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Band II (1990)Spalte 243 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

GIESELER, Johann Karl Ludwig, Theologe, * 3.3. 1792 als Pfarrerssohn in Petershagen bei Minden (Westfalen), † 8.7. 1854 in Göttingen. - Seine Vorbildung zum Studium an der Universität Halle erhielt G. von seinem 10. Lebensjahr an in der Lateinschule der dortigen »Franckeschen Stiftungen« (s. Francke, August Hermann) und wurde dort 1812 Lehrer. 1813 folgte er dem Ruf des Vaterlandes und trat als freiwilliger Jäger in die Reihe der Freiheitskämpfer ein. 1814 kehrte G. in das Lehramt nach Halle zurück und wurde 1817 Konrektor am Gymnasium in Minden und 1818 Direktor des Gymnasiums in Kleve. Eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Gebiet der Evangelienforschung brachte ihm 1819 den Ruf nach Bonn ein als o. Professor der Theologie. Seit 1831 lehrte er in Göttingen Kirchen- und Dogmengeschichte und Dogmatik und entfaltete daneben im öffentlichen Leben eine vielseitige Tätigkeit. - G. war historisch-kritischer Rationalist und ein bedeutender Kirchenhistoriker. Sein »Lehrbuch der Kirchengeschichte«, das Ferdinand Christian Baur (s. d.) »das nützlichste Werk der neueren kirchenhistorischen Literatur« genannt hat, ist noch wertvoll wegen der vielen und trefflich ausgewählten Quellenstücke. G. ist auch bekannt durch seine Mitarbeit an der Lösung des synoptischen Problems. Er ist der wichtigste Vertreter der »Traditionshypothese«, nach der jeder der Synoptiker aus der mündlichen Tradition geschöpft habe, die schon einen einigermaßen festen Typus angenommen hatte.

Werke: Nazaräer u. Ebioniten, 1819; Hist-krit. Vers. über die Entstehung u. die frühesten Schicksale der schriftl. Evv., 1818; Über den Reichstag zu Augsburg, 1821; Lehrb. der KG I. II. III, 1824-35 (I/1, 18444 I/2, 18454; II/1, 18464 II/2, 18484 II/3, 18492; II/4, 1835; III/1, 1835; III/2, 1835); IV. V. VI (= DG), hrsg. v. Ernst Rudolf Redepenning, 1855 ff.; Rückblick auf die theol. Richtungen der letzten 50 J., 1837; - Bibliogr., in: RE VI, 663 f.

Lit.: Georg Heinrich Oesterley, Gesch. der Univ. Göttingen v. 1820-1837 (nach G.s eigenen Angaben), 1838, 410 ff.; - Ferdinand Christian Baur, Die Epochen der kirchl. Gesch.schreibung, 1852, 232 ff.; - Ernst Rudolt Redepenning, G.s Leben u. Wirken, in: G.s Lehrb. der KG V, 1855, XLIII ff.; - Erich Fascher, Die formgeschichtl. Methode, in: BZNW 2, 1924, 23 ff.; - J. Meyer, Gesch. der Göttinger Theol. Fak., in: ZGNKG 42, 1937, 52 f.; - Heinrich Hermelink, Das Christentum in der Menschheitsgesch. v. der Frz. Rev. bis z. Ggw. I, 1951; III, 1952; - Robert Stupperich, J. C. L. G.s Auffassung v. der Union u. seine Berufung nach Göttingen, in: JGNKG 67, 1969, 158 ff.; - Hirsch V, 52; - ADB IX, 163 ff.; - NDB VI, 388; - RE VI, 663 f.; - RGG II, 1570 f.; - ODCC2 565 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Letzte Änderung: 30.08.2008