanden, als er in der Heimat umherirrte und sich verborgen halten mußte, seien genannt: "Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens" und "Centrum securitatis, d. h. Die Tiefe der Sicherheit". Diese Schriften zeichnen sich durch einen starken Biblizismus aus und bezeugen, daß die Heilige Schrift für C. eine Quelle steten Trostes und unerschöpflicher Kraft war. Der Westfälische Friede von Münster und Osnabrück im Jahr 1648 und die bis Anfang 1650 darauffolgenden Abmachungen unter den krieg-führenden Mächten nahmen den böhmischen Exulanten die letzte Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat, in der nun die Gegenreformation durchgeführt wurde. C. sah das unvermeidliche Ende der Böhmisch-Mährischen Brüderunität herannahen und schrieb darum das "Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität". Das Büchlein fand dankbarste Aufnahme unter den zerstreuten Brüdern, aber auch später unter dem ganzen Volk, als die Schrift im Jahr 1848 zum erstenmal in Böhmen gedruckt werden konnte. Weit über seine Kirche hinaus haben seine Altersschriften gewirkt, u. a. "Unum necessarium". Der Mensch wird vergebens sein Glück in dieser Welt suchen. Gott muß er gefunden haben, der sich in Christus geoffenbart hat und dessen lebendiges Wort in der Heiligen Schrift mehr ist als alle menschliche Weisheit. Als Theologe bemühte sich C. um die Einheit der Kirche und die Überwindung der Zersplitterung des Protestantismus. In dem Luthertum, dem Calvinismus und der Unität gab es nach seiner Überzeugung viel mehr, was allen diesen Richtungen gemeinsam war, als das, was sie trennte.
Werke: Janua linguarum reserata, 1631; Didactica magna, tsch. 1632, lat. Amsterdam 1657; Informatorium maternum, 1633; Methodus linguarum novissima, 1644-46; Orbis sensualium pictus, Nürnberg 1658; Schola ludus, 1654; Das Labyrinth der Welt u. das Paradies des Herzens, Amsterdam 1631; Pansophia diatopsis, 1643; De rerum humanarum emendatione consultatio catholica, 1645; Pampaedia, 1656; Unum necessarium, 1668; Didactica Opera Omnia, Amsterdam 1657. - Ausgg. u. Überss.: Janua linguarum reserata, Prag 1959.- Große Unterrichtslehre, übers. v. Julius Beeger u. Franz Zoubek, 1871 (18834); v. Carl Theodor Lion, 1875 (19276); v. Andreas Flitner, 1954 (19663); hrsg. u. eingel. v. Hans Ahrbeck (vollst. Neubearb. der dt. Übers. v. C. Th. Lion unter Zugrundelegung der krit. lat. Ausg. v. Jos. Hendrich), 1957 (19612). - Böhm. Didaktik (Didaktika ceská, dt.), übers. u. besorgt v. Klaus Schaller, 1968. - Orbis sensualium pictus. Faks.dr. der Ausg. v. 1658, 2 Tle., Osnabrück 1964; Nachdr., Menston 1970. - Orbis Pictus. A facsimile of the first English edition of 1659, introduced by John Edward Sadler, Oxford 1968. - Informatorium der Mutterschule oder Über die fürsorgl. Erziehung der Jugend in den sechs ersten Lebensj., 1633. Mit Einl. u. Anm. v. Friedrich Foerster, 1922; übers. v. w. Altemöller, 1910 (19274); dt., hrsg. v. Karl Würzburger, Zürich 1943; v. Joachim Heubach, 1962. - Janua rerum. Nachdr. der Ausg. v. 1681 mit einer Einl. v. K. Schaller, 1968. - Schola ludus, hrsg. v. Wilhelm Bötticher, 1888. - Pampaedia. Lat. Text u. dt. Übers. (Paralleldr.). Hrsg. v. Dmitrij Tschizewskij, 1960 (in Gemeinschaft mit Heinrich Geissler u. K. Schaller durchges. u. verb. 19652); Ausw., dt. Bes. u. eingel. v. K. Schaller, 1964. - Die Erneuerung der Schulen (Panorthosia, Tl.smlg.). Lat. u. dt. Hrsg., eingel. u. mit erl. Anm. vers. v. K. Schaller, 1967; A reformation of schools, Menston 1969 (Faks.dr. der Ausg. v. 1642). - Prodromus pansophiae (lat. u. dt., Paralleldr.). Vorläufer der Pansophia. Hrsg., übers., erl. u. mit einem Nachw. vers. v. Herbert Hornstein, 1963. - Analyt. Didaktik u. a. päd. Schrr. (Tl.smlg., dt.). Ausgew. u. eingel. v. Franz Hofmann, 1959. - Päd. Schrr., 3 Bde., Langensalza 1883-1907. - Opera didactica omnia (Ausg. v. 1657), 3 Bde., Prag 1957. - De rerum humanarum emendatione consultatio catholica (Erstausg.), 2 Bde., Prag 1966; Ausz., dt.: Allg. Beratung über die Verbesserung der menschl. Dinge. Ausgew., eingel. u. übers. v. F. Hofmann, 1970. - Ausgew. Schrr. z. Reform in Wiss., Rel. u. Politik, übers. v. Herbert Schönebaum, 1924. - Das Labyrinth der Welt. Übers. v. Zdenko Baudnik. Hrsg. v. Erhard Müller, Weimar 1958; Das Labyrinth der Welt u. a. Schrr., übertr. v. Z. Baudnik, neu durchges., hrsg. v. Ilse Seehase, Leipzig 1964 (RUB 187); Das Labyrinth der Welt u. das Paradies des Herzens (Labyrinth sveta a ráj srdce, dt.). Übers. v. Z. Baudnik, Luzern 1970; The labyrinth of the world and the paradise of the heart. Translated by Matthew Spinka, Chicago 1942. - Centrum securitatis. Nach der dt. Ausg. v. A. Macher aus dem J. 1737. Eingel. u. hrsg. v. K. Schaller, 1964. - Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität (mit einem Abschn. "Blicke in die Gesch. des tsch. Prot."). Eingel., übers. u. mit Anm. vers. v. Miloš Bic, 1958.- Das einzig Notwendige (Unum necessarium, dt.). Übertr. v. Johannes Seeger. Hrsg. u. biogr. Nachw. v. Ludwig Keller, 1904 (Neuausg. 1964); hrsg. v. Winfried Zeller, in: Klassiker des Prot. V: Der Prot. des 17. Jh.s, 1962, 235 ff. - J. A. C. u. die Böhm. Brüder. Ausgew. u. eingel. v. Friedrich Eckstein (Insel-Bücherei 96), 1922. - Selections. Introduction by Jean Piaget, Paris 1957. - C., ed. with an introduction by John Sadler, London 1969. - GA in Ursprache: Veškeré spisy J. A. Komenského, Brünn 1910 ff.; - Werke (Ausz., dt.), 19613 (19704). - J. A. C. Ausgew. Werke. Dt. Übers., hrsg. v. K. Schaller u. D. Tschizewskij, 1971 ff. (auf 3 Bde. berechnet). - Briefe, hrsg. v. A. Patera, Prag 1892; v. Ivan Kvacala, ebd. 1898. 1902.
Bibliographie: Anna Heyberger, J. A. C., sa vie et son oeuvre d'éducateur, Paris 1928, 243 ff.; J. V. Nóvak u. Josef Hendrich, J. A. K., Prag 1932, 688 ff.; Josef Brambora, Knizní dílo J. A. K. Studie bibliographická, ebd. 1954; Kurt Pilz, C. Die Ausgg. des Orbis sensualium pictus. Eine Bibliogr., 1967.
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I: Abhh., 1971; II: Eine Bibliogr. des Gesamtwerkes, 1971; - Franz Hofmann, Über die Modernität des päd. Vermächtnisses J. A. K.s, in: Jb. f. Erziehungs- u. Schulgesch. 11, 1971-72, 45 ff.; - Hans Ahrbeck, Zur Aktualität v. K.s Werk, ebd. 51 ff.; - Jirí Všetecka u. Klaus Schaller, Labyrinth der Welt u. Paradies des Herzens; ein Bildband (Bildunterschrr. dt.), 1972; - Klaus Schaller, C., 1973; - RE IV, 247 ff.; - EKL I, 807 f.; - RGG I, 1853 f.; - WKL 247 f,; ODCC 315; - EC IV, 41 ff.; - NCE IV, 2 f.; - LThK III, 16 f.; - ADB IV, 431 ff.; - NDB III, 332 f.; - DLL II, 728 ff.
Friedrich Wilhelm Bautz
Werkeergänzung:
2005
CFJ Antonides: eine neue Niederländische Übersetzung von Janua Linguarum Reserata; Comenius der Pädagoge. Hrsg. u. eingel. von Uwe Hericks. 2., durchges. Aufl. Baltmannsweiler 2005 (=Grundsatztexte zum Studieren; 1) (Lesebücher zu Comenius; 1);
2006
Orbis pictus = Die Welt in Bildern. Faks.-Nachdr. d. Ausg. Königgrätz, 1883. Ein wenig überarb. u. berichtigt u. neu hrsg. von Wolfgang Witiko Marko. Trier 2006;
2007
Das Labyrinth der Welt u.d. Paradies des Herzens. [Übers. von Zdenko Baudnik]. Passau 2007;
2008
Pansophische Schriften. Lat./Dt. Hrsg., übers. u. komm. von Matthias Scherbaum. Oberhaid 2008; Antisozian. Schriften. In Zsarb. mit Jürgen Beer ... komm. hrsg. von Erwin Schadel. Dt. Erstübers. 3 Teile. Frankfurt/M. 2008.
Literaturergänzung:
1986
Karl Ernst Nipkow, Bildung - Glaube - Aufklärung. Zur Bedeutung von Luther u. Comenius f.d. Bildungsaufgaben d. Gegenwart. Konstanz 1986; -
2004
Klaus Schaller, Johann Amos Comenius. Ein pädagogisches Porträt. Weinheim/Basel/Berlin 2004; - Bernhard Josef Stalla, D. Labyrinth d. Welt. Einf. in d. philos. Weisheit u. pädagog. Ordnung d. Schrift "Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzen" von J.A.C. (1592-1670). Regensburg 2004; -
2005
Veit-Jakobus Dieterich, Johann Amos Comenius (=rororo; 50466 : Rowohlts Monographien). Reinbek bei Hamburg 4. Aufl. 2005; - Werner Korthaase (Hrsg.), Comenius und der Weltfriede = Comenius and world peace. Berlin 2005; -
2006
Daniel Neval, D. Macht Gottes zum Heil. D. Bibelverständnis von J.A.C. in e. Zeit d. Krise u.d. Umbruchs. Zürich 2006; -
2007
Noel Malcolm, Comenius, Boyle, Oldenburg, and the translation of the Bible into Turkish, in: CHRC 87.2007, S. 327-36; - Magdolna Veres, J.A.C. u. Friedrich Breckling als "Rufende Stimme aus Mitternacht", in: PuN 33.2007, S. 71-832; - Noel Malcolm, C., the conversion of the Turks, and the Muslim-Christian debate on the corruption of Scripture, in: CHRC 87.2007, S. 477-508; -
2008
Matthias Scherbaum, Der Metaphysikbegriff d. J.A.C. Oberhaid 2008; - Hans-Jochen Gamm, Lernen mit C. Rückrufe aus d. geschichtl. Anfängen europ. Pädagogik. Frankfurt/M. 2008; -
2009
Meehyun Chung, Weaving the web of knowlegde and empowerment. With special reference to J.A.C., in: ThZ 65.2009, Sonderheft, S. 154-174; - Matteo Raffaelli, Macht, Weisheit, Liebe. Campanella u. Comenius als Vordenker e. friedvoll globalisierten Weltgemeinschaft. Frankfurt/M. 2009.
Letzte Änderung: 06.11.2009