GIESELER, Johann Karl Ludwig, Theologe, * 3.3. 1792
als Pfarrerssohn in Petershagen bei Minden (Westfalen), † 8.7. 1854 in Göttingen. - Seine Vorbildung
zum Studium an der Universität Halle erhielt G. von
seinem 10. Lebensjahr an in der Lateinschule der dortigen »Franckeschen Stiftungen« (s. Francke, August
Hermann) und wurde dort 1812 Lehrer. 1813 folgte
er dem Ruf des Vaterlandes und trat als freiwilliger
Jäger in die Reihe der Freiheitskämpfer ein. 1814
kehrte G. in das Lehramt nach Halle zurück und wurde 1817 Konrektor am Gymnasium in Minden und
1818 Direktor des Gymnasiums in Kleve. Eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Gebiet der Evangelienforschung brachte ihm 1819 den Ruf nach Bonn ein als
o. Professor der Theologie. Seit 1831 lehrte er in Göttingen Kirchen- und Dogmengeschichte und Dogmatik
und entfaltete daneben im öffentlichen Leben eine
vielseitige Tätigkeit. - G. war historisch-kritischer Rationalist und ein bedeutender Kirchenhistoriker. Sein
»Lehrbuch der Kirchengeschichte«, das Ferdinand Christian Baur (s. d.) »das nützlichste Werk der neueren
kirchenhistorischen Literatur« genannt hat, ist noch
wertvoll wegen der vielen und trefflich ausgewählten
Quellenstücke. G. ist auch bekannt durch seine Mitarbeit an der Lösung des synoptischen Problems. Er
ist der wichtigste Vertreter der »Traditionshypothese«,
nach der jeder der Synoptiker aus der mündlichen Tradition geschöpft habe, die schon einen einigermaßen
festen Typus angenommen hatte.
Werke: Nazaräer u. Ebioniten, 1819; Hist-krit. Vers. über die
Entstehung u. die frühesten Schicksale der schriftl. Evv., 1818;
Über den Reichstag zu Augsburg, 1821; Lehrb. der KG I. II. III,
1824-35 (I/1, 18444 I/2, 18454; II/1, 18464 II/2, 18484 II/3,
18492; II/4, 1835; III/1, 1835; III/2, 1835); IV. V. VI (= DG),
hrsg. v. Ernst Rudolf Redepenning, 1855 ff.; Rückblick auf die
theol. Richtungen der letzten 50 J., 1837; - Bibliogr., in: RE
VI,
663 f.
Lit.: Georg Heinrich Oesterley, Gesch. der Univ. Göttingen v.
1820-1837 (nach G.s eigenen Angaben), 1838, 410 ff.; - Ferdinand Christian Baur, Die Epochen der kirchl. Gesch.schreibung,
1852, 232 ff.; - Ernst Rudolt Redepenning, G.s Leben u. Wirken,
in: G.s Lehrb. der KG V, 1855, XLIII ff.; - Erich Fascher, Die
formgeschichtl. Methode, in: BZNW 2, 1924, 23 ff.; - J. Meyer,
Gesch. der Göttinger Theol. Fak., in: ZGNKG 42, 1937, 52 f.; -
Heinrich Hermelink, Das Christentum in der Menschheitsgesch.
v. der Frz. Rev. bis z. Ggw. I, 1951; III, 1952; - Robert
Stupperich, J. C. L. G.s Auffassung v. der Union u. seine Berufung
nach Göttingen, in: JGNKG 67, 1969, 158 ff.; - Hirsch V, 52; -
ADB IX, 163 ff.; - NDB VI, 388; - RE VI, 663 f.; - RGG II,
1570 f.; - ODCC2 565 f.