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Band XIX (2001)Spalten 427-430 Heiko Bockstiegel

FORSTER, Karl, dt. Chordirigent, Domkapellmeister u. Komponist, * 1.8. 1904 in Großklenau b. Tirschenreuth, † 13.8. 1963 in Tirschenreuth. 1915-1923 Humanistisches Gymnasium des Benediktinerklosters Metten, 1923-28 philosophisch-theologisches Studium in Regensburg, 1928 Priesterweihe, 1928-29 Kaplan in Kulmain, 1929-33 Studium an der Staatl. Akademie f. Tonkunst u. an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Kirchenmusik (Ludwig Berberich), Komposition (Joseph Haas), Musikwissenschaft (Gustav Friedrich Schmidt, R. Ficker), 1933 Promotion, 1933-34 Präfekt und Dozent an der Kirchenmusikschule Regensburg; leitete von 1934 bis 1963 als Domkapellmeister den Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin. F. wurde 1951 Päpstlicher Geheimkämmerer und 1961 Päpstlicher Hausprälat. 1952-63 Universitätsmusikdirektor der Freien und Technischen Universität Berlin und Leiter der Collegia musica. F. erhielt 1953 den Musikpreis der Stadt Berlin. - Schon nach wenigen Jahren konnte F. den neugebildeten Knabenchor der St. Hedwigs-Kathdrale in der beachtlichen Stärke von fast 60 Jungen der Öffentlichkeit vorstellen. Er gab ihm allmählich die Besetzungsverhältnisse, die später seine Aufführungen auszeichneten. Daneben bestand der gemischte Chor weiter, der damals etwa 35 Mitglieder hatte. Beide Chöre lösten sich im Dienst an der Kathedrale ab, und zu den großen Konzertveranstaltungen in der damaligen Philharmonie vereinigten sich beide Chorgruppen zu eindrucksvollen Aufführungen. - Die Arbeit mit dem Chor der St. Hedwigs-Kathedrale bedeutete selbst in schwerer Zeit alles für F. Sie war sein Lebenswerk. Ihr opferte all seine Kraft, für sie setzte er sich ungeachtet der immer ungünstiger werdenden Lage gerade dieser Singgemeinschaft ein. Unter den Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik und schließlich des Krieges hat vor allem der Knabenchor gelitten, er wurde 1943 von den Machthabern verboten. Das endgültige Ende kam 1943 mit der Zerstörung der St. Hedwigs-Kathedrale. - Im Juli 1945 konnte der Chor seine erste Aufnahme im neuen Berliner Rundfunk singen, im September 1945 gab der neu formierte Chor bereits sein erstes a-cappella-Konzert. Dem Chor der St. Hedwigs-Kathedrale wuchsen fast wie selbstverständlich im zerstörten Berlin repräsentative Aufgaben zu: Als einziger intakter Chor der Nachkriegszeit sang er in Gottesdiensten und Konzerten die großen Werke der Chorliteratur und wurde im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Botschafter des Berliner Geistes. - Mit der Gründung der DDR fiel die St. Hedwigs-Kathedrale zum Ostsektor, als aus Berlin die »Viersektorenstadt« wurde. Der Chor wurde nun der Johannes-Basilika in Kreuzberg angegliedert; die Proben fanden im Saal der St. Clemens-Kirche statt. Den aus dem Ostsektor stammenden Choristen wurde es jedoch im Laufe der Jahre immer schwieriger, nach dem 13. August 1961 gar unmöglich, zu Proben und Aufführungen nach West-Berlin zu kommen. - Kaum übersehbar ist die Fülle seiner Rundfunkübertragungen, seiner Konzertreisen und vor allem seiner Schallplatten, die zu den Spitzenleistungen der damaligen Produktion gehörten und in der ganzen Welt den Namen Berlins rühmten. Die Konzerte des Hedwigs-Chores wurden fester Bestandteil des Berliner Musiklebens, denn sein Repertoire reichte von den alten Meistern über die Klassiker bis zu den Modernen wie Strawinsky, Schönberg, Hindemith, Dallapiccola, Blacher und Britten. Die Kritik hebt besonders hervor, daß er durch seine strenge, programmatisch bewußte Bach-Darstellung die Stilentwicklung der musikalischen Interpretation mitbestimmt habe. Auf der Grundlage des a-cappella-Gesanges hat F. einen Chorstil entwickelt, der durch stimmlichen Glanz, sinnlichen Wohllaut und großartige Objektivität des Vortrages charakterisiert ist. - Die eigentliche schöpferische Fülle bekam sein Wirken durch die überaus glückliche Verbindung des Künstlers, des Menschen und des Priesters F. Seine künstlerische Inspiration stammte unmittelbar aus dem Glauben, dem er als Priester diente. So konnte er den liturgischen Charakter seines Amtes und seines Chores auf den Konzertsaal übertragen. - Glanzvoller Höhepunkt der Reisen war ein Konzert, das der Chor im Mai 1961 in einer Privataudienz für Papst Johannes XXIII. geben durfte. Seit der Renaissance war es das erste Mal, daß ein Konzert in den Privatgemächern des Vatikans stattfand. F.s Arbeit für die modernen Publikationsmedien Rundfunk und Schallplatte bestimmte eine weitere Seite seines Schaffens. Vor allem in Schallplattenaufnahmen, für die er immer häufiger nicht nur als Chordirigent, sondern auch als Gesamtleiter verantwortlich zeichnete, hat er die großen Werke sakraler Musik maßstabsetzend interpretiert. - Der stilistische Umkreis, den F. mit seinem Chor abgeschritten hat, umfaßte eine erstaunliche Fülle von Gegensätzen. Seine geistige Heimat war neben der Gregorianik und der niederländischen Polyphonie die Welt Bruckners. Die schwierigsten Aufgaben aber hatte F. bei Werken der zeitgenössischen Musik zu erfüllen, von Elgars »Traum des Gerontius« über Strawinskys »Psalmen-Symphonie« und Bartóks Kantata Profana »Die Zauberhirsche« bis zu Dallapiccolas »Canti di prigionia«.

Werke: 1) Schriften: Über das Leben und die kirchenmusikalischen Werke des G.A. Bernabei 1649-1732 (München 1933). - 2) Kompositionen: Missa in A (1933), Graduale zu Fronleichnam (1934), Heiliges Sakrament (1941), Graduale für die 3. Weihnachtsmesse (1942), Graduale zum Ostersonntag (1943), Libera me domine (1944), Graduale zum Pfingstsonntag (1944), Missa in C (1950), Advents-Motette, Laudate dominum

Lit.: Albert Tinz: In memoriam K. F. (in: Musica sacra Nr. 83, 1963); - Max Gleißner: Begegnung mit K. F. (in: Alt und Jung Metten 3. Heft, 1963/64); - Richard J. Brunner: Domkapellmeister K. F. Ein Magier der sakralen Musik (in: Die Oberpfalz 11. Heft, 1965); - Dieter Konrad: Festschrift anläßlich der Erstaufführung der a-cappella-Messe von K. F. in der Stadtpfarrkirche zu Tirschenreuth (1989); - Heiko Bockstiegel: Ein Oberpfälzer als Botschafter Berliner Geistes und Musiklebens. K. F. (1904-1963) und der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin (2000).

Heiko Bockstiegel

Letzte Änderung: 08.11.2001