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Band XIV (1998) Spalten 1062-1067 Autor: Norbert Wolff

GRATZ, Peter Alois, katholischer Priester, Bibelwissenschaftler und Pädagoge, * 17.8. 1769 in Mittelberg (Oberallgäu), + 1.11. 1849 in Darmstadt. - Als Sohn des Lehrers Cajetan G. in Mittelberg geboren, wuchs P.A.G. nach einer Versetzung des Vaters von 1773/74 an in Stötten (Ostallgäu) auf. Er besuchte die Klosterschule in Füssen (höchstwahrscheinlich auch das Gymnasium St. Salvator in Augsburg) und studierte ab 1786 Philosophie und Theologie an der Universität Dillingen, wo u.a. Johann Michael Sailer, Patriz Benedikt Zimmer und Joseph Weber seine Lehrer waren. Am 24.8. 1792 wurde er in Dillingen zum Priester geweiht und trat seine erste Stelle als Hofmeister beim Freiherrn v. Raßler auf der Weitenburg unweit von Horb am Neckar an. 1795 wurde er Pfarrer des nahegelegenen Ortes Untertalheim, wo er private theologische Studien betrieb und sich nicht mehr allein mit der »praktischen Bibelauslegung« befaßte, die ihm von Sailer vermittelt worden war, sondern auch mit der »kritischen Bibelauslegung«. G. stand in Briefkontakt zum Konstanzer Generalvikar Ignaz Heinrich v. Wessenberg, dessen Reformanliegen er unterstütze. Wegen Streitigkeiten mit seiner Gemeinde zog er sich von Ostern 1805 bis September 1807 auf die Weitenburg zurück, wo er sich noch intensiver der Hl. Schrift widmen konnte. Inzwischen war die bisher österreichische Grafschaft Hohenberg, zu der Untertalheim und die Weitenburg gehörten, an Württemberg gefallen. Der Katholische Geistliche Rat in Stuttgart ernannte G. am 15. Juli 1809 zum Schulinspektor. Im Herbst 1812 wurde in Ellwangen eine »Katholische Landesuniversität« zur Ausbildung der württembergischen Priesteramtskandidaten errichtet. G., der sich schon Anfang 1807 als möglicher Professor ins Gespräch gebracht hatte und fünf Jahre später eine Arbeit über die Entstehung der synoptischen Evangelien veröffentlichte, erhielt hier den Lehrstuhl für griechische Sprache und Hermeneutik des NT. Anfang 1813 promovierte die Universität Freiburg/Br. ihn und die anderen Ellwanger Professoren zu Doktoren der Theologie. 1817 verlegte der württembergische Staat die katholisch-theologische Fakultät von Ellwangen nach Tübingen. Zusammen mit den Kollegen Johann Sebastian Drey, Johann Georg Herbst und Johann Baptist Hirscher rief G. hier 1819 die »Theologische Quartalschrift« ins Leben, deren erster Schriftleiter er wurde. Noch im selben Jahr folgte G. einem Ruf als Neutestamentler an die neu gegründete Universität Bonn. Zugleich wurde ihm die Aussicht eröffnet, in eines der preußischen Domkapitel eintreten zu können. Als »Professor primarius« war G. mit der Organisation der Bonner katholisch-theologischen Fakultät betraut. Dabei orientierte er sich am Tübinger Vorbild und bemühte sich beispielsweise, in Bonn ein Theologenkonvikt einzurichten. Mit dem Ehrenbreitsteiner Generalvikar Joseph von Hommer, der die Priesteramtskandidaten seines Sprengels zum Studium nach Bonn sandte, arbeitete G. eng zusammen. Ab 1820 kamen in der Bonner Fakultät Konflikte zwischen Georg Hermes und Franz Joseph Seber auf, in die auch der zu Sebers Seite tendierende G. verwickelt wurde. Von 1820 bis 1824 gab G. eine Zeitschrift mit dem Titel »Der Apologet des Katholicismus« heraus, in der er seine Kirche gegen ungerechtfertigte Angriffe von protestantischer Seite verteidigte. 1821 veröffentlichte G. den ersten Band eines Kommentars zum Matthäus-Evangelium. Im preußischen Kultusministerium waren inzwischen Zweifel an G.s Rechtgläubigkeit aufgekommen. Man holte deshalb von den katholischen Theologen Johann Anton Dereser (Breslau) und Johann Hyazinth Kistemaker (Münster) Gutachten zum Matthäus-Kommentar ein, die sehr negativ ausfielen. Infolgedessen bemühte sich Regierungsrat Johann Heinrich Schmedding ab Januar 1822, G. aus dem Lehramt zu entfernen und ihm die Stelle eines Domdekans in Trier zu verschaffen. Obwohl dieser der Ansicht war, nicht gegen die Lehre seiner Kirche verstoßen zu haben, erklärte er sich dazu bereit. Auch der ermländische Bischof Joseph v. Hohenzollern, der sich als Exekutor der Zirkumskriptionsbulle »De salute animarum« um die Neuordnung des katholischen Kirchenwesens in Preußen zu kümmern hatte, erteilte sein Einverständnis. In dieser Situation - noch bevor bekanntgeworden war, daß G. Domdekan werden sollte - begann ein heftiger literarischer Kampf um den Kommentar. Ultramontane Kreise des Rheinlands versuchten mit aller Macht, G. der Irrlehre zu überführen. Vor allem der Düsseldorfer Pfarrer Anton Joseph Binterim scheute hier vor unlauteren Mitteln nicht zurück, indem er etwa Zitate aus dem Zusammenhang riß oder G. Aussagen unterschob, die dieser nicht gemacht hatte. Über den Münchener Nuntius Francesco Serra di Cassano gelangten sowohl der Matthäus-Kommentar als auch Binterims Schriften nach Rom. An eine Beförderung G.s zum Domdekan war damit nicht mehr zu denken. Daher äußerte Hommer, inzwischen designierter Bischof von Trier, am 3.10. 1823, daß er G. nur nach dessen öffentlicher Erklärung über seine Rechtgläubigkeit und nach der Genehmigung durch den Hl. Stuhl in das Domkapitel aufnehmen könne. G. war zu einer solchen Erklärung nicht bereit. Ohnehin lehnte Papst Leo XII. ihn kategorisch ab, wie er Hohenzollern am 25.9. 1824 mitteilte. Im preußischen Kultusministerium stand man nun vor dem Problem, für G., der schon zu Ostern 1823 die Vorlesungstätigkeit eingestellt hatte, eine gleichwertige Stelle zu finden. Eine Ernennung zum Geistlichen Rat und Schulrat in Trier, die Ende 1825 ausgesprochen wurde, nahm G. zunächst nicht an, weil sie für ihn mit einer großen finanziellen Einbuße verbunden gewesen wäre. Erst nachdem ihm garantiert worden war, sein volles Professorengehalt weiter zu beziehen, begab er sich Ende 1828 nach Trier. Das 1829 erfolgte Angebot, einen theologischen Lehrstuhl in Freiburg/Br. zu übernehmen, lehnte G. ab. In Trier entfaltete er noch einmal eine fruchtbare Tätigkeit und machte sich insbesondere um das von der Schließung bedrohte Trierer Schullehrerseminar verdient. Zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen G. und Hommer kam es nicht mehr. Als sich im Jahre 1831 junge Trierer Geistliche zusammenschlossen, um kirchliche Reformen in die Wege zu leiten, war G. zwar nicht aktiv beteiligt, hatte aber Kontakt zu den Reformern und äußerte Verständnis für ihre Ideen. Bis 1839 versah er den Dienst als Schulrat in Trier, um anschließend seinen Ruhestand an der Bergstraße zu verbringen. Er starb am 1.11. 1849 in Darmstadt, wo er zwei Tage später begraben wurde. - G., dem lange das Odium eines Rationalisten anhaftete, darf zu den bedeutenden katholischen Bibelwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts gerechnet werden. Sein Anliegen war es, aufzuzeigen, daß auch Katholiken auf eine rational verantwortbare und wissenschaftlich ernstzunehmende Weise Theologie betreiben können. Eigentlich sei die Freiheit der katholischen Bibelwissenschaftler, die sich auf Tradition und Schrift stützen können, größer als die ihrer evangelischen Kollegen. In seinem Hauptwerk, dem Matthäus-Kommentar, setzte G. sich mit radikalen aufklärerischen Positionen auseinander, was ihm unberechtigterweise den Vorwurf eintrug, diese Positionen zu unterstützen. Der 1823 erschienen zweite Band des Kommentars wäre geeignet gewesen, die Haltlosigkeit dieser Vorwürfe aufzuzeigen, wurde jedoch in der Öffentlichkeit fast nicht rezipiert. In kirchenpolitischer Hinsicht trat G. für eine relativ große Freiheit der deutschen Kirche gegenüber Rom ein und erwies sich als Anhänger eines in den Ideen des 18. Jahrhunderts gründenden Episkopalismus. G. verteidigte die Unfehlbarkeit der katholischen Kirche, sprach sich allerdings gegen die päpstliche Unfehlbarkeit aus. Um das katholische Schulwesen im Regierungsbezirk Trier erwarb G. sich große Verdienste, wobei ihm nicht zuletzt seine musikalischen Fähigkeiten zustatten kamen.

Werke: Gebete für die Schuljugend. Eine Christenlehrschankung, Konstanz 1799; Sammlung auserlesener Kirchen-Lieder, Tübingen 11811 (21813); ABC-Büchlein für die erste Abtheilung der I. Klasse in Land-Schulen, Untertalheim 1812; Neuer Versuch, die Entstehung der drey ersten Evangelien zu erklären, Tübingen 1812; Kritische Untersuchungen über Justins apostolische Denkwürdigkeiten, Stuttgart 1814; Ueber Interpolationen in dem Briefe Paulus an die Römer, und ihrer Veranlassung mehrerer Schwierigkeiten in diesem Briefe, Ellwangen 1814; Ist nach der Schrift die Ehescheidung den Christen verboten?, in: Archiv für das katholische Kirchen- und Schulwesen 3/3, 1815, 33-46; Regiae Academiae Fridericianae ... Inest disquisitionum in Pastorem Hermae Partic. I, [Ellwangen 1816]; Ueber die Grenzen der Freiheit, die einem Katholiken in Betreff der Erklärung der heiligen Schrift zusteht, Ellwangen 1817; Disquisitio in Pastorem Hermae, in: Archiv für die Pastoralkonferenzen in den Landkapiteln des Bisthums Konstanz, 1817, Bd. 2, 224-234; Kritische Untersuchungen über Marcions Evangelium, Tübingen 1818; Natalitia augustissimi ... Friderici Guilelmi III. ... Inest disquisitionum in Pastorem Hermae Partic. I, Bonn 1820; Der Apologet des Katholicismus. Eine Zeitschrift zur Berichtigung mannigfaltiger Entstellungen des Katholicismus, 9 Hh., Mainz 1820-1824; Novum Testamentum graeco-latinum, 2 Tle., Tübingen 1821; Kritisch-historischer Kommentar über das Evangelium des Matthäus, 2 Tle., Tübingen 1821-1823; Briefe über die Wunderheilungen des Fürsten Alexander von Hohenlohe von dessen ehmaligen Lehrer, Mainz 1822; Ein Wort an das Publikum über Pastor Binterim, als Verläumder, Mainz 1823; Drei öffentliche Stimmen gegen die Angriffe des Pastors Binterim auf den Kommentar des Professors G., Bonn 1825; Novum Testamentum graece et latine, 2 Tle., Mainz 11827 (21851); Nova collectio dissertationum selectarum in jus ecclesiasticum potissimum germanicum, quae ab anno 1780 in diversis universitatibus catholicis prodierunt, Bd. 1, Mainz 1829; Sammlung vorzüglicher alter Kirchen-Melodien, mit Orgel-Begleitung, zunächst zum Gebrauche in den katholischen Elementar-Schulen des Regierungs-Bezirks Trier, Trier [1830]; Sammlung neuer Kirchen-Melodien, mit Orgel-Begleitung, als Fortsetzung der Sammlung vorzüglicher alter Kirchen-Melodien, zunächst zum Gebrauche in katholischen Elementar-Schulen des Regierungs-Bezirks Trier, Trier [1831]; Kirchenlieder, gesammelt für die katholische Schuljugend des Regierungsbezirkes Trier, Trier 1831; Französisches Sprachbuch für Anfänger, 2 Bde., Karlsruhe 1831; - Artikel in der ThQ 1, 1819 bis 13, 1831 (Zusammenstellung bei Lösch, Ergänzungen bei Wolff [1998]).

Lit.: Peter Stürmer, P.A.G., Doctor der Theologie, Regierungs-, geistlicher- und Schulrath und Ritter des rothen Adler-Ordens, in: Trier'sches Schulblatt 2, 1850, 301-308; - A[nton] Eichhorn, Die Ausführung der Bulle »De salute animarum« in den einzelnen Diöcesen des Preußischen Staates durch den Fürstbischof von Ermland, Prinz Joseph von Hohenzollern, in: Zeitschrift für die Geschichte und Alterthumskunde Ermlands 5, 1870, 1-130; - Eugen Haug, Geschichte der Friedrichsuniversität Ellwangen 1812-1817, Ellwangen 1917; - Heinrich Schrörs, Geschichte der katholisch-theologischen Fakultät zu Bonn 1818-1831, Köln 1922; - Sebastian Merkle, Zu Görres' theologischer Arbeit am »Katholik«, in: Görres-Festschr., hrsg. v. Karl Hoeber, Köln 1926, 151-190; - Josef Zeller, Das Generalvikariat Ellwangen (1812-1817) und sein erster Rat Dr. Josef von Mets, in: ThQ 109, 1928, 3-160; - Hubert [Beda] Bastgen, Erzbischof Graf Spiegel von Köln und der Heilige Stuhl, Freiburg/Br. 1932; - Cornel Schönig, Anton Josef Binterim (1779-1855) als Kirchenpolitiker und Gelehrter, Düsseldorf 1933; - Stephan Lösch, Die Anfänge der Tübinger ThQ (1819-1831), Rottenburg/N. 1938; - Alois Thomas, P.A.G. Ein Führer der Reformbewegung unter Bischof Hommer von Trier, in: TThZ 56, 1947, 301-312; - Walter Lipgens, Beiträge zur Lehrtätigkeit von Georg Hermes, in: HJ 81, 1962, 174-222; - Wilhelm Zimmermann, Der Aufbau des Lehrerbildungs- und Volksschulwesens unter der preußischen Verwaltung 1814-1840 (1846), Köln 1963; - Josef Rief, P.A.G. 1769-1849, in: ThQ 150, 1970, 28-33; - Christoph Weber, Aufklärung und Orthodoxie am Mittelrhein 1820-1850, München 1973; - Richard Dertsch, P.A.G., in: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben X, Weißenhorn 1973, 191-216; - Rudolf Reinhardt, Ein Kapitel katholischer Aufklärung. Neues über P.A.G. und seine Zeitgenossen, nebst sieben seither unbekannten Briefen des Theologen, in: ThQ 154, 1974, 340-365; - Edgar Christoffel, Die Geschichte der Volksschule im Raum des heutigen Regierungsbezirks Trier von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 1: Von den Anfängen bis 1932, Trier 1975; - Alois Thomas (Hrsg.), Josef von Hommer 1760-1836. Meditationes in vitam meam peractam, Mainz 1976; - Rudolf Reinhardt, Die katholisch-theologische Fakultät Tübingen im ersten Jahrhundert ihres Bestehens, in: Tübinger Theologen und ihre Theologie, hrsg. v. Rudolf Reinhardt, Tübingen 1977, 1-42; - Ders., Die Friedrichs-Universität Ellwangen, 1812-1817, in: Ellwanger Jahrbuch 27, 1977/78, 93-115; - [Hubert] Beda Bastgen, Die Besetzung der Bischofssitze in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hrsg. v. Reimund Haas, München 1978; - Joseph Overath, P.A.G. (1769-1849). Ein zu Unrecht vergessener Neutestamentler des letzten Jahrhunderts, in: Ellwanger Jahrbuch 28, 1979/80, 82-98; - Herman H. Schwedt, Das römische Urteil über Georg Hermes (1775-1831), Rom 1980; - Christian Renger, Die Gründung und Einrichtung der Universität Bonn und die Berufungspolitik des Kultusministers Altenstein, Bonn 1982; - Ludger Müller, Kirchenrecht in Bonn, in: ZSavRGkan 71, 1985, 215-326; - Norbert Wolff, »Daß die weltliche Oberbehörde mit ein wenig einschritte«, in: AMRhKG 46, 1994, 323-343; - Rudolf Reinhardt, 175 Jahre ThQ - ein Spiegel Tübinger Theologie, in: ThQ 176, 1996, 101-124; - Norbert Wolff, Bibel und Bibelwissenschaft in der Aufklärungszeit, in: Dominikus von Brentano 1740-1797, hrsg. v. Reinhold Bohlen, Trier 1997, 205-227; - Ders., P.A.G. (1769-1849) und sein Verhältnis zu Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761-1851), in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 16, 1997, 111-125; - Ders., P.A.G. (1769-1849). Ein Theologe zwischen »falscher Aufklärung« und »Obscurantismus«, Trier 1998 (mit ausführlicher Bibliographie); - Neuer Nekrolog der Deutschen XXVII (1849 [1851]), 868; - ADB IX, 602; - Wetzer-Welte V, 1042-1045; - LThK1 IV, 653; - Kosch, KD I, 1106; - LThK2 IV, 1172 f.; - DHGE XXI, 1253-1255; - LThK3 IV, 990.

Norbert Wolff

Letzte Änderung: 24.11.1998