DOUGLASS, Frederick, Redner, schwarzamerikanischer Freiheitskämpfer und Bürgerrechtler, Berater Präsident Abraham Lincolns, geboren 1817 in Tuckahoe, Maryland, gestorben Anfang 1895 in Rochester, New York State. - D. wurde als Frederick Augustus Washington Bailey in der Sklaverei geboren. Nur aus Gesprächen u.a. mit seinem Besitzer konnte er sein Geburtsdatum im Februar 1817 erraten. Er erlebte in seiner Kindheit und Jugend das System der Sklaverei aus eigener Anschauung. Zutiefst betroffen durch die Tatsache, daß sein Besitzer und die Umstände der Zeit ihn auf Lebenszeit zum Sklaven verdammten, wuchsen in ihm schon früh die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit und das Bewußtsein, sich mit dem ihm auferlegten System auseinandersetzen zu müssen. Nat Turners Revolte im Jahr 1831 hatte dabei auf ihn und andere einen bleibenden Einfluß.
Sein erster Schritt war, innerlich selber glauben zu können, frei zu sein. Der zweite Schritt war die persönliche physische Auseinandersetzung und Herausforderung eines Weißen, der ihn niederzwingen wollte. Der dritte Schritt war der offene Bruch mit der bestehenden Ordnung. Dieses wurde von großer Bedeutung für die Konzepte des zivilen Ungehorsams und des passiven sowie aktiven Widerstandes und den Kampf für die allgemeinen Menschenrechte. D. war einer der frühesten Verfechter für die Rechte von Frauen in Nordamerika. Mit großer Sensibilität beschreibt er die besondere Unterdrückung, der gerade Frauen in der grausamen Welt der Sklaverei ausgsetzt waren: "Es war früh am Morgen, alles ganz still, bevor irgendjemand von der Familie oder Küche aufgestanden war. Ich wurde geweckt durch die herzzerreißenden Schreie und das hilflose Wimmern der armen Esther. Mein Schlafplatz war auf dem schnutzigen Fußboden einer kleinen Seitenkammer bei der Küche. Durch die Spalten der rohen Balken konnte ich deutlich das sehen und hören, was sich dort abspielte, ohne selber gesehen zu werden. Esthers Handgelenke waren gefesselt, und der gewundene Strick war an einem starken Eisenhaken am schweren Holzbalken oben befestigt, nahe dem Feuerplatz. Dort stand sie auf einer Bank, ihre Arme fest über ihrem Kopf nach oben gezerrt. Ihr Rücken und ihre Schultern waren vollkommen nackt. Hinter ihr stand ihr alter Besitzer, eine Kuhhaut in der Hand, und schlug sie barbarisch, begleitet von harten, unflätigen und quälenden Worten. Er war grausam überlegt dabei und zog die Folter in die Länge wie einer, der sich an der Qual seines Opfers weidet." 1835 plante D. mit anderen eine Gruppenflucht, nicht in den Tod, sondern in die Freiheit. Sie schlug fehl, wurde aber zum Wegbereiter der `Underground Railroad', dem Fluchtweg in den Norden der Vereinigten Staaten. 1838 flüchtete er selber aus Maryland nach New Bedford. Von 1847 bis 1849 gab er zusammen mit Martin B. Delaney den "North Star" ("Nordstern") in Rochester, New York State, heraus. Darin trat er nicht nur für die Abschaffung der Sklaverei, sondern auch für Gerechtigkeit, d.h. den gerechten Anteil der Schwarzen am Land und der Arbeit ihrer Hände ein. Am 1. Januar 1863 nahm er mit anderen an dem `Freedom Watch Night Service' im Tremont Temple in Boston, Massachussets, und an den Feiern zur Proklamation der Emanzipation durch Abraham Lincoln teil. - Trotz seines mehr reformistischen Ansatzes hegte D. ernsthafte Zweifel daran, ob die amerikanischen Werte von Gerechtigkeit, Freiheit, Zivilisation, Rechtsprechung und christlicher Frömmigkeit wirklich alle Bürger in den Rechten beschützen könnten, die ihnen vom Gesetz. her garantiert worden waren. Selber Mitglied der African Methodist Church und zeitweise Prediger an einer Zion Church, war er doch äußerst kritisch dem amerikanischen Christentum gegenüber. Er war stolz darauf, wie er sagte, das `Christentum Christi' ernster zu nehmen als andere amerikanische Christen. Er bezichtigte weiße amerikanische Christen der Heuchelei: Das Christentum Amerikas ist, wenn man auf seine Anhänger sieht, wie das der alten Schriftgelehrten und Pharisäer: "Sie binden schwere unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen. Alle ihre Werke tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden." (Matth. 23, 4f). Er wies darauf hin, daß das in den Südstaaten der USA praktizierte Christentum nichts als eine Verschleierung der entsetzlichsten Verbrechen gegen die schwarze Menschlichkeit darstellte. Er begriff einfach nicht, warum gerade die religiösesten unter den Sklavenhaltern auch die grausamsten waren: "Von allen Sklavenhaltern, denen ich je begegnet bin, sind die religiösen die schlimmsten. Ich habe sie die gemeinsten, niederträchtigsten, grausamsten und feigsten unter allen anderen gefunden." Selber praktischer Christ, opferte er seine Sonntage einer Sabbathschule, in der zeitweise über vierzig Teilnehmer nicht nur den Willen Gottes, sondern auch das Alphabet, Lesen und Schreiben lernten. Buchstabieren, lesen und schreiben zu können war fraglos der Beginn, die Ordnung der Sklavengesellschaft infrage zu ziehen. Es überrascht darum nicht, daß D., als er Gottes Willen für sich selbst und die Seinen entdeckt hatte, nicht nur zum Kämpfer für die persönliche Freiheit, sondern zum Vorkämpfer für die Bürgerrechte aller Schwarzen wurde. Der Sklave von Tuckahoe in Maryland wird darum heute als einer der bedeutsamsten Freiheitskämpfer neben Nat Turner, Sojourner Truth, Harriet Tubman, Henry H. Garnet, W.E.B. Du Bois und anderen verehrt. Er war nicht nur Berater Lincolns, sondern auch des Generalkonsuls der Republik von Haiti.
Noel L. Erskine
übersetzt, überarbeitet und erweitert
Roswith Gerloff
Literaturergänzung:
Sterling Stuckey, "My burden lightened". F.D., the Bible, and slave culture, in: African Americans and the Bible. New York [u.a.] 2000, S. 251-265.
Letzte Änderung: 09.04.2011