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Band XXII (2003) Spalten 299-304 Autor: Sebastian Ristow

EBERIGISIL, fünfter überlieferter Bischof von Köln vom Ende des 6. Jahrhunderts und wohl Nachfolger des Carentinus (s. d.), soll nach hochmittelalterlichen Schriftquellen aus Tongern zusammen mit Bischof Severin (s. d.) nach Köln gekommen sein, was jedoch ganz und gar unwahrscheinlich ist. Bei dem in manchen mittelalterlichen Kölner Bischofslisten als drittem bzw. viertem Bischof der Stadt eingefügten "Evergis(t/l)us" handelt es sich um eine Namensverdoppelung (dazu und zu den forschungsgeschichtlichen Spekulationen um die Existenz eines zweiten gleichnamigen Bischofs ausführlich und mit Literatur- sowie Quellenangaben: Levison; zu den frühen Kölner Bischöfen und späteren Veränderungen der Listen vgl. auch die Angaben im Artikel Euphrates [s. d.]). Aus den mittelalterlichen Quellen sind als angeblicher Todestag der 14. September sowie eine für Tongern in Anspruch genommene Beisetzung und spätere Translation der Gebeine nach Köln durch Erzbischof Brun im 10. Jahrhundert bekannt (Ruotgeri vita Brunonis archiep. Colon. 31, ed. Irene Schmale-Ott [MGH SRG NS 10, 1951 S. 32]). Nach dieser Überführung der Reliquien in die Kirche St. Cäcilien und wohl in deren Westkrypta setzt die Verehrung des heiligen "E(b/v)ergislus" in Köln ein. Dem Bericht des Anselm von Lüttich aus dem 11. Jahrhundert (MGH SS 7 S. 162) zufolge, soll Bruno I. (s. d.) die sterblichen Überreste (eines anderen?) aus Trutmonia in der Kirchenprovinz Lüttich (Termogne oder Celles südlich von Waremme) nach Köln als diejenigen des Bischofs Eberigisil mitgebracht haben (Levison S. 63; Fischer; Gierlich S. 261f.). Gefeiert wird die Translatio am 24. Oktober (Oediger, Regesten S. 17). - Nach den Quellen kann auf eine bischöfliche Amtszeit Eberigisils in Köln bis in die 590er Jahre geschlossen werden. Da Gregor von Tours ihn in der Vergangenheitsform nennt (Quodam autem tempore Eberigisili episcopi, qui tunc huius urbis erat antestis... [Greg. Tur., In gloria martyrum 61, 10f. MGH SRM 1, 2 S. 80]), wird allgemein das wahrscheinlichste Todesjahr des Gregor von Tours (594) als terminus ante quem für den Tod Eberigisils angenommen (Levison S. 58f.). Von historischem Aussagewert sind drei Stellen aus der Überlieferung Gregors, an denen er den Kölner Bischof namentlich erwähnt: 1) Eberigisil sei, als er auf seinem Gut in der Nähe von Köln weilte (apud Agripinensim urbem ... in villa oppido proxima), durch Staub aus dem Brunnen der Kirche zu den goldenen Heiligen (Sanctos aureos, gemeint ist hier St. Gereon in Köln, dazu Angaben im Artikel Carentinus [s d.]) von Kopfschmerzen befreit worden. Die Heilung wird mit den Martyrern der Thebaischen Legion (s. d.) verknüpft (Greg. Tur. glor. mart. 61. MGH SRM 1, 2 S. 80). Der Ursprungsbau von St. Gereon ist zwar ein spätantiker Memorialbau, der im Frühmittelalter in eine Kirche umgewandelt wurde; Spuren eines Brunnens oder der Martyrer konnten archäologisch aber nicht nachgewiesen werden (Verstegen [Lit.]). 2) Weiterhin wird berichtet, daß Eberigisil zu Ehren des hl. Mallosus "apud Bertunensim" eine Basilica erbaute, und zwar indem er ein bestehendes Oratorium mittels eines neu errichteten Bogens als Chor in die neue Kirche einbezog (Denique in latere basilicae, id est in pariete, qui a parte erat oratorii, arcum volvit ipsumque oratorium in absida collegit). Die entsprechenden Reliquien fand der Bischof auf die Vision eines Diakons aus Metz hin kurz darauf bei einer Ausgrabung im Zentrum des früheren Oratoriums und überführte sie in seine neue Kirche (Greg. Tur., glor. mart. 62. MGH SRM 1, 2 S. 80; Weiler nr. 1). Die Frage nach der Lokalisierung des "Bertuna" genannten Ortes ist umstritten und wird durch die von Gregor ebd. (Ferunt ibidem et Victorem martyrem esse sepultum) angegebene Verknüpfung mit der Verehrung des hl. Victor v. Xanten (s. d.) vielleicht mit einem vicus nahe dem Xantener Dom und möglicherweise schon seit dieser Zeit auch mit der Thebaischen Legion zu verbinden sein. Weniger wahrscheinlich ist ein Bezug zum südlich des modernen Xanten liegenden Ort Birten, auf den dieser Name vielleicht später übergegangen ist (mit Angaben und grundlegender Lit.: Bridger bes. S. 183-185; Otten, Ausgrabungen). Das von Gregor erwähnte Oratorium könnte theoretisch der auf dem spätantik-frühmittelalterlichen Gräberfeld im Bereich des Xantener Domes entstandene Grabbau IIIA sein. Die in dieser cella memoriae wohl seit dem späten 4. Jahrhundert benutzte Steinplatte I, 8 über dem Doppelgrab zweier gewaltsam getöteter Männer (B44) belegt als Mensa schon in der Vorgängermemoria IIA und dem vorausgehenden Bau IA eine wohl kontinuierliche Totenverehrung an diesem Ort (Benennungen der Bauphasen und Befunde nach Otten, Ausgrabungen). Folgt man der Interpretation, daß das Grab P 149 um die Mitte des 6. Jahrhunderts an seiner Wand abgeschachtet wurde, könnte der Bau IIIA aus dem späten 5. oder der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts stammen (so ders., Bauten S. 214f.; ders., Ausgrabungen). Ein als "basilica" zu identifizierender Neubau des Eberigisil ist jedoch aus den geringen archäologischen Resten nur schwer herauszulesen. Andere Bearbeiter (mit Lit.: Siegmund, Xanten S. 199f., 205; zuletzt ders., Merowingerzeit S. 247-267) gingen von einer Überlagerung des genannten Grabes aus und interpretierten Bau IIIA als die bischöfliche "basilica", was nach Otten aus chronologischen Gründen und wohl auch nach der Dimensionierung dieser Architektur unwahrscheinlicher wäre. Selbst wenn man mehrere Memorialstätten auf Friedhöfen für die Martyrer und eine zusätzliche Pfarrkirche für Xanten postuliert (Semmler S. 242f.), gelingt keine einwandfreie Zuweisung aller bei Gregor beschriebenen Umstände der Aktivitäten Eberigisils an die bisher bekannten historisch-topographischen und archäologischen Befunde in Xanten (Bridger). Auch die Gräber von Victor oder Mallosus können nicht identifiziert werden, wie überhaupt weder der christliche Charakter der spätantiken Memorialbauten auf dem Gräberfeld des Xantener Victorstiftes, noch der Martyrertod von hier Bestatteten belegt werden kann. 3) Für das Jahr 590 ist die Teilnahme des Kölner Bischofs an einer von König Childebert II. einberufenen Versammlung belegt (Greg. Tur., Historia Francorum 10, 15-17. MGH SRM 1, 1 S. 501-509). Zusammen mit anderen Bischöfen weilte der in diesem Zusammenhang von Gregor als "Eberegisel" überlieferte in Poitiers als von Childebert gesandter Schiedsrichter im Zusammenhang eines Streits der Königstöchter Chrodechilde und Basina mit der Äbtissin ihres Klosters, der später heilig gesprochenen Radegunde. Nach den bisherigen Kölner Bischöfen mit romanischen Namen ist Eberigisil der erste Träger eines germanischen Namens. Eindeutige Rückschlüsse auf Herkunft oder Familie können aber aus dieser Tatsache nicht abgeleitet werden, da Franken wie Romanen im 6./7. Jahrhundert bereits zu einer Vermischung des Namensgutes übergegangen sein dürften und bischöfliche Namen auch angenommene waren, die natürlich aus beiden Ursprüngen geschöpft sein konnten (mit Lit.: Kremer S. 148; Ristow). - Trotz seiner Bedeutung für das frühe Christentum in Köln bzw. am Niederrhein, die bereits aus den wenigen Quellenbelegen ersichtlich ist, sind Eberigisil-Patrozinien selten (Oediger, Regesten S. 17). Darstellungen lassen sich ebenfalls nur wenige finden und diese fast nur im Rheinland (ebd. zu Bildern des 12./13. Jahrhunderts) und besonders in Köln, wie z.B. in den Fensterbildern des 16. Jahrhunderts von St. Peter oder in Glasmalereien und Figuren des 19. Jahrhunderts vom Kölner Dom. Der Bischof gilt als Schutzheiliger von Glasern und (Glas-)Malern. Nach mehr als 800 Jahren der Aufbewahrung in der Kölner St. Cäcilien-Kirche gelangten die dem hl. Evergislus zugeschriebenen Reliquien 1802 in die benachbarte Kirche St. Peter (Baumgarten). Hier ruhten sie in einem Schrein im sog. Paulusaltar (Clemen S. 210) und sollen nach der aktuellen Sanierung des gesamten Baus auch wieder ausgestellt werden. In der Nachfolge des ersten bekannten frühmittelalterlichen Kölner Bischofs Carentinus (s. d.) dürften Bischofssitz und Struktur der Diözese zur Zeit Eberigisils, nach den ungewissen und kirchengeschichtlich überlieferungsarmen Zeiten zwischen dem ausgehenden 4. und der Mitte des 6. Jahrhunderts, wieder etwas gefestigter gewesen sein. Daß Eberigisil als Bischof einer größeren Diözese außerhalb Kölns bestattet wurde, kann nicht ausgeschlossen werden (Gierlich S. 298), wo er aber tatsächlich sein Grab fand und welche Reliquien heute die Kirche St. Peter besitzt, bleibt unbekannt.

Lit.: Paul Clemen, Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln 2, 2 (Düsseldorf 1929); - Peter Weiler, Urkundenbuch des Stiftes Xanten 1. Veröffentlichungen des Vereins zur Erhaltung des Xantener Domes e.V. 2 (Bonn 1935) nr. 1, 1; - Wilhelm Levison, Aus rheinischer und fränkischer Frühzeit (Düsseldorf 1948), 57-75; - Jakob Torsy, Studien zur Frühgeschichte der Kölner Kirche. In: Kölner Domblatt 8/9, 1954, 9-32; - Friedrich Wilhelm Oediger, Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter, Bd. 1: 313-1099. Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 21 (Bonn 1954-61) nr. 17-20, 16-18; - Ders., Das Bistum Köln von den Anfängen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Geschichte des Erzbistums Köln, Bd. 1 (Köln 21972), 36, 76; - Otto Doppelfeld, Quellen zur Geschichte Kölns in römischer und fränkischer Zeit. Ausgewählte Quellen zur Kölner Stadtgeschichte 1 (Köln 1958) nr. 118-120, 83-85; - M. Weidemann, Kulturgeschichte der Merowingerzeit nach den Werken Gregors von Tours. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 3, 2 (Mainz 1982), 162f.; - Stefan Weinfurter, Colonia (Köln). In: Series episcoporum ecclesiae catholicae occidentalis ab initio usque ad annum MCXCVIII, Bd. 5, 1: Germania. Archiepiscopatus Coloniensis, bearbeitet von Odilo Engels/Stefan Weinfurter (Stuttgart 1982), 3-42, hier 8f.; - Jörg-Holger Baumgarten, Kölner Reliquienschreine. Köln entdecken 3 (Köln 1985), 98-101; - Clive Bridger, Forschungsgeschichtliche Betrachtungen zur spätantiken und frühmittelalterlichen Besiedlung in Xanten. In: Spurenlese. Beiträge zur Geschichte des Xantener Raumes (Köln 1989), 179-190; - Frank Siegmund, Xanten im Frühen Mittelalter. In: ebd. 191-208; - Josef Semmler, Zur frühen Missions- und Kirchengeschichte am Niederrhein. In: ebd. 235-248; - Ernst Gierlich, Die Grabstätten der rheinischen Bischöfe vor 1200. Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 65 (Mainz 1990) hier 261f., 298; - Ernst Dassmann, Die Anfänge der Kirche in Deutschland. Urban Taschenbücher 444 (Stuttgart 1993), 116-118; - Josef Kremer, Studien zum frühen Christentum in Niedergermanien. Diss. (Bonn 1993), 146-148; - Frank Siegmund, Merowingerzeit am Niederrhein. Die frühmittelalterlichen Funde aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf und dem Kreis Heinsberg. Rheinische Ausgrabungen 34 (Köln 1998); - Ute Verstegen, St. Gereon in Köln in römischer und frühmittelalterlicher Zeit. Kölner Forschungen (im Druck); - Thomas Otten, Die fränkischen Bauten unter St. Viktor zu Xanten. In: Jahrbuch Kreis Wesel 2002, 211-221; - Ders., Die Ausgrabungen unter St. Viktor zu Xanten. Dom und Immunität. Rheinische Ausgrabungen 53 (Mainz 2003); - C. M. Fischer, Ebergise: Dictionnaire d'Histoire et de Géographie Ecclésiastiques 14 (Paris 1960) 1285; - A[ugust] Franzen, Évergisile: Dictionnaire d'Histoire et de Géographie Ecclésiastiques 16 (Paris 1967) Sp. 120-122; - Sebastian Ristow, Köln. In: RAC XXI (Stuttgart 2004, im Druck).

Sebastian Ristow

Literaturergänzung:

I. Runde, Xanten im frühen und hohen Mittelalter. Sagentradition, Stiftsgesch., Stadtwerdung. Rhein. Archiv 147 (Köln 2003); - Hendrik Hülz, Bischof Evergislus. Ein Kölner Heiliger und seine Bedeutung in Geschichte und Gegenwart, Libelli Rhenani 16 (hrsg. v.d. Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek), Köln 2006.

Letzte Änderung: 12.06.2008