|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
GRATIUS (van Graes), Ortwin, Humanist, Theologe, um 1480 in Hohwick bei Coesfeld (Westfalen), † 22.5. 1542 in Köln. - G. wurde im Haus seines Oheims in Deventer erzogen und von Alexander Hegius (s. d.) unterrichtet. 1501 bezog er die Universität Köln, promovierte 1506 zum »magister artium« und lehrte dort seit 1507 an der Artistenfakultät in scholastischem Geist. Seit 1509 arbeitete G. nebenberuflich in der Druckerei von Quentell in Köln als Korrektor und Herausgeber klassischer und mittelalterlicher Werke. 1514 empfing er die Priesterweihe. - Der getaufte Jude Johann Pfefferkorn (s. d.), ein fanatischer Gegner des Judentums, beantragte in Verbindung mit den Kölner Dominikanern bei Maximilian I. erfolgreich die Vernichtung der rabbinischen Literatur, da sie voller Schmähungen gegen das Christentum sei. In dem vom Kaiser eingeforderten Gutachten stimmte Johannes Reuchlin (s. d.) der Vernichtung der antichristlichen Schmähschriften der Juden zu, trat aber für die Erhaltung ihrer philosophischen und religiösen Literatur ein. Hieran schloß sich die literarische Fehde zwischen Reuchlin und den Kölner Dominikanern, in die auch G. als Übersetzer einiger judenfeindlicher Schriften Pfefferkorns ins Lateinische (1507-09) hineingezogen wurde. In diesem Streit war G. der literarische Vorkämpfer der Kölner Theologen, während die jüngeren Humanisten sich entschieden auf die Seite Reuchlins stellten. Als Reuchlin 1514 eine Anzahl zustimmender Äußerungen und Aufmunterungsschreiben seiner Freunde unter dem Titel »Clarorum virorum epistolae ad Johannem Reuchlin Phorcensem« veröffentlichte, erschien als Gegenstück aus dem Kreis der Humanisten (Crotus Rubeanus [s. d.j und Ulrich von Hutten [s. d.]) 1515 der 1. und 1517 der 2. Teil der »Epistolae obscurorum virorum«. Diese Sammlung erdichteter Briefe von Anhängern der Kölner Theologen an G. ist eine drastische Verspottung der Dominikaner in treffender Satire. Die beiden Gegenschriften des G. von 1518 hatten nicht den gewünschten Erfolg. - G. ist auch bekannt als Herausgeber einer Sammlung von über 60 Schriften verschiedener Verfasser zur Geschichte und Gesetzgebung des deutschen Reiches und der Kirche und zur Frage der Kirchenreform. Sie enthält u. a. die Geschichte des Basler Konzils von Aeneas Sylvius (s. Pius II.). Das Werk kam unter Benedikt XIV. (s. d.) 1554 auf den »Index librorum prohibitorum«.
Werke: Orationes quodlibeticae, Köln 1508; Epistola apologetica, ebd. 1518 (Text bei Eduard Böcking, Ulrici Hutteni Operum Supplementum I, 1864, 396 ff.); Lamentationes obscurorum virorum, o. O. 1518 (Text ebd. 330 ff.; ein Klaglied der Verf. der »Epistolae obscurorum virorum« über den Mißerfolg ihrer Satire). - Gab heraus: Fasciculus rerum expetendarum ac fugiendarum, Köln 1535.
Lit.: Karl Eduard Förstemann, Einige Bem. über den Verf. der »Lamentationes obscurorum virorum« (O. G.), 1837; - Gottlieb Mohnike, O. G. in Beziehung auf die »Epistolae obscurorum virorum«, in: ZHTh 13, 1843, III, 114 ff.; - Hubert Gremans, O. G. u. der »Fasciculus rerum expetendarum ac fugiendarum«, in: AHVNrh 23, 1871, 192 ff.; - Ludwig Geiger, Johannes Reuchlin, 1871, 359 ff. 387 ff.; - Franz Heinrich Reusch, Der Index der verbotenen Bücher I, 1883, 247; II, 1885, 1220; - Dietrich Reichling, O. G. Sein Leben u. Wirken, 1884; - Walter Brecht, Die Verf. der »Epistolas obscurorum virorum«, 1904; - Epistolae obscurorum virorum, hrsg. v. Aloys Bömer, 1924, 6 ff. 35 ff. 103 f.; - Schottenloher I, Nr. 7310-7314; V, Nr. 46541 - Goedeke I, 448 f.; - ADB IX, 600 ff.; - RGG II, 1831; - LThK IV, 1171 f.
Friedrich Wilhelm Bautz
Literaturergänzung:
1985
James V. Mehl, O.G., conciliarism, and the call for church reform, in: ARG 76.1985, S. 169-194.
Letzte Änderung: 16.11.2008