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Band II (1990)Spalten 370-373 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

GRUMBACH, Argula von, eine tapfere Bekennerin aus der Zeit der Reformation, * 1492 auf der Burg Ehrenfels (Oberpfalz) als Tochter des Reichsfreiherrn Bernhardin von Stauff, + 1554 in Zeilitzheim (Unterfranken). - Argula von Stauff kam sehr jung - noch zu Lebzeiten des am 18.3. 1508 verstorbenen Herzogs Albrecht IV. von Bayern - an den Münchener Hof und wurde Hofdame der Herzogin Kunigunde, Tochter Friedrichs III. und Schwester Maximilians I. 1509 verlor sie Vater und Mutter, die innerhalb weniger Tage von der Pest dahingerafft wurden. 1515 oder 1516 verheiratete sich Argula von Stauff mit Friedrich von Grumbach, der seit 1515 als Pfleger (= Statthalter) von Dietfurt im Dienst der bayrischen Herzöge stand. Auf uns unbekannte Weise wurde A. v. G. schon früh mit der reformatorischen Botschaft vertraut. Als begeisterte Anhängerin Martin Luthers (s. d.) trat sie durch Paul Speratus (s. d.) und Georg Spalatin (s. d.) mit ihm in Verbindung und schrieb 1523, daß sie alles gelesen habe, "was von Doktor Martinus in deutscher Sprache ausgegangen sei, und das sei wahrlich viel". A. v. G. wurde bekannt durch ihr tapferes Eintreten für Arsacius Seehofer, der als Student in Wittenberg für die evangelische Lehre gewonnen worden war und als Magister in Ingolstadt 1523 in einen Ketzerprozeß verwickelt wurde. Durch Gefängnishaft und schwere Drohungen mürbe gemacht, leistete er am 7.9. 1523 mit dem Neuen Testament in der Hand vor der gesamten Universität unter Tränen den geforderten Widerruf und wurde zu Klosterhaft in Ettal verurteilt. A. v. G. erfuhr davon. Nach Rücksprache mit Andreas Osiander (s. d.) in Nürnberg war ihr klar, daß sie zu dem ketzerrichterlichen Verfahren der Ingolstädter Universität nicht schweigen dürfe, sondern dagegen schriftlichen Protest einlegen müsse ohne Rücksicht darauf, was für Folgen ihr Vorgehen für ihren Gatten als herzoglichen Beamten haben könnte. Obwohl der Herzog im März 1522 eine scharfe Verordnung erlassen hatte, die allen bayrischen Untertanen streng verbot, Lehren und Schriften Luthers anzunehmen oder darüber zu disputieren, wagte sie es doch, ihren evangelischen Glauben nun öffentlich zu bekennen. Am 20.9. 1523 schrieb A. v. G. einen geharnischten Sendbrief an den Rektor und die gesamte Universität zu Ingolstadt:.... Ich finde einen Spruch Matthäus am 10., also lautend: >Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.< Und Lukas am 9.: >Wer sich mein schämt und meiner Worte, des werde ich mich auch schämen, wenn ich komme in meiner Herrlichkeit.< Solche Worte, von Gott selbst geredet, sind mir allezeit vor meinen Augen; denn es werden weder Frauen noch Männer darin ausgeschlossen. Aus diesem werde ich als ein Christ gedrungen, Euch zu schreiben. Denn Ezechiel 33 heißt es: >Siehst du sündigen deinen Bruder, so straf ihn, oder ich will sein Blut fordern von deinen Händen.<... Ach Gott, wie werdet Ihr bestehen mit Eurer Hohen Schule, daß Ihr so töricht und gewalttätig handelt wider das Wort Gottes und mit Gewalt zwingt, das heilige Evangelium in der Hand zu halten und dasselbige dazu zu verleugnen, wie Ihr denn mit Arsacius Seehofer getan habt und ihn mit Gefängnis und Drohung des Feuers dazu gezwungen habt, Christum und sein Wort zu verleugnen. Hat Euch das Christus gelehrt oder seine Apostel, Propheten und Evangelisten? Zeigt mir, wo es steht, Ihr hohen Meister, ich finde es an keinem Ort der Bibel, daß Christus noch seine Apostel oder Propheten jemanden eingekerkert, gebrannt noch gemordet haben oder das Land verboten.... Man weiß wohl, wie weit man der Obrigkeit gehorsam sein soll. Aber über das Wort Gottes haben sie nicht zu gebieten, weder Papst, Kaiser noch Fürsten, wie es Apostelgeschichte 4 und 5 heißt. Ich bekenne aber bei Gott und meiner Seelen Seligkeit, wo ich Luthers und Melanchthons Schriften verleugnete, daß ich Gott und sein Wort verleugnete, davor Gott ewig sei. Amen." Am gleichen Tag ließ A. v. G. noch ein zweites Schreiben ausgehen, an den ihr vom Münchener Hof wohlbekannten Herzog Wilhelm von Bayern. Ohne ihr Zutun erschienen beide Briefe im Druck unter dem Titel "Ein christenliche Schrift ainer Erbarn frawen vom adel, darin sy alle christenliche stendt und obrigkeiten ermant, bey der warheyt und dem wort Gottes zu bleiben und sollichs aus christlicher pflicht zum ernstlichsten zu handhaben." Als A. v. G. auf ihre beiden Briefe keine Antwort erhielt, richtete sie am 27.10. 1523 an den Bürgermeister und die Ratsherren von Ingolstadt ein Schreiben, um die, "die heimliche Jünger des Herrn sind und vor Furcht wie Nikodemus Christus nicht zu bekennen wagen", an ihre Pflicht zu mahnen, Christus vor den Menschen zu bekennen. Im Spätherbst 1523 schrieb A. v. G. auch an Luthers Landesherrn, den Kurfürsten Friedrich den Weisen (s. d.) von Sachsen. In ihrem Schreiben vom 29.6. 1524 an den Bürgermeister und die Ratsherren der Reichsstadt Regensburg bittet A. v. G.: "Liebe Brüder, seid eingedenk, daß Euch Gott zu Hütern und Aufsehern gesetzt hat, nehmet wahr der Seelen in Eurem Gebiet, nicht mit Gold oder Silber erkauft, sondern mit einem teuren Wert des rosenfarbenen Bluts des Herrn Christus. Es ist Zeit, aufzustehen vom Schlaf; denn unser Heil ist näher, denn da wir gläubig wurden. Laßt uns ritterlich wider die Feinde Gottes kämpfen; er wird sie erschlagen mit dem Hauch seines Mundes. Das Wort Gottes muß unsere Waffe sein - Nicht mit Waffen dreinzuschlagen, sondern den Nächsten zu lieben und Frieden untereinander zu haben. Das ist die Ursach, daß ich hab gewagt, Euer Lieben zu schreiben und zu ermahnen. Es ist Zeit, daß die Steine bei uns schreien." In einem Brief an einen Vetter ihrer Mutter, Adam von Törring, den Statthalter der jungen Pfalzgrafen Ottheinrich und Philipp in Neuburg an der Donau, schrieb A. v. G.: "Man heißt mich lutherisch, ich bin es aber nicht, ich bin im Namen Christi getauft, den bekenn ich und nicht Luther. Aber ich bekenn, daß ihn Martinus auch als ein getreuer Christ bekennt. Gott helf, daß wir solches nimmermehr verleugnen, weder durch Schmach, Schande, Kerker, Peinigung, auch durch den Tod. Das helf und verleihe Gott allen Christen. Amen." Ihre Sendbriefe und Flugschriften, zu denen der Nürnberger Reichstag von 1524 sie veranlaßte, sind Zeugnisse ihres Bekennermutes und ihrer Bibelkenntnis. Die Folge ihres Bekenntnisses zum evangelischen Glauben vor aller Öffentlichkeit und ihres mutigen Auftretens gegen das ketzerrichterliche Verfahren der Ingolstädter Universität war die Absetzung ihres Gatten, der mit ihr im Glauben nicht eines Sinnes war. A. v. G. war aber dessen gewiß: "Meine vier Kindlein wird Gott wohl versorgen und sie speisen mit den Vögeln in der Luft, auch bekleiden mit den Blümlein des Feldes. Er hat's gesagt, er kann nicht lügen." Ihr Mann kümmerte sich um nichts, sondern überließ ihr allein die Verwaltung der verschuldeten Güter in Lenting, Burggrumbach und Zeilitzheim. Sie blieb im Briefwechsel mit Spalatin und auch mit Luther. Als Luther 1530 während des Reichstags in Augsburg auf der Veste Coburg weilte, besuchte ihn A. v. G. Noch in demselben Jahr wurde sie Witwe und verheiratete sich 1533 zum zweitenmal mit einem Grafen von Schlick, der aber schon nach 1 1/2 Jahren starb. Nach der durch keinerlei Urkunde bestätigten Überlieferung starb A. v. G. 1554 in Zeilitzheim. Sie ist aber vielleicht identisch mit der alten "Staufferin", der Frau von Köfering, die 1563 zum zweitenmal in Straubing verhaftet war, weil sie, wie es in der Anklageschrift der herzoglichen Regierung heißt, "die einfältigen und unverständigen Untertanen von Köfering und anderen Orten zum Abfall verursacht und zum Ungehorsam angereizt, unserer alten wahren katholischen Religion widerwärtige und aufrührerische Bücher vorgelesen, sie vom christlichen Gottesdienst abwendig gemacht und zu sich in ihre sektische Winkelschul gezogen habe".

Lit.: Johann David Schreber, Memoria Argulae Grumbachiae, Naumburg 1730; - Georg Konrad Rieger, Das Leben Argulae v. G., gebohrner von Stauffen, als einer Jüngerin Jesu, Zeugin der Wahrheit u. Freundin Lutheri, samt eingemengter Nachricht v. Arsacio Seehofer, Stuttgart 1737; - Felix Joseph Lipowsky, A. v. G., gebohrne Freiin v. Stauffen, eine hist. mit Urkk. belegte Abh., 1801; - Frau A. v. G., geborne v. Stauffen, u. ihr Kampf mit der Univ. Ingolstadt, aufs neue bearb. v. Hermann Alexander Pistorius, 1845; - Eduard Engelhardt, A. v. G., die bayer. Tabea, ein Lb. aus der Ref.zeit, 1860; - Sigmund Riezler, Gesch. Bayerns, 1878-1914, IV, 86 ff.; - G. Traub, A. v. G. u. der Seehofersche Prozeß, 1893; - Theodor Kolde, Arsacius Seehofer u. A. v. G., in: BBKG 11, 1905, 49 ff. 97 ff. 149 ff. (vgl. ebd. 28, 1922, 162 ff.); - Karl Schottenloher, Philipp Ulhart, ein Augsburger Winkeldrucker, 1921, 22 f. 93 ff.; - K.-A. Deubner, Das Leben der A. v. G., zus.gest. nach ihren Briefen u. Schrr., in: Die Wartburg 29, 1930, 73 ff.; - Maria Heinsius, Das Bekenntnis der Frau A. v. G., 1935 (19392); - Dies., Das unüberwindl. Wort. Frauen der Ref.zeit, 1951, 134 ff.; - Leonhard Theobald, Das Sendschreiben der Stauferin A. v. G. an Kammer u. Rat v. Regensburg, in: ZBKG 11, 1936, 50 ff.; - Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen II, 1954, 276 ff.; - Robert Stupperich, Die Frau in der Publizistik der Ref., in AKultG 37, 1955, 219 ff.; - Ders., Eine Frau kämpft f. die Ref. Das Leben v. A. v. G., in: Zeit-Wende 27, 1956, 676 ff.; - H. Saalfeld, A. v. G., die Schloßherrin v. Lenting, in: Sammelbll. des Hist. Ver. Ingolstadt 69, 1960, 42 ff.; - Schottenloher I, Nr. 7636-7646a; V, Nr. 46620 f.; VII, Nr. 54921-54924; - ADB X, 7 f.; - NDB VII, 212; - Kosch, LL I, 728; - RE XVIII, 779 ff.; - RGG II, 1889.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2004

Dorothee Kommer, A.v.G.'s first two pamphlets in manuscript and printed versions, in: Reforming the Reformation. Melbourne 2004, S. 81-95; -

2008

Peter Matheson, Martin Luther u. Argula von Grumbach (1492-1556/7), in: LQ 22.2008, S. 1-15; -

2009

Sonja Domröse, Lasst sie toben u. wüten. A.v.G. war e. selbstbewußte Streiterin f.d. Reformation, in: Zeitzeichen 10.2009,11, S. 55-57.

Letzte Änderung: 22.11.2009