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Band XVII (2000)Spalten 473-475 Ursula Olschewski

GÖRRES, Johann Joseph von, Publizist, Historiker, bedeutender Repräsentant des deutschen politischen Katholizismus. * 25.1. 1776 in Koblenz, † 29.1. 1848 in München. - Von 1786 bis 1793 besuchte G. das ehemalige Jesuitengymnasium zu Koblenz, in dem er mit aufklärerischen Ideen in Berührung kam. Danach bildete er sich autodidaktisch in der Medizin, den Naturwissenschaften und Geschichte. In den 90er Jahren sympathisierte G. mit den im Rheinland verbreiteten revolutionären republikanischen Strömungen und begrüßte den Anschluß seiner Heimat an die französische Republik. In dieser Zeit brach er mit der katholischen Kirche und widmete sich der politischen Publizistik (Der allgemeine Friede ein Ideal, 1798; Beiträge in den Zeitschriften Das Rothe Blatt, 1798/99; Der Rübezahl, 1799). - Nach seinem Aufenthalt in Paris, wo er 1799/1800 im Auftrag der Koblenzer Patrioten weilte, distanzierte sich G., enttäuscht von der Revolution und ihrem Despotismus, von seiner früheren Begeisterung für Frankreich und gab die publizistische Tätigkeit auf. Seit 1800 arbeitete G. als Lehrer der Naturwissenschaften an der Sekundärschule in Koblenz, von 1806-1808 als Privatdozent an der Universität Heidelberg, danach wiederum in Koblenz. - Zwischen 1814 und 1816 gab G. die Tageszeitung Rheinischer Merkur heraus, in der er gegen Napoleon für die nationale Freiheit und ein einiges Deutschland eintrat. In dieser Zeit pflegte G. Kontakte zum Freiherrn von Stein, Ludwig und Wilhelm Grimm und Friedrich Karl von Savigny. Sein Eintreten für die nationale Freiheit und eine freiheitliche Verfassung führte zum Verbot des »Rheinischen Merkur«, G. selbst mußte nach dem Erscheinen seiner Schrift »Teutschland und die Revolution« (1819) nach Aarau und Straßburg fliehen. In die Zeit des Exils fiel die Aussöhnung G.' mit der katholischen Kirche (1824), als deren sichtbares Zeichen seine Mitarbeit an der 1821 von Andreas Räß und Nikolaus Weis gegründeten, streng kirchlich-römisch ausgerichteten Zeitschrift »Der Katholik« gilt. In Straßburg veröffentlichte G. mit den Schriften »Der Heilige Franziskus von Assisi«, ein Troubadour« (1826) und »Emanuel Swedenborg« (1827) die Ergebnisse seiner Beschäftigung mit der christlichen Mystik. - 1827 berief ihn Ludwig I. von Bayern als Professor für Allgemeine und Litterärgeschichte an die neugegründete Universität München. Hier entstand in den Jahren 1836-1842 das vierbändige kompilatorische Werk »Die christliche Mystik«, das allerdings wegen seiner schwer verständlichen Sprache wenig Beachtung fand. In seinem Münchner Haus bildete sich ein christlich-konservativer Kreis, dem später so bedeutende Persönlichkeiten wie der Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger, Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler, der Sozialphilosoph Franz von Baader und der »Gesellenvater« Adolph Kolping angehörten. Sprachrohr des Görreskreises waren die Zeitschrift »Eos« und seit 1838 die »Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland«, die sich später zum wichtigsten literarischen Organ der sich formierenden großdeutsch ausgerichteten politischen Freiheitsbewegung der deutschen Katholiken entwickelten. - Die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Freiherr von Droste zu Vischering im Jahr 1837 wegen seiner Haltung im Mischehenstreit nahm G. zum Anlaß, 1838 mit der Streitschrift »Athanasius« in die politische Kontroverse einzugreifen, womit er dem »Kölner Ereignis« die eigentliche Öffentlichkeits-Resonanz verlieh. Die ca. 150 Seiten starke Schrift, die im gleichen Jahr die vierte Auflage und eine Gesamtzahl von 10000 Exemplaren erreichte, bot Ansatz für den politischen Katholizismus in Deutschland. In seinem Alterswerk »Die Wallfahrt nach Trier« (1854) wandte sich G. gegen Rationalismus und Deutschkatholizismus und trat für ein friedliches Zusammenleben der getrennten Konfessionen ein. - G. starb am 29. Januar 1848 in München und fand dort seine letzte Ruhestätte. Seine wissenschaftliche Hinterlassenschaft ist noch wenig erschlossen.

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Werke: Joseph Görres, Gesammelte Schriften, hrsg. im Auftrag der Görres-Gesellschaft v. W. Schellberg, A. Dyroff und L. Just, fortgeführt von H. Raab, Bd. 1-16, und Erg.-Bde. 1 u. 2, Köln 1926-1984.

Lit.: R. Morsey, Joseph Görres, in: Zeitgeschichte in Lebensbildern, Bd. 3, hrsg. v. J. Aretz, R. Morsey und A. Rauscher, Mainz 1979, 26-35; - Joseph Görres (1776-1848). Leben und Werk im Urteil seiner Zeit, hrsg. v. H. Raab, Paderborn 1984; - B. Wacker, Revolution und Offenbarung. Das Spätwerk (1824-48) von Joseph Görres - eine politische Theologie, Mainz 1990; - TRE XIII, 550-552; - LThK3 IV, 841f.

Ursula Olschewski

Werkeergänzung:

2009

Gesammelte Schriften. Hrsg. von Wilhelm Schellberg. Briefe: Bd. 1: Briefe d. Münchner Zeit. Paderborn 2009.

Literaturergänzung:

2001

Vanden Heuvel, Jon. A German Life in the Age of Revolution: Joseph Görres, 1776-1848. Washington 2001; -

2002

Marcus Bauer, D. Athanasius von J.G. Frankfurt a.M. 2002 (=Europ. Hochschulschrifte : Reihe 3, Geschichte u. ihre Hilfswiss.; 933); -

2005

Christoph Prignitz, Bürgerl. Leben im Zeichen d. Uhr. Bem. zu e. literar. Kontroverse um 1800 in Dtl. Frankfurt a.M. 2005; -

2007

Armin Schlechter, Die Romantik in Heidelberg. Brentano, Arnim u. G. am Neckar. Heidelberg 2007; -

2010

Matthias Bär, Die Beziehungen d. Münchener Görreskreises u. anderer kath. Gelehrter in d. kath. England. St. Ottilien 2010.

Letzte Änderung: 09.04.2011