EHMANN, Wilhelm, dt. Chorleiter und Komponist, Kirchenmusikschuldirektor, Musikwissenschaftler, * 5. Dezember 1904 in Freistatt b. Sulingen, + 16. April 1989 in Freiburg/Breisgau. 1924 Gründer des "Singkreises Bethel" (Leiter bis 1928), Lehrerseminar in Schildesche (Ausbildung in Geige, Orgel und Chorleitung), 1925-28 Gymnasium Bielefeld, Studium der Musikwissenschaft, Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Leipzig und Freiburg (Schüler von Willibald Gurlitt, Theodor Kroyer und Hermann Zenck), 1928 Gründer des Chores der Christuskirche Freiburg (Leiter bis 1938), 1932-38 Leiter des Lobeda-Chores, 1934 Assistent Gurlitts am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Freiburg, 1934-38 Leiter des Collegium musicum vocale et instrumentale am musikwissenschaftlichen Seminar, 1934 Promotion, 1937 Habilitation an der Freiburger Universität, 1939 Privatdozent, 1939-43 Schriftleiter der Zeitschrift "Deutsche Musikkultur", 1940 außerordentlicher Professor und Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts Innsbruck, 1940 Gründer und Leiter (bis 1943) des Collegium musicum vocale et instrumentale, 1945 Kantor in Lippinghausen, ab 1948 Landeskirchenmusikwart der Evangelischen Kirche von Westfalen und Kursleiter an der Landeskirchenmusikschule Herford (ab 1950 Westfälische Landeskirchenmusikschule, dort bis 1972 Direktor), ab 1948 Gründer und Leiter (bis 1974) der "Ravensberger Kantorei" (später "Westfälische Kantorei"), 1955-1963 Landesobmann des Verbandes evangelischer Kirchenmusiker in Westfalen, 1949 Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät der Universität Münster/Westfalen, 1969 Bundesverdienstkreuz, 1977 Laudinella-Kulturpreis in St. Moritz/Schweiz. - Der Hauptteil der Schaffenskraft des "Reformators der Kirchenmusik" E. galt der Erneuerung der Kirchenmusik und dem Aufbau des Kirchenmusikerstandes in Westfalen. In seiner Person und Lebensleistung verbanden sich musikwissenschaftliche Forschung und Erkenntnis in schlechthin idealer Weise mit fortlaufender praktischer Erprobung und Befruchtung unserer Aufführungspraxis der alten Meister vom frühen Barock an bis zu Bach und Händel einschließlich. Ursprünglich Lehrer, daneben aus Leidenschaft Kirchenmusiker, wechselte er schließlich ganz in die Musikwissenschaft über. Die musikwissenschaftliche Forschung wie die Praxis unseres Musiklebens verdanken ihm gleichermaßen starke Impulse bis hin zu neuen Entwicklungen auf dem Gebiet der praktischen, auch der instrumentenbaulichen, Durchsetzung neuer Musizierformen und eines neuen Klangideals auf dem Gebiet der kirchlichen Blasmusik. Sein Wirken beschränkte sich nie auf den theoretischen Bereich, sondern umfaßte stets Theoretisches und Praktisches zugleich. - Schon früh kam E. mit der Posaunenmission um Eduard und Johannes Kuhlo in Verbindung und erhielt in Bielefeld Kontakt zur Singbewegung. Als Gymnasiast war er als Flügelhornist Mitglied des Sextetts von Johannes Kuhlo und leitete bereits ein Schulorchester. In Freiburg im Breisgau geriet E. in den Bannkreis Willibald Gurlitts. Der von E. geleitete Lobeda-Chor integrierte sich 1933 in die NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude", und der "Finkensteiner Bund" war der völkisch-nationalistische Flügel der Singbewegung. Trotz zahlreicher Ämter während des "Dritten Reiches", darunter als Gau-Chormeister des Lobedabundes für Baden und Schwaben, sah er alle Aktionen unter der Prämisse "Musik-Ordnungen in Lebens-Ordnungen zu übertragen". Parteimitglied war er jedoch nie. So blieb bis heute unklar, inwieweit sich E. als Musiker und Musikwissenschaftler mit dem Nationalsozialismus identifiziert hat. - Neben den pädagogischen und wissenschaftlichen Studien blieb E. also stets der musikalischen Praxis verbunden. Das Berufsleben E.s, zweifellos von den wechselnden Ereignissen des 20. Jahrhunderts geprägt, fand erst in seiner zweiten Hälfte zu seiner wahren Bestimmung. Es gehörte zu seinen Maximen, wissenschaftlich Erforschtes und Erdachtes in Praxis umzusetzen und das in der Praxis Erfahrene wissenschaftlich zu vertiefen und zu begründen. Mit zahlreichen Aufführungen und international ausgezeichneten Schallplatteneinspielungen setzte er Maßstäbe der Aufführungspraxis älterer und neuerer Musik und wies damit ganzen Generationen von Interpreten den Weg. Wichtigstes Instrumentarium war ihm dabei die von ihm gegründete Westfälische Kantorei, der er aus der Westfälischen Landeskirchenmusikschule stets neue Kräfte zuführen konnte. Mit Antritt seiner Herforder Tätigkeit war ein spiritus rector für die gesamte kirchenmusikalische Entwicklung Westfalens gewonnen, dessen Ausstrahlungskraft weit über die Grenzen dieser Landeskirche hinausreichte in andere inner- und außerdeutsche Kirchen sowie in die Bereiche der profanen Sing- und Blasmusik rund um den Erdball. Der Weg von einem mit viel äußeren Schwierigkeiten belasteten Anfang bis zu dem heutigen vorbildlichen Musikinstitut mit einem qualifizierten Dozentenkollegium und einer stattlichen Anzahl von Studierenden wurde von E. mit bewundernswerter Geduld und Energie gemeistert. - Es bedurfte einer fachlich überragenden und zugleich in der kirchenmusikalischen Tradition beheimateten Persönlichkeit wie E., um die nicht nur durch den Krieg, sondern durch jahrzehntelanges Desinteresse an der Kirchenmusik und - daraus folgend - jahrzehntelangen Mangel an fähigen haupt- und nebenamtlichen Kirchenmusikern fast auf den Nullpunkt gesunkene Kirchenmusik zu erneuern. Ein Berufsstand mußte neu etabliert werden, der bis auf wenige hauptamtliche Vertreter ihres Faches ausgestorben war: der Stand des für seine spezifischen Aufgaben lebenden Kirchenmusikers. Dies sollte nur E. möglich sein, der sich mit gleicher Leidenschaft seiner theologisch-kirchlichen, seiner wissenschaftlich-forschenden, seiner musikalisch-künstlerischen und seiner pädagogisch-bildenden Arbeit verschrieben hatte. Die Westfälische Kantorei erlangte unter der Leitung E.s Weltgeltung. Mit der Kantorei, die sich aus Fachmusikern zusammensetzte, schuf er ein Gegenstück zu den bürgerlichen Musikvereinigungen in der Nachfolge Nägelis und Zelters und dem "Erlebnis" der Singbewegung. Wichtig war ihm ein von der Sache her orientiertes Musizieren, das die Möglichkeiten pädagogisch-künstlerischer Ausbildung auswertete. Mit diesem Klangkörper aus Chor, Solisten und Instrumentalisten entwickelte E. einen Interpretationsstil für die ältere Musik, insbesondere für die Werke von Heinrich Schütz, der sich zugunsten eines differenzierten vokal-instrumentalen Mischklangs vom traditionell-romantischen Einheitsklang löste. Die durch die Westfälische Kantorei aufgeführten Werke reichten vom 15. Jahrhundert bis zur jüngsten Gegenwart. Insbesondere die Wiedergabe Alter Musik hat eine fruchtbare Auseinandersetzung und grundsätzliche Überlegungen bezüglich der Aufführungspraxis Alter Musik zur Folge gehabt. Eingehende historische Kenntnisse und Studien, die Begegnung mit der zeitgenössischen Chormusik, die Bemühung um Verwirklichung eines modernen Klangbewußtseins und der Mut zum Experimentieren führten schließlich zu neuen Lösungen. Nach dem Vorbild der protestantischen Kantoreien und in Anpassung an die heutigen Gegebenheiten hat E. eine moderne Kantorei aufgebaut. Im Zusammenhang mit seinem Wirken für die Kantorei trat immer wieder das Bläserwesen als vorrangiges geistiges Anliegen E.s heraus. Immer ging es ihm um die Verbindung zum Gesang und zu anderen Instrumentengruppen. Dazu vergab er mehrfach Kompositionsaufträge, in denen die choralgebundene Tradition gebrochen wurde und den Bläsern neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet werden konnten. Das Repertoire reichte dementsprechend bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, so sang die Kantorei vor allem Komponisten der "ersten Moderne", aber auch Uraufführungen unter anderem von Hans Friedrich Micheelsen, Siegfried Reda und Koch. - Darüber hinaus widmete sich E. der Rundfunkarbeit in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden und nahm als Referent an internationalen Tagungen und Kursen für Chorleitung und Aufführungspraxis teil. So war er 1983 am Internationalen Heinrich-Schütz-Fest in Princeton/New Jersey programmatisch entscheidend beteiligt. In Theorie und Praxis richtete sich seine Tätigkeit auf die Förderung von Chor- und Bläsermusik, die Erweiterung der Kenntnisse über alte Aufführungspraxis im Bläser- und Chorbereich und über die Geschichte des Blasens und jeglicher Form des Singens. Ausgehend von der Musik der Schützzeit wandte er sich der sich auf diese stützender Komponisten des 20. Jahrhunderts sowie der Bachs und Händels und in den letzten Jahren seines Wirkens auch Mendelssohns und anderer Romantiker zu. Nicht nur die "Bläserfibel", sondern auch eine "Werkreihe für Bläser und Sänger" sowie der Nachbau von alten Trompeten und Posaunen zeigten E.s umfangreiche Bemühungen um eine Reform der Bläsermusik und -technik. In der Herforder Kirchenmusikschule wurde das Blasen für die Studenten zum Pflichtfach erhoben. - Als Vorstandsmitglied der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft leitete er 1950 die "Herforder Bachtage" und das sechste "Heinrich-Schütz-Fest" 1953 in Herford, das erste Schütz-Fest nach dem Kriege - beides Veranstaltungen, die mit den zwischen 1948 und 1962 durchgeführten "Ravensberger Musiktagen" identisch waren. Darüber hinaus initiierte er 1948 die "Betheler Bläsertage" und regte 1955 die ersten "Westfälischen Kirchenmusiktage" an, die 1969 zugleich als 21. Internationales Heinrich-Schütz-Fest in Herford unter E.s Gesamtleitung von der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft veranstaltet wurden und seither in unregelmäßigen Abständen stattfinden. Ein ökumenisches Ereignis bildete das 1962 in der Herforder Kirchenmusikschule durchgeführte "Amerikanisch-Deutsche Kirchenmusik-Seminar" in Verbindung mit dem Valparaiso University Church Music Seminar. - E. arbeitete neben den bereits genannten in einer Vielzahl von Gremien, Einrichtungen und Verbänden mit, so wurde er Mitherausgeber der holländischen Zeitschrift "Musica sacra", gehörte dem Deutschen Musikrat und der Weltkonferenz für evangelische Kirchenmusik des Lutherischen Weltbundes an und war Vorstandsmitglied des "Verbandes Gemischter Chöre Deutschlands" sowie des "Arbeitskreises für Haus- und Jugendmusik" (seit 1970 "Internationaler Arbeitskreis Musik"), für den er von 1946 bis 1966 bei insgesamt 25 Lehrgängen mitwirkte. Die Westfälische Kantorei aber wurde unter seinem Direktorat die größte Ausbildungsstätte für evangelische Kirchenmusiker in der Bundesrepublik Deutschland, und sie ist es bis heute geblieben. Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich E. wiederholt vergeblich bemüht, eine Statusveränderung der Westfälischen Landeskirchenmusikschule Herford in eine Fachhochschule durchzusetzen - er sollte sie nicht mehr erleben, denn erst 1991 wurde diese in die Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen umgewandelt, die B-, A- und künstlerische Studiengänge anbietet.
Werke: Adam von Fulda als Vertreter der ersten deutschen Komponisten-Generation (Dissertation 1934); Das Schicksal der deutschen Reformationsmusik in der Geschichte der musikalischen Praxis und Forschung (1930ff.); Die Liederstunde des Volkes (1936/37); Vom Marschlied und seiner Lebensform (1938); Musikalische Feiergestaltung. Ein Wegweiser guter Musik für die natürlichen und politischen Feste des Jahres (1938/39); Orgel und Volkslied (1939); Einführung in die Programme der Ravensberger Kirchenmusiktage (1948-1962); Kirchenmusik im Ravensberger Lande, in: Kiepenkerl Jahrbuch (1949); Das mehrstimmige Chorsingen/Kirchenchor und Posaunenchor, in: Musik und Kirche, 19. Jg. (1949); Handbuch der Chorführung (2 Bände, 1949); Tibilustrium - Das geistliche Blasen, Formen und Reformen (1950, Reprint 1974); Die Lage der Kirchenmusik in den Westzonen, in: Der Kirchenmusiker, 1. Jg. (1950); Chorische Improvisation in der Kantorei, in: Der Kirchenchor, 10. Jg. (1950); Erbe und Auftrag musikalischer Erneuerung (1951); Johannes Kuhlo. Ein Spielmann Gottes (1951, Neuauflagen 1974 und 1981); Bläserfibel (2 Bände, 1951-1970); Johannes Kuhlo. Neues Posaunenbuch I (1951, Neuauflage 1974); Werkreihe für Bläser und Sänger; Aufführungspraxis Bachscher Motetten, in: Musik und Kirche, 21. Jg. (1951); Neue Wege der Blasmusik, in: Das Musikleben, 4. Jg. (1951); Gegenwärtige Aufgaben der Singbewegung, in: Hausmusik, 16. Jg. (1952); Johann Sebastian Bach in unserem Leben (1952); Chorische Stimmbildung (1953); Das Chorwesen im Leben unseres Volkes, in: Festbuch zum Fest der deutschen Chormusik (1953); Evangelisches Kantoreibuch (mit A. Schütz und O. Schrader) (1954, revidiert 1957 und 1959); Heinrich Schütz in unserer musikalischen Praxis, in: Bekenntnis zu Heinrich Schütz (1954); Kantoreipraxis in der neuen Kirchenmusik, in: Die Union (1954); Kirchenmusik und Gemeinde (1955); Kantoreipraxis, in: Musik und Gottesdienst, 9. Jg. (1955); Die Psalmen Davids in der Aufführungspraxis, in: Musik und Kirche, 26. Jg. (1956); Das Blasen auf Metallinstrumenten in Geschichte und Gegenwart, in: Junge Musik (1957); Die Kantoreipraxis in unseren Posaunenchören, in: Der Chorleiter, 3. Jg. (1957); Kirchenmusik. Vermächtnis und Aufgabe (1958); Das Bläserspiel, in: Leiturgia IV (1961); Alte Musik in der Neuen Welt (1961); De Musiek der Reformatie, in: Musica sacra, 11. Jg. (1961/62); Die kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz in unserer musikalischen Praxis, in: Musik und Kirche 33 (1963); Blasmusik in unseren Tagen, in: Musik und Gottesdienst 18 (1964), 7-13; Blechblasen in der kirchenmusikalischen Ausbildung, in: Musik und Kirche, 34. Jg. (1964), 120-134; Neue Spielmusik für Bläser (1966, Neuauflage 1973); Ideen im heutigen Chorwesen, in: Lied und Volk, 59. Jg. (1967); Der Bläserchor. Besinnung und Aufgabe (1969); Neue Choralpartiten für Bläser (1969); Alte Bläser-Partiten (1975); Voce et Tuba. Gesammelte Reden und Aufsätze 1934-1974 (1976); Neue Bläsermusik (2 Bände, 1976); 100 Jahre Kuhlo-Posaunenbuch, in: Kirchenmusiker 32 (1981), 152-156; Handbuch der chorischen Stimmbildung (mit Frauke Haasemann, posthum 1993).
Lit.: W. E., in: MGG, Band 3, Sp. 1179-80 (1954); W. E., in: Der Kirchenmusiker, 31. Jg. (1962); Gerhard Mittring/G. Rödding (Hrsg.): Musik als Lobgesang. Festschrift für W. E. zum 60. Geburtstag (1964, mit Bibliographie); Ulrich Wulfhorst: W. E. zum 60. Geburtstag, in: Gottesdienst und Kirchenmusik 15 (1964), 219-224; Gerhard Mittring: Reformator der Kirchenmusik - Ein Porträt W. E.s, in: Musica 26 (1972), 440-443; Dietrich Berke: W. E. zum 80. Geburtstag, in: Musica 38 (1984), 583; Helmut Fleinghaus, Uwe Karsten Groß und Lebrecht Schilling (Hrsg.): 40 Jahre Westfälische Landeskirchenmusikschule Herford 1948-1988 (1988); Helmut Fleinghaus: W. E. (unveröffentlichtes Manuskript, Archiv Westfälische Landeskirchenmusikschule Herford); Wolfgang Schnabel: Drei große Förderer der evangelischen Posaunenchorbewegung (Johannes Kuhlo, Adolf Müller, W. E.) (1994); Heiko Bockstiegel: Meine Herren, kennen Sie das Stück? Erinnerungen an deutschsprachige Chordirigenten des 20. Jahrhunderts (1999), 24-34.