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Band XVIII (2001)Spalten 453-456 Autor: Matthias Wolfes

FRANCKE, Hans Karl August, evangelischer Theologe, * 19. Januar 1864 in Breslau, † 31. August 1938 in Berlin. - F. wuchs als Sohn eines Ingenieurs in Breslau auf, wo er auch das Gymnasium besuchte. Das Theologiestudium absolvierte er an den Universitäten Breslau und Berlin. Nach den Examina wurde er 1892 Diakonus in Bernstadt und fünf Jahre später in Görlitz. 1904 übernahm er eine Pfarrstelle an der Zions-Gemeinde in Berlin (Kirchenkreis Berlin-Stadt III). Nach fünfjähriger Tätigkeit wurde F. durch Gemeindewahl die dritte Pfarrstelle an der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin übertragen. Hier amtierte er bis zum Eintritt in den Ruhestand im April 1929. - Anders als zahlreiche weitere Protagonisten der religiös-sozialistischen Bewegung, die erst durch den Eindruck des Krieges zu einer kritischen Einstellung fanden, vertrat F. schon um die Jahrhundertwende pazifistische Überzeugungen. Zudem leitete er vor 1914 die Berliner Ortsgruppe der »Deutschen Friedensgesellschaft (DFG)«; in dieser Eigenschaft veranstaltete er während des »Fünften Weltkongresses für freies Christentum und religiösen Fortschritt«, der im August 1910 in Berlin stattfand, eine Sonderzusammenkunft zum Thema »Die Religion und der Friede«. Gemeinsam mit dem Berliner Pfarrer Walter Nithack-Stahn gehörte er 1913 zu den Initiatoren einer protestantischen Friedenserklärung. Weitere friedenspolitische Aktionen folgten in der Spätphase des Krieges. So unterzeichnete F. im Herbst 1917 die »Erklärung deutscher Protestanten zur Friedensfrage«. Auch in publizistischer und rednerischer Form trat er in diesen Jahren für die Ziele der Friedensbewegung, nämlich Beendigung des Krieges, Demokratisierung, Sozialisierung und Einleitung einer verständigungsorientierten, auf Versöhnung ausgerichteten Außenpolitik, ein. Nach 1918 setzte er sein Engagement zugunsten der DFG fort, nunmehr auch als Mitglied des Reichsvorstandes. Im Februar 1929 allerdings verließ er dieses Gremium aufgrund politischer Differenzen. Die USPD, der er 1918 kurzfristig angehörte, verließ er bald nach Kriegsende zugunsten der SPD. Bei der Wahl zum Preußischen Landtag im Februar 1921 kandidierte er auf der Berliner Parteiliste. Zahlreiche Wahlkampfauftritte, Debattenbeiträge und Publikationen in der SPD-Presse bringen F.s intensive Einbindung in die Arbeiterbewegung der Weimarer Zeit zum Ausdruck. Den Antisemitismus lehnte er ab. Bereits im November 1923, nach dem ersten Pogrom Berliner Nationalsozialisten in dem vornehmlich von »Ost-Juden« bewohnten Scheunenviertel, beteiligte F. sich neben dem liberalen Reichstagsabgeordneten Otto Nuschke als Hauptredner an einer Protestveranstaltung. - F. gehörte zu den Mitgliedern des von dem Berliner Pfarrer Karl Aner (1879-1933) im April 1919 gegründeten »Bundes Neue Kirche«. Nachdem er im Dezember des gleichen Jahres die Vereinigung des Bundes mit Günther Dehns (1882-1970) »Bund der sozialistischen Kirchenfreunde« mitorganisiert hatte, zählte er bis 1933 zu den Wortführern der Berliner religiösen Sozialisten. Die zahlreichen von F. im Druck überlieferten Predigten gehören zu den wichtigsten Quellen für eine Rekonstruktion der Theologie der religiösen Sozialisten. In politischer Hinsicht vertrat F. mit seiner Nähe zur SPD die Mehrheitsposition der Berliner Bundesmitglieder. Im Zusammenhang mit dem aufsehenerregenden »Fall Eckert« (1932/33) plädierte er gegen eine Annäherung an die KPD. F. trat jedoch nicht nur für die Zusammenarbeit mit der SPD ein, sondern er war auch darum bemüht, Kontakte zu Vertretern des liberalen Protestantismus zu knüpfen. Bei Kirchenwahlen 1925 und 1928 traten die sozialistischen Kandidaten in F.s Gemeindebezirk auf der Liste der Liberalen an. Hier kooperierten die religiösen Sozialisten mit den Vertretern des bürgerlich-liberal ausgerichteten »Protestantenvereins«, dessen Berliner Vorsitzende der DVP-Reichstagsabgeordnete und Pfarrer Dr. Paul Luther war. Zur kulturprotestantischen Zeitschrift »Die Christliche Welt« bestanden gleichfalls Verbindungen. Am 6. März 1933 wurde F. als einer der ersten Pfarrer reichsweit verhaftet und in einer Kaserne inhaftiert. Ein von F. verfaßter Bericht über diese Erlebnisse (»Meine Verhaftung durch SA- oder SS-Leute«; vgl. den auszugsweisen Abdruck bei Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Kreuzberg, Berlin 1997, 31) zirkulierte in Bundeskreisen und erreichte über den Lichterfelder Superintendenten Max Diestel die Kirchenleitung. Auch erneute Inhaftierung brach F.s Widerstandswillen nicht. Gemeinsam mit Arthur Rackwitz (1895-1980) leitete er bis in die späten dreißiger Jahre die »Bruderschaft sozialistischer Theologen«.

Predigten: Eine Predigt F.s findet sich in der vom Bund der religiösen Sozialisten herausgegebenen Sammlung »Predigten sozialistischer Geistlicher Deutschlands« (Karlsruhe o.J. [1928]). Einige Predigten sind im »Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes« erschienen. Zu zahlreichen Predigten liegen archivalische Quellen vor; vgl. dazu Ulrich Peter: Der »Bund der religiösen Sozialisten« in Berlin von 1919 bis 1933, Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1995, 648-649.

Lit.: Denkschrift des Bundes religiöser Sozialisten (Abteilung Neukölln) über die kirchliche Lage der Gegenwart. Mit Geleitwort von Paul Piechowski, Berlin-Neukölln 1922; - Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation. Herausgegeben vom Brandenburgischen Provinzialsynodalverband. Zweiter Band: Verzeichnis der Geistlichen. Erster Teil. Bearbeitet von Otto Fischer, Berlin 1941, 215; - Gottfried Mehnert: Evangelische Kirche und Politik 1917-1919. Die politischen Strömungen im deutschen Protestantismus von der Julikrise 1917 bis zum Herbst 1919 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 16), Düsseldorf 1959; - Günther Dehn: Die alte Zeit, die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1962; - Karl-Wilhelm Dahm: Pfarrer und Politik. Soziale Position und politische Mentalität des deutschen evangelischen Pfarrerstandes zwischen 1918 und 1933 (Dortmunder Schriften zur Sozialforschung. Band 29), Köln / Opladen 1965; - Renate Breipohl: Religiöser Sozialismus und bürgerliches Geschichtsbewußtsein zur Zeit der Weimarer Republik (Studien zur dogmengeschichtlichen und systematischen Theologie. Band 32), Zürich 1971; - Wolfgang Deresch: Predigt und Agitation der religiösen Sozialisten (Konkretionen. Band 12), Hamburg 1971; - Wolfgang Deresch (Hrsg.): Der Glaube der religiösen Sozialisten. Ausgewählte Texte, Hamburg 1972; - Walter Bredendiek: Für eine Welt des Friedens. Zum 35. Todestag von Pfarrer Hans Francke, in: Neue Zeit. Nr. 260 vom 1. September 1973; - Reinhard Gaede: Kirche, Christen, Krieg und Frieden. Die Diskussion im deutschen Protestantismus während der Weimarer Zeit, Hamburg-Bergstedt 1975; - Reinhard Gaede: Die Stellung des deutschen Protestantismus zum Problem von Krieg und Frieden während der Zeit der Weimarer Republik, in: Wolfgang Huber / Johannes Schwerdtfeger (Hrsg.): Kirche zwischen Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte des deutschen Protestantismus (Forschungen und Berichte der Evangelischen Studiengemeinschaft. Band 31), Stuttgart 1976; - Jochen Jacke: Kirche zwischen Monarchie und Republik. Der preußische Protestantismus nach dem Zusammenbruch von 1918 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Band 12), Hamburg 1976; - Josef Aussermair: Kirche und Sozialdemokratie. Der Bund der religiösen Sozialisten 1926-1934, Wien 1979; - Friedrich-Karl Scheer: Die Deutsche Friedensgesellschaft (1892.1933), Frankfurt am Main 1981; - Friedrich Martin Balzer: Kirche, Antifaschismus, Arbeiterbewegung, in: Neue Stimmen. Heft 3 / März 1985; - Dieter und Ruth Glatzer: Berliner Leben 1900-1914. Zwei Bände, Berlin [DDR] 1986; - Kurt Nowak: Evangelische Kirche und Weimarer Republik. Zum politischen Weg des deutschen Protestantismus zwischen 1918 und 1932 (Arbeiten zur Kirchengeschichte. Band 7), Weimar 1981 [Zweite Auflage: Weimar 1988]; - Joachim Stang: Die Deutsche Demokratische Partei in Preußen 1918-1933 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 101), Düsseldorf 1994; - Ulrich Peter: Der »Bund der religiösen Sozialisten« in Berlin von 1919 bis 1933. Geschichte, Struktur, Theologie und Politik (Europäische Hochschulschriften. Reihe XXIII. Band 532), Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1995; - Ulrich Peter: »Trachtet am Ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit«. Hans Francke und die Gruppe der religiösen Sozialisten in Heilig-Kreuz, in: Georg Uehlein (Hrsg.): Die Pickelhaube über der Stadt. Studien zum Verhältnis einer Berliner Kirchengemeinde zur großstädtischen Gesellschaft und Politik zwischen 1850-1945 am Beispiel der Heilig-Kreuz-Gemeinde, Berlin 1995; - Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Kreuzberg. Zweite, veränderte und ergänzte Auflage (Band 10 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945. Herausgegeben von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand), Berlin 1997; - Wider jede Verfälschung des Evangeliums. Gemeinden in Berlin-Brandenburg 1933-1945. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber. Herausgegeben von Erich Schuppan, Berlin 1998; - Die Geschichte der Evangelischen Kirche der Union. Ein Handbuch. Band 3: Trennung von Staat und Kirche - Kirchlich-politische Krisen - Erneuerung kirchlicher Gemeinschaft (1918-1992). Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Kirche der Union von Gerhard Besier und Eckhard Lessing, Leipzig 1999. - Eine Porträtphotographie findet sich bei Ulrich Peter: Ebd., 390.

Matthias Wolfes

Letzte Änderung: 04.01.2001