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Verlag Traugott Bautz
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GREGOR IX., Papst, * um 1170 in Anagni, † 22. 8. 1241 in Rom. - Ugolino Graf von Segni studierte in Paris Theologie und in Bologna die Rechte. Er wurde unter Innozenz III. (s. d.), seinem Oheim, päpstlicher Kaplan, 1198 Kardinaldiakon von St. Eustachius und 1206 Kardinalbischof von Ostia. Innozenz III. und Honorius III. (s. d.) betrauten ihn mit wichtigen Missionen. Am 22.11. 1220 assistierte er bei der Kaiserkrönung Friedrichs II. in Rom und wurde 1221 zum Kreuzzugsprediger für Mittel- und Oberitalien bestellt. Franz von Assisi (s. d.) erbat sich 1220 von Honorius III. zum Protektor der »fratres minores« Ugolino, der mit dem Franziskaner Elias von Cortona (s. d.) eifrig die Umwandlung der freien Minoriten in einen Mönchsorden betrieb. Die dritte, endgültige Fassung der Ordensregel ist im wesentlichen ein Werk Ugolinos und wurde am 29.11. 1223 von Honorius III. bestätigt. 1218/19 verfaßte er im Anschluß an die Benediktinerregel die erste Regel des Klarissenordens, des zweiten Ordens des Franz von Assisi, den dieser gemeinsam mit Klara von Assisi (s. d.) am 18.3. 1212 begründet und bis 1217 selber geleitet hatte. Ugolino wurde am 19.3. 1227 zum Nachfolger des am vorhergehenden Tag verstorbenen Honorius III. gewählt und als G. IX. inthronisiert. Er hat die Zwei-Schwerter-Theorie in voller Konsequenz ausgesprochen: »Uterque gladius ecclesiae traditur; sed ab ecclesia exercendus est unus, alius pro ecclesia manu saecularis principis eximendus, unus a sacerdote, alius ad nutum sacerdotis administrandus a milite.« G. war leidenschaftlich auf die Erhaltung der päpstlichen Weltherrschaft und die Freiheit des Kirchenstaates bedacht und darum der entschlossenste Gegner des deutschen Kaisertums. Schon im ersten Pontifikatsjahr kam es zum völligen Bruch zwischen G. und Friedrich II. Der Kaiser schob die von ihm schon bei seiner Aachener Krönung zum deutschen König 1215 gelobte Kreuzfahrt immer wieder auf, um zuvor seine Macht im Königreich Sizilien zu stärken. Der Papst drängte auf die Erfüllung seines mehrfach wiederholten Versprechens. Am 8.9. 1227 trat Friedrich II. in Brindisi die Kreuzfahrt an, gab sie aber bereits zwei Tage später in Otranto auf, weil unter den Kreuzfahrern eine Fieberepidemie ausgebrochen und er selber erkrankt war. G. empfing nicht die Boten des Kaisers, die ihn über seine Umkehr aufklären sollten, sondern verkündigte am 29.9. die Exkommunikation Friedrichs II. und wiederholte die Bannung am 18.11. 1227 und am 23.3. 1228. Unter Protest des Papstes brach der gebannte Kaiser am 28.6. 1228 von Brindisi aus zum 6. Kreuzzug auf und erreichte durch diplomatisches Geschick ohne Schwertstreich mehr, als die früheren Kreuzfahrer durch blutige Schlachten gewonnen hatten. Es gelang ihm, am 18.2. 1229 mit dem Sultan El-Kamil von Ägypten einen Vertrag zu schließen: gegen einen zehnjährigen Waffenstillstand und freie Religionsausübung der Muslimen in der Jerusalemer Moschee wurde den Christen das Gebiet von Jerusalem, Bethlehem und Nazareth und der Küstenstrich von Sidon und Joppe abgetreten. Trotz des Widerstandes von seiten des Patriarchen Gerold von Jerusalem, der Johanniter und Templer krönte Friedrich II. am 18.3. 1229 in der Grabeskirche sich selbst zum König von Jerusalem. Daraufhin belegte der Patriarch die heiligen Stätten mit dem Interdikt. In Italien benutzte G. die Abwesenheit des Kaisers, um durch seine »Schlüsselsoldaten« den Kampf gegen die Stauferherrschaft in Sizilien zu führen. Als Friedrich II. das erfuhr, kehrte er aus dem Heiligen Land rasch zurück. Am 10.6. 1229 landete der Kaiser in Brindisi und vertrieb in wenigen Wochen die päpstlichen Truppen aus Sizilien. Durch Vermittlung des Hochmeisters des Deutschen Ordens, Hermann von Salza (s. d.), kam es nach Vorverhandlungen in San Germano Ende Juli 1230 zum Frieden von Ceperano: Friedrich II. erkaufte durch wichtige Zugeständnisse am 28.8. die Lösung vom Bann. Bei dem grundsätzlichen Widerstreit der kaiserlichen und päpstlichen Interessen in Norditalien konnte der Friede keinen Bestand haben. Der Kaiser gewann in Deutschland durch Niederwerfung der Empörung seines Sohnes Heinrich eine feste Stellung und errang am 27.11. 1237 einen glänzenden Sieg bei Cartenuova über den Bund der lombardischen Städte. Nach der vergeblichen Belagerung von Brescia im August 1238 durch Friedrich II. verbündete sich der Papst mit den Lombarden sowie mit Venedig und Genua und belegte am 20.3. 1239 den Kaiser aufs neue mit dem Bann. Es kam zu einem heftigen Streitschriftenkrieg, in dem der Kaiser G. als den Drachen der Apokalypse und den Antichrist bezeichnete, während der Papst Friedrich II. des Unglaubens beschuldigte und behauptete, er habe gesagt, Jesus, Mose und Mohammed seien die drei großen Betrüger der Menschheit, was aber der Kaiser entschieden bestritt. G. betrieb durch Albert von Behaim, seinen Legaten in Deutschland und Vollstrecker der Bannbulle gegen Friedrich II., erfolglos die Aufstellung eines Gegenkönigs. Der Papst berief für Ostern 1241 nach Rom eine allgemeine Synode, die den Kaiser aburteilen sollte. Da Friedrichs II. Protest gegen die Einberufung der Synode vergeblich war, verhinderte er ihre Tagung. Die kaiserlich-pisanische Flotte errang am 3.5. 1241 südöstlich von Elba, zwischen den Inseln Monte Christo und Giglio, einen glänzenden Sieg über die Flotte der Genuesen, die am 25.4. unter starkem Schutz abgefahren war, um die auswärtigen kirchlichen Würdenträger sicher nach Rom zum Konzil zu bringen. Mehr als 60 Prälaten gerieten dabei in kaiserliche Gefangenschaft. Weite Teile des Kirchenstaates waren von Friedrich II. besetzt. Der Papst aber lehnte alle Versuche des Kaisers, eine Verständigung herbeizuführen, entschieden ab. Er verlangte von ihm bedingungslose Unterwerfung. Als Friedrich II. vor den Toren Roms stand, starb sein Gegner. - G. förderte die Bettelorden, deren Stifter er heiligsprach: Franz von Assisi am 16.7. 1228 und Dominikus (s. d.) am 13.7. 1234. Schon zu Lebzeiten des Franz von Assisi begannen die Streitigkeiten um das Armutsideal des Ordensstifters. Der Orden spaltete sich in zwei einander heftig bekämpfende Parteien, die laxe Richtung der »fratres de communitate«, die die ursprüngliche Strenge zu mildern suchte, und die schroffe Richtung der »Spirituales« oder »Zelatores«, die an der alten Strenge festhielt. G.s Bulle »Quo elongati« vom 28.9. 1230 erklärte das Testament des Franz von Assisi für nicht streng verbindlich und gestattete dem Orden gegen die Regel von 1223 die Sammlung von Geld durch Mittelspersonen, die nicht dem Orden angehören. Auf dem Pfingskapitel 1239, das G. persönlich in Rom leitete, wurde Elias von Cortona, der seit 1232 »minister generalis« war, sich aber mit beiden Parteien verfeindet hatte, mit Zusimmung G.s, seines bisherigen Gönners, abgesetzt. Mit einem Teil seiner Anhänger schloß sich Elias dem Kaiser an und wurde darum vom Papst gebannt. - 1227 beauftragte G. den Weltpriester Konrad von Marburg (s. d.) mit ausgedehnten Vollmachten mit der Inquisition in Deutschland. Nach sechsjährigem Schreckensregiment wurde der erste deutsche Ketzermeister von erbitterten Rittern erschlagen. G. organisierte 1232 das kirchliche Inquisitionsverfahren, indem er zur Aufspürung der Ketzer in jeder Diözese einen eigenen Gerichtshof einrichtete, den er direkt dem Papst unterstellte und mit Dominikanern besetzte. - G. beauftragte 1230 den spanischen Dominikaner Raimund von Penaforte (s. d.) mit der Abfassung einer neuen Dekretalensammlung. Raimund verarbeitete die fünf älteren Kompilationen (Quinque Compilationes antiquae) in Verbindung mit den gregorianischen Dekretalen in eine Sammlung von 5 Büchern, die man »Liber extra Decretum« oder »Libri V decretalium Gregorii IX«. nennt. Diese neue Gesetzessammlung, ein Hauptteil des »Gorpus Iuris Canonici«, wurde mit der Bulle »Rex pacificus« vom 5.9. 1234 den Universitäten Bologna und Paris übersandt. - Für die Geschichte der mittelalterlichen Theologie und Philosophie war es von Bedeutung, daß G. das Studium des Aristoteles freigab, nachdem in seinem Auftrag drei französische Theologen aus den Schriften des Aristoteles über die Naturphilosophie alles entfernt hatten, was nicht mit dem kirchlichen Dogma übereinstimmt. - G. sprach am 30.5. 1232 Antonius von Padua (s. d.) heilig und am 27.5. 1235 Elisabeth von Thüringen (s. d.).
Lit.: Pietro Balan, Storia di G. IX e dei suoi tempi, 3 Bde., Modena 1872/73; - Joseph Felten, Papst G. IX., 1886; - Karl Köhler, Das Verhältnis Friedrichs II. zu den Päpsten seiner Zeit, 1888; - Jakob Marx, Die Vita Gregorii IX. quellenkrit. unters., 1889; - Guido Levi, Registri dei cardinali Ugolino d'Ostia e Ottaviano degli Ubaldini, Rom 1890, 3-154; - Lee registres de G. IX; recueil des bulles de ce pape, publiées ou analysées d'après lee manuscrits originaux du Vatican, hrsg. v. Lucien Auvray, 4 Bde., Paris 1890-1955; - Carl Rodenberg, Die Vorverhh. z. Frieden v. San Germano 1229-1230, in: NA 18, 1892, 177 ff.; - Victor Domeier, Die Päpste als Richter über die dt. Könige v. der Mitte des 11. bis z. Ausgang des 13. Jh.s, 1897, 58 ff.; - Reinhold Röhricht, Gesch. des Kgr. Jerusalem (1100 bis 1291), Innsbruck 1898, 757 ff.; - Walter Norden, Papsttum u. Byzanz. Die Trennung der beiden Mächte u. das Problem ihrer Wiedervereinigung bis z. Untergang des byz. Reiches (1453), 1903, 305 ff.; - Paul Braun, Der Beichtvater der hl. Elisabeth u. dt. Inquisitor, Konrad v. Marburg (Diss. Jena), 1909; - Wilhelm Fuchs, Die Besetzung der dt. Bistümer unter Papst G. IX. u. bis z. Regierungsantritt Papst Innozenz' IV. (Diss. Berlin), 1911; - Ernst Brem, G. IX. bis z. Beginn seines Pontifikate, 1911; - Hieronymus Golubovich, Disputatio Latinorum et Graecorum seu Relatio Apocrisiariorum G. IX de gestis Nicaeae in Bithynia et Nymphaeae in Lydia gestis (1234), in: AFrH 12, 1919, 418 ff.; - Karl Hampe, Die Aktenstücke z. Frieden v. San Germano, 1926; - Ders., Das Hoch-MA, 19534, 121 ff.; - Lilly Zarncke, Der Anteil des Kard. Ugolino an der Ausbildung der drei Orden des hl. Franz, 1930 (Nachdr. Hildesheim 1972); - Ludwig Förg, Die Ketzerverfolgung in Dtld. unter G. IX. Ihre Herkunft, ihre Bedeutung u. ihre rechtl. Grdl.n (Diss. München), Berlin 1932; - Benedikt Zöllig, Kard. Hugolin u. der hl. Franziskus, in: FS 20, 1933, 1 ff. (vgl. AFrH 19, 1926, 350 ff.); - Jean Guiraud, Histoire de l'inquisition au moyen âge, 2 Bde., Paris 1935-38; - Martin Grabmann, I divieti ecclesiastici di Anstotele sotto Innocenzo III e G. IX, Rom 1941; - G. Marchetti-Longhi, Ricerche sulle famiglia di G. IX, in: Archivio della Reale Deputazione Romana di storia patria 67, Rom 1944, 275 ff.; - Christine Thouzellier, La légation en Lombardie du cardinal Hugolin (1221). Un épisode de la cinquième croisade, in: RHE 45, 1950, 508 ff.; - Kajetan Eßer, Die Briefe G.s IX. an die hl. Klara v. Assisi, in: FS 35, 1953, 274 ff.; - Bruno Gebhardt, Hdb. der dt. Gesch. I, hrsg. v. Herbert Grundmann, 19548, 360 ff.; - Ferdinand Gregorovius, Gesch. der Stadt Rom im MA, neu hrsg. v. Waldemar Kampf, II, 1954, 354 ff.; - Hans Martin Schauer, Die Antwort G.s IX. auf Petrus de Vinea I,1 »Collegerunt pontifices«, in: DA 11, 1954, 140 ff.; - Ders., Das letzte Rundschreiben G.s IX. gg. Friedrich II., in: Festschr. f. Percy Schramm I, 1964, 309 ff.; - G. Abate, in: Miscellanea Franrescana 55, Rom 1955, 367 ff.; - Salvatore Sibilia, G. IX, Mailand 1961; - Pierre Michaud-Quantin, Remarques sur l'oeuvre législative de G. IX, in: Studes d'histoire du droit canonique dédiées à Gabriel Le Bras, I, Paris 1965, 273 ff.; - Ernesto Pontieri, Federico II d'Hohenstaufen e i suoi tempi, Neapel 1970; - Odilo Engels, Die Staufer, 1972; - MG Epp I, 261 ff.; - Schulte II, 408 ff.; - Mirbt 194 ff.; - Mann XIII, 165-441; - Haller IV, 47 ff.; - Seppelt III, 411 ff. 614 f. u. ö.; - LexP 102 ff.; - Hefele-Leclercq V/2, 1467-1611; - Hauch IV, 803 ff.; - EC VI, 1134 ff.; - LThK IV, 1186 ff.; - NCE VI, 775 ff.; - ODCC2 596 f.; - RE VII, 118 ff.; XXIII, 593; - EKL I, 1707 f.; - RGG II, 1840.
Friedrich Wilhelm Bautz
Literaturergänzung:
1980
Richard T. Spence, The impact of historical events on the compilation of the "littere curiales" from Pope Gregory IX's twelfth year, in: AHP 18.1980, S. 383-393; -
1983
Robert C. Figueira, The classification of medieval papal legates in the "Liber extra", in: AHP 21.1983, S. 211-228; -
1998
Filippo Liotta, I papi Anagnini e lo sviluppo del diritto canonico classico. Tratti salienti, in: AHP 36.1998, S. 33-47; -
2000
Vittorio Cinti, La disciplina della "res iudicata" nel Decreto di Gratiano e nelle decretali di Gregorio IX., in: Apollinaris 73.2000, S. 313-351; - Simon Tugwell, The original text of the "Regula Hugolini" (1219), in: AFrH 93.2000, S. 511-513; -
2007
Bernard de Vregille, Un mandement inédit de Grégoire IX à des juges délégués du 8 décembre 1237, in: L'acte pontifical et sa critique. Bonn 2007, S. 225-228; -
2008
John V. Kruse, The changing role of Hugolino dei Conti di Segni (Gregory IX). A hermeneutical tool for understanding the lives of Francis, in: MFr 108.2008, S. 438-464.
Letzte Änderung: 19.06.2009