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Band XXXI (2010) Spalten 342-346 Autor: Peter H. Görg

DEUSDEDIT, OSB, Kardinal, Kanonist, † 1097/1100. - Über die Herkunft Deusdedits ist wenig bekannt. Während die einen seinen Geburtsort im Limousin vermuten, finden sich auch Verweise auf Deutschland oder auf das italienische Todi. - Nach einer stürmischen Jugendzeit wurde Deusdedit Benediktinermönch, wahrscheinlich in Tulle (Limoges) und trat als Verteidiger der kirchlichen Reformen im 11. Jahrhundert in die Öffentlichkeit. Berengar von Tours bezeugt ihn als Mönch zu Todi und als Kardinal der römischen Kirche. Seine Titelkirche war St. Pietro in Vincoli. Sein Kardinalat erhielt er von Papst Gregor VII. wohl für seine Unterstützung im Kampf gegen die Simonie und die Laieninvestitur. Im Jahre 1078 tritt Deusdedit auf einer römischen Synode unter den Anhängern Gregors VII. auf, die Berengars Ansichten teilen. Neben seinen kanonistischen Studien wird noch ein Gesandtschaftsposten in Spanien erwähnt, den Deusdedit bekleidete. Aus seinen Schriften ist ferner zu entnehmen, daß der Theologe 1084/85 auch in Deutschland war, wobei der genaue Zeitpunkt und Anlaß seines Aufenthaltes "in Saxonia in monasterio quod dicitur Luineburg" nicht bekannt sind. Möglicherweise handelte es sich um eine kanonistische Studienreise, bei der er sich um die Sammlung kirchenrechtlichen Materials bemühte. Schon vor seiner Erwählung zum Papst hatte Hildebrand (später Gregor VII.) gegenüber Petrus Damiani erwähnt, daß er alles sammeln wolle, was sich auf die Autorität des Apostolischen Stuhles beziehe und Deusdedit später mit dieser Aufgabe betraut. - Zu den wichtigsten Schriften Deusdedits, der auch als "der eigentliche Hofkanonist der römischen Kirche" bezeichnet wurde, gehört daher auch seine Kanonsammlung ("Collectio canonum") von 1086-87, die er Papst Victor III. (1086-87) widmete. Diese Sammlung ist in vier Bücher aufgeteilt: Das erste Buch handelt über den Primat und die Autorität der römischen Kirche (327 Kapitel), das zweite über den römischen Klerus (163 Kapitel), das dritte über das Kirchengut (289 Kapitel) und das vierte über die Freiheit der Kirche, des Klerus und der Kirchengüter (437 Kapitel). Mit dieser Sammlung, in der Deusdedit neben älteren Rechtssammlungen, wie jener des Burchard von Worms oder dem "Liber Diurnus", auch viele weitere Urkunden aus dem Archiv und der Bibliothek des Lateranpalastes einfließen läßt, gehört er zu den Vorläufern Gratians. Außerdem ist eine direkte Abhängigkeit zum berühmten "Dictatus Papae" auszumachen, der wohl im Anschluß an die Sammlung des Kardinals entworfen wurde. Manche Forscher (etwa Ernst Sackur) nahmen sogar die Autorenschaft Deusdedits für den Dictatus an, während sie in neuerer Zeit allgemein abgelehnt wird. Die Titelschrift der Kanonsammlung bezeichnet Deusdedit als "cardinalis tituli Apostolorum in Eudoxia", womit die oben genannte Kirche St. Pietro in Vincoli bezeichnet wurde. Deusdedit zeigt sich in seinen Schriften als großer Verfechter der Rechte des Papstes und der römischen Kirche. Die Brisanz seiner Sammlungen wird deutlich, wenn man betrachtet, wie oft er von den schismatischen Kardinälen im ausgehenden 11. Jahrhundert genannt und als "Helfershelfer des Papstes" diffamiert wird. In positiver Bestimmung gehörte Deusdedit zu den "Gregorianern", also zu jenen Theologen, die die Reformen Papst Gregors unterstützten und zu denen auch Anselm von Lucca, Bonizo von Sutri oder Kardinal Gregorius gezählt werden. - Unter Urban II. (1088-1099) veröffentlichte Deusdedit seinen "Libellus contra invasores et symoniacos et reliquos schismaticos". In dieser "Flugschrift" bemüht sich der Kardinal mitten im Investiturstreit mit scharfer Dialektik und seiner juristischen Bildung gegen die Mißstände jener Zeit und für die Freiheit der Kirche zu kämpfen. Sie richtet sich u. a. gegen die Anhänger des Gegenpapstes Wibert und erschien zweimal: in einer kürzeren und einer längeren Fassung, wobei letztere nicht vor 1097 entstanden sein dürfte. Inhaltlich unterteilt Deusdedit seine Argumentation in vier Abschnitte: Im ersten spricht er dem König das Recht der Besetzung der Bischofsstühle ab; im zweiten wendet er sich gegen die Simonisten und Schismatiker, deren Priestertum und Opfer; im dritten zeigt er auf, daß der Klerus Anspruch auf Unterhalt und Ehre von den Laien hat; im vierten beweist er schließlich, daß die weltliche Macht keine Rechte bezüglich der Verwaltung der Kirche und der Kirchengüter besitzt. Besonders wichtig ist in dieser Schrift die Stellung Deusdedits zur Laieninvestitur, sowie seine Auffassung von der Simonie und der simonistischen Sakramentenspendung. So behauptet er etwa die Ungültigkeit der von Simonisten gespendeten Weihen und Sakramente. Die Werke des Kardinals Deusdedits erfreuten sich nach ihrem Erscheinen eines hohen Ansehens. Die Verteidigung des Apostolischen Stuhles und seiner Rechte, sowie das Zusammentragen diverser Gesetzestexte haben dem Kanonisten eine bleibende Bedeutung verliehen und seine Arbeiten dienten in den vergangenen Jahren u. a. deutschen, italienischen, englischen und spanischen Wissenschaftlern als Forschungsgegenstand. - Der Kardinal verfaßte unter dem Titel "Libellus theopoeseos" auch geistige Gedichte über die Trinität, die Gottesmutter und die Apostel. Diese von W. Holtzmann in einer Oxforder Handschrift entdeckte Sammlung gilt als Alterswerk Deusdedits. Erhalten sind 1725 Verse in zwei Büchern. Buch I enthält neben einem theologischen Lehrgedicht über die Trinität Oden zu verschiedenen Kirchenfesten. In Buch II finden sich Hymnen an diverse Heilige und ein Musiktraktat. - Das genaue Todesjahr des Kardinals ist nicht bekannt. Jakob Grimald berichtet im 17. Jahrhundert, Deusdedit sei unter Urban II. im Jahr 1098 gestorben. Andere nehmen 1099 als Todesjahr an. Sicher ist nur, daß der Kanonist nicht vor 1097 starb, da er in diesem Jahr seinen Libellus in neuer Überarbeitung fertig stellte. Da am 14. April 1100 ein Albericus, Presbyter vom Titel der Apostel ad Vincula, ein Schriftstück Paschalis' II. unterzeichnete, muß der Gelehrte vor diesem Datum verstorben sein.

Werke: Collectio canonum (Ausgaben: P. Martinucci, Deusdedit presbyter cardinalis tituli Apostolorum in Eudoxia collectio canonum e codice Vaticano edita, Venedig 1869; Die Kanones-Sammlung des Kardinals Deusdedit, hrsg. von V. W. von Glanwell, Paderborn 1905; Neudruck: Aalen 1967); Libellus contra invasores et symoniacos et reliquos schismaticos (Ausgabe: E. Sackur: Nova MGH LL 2,292-365); Libellus theopoeseos (Ausgabe: P. C. Jacobsen (Hrsg.), Die Carmina des Kardinals Deusdedit (gest. 1098/9) (= Editiones Heidelbergenses XXXI), Heidelberg 2002).

Lit. (Auswahl): W. v. Giesebrecht, Die Gesetzgebung der Römischen Kirche zur Zeit Gregors VII., München 1866, 180ff.; - Stevenson, Osservazioni sulla "Collectio canonum" di Deusdedit: Archivio della società romana di storia patria (1885) 300-398; - S. Löwenfeld, Die Canonsammlung des Kard. Deusdedit und das Register Gregors VII.: NA 10 (1885) 311-329; - S. Löwenfeld, Der Dictatus papae Gregors VII. und eine Ueberarbeitung desselben im 12. Jahrhundert: NA 16 (1891) 193-202; - E. Sackur, Zu den Streitschriften des Deusdedit und des Hugo von Fleury: NA 16 (1891) 347-386; - E. Sackur, Der Dictatus papae und die Canonsammlung des Deusdedit: NA 18 (1893) 135-153; - E. Hirsch, Leben und Werke des Kardinals Deusdedit: AKathKR 85 (1905) 706-718; - E. Hirsch, Kardinal Deusdedits Stellung zur Laieninvestitur: AKathKR 88 (1908) 34-49; - E. Hirsch, Die rechtliche Stellung der röm. Kirche und des Papstes nach Kardinal Deusdedit: AKathKR 88 (1908) 595-624; W. M. Peitz, Das Originalregister Gregors VII. im römischen Archiv. Appendix II, Die Collectio des Deusdedit: SAW PH 165 (1911) 133-147, 246-265; - M. Manitius, Geschichte der Lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. 3, München 1931, 44f.; - W. Holtzmann, Kardinal Deusdedit als Dichter: HJ 57 (1937) 217-232; A. M. Stickler, Historia iuris canonici latini, I, Historia fontium, Augustae Taurinorum 1950, 172-174; H. Foester, Die Liber Diurnus-Fragmente in der Kanonessammlung des Kardinals Deusdedit: Lebendiges Mittelalter. Festgabe für Wolfgang Stammler, Freiburg/Schweiz 1958, 44-55; - M. Ríos Fernandez, La Collectio Canonum des Cardenal Deusdedit y el Dictatus Papae: Compostellanum 5 (1960) 181-212; - H. Fuhrmann, Einfluß und Verbreitung der pseudo-isidorischen Fälschungen, Bd. 2, Stuttgart 1973, 522-533; - R. Hüls, Kardinäle, Klerus und Kirchen Roms 1049-1130, Tübingen 1977, 194; - A. Becker, Papst Urban II. (1088-99), Bd. 2, Stuttgart 1988, 49-60, 321f.; - J. Gaudemet, Le droit romain dans la Collectio Canonum du Cardinal Deusdedit: Mémoires de pour l'Histoire du droit et des institutions de anciens pays bourguignons 45 (1988) 155-165 (auch: J. Gaudemet, La doctrine canonique médievale, Aldershot 1994, Aufsatz Nr. IV); W. Kurze, Notizen zu den Päpsten Johannes VII., Gregor III. und Benedikt III. in der Kanonessammlung des Kardinals Deusdedit: QFIAB 70 (1990) 23-45; - W. Hartmann, Autoritäten im Kirchenrecht und Autorität des Kirchenrechts in der Salierzeit: St. Weinfurter (Hrsg.), Die Salier und das Reich, Band 3, Sigmaringen 1991, 425-446; - G. Picasso, Motivi ecclesiologici nella "Collectio canonum" del cardinale Deusdedit. I testi di san Cipriano: A. Ambrosioni (Hrsg.), Medioevo e latinità, Milano 1993, 403-418; - R. Somerville, Cardinal Deusdedit's Collectio canonum at Benevento: K. G. Cushing - R. F. Gyug (Hrsg.), Ritual, Text and Law. Studies in Medieval Canon Law and Liturgy presented to Roger E. Reynolds, Aldershot 2004, 281-292; - J. Hergenröther, Deusdedit: WWKL 3, 1551; - J. P. Kirsch, Cardinal Deusdedit: CathEnc 4, 760; - W. Peitz, Deusdedit: LThK 3, 228; - A. M. Stickler, Deusdedit: LThK2 3, 260; - J. Laudage: Deusdedit: LThK3 3, 115; - DThC 4, 647-651; - DDC 4, 1186-1191; - LMA 3, 739f.

Peter H. Görg

Literaturergänzung:

1999

Lotte Kéry, Canonical Collections of the Early Middle Ages (ca. 400-1140). A Bibliographical Guide to the Manuscripts and Literature, Washington, D.C. 1999 (History of Medieval Canon Law [1]), S. 228-233;-

2005

Linda Fowler-Magerl, Clavis Canonum. Selected Canon Law Collections before 1140. Access with data processing, Hannover 2005 (MGH Hilfsmittel 21), S. 160-163.

Letzte Änderung: 15.02.2010