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Band XXI (2003) Spalten 540-547 Autor: Cristina M. Pumplun

GREIFFENBERG, Catharina Regina von (1633-1694). - Die Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg wurde am 7. September 1633 auf Schloß Seisenegg - in der Nähe der heutigen Stadt Amstetten - in Niederösterreich geboren. Ihre Familie gehörte dem lutherischen Landadel an. Das Leben einer lutherischen Familie zu Beginn der Gegenreformation auf einem Landsitz, umgeben von der zunehmend katholischen Bevölkerung war nicht einfach. Greiffenberg war noch ein Kind als ihre Familie außerdem schwere persönliche Verluste erleiden mußte. Der Vater Johann Gottfried von Greiffenberg starb als seine Tochter Catharina acht Jahre alt war. Noch schwerer traf sie später der plötzliche Tod ihrer jüngeren Schwester, Anna Regina. Achtzehn Jahre alt geriet Catharina durch diesen Verlust in eine schwere seelische Krise. Kurz vor Catharinas Geburt hatte ihre schwer kranke Mutter gelobt, das Kind, das sie trug, dem Dienst an Christus zu weihen. So wurde das Mädchen von Kindheit an mit dem Glauben und mit steter Andachtsübung vertraut gemacht. Ihr Glauben half ihr schließlich auch dabei, die seelische Erschütterung nach dem Tod ihrer Schwester zu überwinden. Die Familie reiste ab und zu nach Ungarn zum Gottesdienstbesuch, da es Protestanten in Niederösterreich seit dem Westfälischen Frieden nur in angrenzenden Gebieten erlaubt war, am evangelischen Gottesdienst teilzunehmen. Im ungarischen Preßburg erfuhr Greiffenberg während des Gottesdienstes den Schritt aus der persönlichen Krise als ihr religiöses Durchbrucherlebnis. Beim Abendmahl ging ihr ein 'Himmellicht' auf, das sie von nun an als ihr 'Deoglori licht' bezeichnete. Die 'Deoglori' - die Verherrlichung Gottes in Worten und Taten - und das Abendmahl sind so von Anfang an die Themen, die Leben und Werk der jungen Dichterin bestimmen. Nach dem Tod ihres Vaters hatte der jüngere Bruder Johann Gottfrieds - Hans Rudolf von Greiffenberg - die Erziehung seiner beiden Nichten, Catharina Regina und Anna Regina, und die Verwaltung der Güter seines Bruders übernommen. Hans Rudolf erkannte schon früh die besondere intellektuelle und dichterische Begabung Catharinas und begann, sie in das Wissen einer adeligen Dame ihrer Zeit einzuführen: Latein, die romanischen Sprachen, Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaften, außerdem Singen, Malen, Reiten und Jagen. Zurückgekehrt aus Preßburg gelobte Catharina, ihr Leben von nun an völlig dem Lob Gottes zu weihen. Sie begann intensiv die in ihrer eigenen Schloßbibliothek und den Bibliotheken benachbarter Güter vorhandenen theologischen und philosophischen Werke zu studieren. Ihre Berufung zum Gotteslob drückte sie jedoch vor allem in ihrem dichterischen Schaffen, in geistlichen Liedern und Sonetten aus. Durch die Kontakte der Familie Greiffenberg mit anderen lutherischen Landadeligen wurde der Literat Johann Wilhelm von Stubenberg von der benachbarten Schallaburg auf die junge Dichterin aufmerksam. Stubenberg begleitete Greiffenberg von nun an nicht nur als Lehrmeister, sondern sorgte auch dafür, daß Greiffenbergs Schaffen über ihre eigene Region hinaus bekannt wurde. Stubenberg hielt regen Kontakt mit dem in Nürnberg ansässigen Dichter Sigmund von Birken. Birken war Oberhaupt des Pegnesischen Blumenordens und überaus angesehener Bürger Nürnbergs. Stubenberg legte Birken eines von Greiffenbergs Sonetten vor, das diesen so beeindruckte, daß er um mehr Zeugnisse von Greiffenbergs Schaffen bat und schließlich auf Hans Rudolfs Bitten einging und den Druck der ersten Veröffentlichung Greiffenbergs initiierte und begleitete. So erschien 1662 Greiffenbergs erstes Werk im Druck, die "Geistlichen Sonette, Lieder und Gedichte zu Gottseeligem Zeitvertreib". Bis heute hat sich dieser Band als ihr bekanntestes und auch zugänglichstes Werk erwiesen. Durch den Kontakt mit Birken lernte Greiffenberg in der lutherischen Stadt Nürnberg, wo andere Protestanten auf der Flucht vor der Gegenreformation schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts Zuflucht gefunden hatten, viele religiös und kulturell Gleichgesinnte kennen. Ihr literarisches Schaffen wurde von den spezifischen Eigenschaften der Nürnberger Schule unmittelbar beeinflußt: Metaphorik, Klangpflege, Emblematik, scharfsinnige Wort- und Bildkombinatorik spielen in ihrer geistlichen Poesie und auch in ihrem späteren erbaulichen Prosawerk eine große Rolle. Um 1660 herum brach neues Unglück in das Leben Catharina von Greiffenbergs ein. Vor allem die Tatsache, daß ihr dreißig Jahre ältere Onkel, der sie so gefördert hatte, sich in sie verliebte und um ihre Hand anhielt, belastete sie sehr, da sie sich vorgenommen hatte, ihr Leben unvermählt ganz dem Dienst Gottes zu weihen. Als ihr Onkel auf ihre Weigerung hin von einem seelischen Leiden befallen wurde, willigte sie dennoch ein, um ihn zu retten. Die Heirat zwischen Onkel und Nichte wurde aus juristischen Gründen auf protestantischem Territorium - im Fürstentum Bayreuth - vollzogen. Dennoch wurde Hans Rudolf nach Heimkehr auf Seisenegg wegen Blutschande festgenommen und erst ein Jahr später - nach Fürsprache und Vermittlung durch den Markgrafen von Bayreuth und den Kurfürsten von Sachsen beim Kaiser - wieder freigelassen. Catharina von Greiffenberg interpretierte alle diese 'Widerwärtigkeiten' als Prüfung Gottes und verband damit eine Berufung zu einer ganz besonderen Sendung: die Bekehrung des habsburgischen Kaiserhofs zum wahren lutherischen Glauben. Sie betrachtete den Plan als eine aktive Tat der 'Deoglori'. Nicht nur schreibend, sondern auch aktiv sollte die 'Ehrerhebung' Gottes geschehen, bis hin zu der illusionistischen Zielsetzung, den Kaiser vom 'Irrglauben des Pabsttums' zu befreien. Mehrere Reisen nach Wien in einem Zeitraum von zehn Jahren und das Verfassen verschlüsselter Schriften, die den Kaiser auf richtige Gedanken bringen sollten, führten höchstens zu einigen Gesprächen mit dem Beichtvater des Kaisers und dazu, daß Greiffenberg das Opfer allerlei Intrigen wurde, die letztendlich dazu führten, daß sie nach dem Tod ihres Gatten Seisenegg verließ und nach Nürnberg zog. Inzwischen führten Greiffenberg und der Nürnberger Dichter Sigmund von Birken einen regen Briefwechsel. Greiffenbergs Briefe sind ein einzigartiges Zeugnis der Literaturgeschichte des 17. Jahrhunderts und zeugen von einer ganz intimen Freundschaft zwischen den beiden Dichtern, wobei schriftstellerische Probleme und auch alltägliche - Krankheiten, Birkens Eheprobleme und Greiffenbergs häusliche Verpflichtungen - angesprochen werden. Vor allem waren sich beide Briefpartner auf religiösem Gebiet einig. Birken gegenüber äußerte die fromme Frau ihre Sehnsucht nach dem Abendmahl auf eine Art und Weise, die an die mittelalterliche Frauenmystik erinnert. Zehn Jahre nach den "Geistlichen Sonetten, Liedern und Gedichten" erschien Greiffenbergs erster großer Prosaband, "Zwölf andächtige Betrachtungen über Leiden und Sterben Christi" (1672), in die auch zahlreiche Verseinlagen eingefügt sind. Birken bemühte sich auch nun um die Drucklegung des Werks. Greiffenbergs Prosa zeichnet sich durch gründliche Textauslegung und eine für erbauliche Prosa protestantischer Tradition bemerkenswerte, oft scharfsinnige Metaphorik und Klangmalerei aus. Jeder fettgedruckte Bibelvers wird sowohl gründlich erklärt und vertieft, als auch meditativ-emotional ausgebreitet. Belehrung des andächtigen Lesers und Ehrerhebung Gottes gehen so fortwährend in einander über und widerspiegeln dasjenige, was Greiffenberg selbst als Glaubensübung schätzte: Bemühung um das Wort Gottes im Studium und Betrachtung der Schöpfung und Vertiefung der Andacht, am liebsten in der Einsamkeit der Natur. Mit dieser Kombination von barock-poetischer Zierde und gelehrt-protestantischer Schriftauslegung befindet sich Greiffenbergs Prosa theoretisch gesehen zwischen barocker Poetik und zeitgenössischer Homiletik. Als Erbauungsschriftstellerin wußte Greiffenberg die Möglichkeiten der Dichtkunst ihrer Zeit effektiv mit den Erfordernissen der Gattung zu verbinden. Greiffenberg setzte ihr Prosawerk mit den "Betrachtungen über Geburt und Jugend Jesu" (1678) und danach "Leben, Lehre und Wunderwerke Christi" (1683) fort. Im Laufe der Jahre wird der Einfluß ihrer theologischen und philosophischen Studien spürbar in der Auslegung des Bibelworts und an den zahlreichen Zitaten aus der langen Tradition religiösen Schrifttums, das sich ausstreckt von den Kirchenvätern über die mittelalterlichen Mystiker bis zum zeitgenössischen Erbauungsschrifttum. Im ganzen umfaßt Greiffenbergs Prosawerk gut 4000 Druckseiten. Nach dem Tod ihres Gatten erkundigte Catharina sich bei Birken ob sich für sie nicht ein 'ruhig Schäferhüttlein an der Pegnitz' finden lasse, wo sie in unmittelbarer Nähe gleichgesinnter Freunde ungestört arbeiten könnte. Obwohl klare Belege für ihren ersten Wohnsitz in Nürnberg fehlen, kann angenommen werden, daß sie im Sommer 1684 ins Schlößchen Steinbühl, in der Nähe von Nürnberg gezogen ist. Am Ende ihres Lebens wohnte sie in einer Wohnung am St. Egidienplatz. Im Laufe ihrer Nürnberger Jahre verstarben viele alte Freunde - Birken bereits 1681, ein Jahr nach ihrer Übersiedlung in die Stadt an der Pegnitz - aber in isolierter Einsamkeit hat sie wohl niemals gelebt. Catharina von Greiffenberg starb am Ostermorgen, dem 8. April 1694 nach kurzer Krankheit, nachdem sie von zahlreichen Freunden Abschied genommen hatte. In der Leichenpredigt wird sie als eine 'bey der gelehrten Welt wohlbekande und Sinnreiche Poetin' genannt. Dabei darf nicht vergessen werden, daß ihr Werk ausschließlich im Dienste der Ehre Gottes stand.

Werke: Geistliche Sonnette / Lieder und Gedichte zu Gottseeligem Zeitvertreib, 1662; Des Allerheiligst- und Allerheilsamsten Leidens und Sterbens Jesu Christi Zwölf andächtige Betrachtungen, 1972; Sieges-Seule der Buße und Glaubens / wider den Erbfeind Christliches Namens, 1675; Der Allerheiligsten Menschwerdung / Geburt und Jugend JEsu Christi / Zwölf Andächtige Betrachtungen, 1678; Des Allerheiligsten Lebens JESU Christi Sechs Andächtige Betrachtungen Von Dessen Lehren und Wunderwercken, 1693; Des Allerheiligsten Lebens JESU Christi Ubrige Sechs Betrachtungen Von Dessen Heiligem Wandel / Wundern und Weissagungen von und biß zu seinem Allerheiligsten Leiden und Sterben. Denen auch eine Andacht vom Heiligen Abendmahl hinzugefügt, 1693.

Neuausgg. u. Neu- u. Nachdrucke: Gedichte (Auswahl), hrsg. Hubert Gersch, Berlin 1964; Geistliche Sonette, Lieder und Gedichte, Faks.-Ndr., hrsg. H.-O. Burger, Darmstadt 1967; Gelegenheit und Geständnis (unveröffentlichte Gelegenheitsgedichte in Faks. d. Hss.), hrsg. I. Black und P.M. Daly, Bern 1971; Sämtliche Werke, Faks.-Ndr., hrsg. M. Bircher und F. Kemp, 10 Bde., Millwood, NY 1983.

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Cristina M. Pumplun

Letzte Änderung: 27.12.2002