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Band II (1990)Spalten 310-315 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

GREGOR VII. (Hildebrand), Papst, * etwa 1020 bei Soana in Tuskien als Sohn einfacher Eltern, † 25.5. 1085 in Salerno. - Hildebrand wurde in Rom im Marienkloster auf dem Aventin, dessen Abt sein Oheim war, im Geist der von Cluny ausgehenden kirchlichen Reformbewegung erzogen. Er wurde wahrscheinlich dort Mönch, vielleicht aber auch erst 1048 in Cluny. Hildebrand begleitete Gregor VI. (s. d.), den Heinrich III. am 20.12. 1046 auf der Synode von Sutri seines Amtes entsetzt hatte, in die Verbannung nach Deutschland (Köln?). Mit dem Bischof Bruno von Toul, den Heinrich III. im Dezember 1048 auf dem Reichstag zu Worms zum Nachfolger des am 9.8. 1048 verstorbenen Damasus II. (s. d.) ernannt hatte, kehrte er nach Rom zurück und wurde von ihm, dem am 12.2. 1049 inthronisierten Leo IX. (s. d.), als Subdiakon in den Kreis der Kardinalkleriker aufgenommen. 1054 oder 1056 war Hildebrand Legat in Frankreich. Unter Viktor II. (s. d.) fand er Zugang zur päpstlichen Kanzlei. Nachdem Stephan IX. (s. d.) ohne vorherige Verständigung mit der Kaiserin Agnes, der Witwe Heinrichs III., die für den unmündigen Heinrich IV. (s. d.) die Regentschaft führte, am 2.8. 1057 zum Nachfolger Viktors II. gewählt worden war, verschaffte ihm Hildebrand Anfang 1058 die Anerkennung durch den deutschen Hof. Auf der Reise nach Deutschland verhandelte er in Mailand im Auftrag des Papstes mit der »Pataria« (s. Arialdus), der sozial-revolutionären Partei in den großen Städten der Lombardei. Als der römische Adel in der Nacht vom 4. auf den 5.4. 1058 den Kardinalbischof Johann von Velletri mit Waffengewalt als Benedikt X. (s. d.) und Nachfolger des am 29.3. 1058 verstorbenen Stephan IX. auf den Stuhl Petri erhob, ließ Hildebrand im Einverständnis mit der Kaiserin Agnes im Dezember 1058 in Siena durch die dort versammelten Kardinäle der Reformpartei den Bischof Gerhard von Florenz zum Papst wählen, der am 24.1. 1059 in Rom als Nikolaus II. (s. d.) inthronisiert wurde. Er setzte im Januar 1059 auf der Synode zu Sutri Benedikt X. ab und bannte ihn. Hildebrand, seit 1059 Archidiakon der römischen Kirche, war unter ihm der Leiter der kurialen Politik. Er hatte hervorragenden Anteil an dem Zustandekommen des Bündnisses mit der »Patana« in Oberitalien und mit den Normannen in Süditalien, auch an der Neuordnung der Papstwahl auf der Lateransynode von 1059. Auf sein Betreiben wurde ohne vorheriges Einvernehmen mit dem deutschen Hof der Bischof Anselm von Lucca am 30.9. 1061 durch das Kardinalskollegium zum Nachfolger des am 27.7. 1061 verstorbenen Nikolaus II. gewählt und am darauffolgenden Tag als Alexander II. (s. d.) inthronisiert. Auf einer von der Kaiserin Agnes einberufenen Synode reformfeindlicher deutscher und lombardischer Bischöfe in Basel wurde am 28.10. 1061 der Bischof Gadalus von Parma als Honorius II. (s. d.) gegen Alexander II. zum Papst erhoben. Hildebrand verhalf Alexander II. zum Sieg über Honorius II. Nach anfänglichen Erfolgen des Gegenpapstes setzte sich Alexander II. durch: er wurde im Oktober 1062 auf der deutsch-italienischen Synode zu Augsburg vorläufig und am 31.5. 1064 auf Betreiben des Erzbischofs Anno (s. d.) von Köln auf der Synode in Mantua endgültig anerkannt. Während der Beisetzung des am 21.4. 1073 verstorbenen Alexander II. wurde Hildebrand am 22.4. vom Volk und vom Klerus in tumultuarischer Weise zum Papst ausgerufen. Seine Erhebung auf den Stuhl Petri entsprach nicht dem Papstwahlgesetz von 1059. G. teilte seine Wahl dem deutschen König mit, und Heinrich IV. erkannte sie an; in Gegenwart seines Kanzlers fand am 30.6. 1073 G.s Weihe statt. In ihm erreichte die kirchliche Reformbewegung des 11. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Er erstrebte die »libertas ecclesiae«, d. h. die Loslösung der Kirche aus ihrer Verbindung mit dem Weltlichen, die monarchische Regierung aller Kirchen von Rom aus und die Unterwerfung aller weltlichen Mächte unter die Oberhohheit des Papstes. Seine Grundsätze hat G. niedergelegt in den 27 kurzen Sätzen des »Dictatus Papae«: »1. Quod Romana ecclesia a solo Domino sit fundata. - 2. Quod solus Romanus pontifex iure dicatur universalis. - 3. Quod ille solus possit deponere episcopos vel reconciliare. - 4. Quod legatus eius omnibus episcopis praesit in concilio, etiam inferioris gradus et adversus eos sententiam depositionis possit dare. - S. Quod absentes papa possit deponere. - 6. Quod cum excommunicatis ab illo inter cetera nec in eadem domo debemus manere. - 7. Quod illi soli licet pro temporis necessitate novas leges condere, novas plebes congregare, de canonica abbatiam facere et e contra, divitem episcopatum dividere et inopes unire. - 8. Quod solus possit uti imperialibus insigniis. - 9. Quod solius papae pedes omnes principes deosculentur. - 10. Quod illius solius nomen in ecclesiis recitetur. - 11. Quod hoc unicum est nomen in mundo. - 12. Quod illi liceat imperatores deponere. - 13. Quod illi liceat de sede ad sedem, necessitate cogente, episcopos transmutare. - 14. Quod de omni ecclesia quocunque voluerit clericum valeat ordinare. - 15. Quod ab illo ordinatus alii ecclesiae praeesse potest, sed non militare; et quod ab aliquo episcopo non debet superiorem gradum accipere. - 16. Quod nulla synodus absque praecepto eius debet generalis vocari. - 17. Quod nullum capitulum nullusque liber canonicus habeatur absque illius auctoritate. - 18. Quod sententia illius a nullo debeat retractari, et ipse omnium solus retractare possit. -19. Quod a nemine ipse iudicari debeat. - 20. Quod nullus audeat condemnare apostolicam sedem appellantem. - 21. Quod maiores causae cuiuscunque ecclesiae ad eam referri debeant. 22. Quod Romana ecclesia numquam erravit nec in perpetuum scriptura testante errabit. - 23. Quod Romanus pontifex, si canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus testante sancto Ennodio Papiensi episcopo ei multis sanctis patribus faventibus, sicut in decretis beati Symmachi papae contineatur. - 24. Quod illius praecepto et licentia subiectis liceat accusare. - 25. Quod absque synodali conventu possit episcopos deponere et reconciliare. - 26. Quod catholicus non habeatur, qui non concordat Romanae ecclesiae. - 27. Quod a fidelitate iniquorum subiectos potest absolvere.« - Das Verhältnis zwischen G. und Heinrich IV. war zunächst friedlich. Da der König im Juli 1073 durch den Aufstand der Sachsen in schwere Bedrängnis geriet, war er um ein gutes Einvernehmen mit dem Papst bemüht. Heinrich IV. schrieb einen unterwürfigen Brief an G. und vollzog im Mai 1074 in Nürnberg vor zwei römischen Kardinalbischöfen seine völlige Unterwerfung: er tat Buße für seinen Umgang mit den wegen Simonie exkommunizierten, aber von ihm nicht entlassenen Räten und gelobte Gehorsam und Unterstützung der Reformbestrebungen G.s. Die unter seinem Einfluß von seinen Vorgängern begonnene Reform führte G. weiter. Auf der Fastensynode 1074 verbot er die »Simonie«, die Erwerbung oder Übertragung eines geistlichen Amtes um Geld, und gebot den »Zölibat«, d. h. die Ehelosigkeit der Priester. Seit Leo IX. waren frühere Verbote der Priesterehe auf mehreren Synoden erneuert worden, ohne daß die Bischöfe davon Notiz nahmen. G. erneuerte die Bestimmungen von 1059 und 1063, nach denen der verheiratete oder im Konkubinat lebende Priester, der das Sakrament verwalte, ebenso wie der Laie, der es von ihm empfange, exkommuniziert werden soll. Da die Zölibatvorschriften heftigen Widerspruch hervorriefen und ihre Durchführung auf nachhaltigen Widerstand stieß, suchte G. die Ehelosigkeit der Priester mit den schärfsten Mitteln zu erzwingen: er verfügte auf der Fastensynode 1075 den Ausschluß der widerspenstigen Kleriker vom Meßgottesdienst und forderte die Laien auf, von verheirateten Priestern keine Amtshandlungen anzunehmen und diese mit Gewalt zu nötigen, ihre Frauen zu entlassen. Auf der Fastensynode von 1075 erließ G. das Verbot der Laieninvestitur und eröffnete damit den Kampf mit dem deutschen Königtum. Unter »Investitur« versteht das mittelalterliche kirchliche Recht die Übertragung des Bischofsamts mit seinen geistlichen und weltlichen Rechten durch den König durch Übergabe von Bischofsstab und später auch Bischofsring, ebenso die Amtsübergabe bei Äbten königlicher Klöster. - Zum Verlauf des Investiturstreits s. HEINRICH IV.

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Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

1985

Michael E. Stoller, Eight anti-Gregorian councils, in: AHC 17.1985, S. 252-321; -

1986

Heinrich Fichtenau, Der Mönch Hildebrand, in: Ecclesia peregrinans. Josef Lenzenweger zum 70. Geb. Hrsg. von Karl Amon. Wien 1986, S. 59-68; -

1990

Felice Accrocca, "Pastorem secundum Deum eligite". La partecipazione del popolo all'elezione dei vescovi nell'epistolario di Gregorio VII, in: AHP 28.1990, S. 343-355; -

1994

Stefan Beulertz, Gregor VII. als "Publizist". Zur Wirkung d. Schreibens Reg. VIII,21, in: AHP 32.1994, S. 7-29; -

1998

Herbert J.E. Cowdrey, Pope Gregory VII 1073-1085. Oxford 1998, XVI + 743 S.); -

2001

Horst Fuhrmann, Gregor VII., 'Gregorianische Reform' und Investiturstreit, in: Gestalten der Kirchengeschichte, hrsg. von Martin Greschat 11: Das Papsttum I (1985) 155-175; - Uta-Renate Blumenthal, Gregor VII. Papst zwischen Canossa und Kirchenreform, 2001; -

2005

Glauco Maria Cantarella, Il sole e la luna. La rivoluzione di Gregorio VII papa 1073-1085, Bari 2005; -

2006

Stefan Weinfurter, Canossa. München 2006; - Kriston R. Rennie, Collaboration and council criteria in the age of reform. Legatine councils under Pope G. VII, in: AHC 38.2006, S. 95-114; -

2008

Kriston R. Rennie, Hugh of Die and the legatine office under Gregory VII. On the effects of a waning administration, in: RHE 103.2008, S. 27-49; - Harald Zimmermann, Von d. Faszination d. Papstgeschichte besonders bei Protestanten, in: Die Faszination d. Papstgeschichte. Köln 2008, S. 11-27; - Johannes Fried, Der Pakt von Canossa. Schritte zur Wirklichkeit durch Erinnerungsanalyse, in: Die Faszination d. Papstgeschichte. Köln 2008, S. 133-197; -

2010

Rudolf Schieffer, Papst Gregor VII. Kirchenreform u. Investiturstreit. München 2010.

Letzte Änderung: 12.03.2010