GASS, Wilhelm, Theologe, * 28.11. 1813 in Breslau als Sohn des Theologieprofessors
Joachim Christian Gaß (s. d.), † 21.2. 1889 in Heidelberg. - G.
studierte seit Herbst 1832 in Breslau, Halle und Berlin. Er trat August
Neander (s. d.) persönlich nahe, der ihn nachhaltig beeinflußte. G.
wurde 1839 Privatdozent und 1846 ao. Professor in Breslau und 1847
nach Greifswald versetzt, wo er 1855 eine o. Professur erhielt. 1862
folgte G. als o. Professor für Systematische Theologie dem Ruf nach
Gießen und siedelte 1868 nach Heidelberg über als Nachfolger von Richard
Rothe (s. d.). Er wurde vom Großherzog als Vertreter der Fakultät
in die Generalsynode von 1871, 1876 und 1881 berufen und 1885 zum
Kirchenrat ernannt. - G. war ein hervorragend gelehrter Theologe vermittelnder
Richtung und kirchenpolitisch Vertreter eines gemäßigten Liberalismus
und des Unionsgedankens. Als Michael Baumgarten (s. d.) in Rostock
1858 seines theologischen Lehramts entsetzt wurde, äußerte sich G.
neben dem Gesamtgutachten der Greifswalder Fakultät auch in einer
besonderen Schrift, in der er den Standpunkt der mecklenburgischen
Kirchenbehörde energisch bekämpfte und das Urteil als ungerecht verwarf.
- G.s wissenschaftliches Arbeitsgebiet war die Geschichte der griechischen
Kirche im Mittelalter, die Geschichte der protestantischen Dogmatik
und die Geschichte der christlichen Ethik.
Werke: Gennadlus u. Pletho (behandelt den Kampf des Aristotelismus
u. Platonismus in der griech. Kirche des MA), 1844; Die Mystik des
Nikolaus Kabasilas v. Leben in Christo, 1849; Zur Gesch. der Athosklöster,
1865; Symbolik der griech. Kirche, 1872; Gesch. der prot. Dogmatik
I, 1854; II, 1857; III, 1862; IV, 1867; Die Lehre v. Gewissen, 1869;
Optimismus u. Pessimismus oder der Gang der christl. Welt- u. Lebensansicht,
1876; Gesch. der Ethik I, 1881; II/1, 1886; II/2, 1887. - Gab mit
Alexander Vial 1874-80 die Neuere KG v. der Ref. bis 1870 v. Ernst
Ludwig Theodor Henke, 3 Bde., heraus.
Lit.: Heinrich Bassermaun, Grabrede auf W. G., in: Prot.
KZ 1889, 251 ff.; - Carl Holsten, G., in: Bad. Biogrr. IV, 1906, 527
ff.; - Götz v. Seile, W. G., in: Ostdt. Biogrr., 1955, Nr. 331; -
ADB 49, 255 ff.; - RE VI, 373 ff.