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Band II (1990)Spalte 170-172 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

GALLITZIN, Amalie Fürstin von, Mittelpunkt des Münsterschen Kreises religiös lebendiger Katholiken, * 28.8. 1748 in Berlin als Tochter des preußischen Feldmarschalls Reichsgrafen Samuel von Schmettau, † 27.4. 1806 in Münster (Westfalen). - Mit drei Jahren verlor Amalie ihren Vater, der evangelisch war. Sie wurde im Kloster im Glauben ihrer katholischen Mutter erzogen, aber in ihrer Jugend von dem Geist der Aufklärung stark beeinflußt. Amalie war seit etwa 1765 Hofdame am preußischen Hof. Als sie 1768 eine Prinzessin in die Bäder von Spa und Aachen begleitete, lernte Amalie den russischen Gesandten von Paris kennen, den Fürsten Dimitrij Aleksejewitsch Golizyn (1738-1803), der sie im August 1768 heiratete. Das junge Paar reiste über Brüssel und Berlin nach St. Petersburg und nach der Ernennung des Fürsten zum Gesandten für Den Haag Ende 1769 über Berlin nach der niederländischen Residenzstadt. Der Fürst war mit Voltaire (s. d.) und den »Enzyklopädisten« befreundet, von denen besonders Claude Adrien Helvétius (s. d.) durch seine Schriften und Denis Diderot persönlich auf die Fürstin einwirkten. Um sich der Philosophie und der Erziehung ihrer bei den Kinder Marianne und Dimitri († 1840 in Nordamerika als katholischer Missionsprediger unter den Indianern im Alleghanygebirge) ungestört widmen zu können, verließ A. v. G. 1775 mit Einwilligung des Fürsten Den Haag und bezog ein einsames Bauernhaus am Weg nach Scheveningen. Nun gewann auf sie starken Einfluß Franz Hemsterhuis (s. d.), der die Fürstin in die platonische Philosophie einführte. Die Kunde von den epochemachenden Schulreformen, die Franz Freiherr von Fürstenberg (s. d.) als Generalvikar und Minister im Hochstift Münster anbahnte, veranlaßte A. v. G. 1779, mit ihren Kindern nach Münster (Westfalen) überzusiedeln. Mit vielen bedeutenden Zeitgenossen stand sie in regem brieflichem und mündlichem Verkehr. 1785 besuchte A. v. G. mit ihren Kindern Weimar und Jena, dann Halle (Saale) und auf dem Rückweg wieder Weimar. So traf sie mit Goethe zusammen, der 1792 von Düsseldorf aus die Fürstin in Münster aufsuchte. Matthias Claudius (s. d.) war ihr ein willkommener Gast. A. v. G. schätzte den Generalvikar von Fürstenberg als geistig bedeutenden Mann, bat ihn aber, sie mit etwaigen Bekehrungsversuchen zu verschonen. Während einer schweren Erkrankung im Frühjahr 1783 schickte er ihr seinen Beichtvater; die Fürstin lehnte zwar dankend seinen Zuspruch ab, erklärte ihm aber, sie wolle im Fall der Wiedergenesung sich mit den Fragen des christlichen Glaubens ernsthaft beschäftigen. Die Lektüre der »Sokratischen Denkwürdigkeiten« und anderer Schriften des Königsberger Johann Georg Hamann (s. d.), die ihr ein junger westfälischer Verehrer des Verfassers 1784 lieh, halfen ihr weiter im Ringen um Klarheit und in der Überwindung des Geistes der Aufklärung. Sie trat Hamann persönlich nahe, als er 1787/88 auf seiner Besuchsreise nach Westfalen die letzten Wochen seines Lebens in Münster zubrachte; in ihrem Garten fand der »Magus des Nordens« seine letzte Ruhestätte. Unter dem Einfluß des Leiters der Normalschule in Münster, Bernhard Heinrich Overberg (s. d.), kehrte A. v. G. zum christlichen Glauben und zur katholischen Kirche zurück: an ihrem 38. Geburtstag, dem 28.8. 1786, legte sie eine Generalbeichte ab und empfing die Kommunion. Auf ihren Wunsch siedelte Overberg als ihr Beichtvater 1789 in ihr Haus über. Es wurde der Mittelpunkt des Münsterschen Kreises, der sich um die Fürstin sammelte. Zu dieser »familia sacra« gehörten u. a. die Brüder Kaspar Max und Clemens August Droste-Vischering (s. d.), später auch Friedrich Leopold Graf von Stolberg (s. d.), dem A. v. G. die Anregung zur Konversion gab und der mit seiner Gattin am 1.6. 1800 in ihrer Hauskapelle das katholische Glaubensbekenntnis ablegte. Der Münstersche Kreis um A. v. G. wurde von großer Bedeutung für die innere Erneuerung des deutschen Katholizismus.

Werke: Mittheilungen aus dem Tgb. u. Briefwechsel der Fürstin Adelheid A. v. G., 1868; Briefwechsel u. Tagebücher der Fürstin A. v. G., hrsg. v. Christoph Bernhard Schlüter, 3 Bde., 1874-76.

Lit.: Theodor Katerkamp, Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin A. v. G., 1828 (18392); - Joseph Galland, Die Fürstin A. v. G. u. ihre Freunde, 2 Tle., 1880; - Johannes Janssen, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg, 1882, 67 f. 80 f. 199 ff.; - Georges Goyau, L'Allemagne religleuse. Le Catholicisme I, Paris 1905, 253 ff.; - Hanny Brentano, A. Fürstin v. G., 1910 (19203); - Gotthilf Hiliner, Johann Georg Hamann u. das Christentum. III: Hamann u. die Fürstin G., Riga 1925; - L. Schmitz-Kauenberg, in: Overberg-Festschr., hrsg. v. Richard Stapper, 1926, 201 ff.; - H. Rehder, Die Bedeutung des Münsterkreises f. die dt. Lit., in: Journal of English and Germanic philology 37, Urbana 1938, 488 ff.; - Isabella Rüttenauer, Hamann u. die Fürstin G., in: Hochland 36/1, 1938, 203 ff.; - Joseph Nadler, J. G. Hamann. Der Zeuge des Corpus mysticum, Salzburg 1949; - Wilhelm Sahner, Die Fürstin A. v. G. als Erzieherin u. Schulmeisterin ihrer Kinder, 1949 (19562); - Fierre Brachin, Le cercle de Münster (1779-1806) et la penade religleuse de F. L. Stolberg, Lyon u. Paris 1952; - Fritz Blanke, Hamann u. die Fürstin G., in: ThLZ 77, 1952, 601 ff. (= Hamann-Stud., Zürich 1956, 113 - Ottmar Wolf, Die Fürstin A. v. G. u. Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg-Stolberg. Ein Btr. z. Stellung des G.-Kreises in der dt. Lit.- u. Geistesgesch. (Diss. Würzburg), 1952; - Ewald Reinhard, Die Münsterische »Familis sacra«. Der Kreis um die Fürstin G.: Fürstenberg, Overberg, Stolberg u. ihre Freunde, 1953; - Elisabeth van Randenborgh, Die Reise der Fürstin. Eine Erz. aus dem Leben der Fürstin A. A. v. G., 1954; - Dies., Gebeugt zu deiner Spur. Wege u. Begegnungen im Leben der Fürstin G. Roman, 1956; - Fürstenberg, Fürstin G. u. ihr Kreis. Quellen u. Forschungen, hrsg. v. Erich Trunz, 1955; - Walter Horace Bruford, Fürstin G. u. Goethe, 1957; - Siegfried Sudhof, Die Fürstin G. u. ihre Bedeutung f. das dt. Geistesleben, in: Westfalenspiegel, 1956, H. 4, S. 22 ff.; - Ders., Fürstin G. u. Claudius, in: Euph 53, 1959, 75 ff.; - Ders., Kreis v. Münster, in: Reallex. der dt. Lit.gesch. II, 19612, 439 ff.; - Der Kreis v. Münster. Briefe u. Aufzeichnungen Franz v. Fürstenbergs, der Fürstin G. u. ihrer Freunde, hrsg. v. dems., I, 1769-88, 1962 bis 1964; - Gisbert Kranz, Polit. Hll. u. kath. Reformatoren III, 1963, 252 ff.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch. I2, 1973, 851 f.; - Kosch, KD 919 ff.; - ADB VIII, 338 ff.; - NDB VI, 51 ff.; - LThK IV, 506; - NCE VI, 268; - RE XIV, 541 ff.; - RGG II, 1196.

Friedrich Wilhelm Bautz

Werkeergänzung:

Francois Hemsterhuis, Lettres de Socrate à Diotime. Cent cinquante lettres du philosophe néerlandais Frans Hemsterhuis à la princesse de G. Choisies, introd., éd. et annot. par Marcel Franz Fresco. Frankfurt/M. 2007.

Literaturergänzung:

Markus von Hänsel-Hohenhausen, A. Fürstin v.G. Bedeutung u. Wirkung. Frankfurt a.M. 2006; - Gerd Felder, Sanfter Mittelpunkt d. "familia sacra". Vor zweihundert Jahren starb Fürstin A.v.G., in: Die Tagespost Nr. 51 vom 29.4.2006, S. 17.

Letzte Änderung: 24.07.2008