DRAESEKE, Felix August Bernhard, Komponist, * 7. Oktober 1835 in Coburg, † 26. Februar 1913 in Dresden. - D. entstammt einer schlesischen Familie, die vielfältige persönliche und amtliche Beziehungen zu Kirche und Religion aufweist. Der Großvater, Johann Heinrich Bernhard Draeseke, amtierte seit 1832 als Generalsuperintendent der Provinz Sachsen und Landesbischof (vgl. BBKL 1 (1990), 1377). D.s Vater, Theodor Draeseke, war Superintendent zu Coburg, seine Mutter, Maria Hanstein, eine Tochter des Berliner Dompropstes Gottfried August Hanstein. Die Mutter starb acht Tage nach D.s Geburt; 1840 heiratete der Vater erneut. Ein intensives religiöses Leben innerhalb der Familie prägte D. bereits während seiner Kindheit. Später kamen starke Eindrücke aus dem viel besuchten herzoglichen Hoftheater seiner Vaterstadt hinzu. Seit 1850 wurde D. von dem Flötenvirtuosen Johann Caspar Kummer in Komposition unterrichtet. Im Alter von 17 Jahren entschloß er sich zur Musikerlaufbahn und nahm das Studium am Leipziger Konservatorium auf. In Leipzig zählten Ignaz Moscheles und Julius Rietz zu seinen Lehrern. Auch Franz Liszt, dessen Wagner-Begeisterung sich auf den Schüler übertrug, nahm Einfluß auf die Ausbildung D.s. Frühe Jugendkompositionen, deren Melodiebetontheit an Wagner erinnert, erregten Aufsehen, jedoch auch Ablehnung. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, sich im Musikleben zu etablieren, zog D. sich 1862 als Klavierlehrer am dortigen Konservatorium nach Lausanne zurück. In den hier verbrachten Jahren entfaltete er eine umfassende künstlerische Produktivität. Auch unternahm er um 1870 einige ausgedehnte Reisen, u.a. nach Frankreich, Spanien und Nordafrika. 1873 wurde die erste von vier Symphonien (op. 12) in Dresden unter der Leitung von Rietz uraufgeführt. 1875 siedelte D. nach Genf über. Ein Jahr später kehrte er nach Deutschland zurück. In Dresden, wohin ihn die Aussicht auf eine Berufung an das Königliche Konservatorium gezogen hatte, sammelte sich ein Schülerkreis um D. Die Berufung auf eine Professur für Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt erfolgte jedoch erst 1884. 1898 wurde D. zum Hofrat, 1906 zum Geheimen Hofrat ernannt. 1912 verlieh die Philosophische Fakultät der Universität Berlin D. als "dem Wiederhersteller des alten Glanzes der deutschen Musik" die Würde eines Ehrendoktors. Die Dresdener Jahre waren der Komposition mehrerer großer Werke, darunter des chorreichen lyrischen Musikdramas "Merlin" (1903-1905) sowie der Zweiten Symphonie (op. 25, 1876), gewidmet. Es entstanden mehrere Opern (u.a. Herrat, 1877-1879; Gudrun, 1879-1884), ein Requiem (op. 22, 1880), drei Streichquartette, ein Streichquintett sowie eine Messe (op. 85). Weitere wichtige Werke sind die Dritte Symphonie ("Symphonia tragica" op. 40) von 1886 (uraufgeführt 1888 unter Ernst von Schuch), die Vierte Symphonie (Symphonia comica, 1912; posthum 1913 uraufgeführt), die Serenade D-Dur op. 49 (1888), das Klavierkonzert op. 36 (1886), das Konzert für Violine (1881) sowie die Symphonischen Vorspiele "Das Leben ein Traum" (Calderon) und "Penthesilea" (Kleist). Neben seiner kompositorischen Tätigkeit verfaßte D. musiktheoretische Schriften; zu nennen ist insbesondere das Lehrbuch für Kontrapunkt und Fuge "Der gebundene Styl" (Zwei Bände, Hannover 1902). Auch schrieb er in späten Jahren umfangreiche "Lebenserinnerungen" nieder, die ihrer Veröffentlichung noch entgegensehen. Überschattet wurde diese Zeit von einer fortschreitenden Taubheit. Eine unentbehrliche Stütze wurde D. seit 1893 seine Frau, die frühere Schülerin Frida Neuhaus. Sie übernahm nach D.s Tod auch die Pflege des Nachlasses. - Zu Lebzeiten stand D. in der öffentlichen Wahrnehmung hinter zeitgenössischen Komponisten, besonders Brahms und Bruckner, weit zurück. Dennoch weist sein Werke Züge auf, die es neben das jener berühmten Konkurrenten stellt. In Fachkreisen wurde die Qualität der Kompositionen D.s rasch erkannt, wenn auch das Programm einer "Zukunftsmusik" in klassischer Form, das D. seit seiner ersten Symphonie verfolgte, nur begrenzt Zustimmung fand. Nicht nur Brahms selbst, sondern auch Hans von Bülow, Arthur Nikisch oder Hans Pfitzner setzten sich für D. ein. Die revolutionären Neuerungen in der Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts, die etwa in Stravinskys "Le sacre du printemps" von 1913 oder in Schoenbergs frühen Werken zum Ausdruck kamen, führten jedoch dazu, daß D., als einer der letzten Repräsentanten der "spätromantischen" Richtung, bald in Vergessenheit geriet. D. selbst war am Ende seines Lebens nicht mehr imstande, auf die Herausforderung produktiv zu reagieren (vgl. seinen "Mahnruf": Die Konfusion in der Musik, Stuttgart 1906). Auf die noch mit Begeisterung aufgenommenen beiden Aufführungen des "Christus"-Oratoriums im Jahr vor D.s Tod folgte eine fast zwei Jahrzehnte währende Phase ausbleibender Rezeption. Auch die in den dreißiger Jahren durch nationalsozialistische Musikwissenschaftler initiierte Draeseke-Forschung blockierte bis weit in die Nachkriegszeit hinein eine dem Werk angemessene Wirkung. D.s Werk wurde hier einseitig auf ihre Nähe zur dramatischen Kompositionsweise Richard Wagners hin ausgelegt. Hinzu kam, daß D.s nationalistische politische Haltung eine Inanspruchnahme durch NS-Ideologen erleichterte (vgl. hierzu Friedbert Streller: Ein Prophet des Dritten Reiches? Mißbrauch oder wahre Deutung von Draesekes nationalistischen Positionen, in: Deutsche Oper zwischen Wagner und Strauss. Herausgegeben von Sieghart Döhring, Hans John und Helmut Loos, Bonn 1998, 289-298). Ein Neuansatz der Rezeptionsgeschichte ist, nach Anfängen in den 60er Jahren, erst seit Gründung der Internationalen Draeseke-Gesellschaft im Jahre 1986 erfolgt (siehe dazu unten). - D.s Hauptwerk ist das Oratorium "Christus", zu dem erste Pläne bereits 1864 entstanden (Christus. Ein Mysterium in einem Vorspiel und drei Oratorien für großen Chor, Solostimmen und Orchester [Vorspiel: Die Geburt des Herrn; 1. Oratorium: Christi Weihe; 2. Oratorium: Christus der Prophet; 3. Oratorium: Tod und Sieg des Herrn]). Dem Werk liegt eine unkirchliche, doch von großer geistiger Tiefe und Ernsthaftigkeit getragene Frömmigkeit zugrunde, die für den um die Jahrhundertwendezeit von weiten Teilen des deutschen Bildungsbürgertums praktizierten Protestantismus charakteristisch ist. In diesem Umstand liegt auch der geistesgeschichtliche Rang des Oratoriums begründet. Die Ausführung seiner Monumentalkomposition beschäftigte D. seit 1895 bis über die Jahrhundertwende hinaus. Intendiert war ein Oratorien-Gegenstück zu Wagners "Ring des Nibelungen". Zu Lebzeiten D.s gelangte das fünfstündige Werk in voller Länge lediglich zwei Mal zur Aufführung (Berlin und Dresden 1912 unter der Leitung von Bruno Kittel, dem Direktor des Brandenburgischen Konservatoriums in Berlin). Das Gesamtwerk ist als Oratorien-Tetralogie angelegt, in der die Lebensgeschichte Christi von der Geburt des Herrn bis zu seiner Himmelfahrt erzählt wird. Die musikalische Gestaltung ist im einzelnen hochkomplex. D. knüpft an die Bachsche Choraltradition ebenso wie an die Wagnersche Leitmotiv-Technik an. An seinen dramatischen und musikalischen Höhepunkten erreicht das Werk eine außerordentliche Intensität religiöser Ausdruckskraft.
Nachlaß: Zum Nachlaß vgl. Martina Lang: Der Nachlaß des Komponisten Felix Draeseke (1835-1913) im Bestand der Sächsischen Landesbibliothek Dresden, in: 10 Jahre Internationale Draeseke-Gesellschaft: 1986-1996. Festschrift. Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Draeseke-Gesellschaft; Redaktion: Friedbert Streller, Coburg 1996, 65-70; Udo-R. Follert: Die musikalischen Werke Felix Draesekes in der Landesbibliothek Coburg, in: Ebd., 71-75.
Werkverzeichnis: Ein Verzeichnis der Kompositionen Draesekes (I. Vokalmusik; II. Instumentalmusik) sowie der musiktheoretischen und schriftstellerischen Werke findet sich bei Hermann Stephani: Draeseke, Felix, in: MGG 3 (1954), 727-734, hier: 731-733; siehe dort (734) auch die Hinweise zu den einschlägigen Publikationen der älteren Draeseke-Gesellschaft. Die von der Internationalen Draeseke Gesellschaft (IDG) und der International Draeseke Society / North America (IDS / NA) seit 1987 herausgegebenen Publikationen werden im Literaturverzeichnis aufgeführt.
Internationale Draeseke-Gesellschaft: Die Gründung der Felix-Draeseke-Gesellschaft im Jahre 1932 ging von Theodor Röhmeyer, einem Freund des Komponisten, und den Musikwissenschaftlern Otto zur Nedden sowie Hermann Stephani aus. Zum Umkreis der Gründer gehörte auch der Musikwissenschaftler Erich Roeder. Roeder stellte in seiner voluminösen biographischen Studie "Felix Draeseke. Der Lebens- und Leidensweg eines deutschen Musikers" (Berlin / Dresden 1932/1937) eine wirkungsgeschichtlich verhängnisvolle Verbindung zwischen Draesekes Werk und der nationalsozialistischen Ideologie her. Roeder selbst war Nationalsozialist und Mitglied der NS-Partei. In der Folge dieser Studie vereinnahmten nationalsozialistische Kulturpolitiker Draeseke, neben Wagner, Bruckner, Max Reger oder Ludwig Spohr, für die NS-Propaganda. Das von Roeder in seiner wissenschaftlich insgesamt inadäquaten Biographie gezeichnete Bild, das auch antisemitische Ressentiments Draesekes zur Geltung bringt, hat die weitere Rezeption stark beeinflußt. Auch die Arbeit der Draeseke-Gesellschaft, die bis 1943 aufrecht erhalten wurde, ist von Roeder geprägt worden (vgl.: Mitteilungen der Felix-Draeseke-Gesellschaft Marburg / Lahn 1 (1931) - 6 (1941)). Eine von Stephani beabsichtigte Neubelebung ließ sich wegen der nach 1945 verbreiteten Vorbehalte gegenüber der Gesellschaft und dem Komponisten nicht realisieren. Eine neue Rezeptionsphase setzte in den 60er Jahren ein, als erste Aufnahmen von Draeseke-Kompositionen erschienen. Die technische Grundlage hierfür boten Aufnahmen des deutschen Reichssenders aus den Kriegsjahren, die in den Besitz einer amerikanischen Firma gelangt waren. Von den USA gingen auch die wichtigsten Anregungen für eine intensive Beschäftigung mit dem Werk Draesekes aus. Eine erste wissenschaftliche Arbeit erschien 1967 mit Alan H. Kruecks Monographie über "The Symphonies of Felix Draeseke" (Zürich, Diss. phil 1967). Jüngere deutschsprachige Musikwissenschaftler, darunter Helmut Loos und der Kirchenmusiker Udo-R. Follert, schlossen sich an und initiierten die 1986 erfolgte Gründung der Internationalen Draeseke-Gesellschaft (IDG) [vgl.: 10 Jahre Internationale Draeseke-Gesellschaft: 1986-1996. Festschrift. Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Draeseke-Gesellschaft; Redaktion: Friedbert Streller, Coburg 1996]. 1993 wurde die assoziierte International Draeseke Society / North America (IDS/NA) durch Krueck gegründet. Seither finden in regelmäßigen Abständen Tagungen und Konzertveranstaltungen statt. Beide Gesellschaften fördern Aufnahmen von Werken Draesekes und unterstützen Forschungsprojekte. Seit 1987 erscheint eine Ausgabe der Werke Draesekes; zahlreiche Einzelkompositionen geistlicher Musik sind seit den 80er Jahren von Follert herausgegeben worden.
Lit.: Arnold Schering: Geschichte des Oratoriums (Kleine Handbücher der Musikgeschichte nach Gattungen. Band 3), Leipzig 1911 [Nachdruck: Hildesheim 1988]; - Otto C. A. zur Nedden: Die Opern und Oratorien Felix Draesekes und ihre geschichtliche Stellung. Ein Beitrag zur neueren Geschichte der Oper und des Oratoriums, Diss. Marburg 1925; - Erich Roeder: Felix Draeseke als Programmusiker, St. Ingbert 1927 [ursprünglich: Diss. Heidelberg 1926]; - Erich Roeder: Felix Draeseke. Umfassende Darstellung seines Entwicklungsganges unter Berücksichtigung der Familiengeschichte, des Schaffens und des zeitgenössischen Musiklebens. Zwei Bände, Dresden 1932 und 1937; - Erich Roeder: Felix Draeseke als Judengegner, in: Die Musik 28 (1935/36), 425-427; - Alan Henry Krueck: The Symphonies of Felix Draeseke. A Study in Consideration of Developments in Symphonic Form in the Secondhalf of the Nineteenth Century, Zürich Diss. phil 1967; - Udo-R. Follert: Felix Draeseke (1835-1913). Eine Bekanntmachung am Beispiel seines Requiems h-moll, op. 22, in: Musik und Kirche 52 (1982). Heft 5; - Martella Gutiérrez-Denhoff / Helmut Loos (Hgg.): Felix Draseke. Schriften 1855-1861 (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 1), Bad Honnef 1987; - Draeseke und Liszt. Draesekes Liedschaffen. Tagungen 1987 und 1988 in Coburg. Herausgegeben von Helga Lühning und Helmut Loos (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 2), Bad Honnef 1988; - Martella Gutiérrez-Denhoff: Felix Draeseke. Chronik seines Lebens (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 3), Bonn 1989; - "Die Konfusion in der Musik". Felix Draesekes Kampfschrift von 1906 und ihre Folgen. Herausgegeben von Susanne Shigihara (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 4), Bonn 1990; - Zum Schaffen von Felix Draeseke: Instrumentalwerke und geistliche Musik. Herausgegeben von Helmut Loos (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 5), Bonn 1994; - 10 Jahre Internationale Draeseke-Gesellschaft: 1986-1996. Festschrift. Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Draeseke-Gesellschaft; Redaktion: Friedbert Streller, Coburg 1996; - Deutsche Oper zwischen Wagner und Strauss. Tagungsbericht Dresden 1992 mit einem Anhang von der Draeseke-Tagung Coburg 1996. Herausgegeben von Sieghart Döhring, Hans John und Helmut Loos (Veröffentlichungen der Internationalen Draeseke-Gesellschaft / Schriften. Band 6), Bonn 1998 [darin Friedbert Streller: Ein Prophet des Dritten Reiches? Mißbrauch oder wahre Deutung von Draesekes nationalistischen Positionen, 289-298]; - Annagret Frommhold: Zum geistlichen Chorwerk Felix Draesekes [Diplomarbeit], Greifswald (Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald) 1998; - Christoph Schlüren: Felix Draeseke (1835-1913), in: Klassik heute 3 (2000), 46-47; - MGG 3 (1954), 727-734 (H. Stephani); - NDB 4 (1959), 97-99 (H. Stephani); - DBE 2 (1995), 606; - DBA I 248, 320; - DBA II 289, 1-14. - Ausführliche Informationen zu Leben, Werk und Wirkung Draesekes bietet die von den Internationalen Draeseke-Gesellschaften erstellte Internetseite: www.draeseke.org.