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Band XVIII (2001)Spalten 350-360 Andreas Schulz
Matthias Wolfes

DINTER, Artur, völkischer Publizist und Politiker, * 27. Juni 1876 in Mühlhausen (Elsaß), † 21. Juni 1948 in Offenburg (Baden). - D. wurde als Sohn des katholischen Zollrates Joseph Dinter († 1919 in Saalfeld) und dessen Ehefrau Berta Dinter, geb. Hoffmann, geboren. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in seiner Heimatstadt studierte er seit 1895 Naturwissenschaften und Philosophie an den Universitäten München und Straßburg. Von 1900 bis 1903 war er als Vorlesungsassistent für Chemie an der Universität Straßburg tätig. 1903 promovierte er mit der Note »summa cum laude« zum Dr. rer. nat. s.c. Bereits in diesen Jahren machte er aber auch als Literat auf sich aufmerksam. Schon während des Studiums erschien der erste Roman »Jugenddrängen« (1897), gefolgt von dem Bühnenstück »Die Schmuggler« (1906), das vom Preisgericht für elsässische Bühnenwerke mit einem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Im Anschluß an das Studium war D. als Direktor der botanischen Schulgärten in Straßburg (1903-1904) und als Oberlehrer an der deutschen Schule in Konstantinopel (1904-1905) tätig. 1905 wechselte er als Leiter des Elsässertheaters Thann ins Theaterfach. Von 1906 bis 1908 arbeitete er als Regisseur am Stadttheater Rostock und am Schillertheater in Berlin. 1908 beteiligte er sich an der Gründung des »Verbandes Deutscher Bühnenschriftsteller« (VDB), dessen Theaterverlag er in den Jahren von 1909 bis 1914 als hauptamtlicher Direktor leitete. Politisch engagierte D. sich bereits vor 1914 im Alldeutschen Verband, einer 1894 gegründeten nationalistischen Vereinigung, deren imperialistische, auf Kolonialerwerb und Ostexpansion ausgerichtete Programmatik auch stark antisemitische Züge aufwies. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 rückte D. als Oberleutnant der Reserve in ein elsässisches Infanterie-Regiment ein. Nach einem Einsatz an der Westfront wurde er zum Hauptmann der Reserve befördert und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. 1915 erkrankte er an der Cholera. 1916 wurde er so schwer verwundet, daß er längere Zeit in Lazaretten zubringen mußte. Noch im gleichen Jahr wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Während des Lazarettaufenthaltes wandte er sich unter dem Einfluß der Schriften des antisemitischen Kulturphilosophen und Wagner-Schwiegersohnes Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) einem völkischen Radikalismus zu. Nachdem er im letzten Kriegsjahr als Freiwilliger noch einmal zum Fronteinsatz gelangt war, wegen Erkrankung jedoch erneut hatte entlassen werden müssen, ließ D. sich 1919 als freier Schriftsteller in Weimar nieder. Am 17. Dezember 1921 ging er die Ehe mit Elisabeth Moeller († 17. Juli 1978), der Tochter eines Maschinenbauers, ein. Mehr und mehr wurde D.s Denken in diesen Jahren von antisemitischen Überzeugungen geprägt. In der offenen und völlig ungehemmten Propagierung seiner rassistischen Vorstellungen machte D. sich zunehmend zum Außenseiter. Schon 1917 hatte sich der »Verband Deutscher Bühnenschriftsteller« genötigt gesehen, ihn als Mitglied auszuschließen, ohne daß D. sich jedoch durch die von Kollegenseite geäußerte scharfe Kritik beeindruckt gezeigt hätte (vgl. die Rechtfertigungsschrift: Mein Ausschluß aus dem Verbande Deutscher Bühnenschriftsteller, München 1917). Im gleichen Jahre erschien, zunächst im Selbstverlag und ein Jahr später im Leipziger Wolfverlag, der radikal antisemitische Roman »Die Sünde wider das Blut«. Das Buch erreichte bis 1934 eine Auflage in Höhe von 260.000 Exemplaren. Später ergänzte D. den Roman durch die Folgebände »Die Sünde wider den Geist« und »Die Sünde wider die Liebe« zu einer Trilogie, die unter dem Gesamttitel »Die Sünden der Zeit« stand (Die Sünden der Zeit. Romantrilogie [Teil I: Die Sünde wider das Blut. Ein Zeitroman über die Juden- und Rassenfrage, o.O. 1917 [Selbstverlag; erste Verlagsausgabe: Leipzig 1918]; Teil II: Die Sünde wider den Geist. Ein Zeitroman über Geistlehre und Geistchristentum auf Grund eigener Erlebnisse, Leipzig 1921; Teil III: Die Sünde wider die Liebe. Ein Zeitroman über die sozialen und religiösen Fragen der Gegenwart. Mit ausführlichen religionsgeschichtlichen und religionsphilosophischen Erläuterungen, Leipzig 1922). Zahlreiche weitere judenfeindliche Bücher und Pamphlete folgten. 1919 beteiligte D. sich an der Gründung des »Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes«, dessen Vorstand er bis zum Verbot im Jahr 1922 angehörte. Nach dem Verbot des »Schutz- und Trutzbundes« zählte D. zu den Gründungsmitgliedern der »Deutsch-Völkischen Freiheitspartei« (DVFP). Im Folgejahr trat er zu Hitler (1889-1945), dessen NSDAP nach dem erfolglosen Münchener Putschversuch am 9. November 1923 verboten worden war, in Kontakt. Am 10. Februar 1924 wurde D. als Vertreter des rechtsextremistischen Wahlbündnisses »Völkisch-Sozialer Block« (VSB) in den Thüringischen Landtag gewählt, wo er auch den Vorsitz der aus sieben Mitgliedern bestehenden Fraktion übernahm. Angeregt durch die persönlichen Verbindungen, die sich infolge seiner politischen Arbeit ergaben, näherte D. sich im Laufe des Jahres 1924 mehr und mehr der NSDAP an. Engere Beziehungen bestanden insbesondere zu Alfred Rosenberg (1893-1946), der in der Zeit haftbedingter Abwesenheit Hitlers die versprengten Teilgruppen der NS-Bewegung zusammenhielt. Noch aus der Landsberger Haft ernannte Hitler D. im Herbst des Jahres zum Landesführer in Thüringen. Außerdem betätigte D. sich als Herausgeber der in Weimar erscheinenden Zeitung »Der Nationalsozialist«. Von Parteigefährten aus dem »Völkisch-Sozialen Block« in Thüringen wurde allerdings D.s politische Tätigkeit für die Nationalsozialisten mit Argwohn beobachtet. Zwar war der VSB von Nationalsozialisten mitbegründet worden, doch sah er sich als politische Konkurrenz zur illegalen Hitler-Partei. Nachdem D. wegen solcher Vorbehalte bereits im Sommer 1924 das Amt als Fraktionsvorsitzender hatte aufgeben müssen, schloß ihn die thüringische Landtagsfraktion des VSB gegen Ende des Jahres gänzlich aus ihren Reihen aus. Doch behielt D. sein Landtagsmandat bei, um nun die parlamentarische Öffentlichkeit ganz im Sinne der Nationalsozialisten zu nutzen. Kurz vor Weihnachten 1924 wurde Hitler vorzeitig aus der Haft entlassen; am 27. Februar 1925 wurde die NSDAP in München wiedergegründet. D. trat zwar erst am 17. April 1925 der Ortsgruppe Weimar bei, doch wurde er von Hitler - der Gepflogenheit im Kreise der frühesten Protagonisten der NS-Bewegung folgend - für seine bisherige politische Wirksamkeit mit der außerordentlichen NSDAP-Mitgliedsnummer »Fünf« belohnt. Zudem übernahm er die Leitung der Parteiorganisation im Gau Thüringen, wo er zuvor schon eine Vorgängergruppierung ins Leben gerufen und geleitet hatte (vgl. zu den komplexen organisationsgeschichtlichen Zusammenhängen D.s eigene Darstellung: Zur Gründungsgeschichte des Gaues Thüringen der NSDAP, in: Die religiöse Revolution. Nr. 25 vom März 1935). Der Sache nach verfolgte D. jedoch andere Ziele als Hitler. Seine »197 Thesen zur Vollendung der Reformation« (197 Thesen zur Vollendung der Reformation. Die Wiederherstellung der reinen Heilandslehre. Grundlagen zur Errichtung einer deutschen Volkskirche ohne trennende Sonderbekenntnisse, Leipzig 1926) lassen erkennen, daß er von dem Ideal einer religiösen Revolution beherrscht wurde, der er eine ungleich größere Bedeutung zusprach als jeder Form politischer Veränderung. Im November 1927 gründete er die »Geistchristliche Religionsgemeinschaft«, die 1933 in »Deutsche Volkskirche e.V.« umbenannt wurde. Mit diesem Unternehmen hatte D. erheblichen Erfolg: Noch 1936 gehörten der Vereinigung annähernd 300.000 Mitglieder an. Wichtigstes Ziel war es, die Anhänger zu einem »vom Judentum gereinigten« Christentum zu führen und so zu einer »Entjudung der christlichen Religion« beizutragen. Der äußere Zulauf, die radikale Programmatik und nicht zuletzt auch die für das Erscheinungsbild der nationalsozialistischen Bewegung ungünstige Überspanntheit seiner völkischen Ideen brachten D. noch im Gründungsjahr der »Geistchristlichen Religionsgemeinschaft« in einen schweren, bereits nach kurzer Zeit nicht mehr überbrückbaren Konflikt mit Hitler. Dieser setzt ihn am 30. September 1927 als Gauleiter ab. D. reagierte enttäuscht und verbittert auf Hitlers Abwendung. In seiner seit Januar 1928 erscheinenden Monatsschrift »Das Geistchristentum« antwortete er mit vehementen Angriffen auf Hitler, woraufhin er am 11. Oktober 1928 aus der NSDAP ausgeschlossen wurde. In den folgenden Jahren führte D. eine heftige publizistische Fehde gegen Hitler und die NS-Partei (vgl. etwa: Der Kulturkampf gegen Hitler, Patschau 1931). Mit dem kurzlebigen »Dinterbund« trat D. als antisemitischer Ideologe noch einmal ins politische Leben ein und versuchte im Wahljahr 1932, als Konkurrent der NSDAP aufzutreten. Doch verkannte er, daß sein zu diesem Zeitpunkt nicht unbeträchtlicher Bekanntheitsgrad im nationalistisch-protestantisch geprägten Bürgertum weniger auf seine radikale Polemik gegen die »jüdisch-römische« oder die »jüdisch-evangelische« Kirche zurückging, als vielmehr auf seine antisemitischen Romane und Streitschriften. Das Scheitern als Politiker war daher unausweichlich. Nach der Machtübernahme bemühte D. sich erneut darum, Kontakte zu den Nationalsozialisten herzustellen und die bestehenden Differenzen auszuräumen. Dieses Vorhaben gelang nicht. Ein am 29. April 1933 gestellter Antrag auf Wiederaufnahme in die NSDAP wurde am 16. Mai 1933 abgelehnt. Fortdauernd sah D. sich nunmehr der Observation ausgesetzt: Von der Gestapo wurde er überwacht und zeitweilig sogar in Haft genommen. Seine »Deutsche Volkskirche«, die im April 1937 vom Reichsminister des Innern noch als Religionsgemeinschaft anerkannt worden war, konnte D. nur noch bis zum Verbot durch den Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler (1900-1945), führen. Auch das von ihm seit 1934 herausgegebene Blatt »Die religiöse Revolution. Kampfblatt der deutschen Volkskirche e.V.« wurde verboten. Um die »Deutsche Volkskirche« organisatorisch zu retten, reichte D. unmittelbar nach dem Verbot eine Bittschrift ein, doch wurde sein Antrag am 15. Juni 1937 gleichfalls abgelehnt. Seither sahen die offiziellen Vertreter der NS-Partei in D. einen Gegner. Zunächst wurde ihm jede rednerische und schriftstellerische Betätigung untersagt. 1939 erfolgte der Ausschluß aus der Reichsschrifttumskammer. Wegen angeblicher Verstöße gegen das Betätigungsverbot mußte D. sich schließlich 1942 vor einem Sondergericht in Freiburg verantworten. Auch nach Kriegsende versuchte er noch, frühere Anhänger des »Geistchristentums« um sich zu sammeln. In einem Entnazifizierungsverfahren, das in Offenburg durchgeführt wurde, wurde er zu einer Geldstrafe in Höhe von 1000 RM verurteilt. In der Begründung führte das Gericht aus, daß es in ihm einen intellektuellen Urheber der Nürnberger Rassegesetze erblickte. In der Tat trug D. wegen seiner zahllosen, z.T. vielgelesenen antisemitischen Propagandaschriften ein erhebliches Maß an Mitschuld für die Ausbreitung eines militanten Antisemitismus und insofern auch an der terroristischen Verfolgung der Juden während der Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft. - Über seine religiöse Entwicklung hat D. in zahlreichen Texten selbst berichtet. Dabei verfolgt die autobiographische Darstellung in der Regel den Zweck, die Ablösung vom überlieferten katholischen Glauben als Ergebnis eines notwendigen, bruchlosen und in sich schlüssigen Prozesses zu erweisen. Diesen Schilderungen zufolge hat D. sich bereits als Neunzehnjähriger von der Religiosität des Elternhauses abgewandt. Zunächst suchte er die absolut wahre Weltanschauung in einer rein empirisch verfahrenden Wissenschaft. Nur eine solche wissenschaftsfixierte Weltanschauung entsprach nach D. der modernen Lebenswirklichkeit; sie sollte langfristig an die Stelle traditioneller Glaubensformen treten. In der weiteren Entwicklung nahm D.s Naturverständnis mehr und mehr spirituelle Züge an, so daß die Natur ihm schließlich überhaupt nur als äußere Form einer ihr zugrundeliegenden geistigen Realität erschien. D.s Zuwendung zur Literatur spiegelt diese Neuorientierung wider, indem er die Ansicht vertrat, daß die Literatur im Sinne einer »heiligen Kunst« den Weg zu jenem wesentlichen Gehalt des Seins bahnen könne. Frustriert von wiederholten Mißerfolgen mit Bühnenprojekten, deren Ursache D. in der »Dekadenz« der Zeit und der »Verkommenheit« des Theaterwesens sah, nahm seine Weltsicht, wie erwähnt, zunehmend antisemitischen Charakter an. Auf »die Juden« projizierte D. fortan in äußerster Radikalität seine zeit- und kulturkritischen Überzeugungen. In der jüdischen »Rasse« sah er den Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte. Der Antisemitismus wurde ihm, hierin Chamberlain folgend, die Grundlage seiner Weltsicht. D. scheute sich nicht, seine Ansichten in spektakulären Auftritten öffentlich zu verbreiten. Der Ausschluß aus dem »Verband Deutscher Bühnenschriftsteller« erfolgte im wesentlichen, weil D. den Verband als Instrument einer jüdischen Theaterdiktatur bezeichnet hatte. Bereits in den Kriegsjahren entwarf D. seine Theorie des »Geistchristentums«. Bei dieser Kunstreligion handelt es sich um ein Konglomerat aus neuplatonischen, okkultistisch-mystischen und antisemitischen Vorstellungen, die mit dem von Chamberlain vertretenen Rasse-Ideal sowie einem eigenwilligen, sehr unkirchlichen Christentumsverständnis verbunden sind. Insofern unterscheidet D.s Position sich nicht wesentlich von zahlreichen weiteren faschistischen, im Stile religiöser Rhetorik vorgetragenen Theorien der Zeit. Eine sinnenfeindliche, antimaterialistische Emanationslehre sollte dem »Geistchristentum« zwar eine religiöse Tiefendimension geben, doch geriet D. in der näheren Entfaltung seiner Überlegungen in abstruse Verwicklungen. Ein ständig wiederkehrendes Motiv ist die Rede vom Verrat der Juden, den Agenten des bösen Prinzips, die sich der Emporentwicklung der heldischen Arier-Rasse widersetzen. Zwar sei Jesus, ein Arier, bereits als Prophet des »Geistchristentums« aufgetreten. Doch haben zunächst die Juden seiner Zeit sich seiner Lehre bemächtigt, sie entstellt und verkehrt; später sei dann zusätzlich die frühkirchliche Rezeption in umgestaltender, verfälschender Weise wirksam geworden. Zur Untermauerung dieser These legte D. 1923 das Werk »Das Evangelium« vor (Das Evangelium unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus nach den Berichten des Johannes, Markus, Lukas und Matthäus, Langensalza 1923). Er unternahm hier den Versuch, auf der Grundlage der lutherischen Textfassung eine von »dogmatischen Verfälschungen« gereinigte Ausgabe des Bibeltextes zu erstellen. Luthers eigener Versuch, zur ursprünglichen Jesus-Gläubigkeit zurückzufinden, sei zwar auf halbem Wege steckengeblieben, doch habe er das richtige Ziel, nämlich die Reinigung der Überlieferung und die Sicherstellung der ursprünglichen Lehre Jesu, gewiesen. Daher bestehe die Aufgabe heute darin, die Reformation auf einer neuen geschichtlichen Ebene und - dies im Unterschied zu Luther - in voller Kenntnis der historischen Zusammenhänge zur Vollendung zu bringen. Dies könne nur über eine möglichst vollständige »Entjudung der christlichen Religion« geschehen (Entjudung der christlichen Religion. Ziele und Aufgaben der geistchristlichen Reformationsbewegung, Patschau 1932; vgl.: Juden, Judenchristentum und Geistchristentum, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 295-300). Auch im Nationalsozialismus sah D. in erster Linie eine besondere Ausprägung der religiösen »Reformationsbewegung«. Als politischer Organisation obliege es der NS-Partei, für die »Reinigung von Blut und Rasse« im gesellschaftlichen Bereich Sorge zu tragen. Dabei schwebte D., wie bereits in dem Roman »Die Sünde wider das Blut« ausgeführt, eine rassistische Gesetzgebung vor, die wesentliche Aspekte der Regelungen von 1935 vorwegnahm. - D. betrieb sein propagandistisches Werk im Sinne einer Religionsstiftung. Der äußere Erfolg war enorm. In den Jahren von 1918 bis 1923 war er der meistgelesene völkische Publizist in Deutschland. Auf der anderen Seite ließ sich mit D.s fanatischer Einstellung Hitlers Strategie einer unbedingt festzuhaltenden religiösen Neutralität nicht vereinbaren. Der Bruch sowie die anschließende Befehdung der ehemaligen Weggefährten war insofern unausweichlich. Das religionspolitische Hauptwerk von D. sind die »197 Thesen zur Vollendung der Reformation« (Leipzig 1926; s.o.). Er verfolgte mit diesem Buch zum einen das Ziel, »die Wiederherstellung der reinen Heilandslehre« vorzubereiten, zum anderen die »Grundlagen zur Errichtung einer deutschen Volkskirche ohne trennende Sonderbekenntnisse« zu legen. Im Sinne dieser doppelten Zielsetzung stellte er die religiöse Erneuerung über alle politischen Aktivitäten. Das Bekenntnis zum »Geistchristentums« blieb nach D. die Voraussetzung des Erfolges auch auf politischem Gebiet. Mit dem »Dinterbund« unternahm D. dann zwar den Versuch, eine politische Konkurrenzgruppierung zur NSDAP aufzubauen, doch stellte er im Anschluß an die Machtübernahme vom Januar 1933 die »Deutsche Volkskirche« als »Dienerin des nationalsozialistischen Staates« dar. Die Hoffnung, mit seiner religiösen Organisation in den Augen der Parteiführer genau diejenige Religionsform zu repräsentieren, die in Punkt 24 des NSDAP-Parteiprogrammes intendiert wird, erfüllte sich nicht. Die letzten elf Jahre seines Lebens verbrachte D. damit, seine zuerst 1923 erschienene Evangelienübersetzung neu zu bearbeiten (Das Evangelium. Neuübersetzung der Evangelien aus den ältesten Handschriften unter Ausmerzung aller falschen Übersetzungen und dogmatischen Fälschungen, in fortlaufender Erzählung im genauen Wortlaute des Urtextes dargestellt. 150 Kapitel. Mit ausführlichen Erläuterungen; Typoskript. Nachlaß Dinter, Privatbesitz). An der Überzeugung, nur die reine Lehre Christi, wie sie ein von allen Übersetzungsfehlern und theologisch bedingten Fehlinterpretationen gereinigter Evangelientext zeigen werde, sei imstande, der Menschheit die Erlösung zu bringen, hielt D. bis zuletzt fest.

Nachlaß: Der erhaltene Nachlaß befindet sich in Privatbesitz (Waldacker/Rödermark). Er ist partiell bereits Gegenstand der Forschung geworden; vgl. die entsprechenden Angaben bei Rodler F. Morris: German Nationalist Fiction and the Jewish Question, 1918-1933. Ph.D. Dissertation, UNC, Chapel Hill 1979.

Werke (Auswahl): Jugenddrängen. Briefe und Tagebuchblätter eines Jünglings, München 1897; Herbariumsschlüssel umfassend die Gefäßpflanzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, nach neueren natürlichen Systemen, Straßburg 1899; Die Anlagerung von Ammoniak an die Muconsäure und die Oxydation der (Delta)-(Beta)-(Gamma)-Hydromukonsäure, Math.-nat. Diss. Straßburg 1902; Die Schmuggler. Elsässische Komödie in vier Akten, Berlin [Selbstverlag] 1906 [Hochdeutsche Bearbeitung der Dialektausgabe: München 1907]; Der Dämon. Schauspiel in fünf Akten, München 1906; Die schöne Erzieherin. Komödie in vier Akten, Berlin 1908; ... weil noch das Lämpchen glüht. Ernstes und Heiteres aus dem Bühnenleben von Albert Borée, Berlin 1910; Das eiserne Kreuz. Volksstück in fünf Akten, Berlin 1913; Zur Frage der Rassenmischung. Gustav von Schmoller und die Judenfrage, Leipzig 1915; Weltkrieg und Schaubühne. Band 1 der »Deutschen Erneuerung«, Leipzig 1916; Goethe, Chamberlain, Brentano und die Rassenfrage, in: Bühne und Welt 18 (1916). Dezemberheft; Die Verjudung der Schaubühne, München 1916; Die Sünden der Zeit. Romantrilogie [Teil I: Sünde wider das Blut. Ein Zeitroman über die Juden- und Rassenfrage. Mit ausführlichen Erläuterungen, o.O. [Selbstverlag o.O 1917; erste Verlagsausgabe: Leipzig 1918]; Teil II: Die Sünde wider den Geist. Ein Zeitroman über Geistlehre und Geistchristentum auf Grund eigener Erlebnisse, Leipzig 1921; Teil III: Die Sünde wider die Liebe. Ein Zeitroman über die sozialen und religiösen Fragen der Gegenwart. Mit ausführlichen religionsgeschichtlichen und religionsphilosophischen Erläuterungen, Leipzig 1922]; Mein Ausschluß aus dem Verbande Deutscher Bühnenschriftsteller, München 1917; Richt-Runen. 10 Lebensgrundsätze als Spruchtafel, Leipzig 1918; Lichtstrahlen aus dem Talmud. Offene Briefe an den Landes-Rabbiner von Sachsen-Weimar-Eisenach, Herrn Dr. Wiesen, und öffentliche Aufforderung an die Herren Rabbiner Dr. Bruno Lange in Essen und Dr. Rosenack in Bremen sowie an sämtliche Rabbiner Deutschlands, Leipzig 1919; Der Kampf um die Geistlehre, Leipzig 1921; Das Evangelium unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus nach den Berichten des Johannes, Markus, Lukas und Matthäus im Geiste der Wahrheit neu übersetzt und dargestellt, Langensalza 1923; Ursprung, Ziel und Weg der völkischen Freiheitsbewegung: Das völkisch-soziale Programm, Weimar 1924; 197 Thesen zur Vollendung der Reformation. Die Wiederherstellung der reinen Heilandslehre. Grundlagen zur Errichtung einer deutschen Volkskirche ohne trennende Sonderbekenntnisse, Leipzig 1926; Politik, Religion und Rasse, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 2-11; Die Geistchristliche Religionsgemeinschaft. Eingetragener Verein, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 11-19; Paulus, der Verfälscher der Heilandslehre, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 82-100; Der Nationalsozialismus und die religiöse Frage, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 233-237; Religion und Nationalsozialismus, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 273-286; Juden, Judenchristentum und Geistchristentum, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 295-300; Der Kampf um die Vollendung der Reformation. Mein Ausschluß aus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, in: Das Geistchristentum 1 (1928), 352-391; Der Kulturkampf gegen Hitler, Patschau 1931; Entjudung der christlichen Religion. Ziele und Aufgaben der geistchristlichen Reformationsbewegung, Patschau 1932; Die Deutsche Volkskirche als Staatsnotwendigkeit, Leipzig 1934; Die Verfassung der Deutschen Volkskirche, Leipzig 1934; War Jesus Jude? Ein Nachweis auf Grund der Geschichte Galiläas, der Zeugnisse der Evangelien und Jesu eigener Lehre, Leipzig 1934; Die arisch-heldische Lehre Jesu als alleinige Grundlage einer einigen Deutschen Volkskirche. Vortrag, Leipzig 1934; Zur Gründungsgeschichte des Gaues Thüringen der NSDAP, in: Die religiöse Revolution. Nr. 25 (März 1935); Wie unsere Deutsche Volkskirche entstand, in: Die Deutsche Volkskirche IX (1936). Ausgabe April 1936, 99-107.

Herausgeber: Das Geistchristentum. Monatsschrift zur Vollendung der Reformation durch Wiederherstellung der reinen Heilandslehre 1 (1928) bis 6 (1933) (in den Jahren 1934 bis 1936 fortgesetzt unter dem Titel »Die Deutsche Volkskirche«); Die religiöse Revolution. Kampfblatt der deutschen Volkskirche e.V., 1 (1934) - 4 (1937).

Lit.: Friedrich Andersen: Deutschchristentum auf rein evangelischer Grundlage. 95 Leitsätze zum Reformationsfest 1917, Leipzig 1917; - Paul Weyland: Die Sünde wider den gesunden Menschenverstand. Eine Auseinandersetzung mit Artur Dinter, Berlin 1921; - Julius Kaufmann: Artur Dinter. Eine Lebensbeschreibung zu seinem Geburtstage am 27. Brachmond (Juni) 1928; in: Das Geistchristentum 1 (1928), 238-242; - Ernst Bublitz: Der Weg zur deutschen Kirche. Nebst einer Erwiderung auf die Angriffe gegen die Deutschkirche, Berlin o.J. [1931]; - Hans Beck: Artur Dinters Geistchristentum. Der Versuch einer »artgemäßen Umgestaltung« des Wortes Gottes, Berlin-Steglitz 1935; - Manfred Boge: Volk ringt um Gott. Deutschvölkisches Glaubensringen. Von der Deutschkirche bis zum Tannenbergbund, Breslau 1935; - Der Deutsche Heiland. Zeugnisse und Gedanken der »Deutschkirche«. Bearbeitet von Hannsgeorg Schroth. Herausgegeben von der Apologetischen Centrale Berlin (Stoffsammlung für Schulungsarbeit. Nr. 49), Berlin 1936; - H. Ahrens: Wir klagen an den ehemaligen Parteigenossen Nr. 5 Artur Dinter, Gauleiter der NSDAP in Thüringen, in: Aufbau 3 (1947), 288-290; - Hans Buchheim: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik (Veröffentlichungen des Intistuts für Zeitgeschichte München), Stuttgart 1953; - Kurt Meier: Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches, Halle an der Saale / Göttingen 1964; - Heinrich Falb: Artur Dinter als Politiker und Ideologe. Ein Beitrag zur Geschichte und Weltanschauung der nationalsozialistischen Bewegung (Typoskript), Freiburg im Breisgau 1967; - Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. Zweite, erweiterte Fassung, Darmstadt 1972; - Donald R. Tracey: The Development of the Nationalist Socialist Party in Thuringia 1924-1930, in: Central European History, VIII, März 1975, 23-50; - Kurt Meier: Der evangelische Kirchenkampf. Gesamtdarstellung in drei Bänden. Band 1: Der Kampf um die »Reichskirche«, Halle an der Saale und Göttingen 1976; - Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusion 1918-1934, Frankfurt am Main / Berlin 1977; - Kurt Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1978; - Rodler F. Morris: German Nationalist Fiction and the Jewish Question, 1918-1933. Ph.D. Dissertation, UNC, Chapel Hill 1979, 196-444; - Kurt Meier: Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich, München 1992; - Manfred Gangl / Gérard Raulet (Hrsg.): Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik. Zur politischen Kultur einer Gemengelage, Frankfurt am Main / New York 1994; - Karl Höffkes: Hitlers politische Generale. Die Gauleiter des Dritten Reiches. Ein biographisches Nachschlagewerk, Tübingen 1986 [Zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, Tübingen 1997]; - Ian Kershaw: Hitler 1889-1936. Aus dem Englischen von Jürgen Peter Krause und Jörg W. Rademacher, Stuttgart 1998; - Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 1998; - Deutsches Literaturlexikon (Ed. Kosch). Band III (1971), 295; - Badische Biographien. Neue Folge. Band II, Stuttgart 1987 (Rodler F. Morris / Kenneth P. Wilcox); - Literaturlexikon (Ed. Killy). Band 3 (1989), 58-59.

Andreas Schulz
Matthias Wolfes

Literaturergänzung:

2009

Dichter f.d. "Dritte Reich". Biograf. Studien zum Verh. von Literatur u. Ideologie. 10 Autorenporträts. Rolf Düsterberg (Hg.). Bielefeld 2009.

Ein anderer Beitrag über Dinter

Letzte Änderung: 27.10.2009