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Verlag Traugott Bautz
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GUNTHER von Pairis (Guntherus Parisiensis), Theologe, Zisterzienser, Historiograph, Dichter, * um 1150, † um 1220. - Ein Zisterzienser namens Gunther weist sich um 1200 als Mönch des zum Bistum Basel gehörenden Klosters Pairis bei Orbey in den Vogesen aus, der zuvor als Weltgeistlicher und Lehrer an einer Kathedralschule (scholasticus) wohl in Basel oder Straßburg gewirkt hat. Die weiteren biographischen Daten hängen davon ab, welche weiteren Werke man diesem Autor zuweisen will. Als Autor gesichert ist G. einzig für die "Historia Constantinopolitana", eine prosimetrisch (kunstvolle Verseinlagen in leoninischen Hexametern und Distichen mit zweisilbigen Reimen) abgefaßte Chronik der Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer im Vierten Kreuzzug (1202-1204). Dafür stand G. der Erlebnisbericht seines Abtes Martin zur Verfügung, der im Auftrag Innozenz' III. das Kreuz gepredigt hatte, mit den Kreuzfahrern von Basel über Venedig nach Konstantinopel mitgezogen, darauf ins Heilige Land nach Akkon gefahren war und sich bei der Rückkehr nach Konstantinopel an der Plünderung der inzwischen eroberten Stadt beteiligt hatte, "um nicht mit leeren Händen zurückzukommen". Die zusammengeraffte Beute, Dutzende aparter Reliquien von Aposteln, Märtyrern, alttestamentlichen Patriarchen, Reste vom Blut Christi, vom Kreuz und vom Abendmahlstisch, brachte er am 24.6. 1205 nach Pairis zurück. Die Chronik scheint kurz vor dem Tod des deutschen Königs Philipp von Schwaben (12.6. 1208) beendet worden zu sein. Alle weiteren unter G.s Namen laufenden Werke beruhen auf umstrittenen Zuweisungen (skeptisch in dieser Frage Wattenbach, Manitius, Knapp, Brunhölzl; optimistisch Assmann). Der Traktat "De oratione, ieiunio et eleemosyna" (um 1210?), der zu G.s Tätigkeit als gelehrter Theologe paßt, wird im Erstdruck (Basel 1507), der einzigen erhaltenen Quelle, einem nicht ausdrücklich als Zisterzienser bezeichneten Benediktiner Gunther zugeschrieben, der erst in späteren Jahren (um 1203?) Mönch geworden sei. Der Traktat "Exhortatio ad novicium Cartusianum" in einer Münchner Handschrift, der auch die Historia Constantinopolitana enthält und dort G. zugeschrieben wird, ist, wie aus dem Titel hervorgeht, doch eher die Schrift eines Kartäusers. Viel besprochen ist die Autorschaft zweier zweifellos zusammengehöriger Werke, des "Solymarius" und des "Ligurinus". Ihr Autor stammt nach seinen eigenen Angaben aus dem Südwesten Deutschlands oder aus Basel und ist Prinzenerzieher am Hof Friedrich Barbarossas. Sein Zögling ist Konrad, Barbarossas fünfter Sohn, geboren um 1172, der spätere Herzog von Schwaben, der 1196 unter unrühmlichen Umständen ermordet wurde. Diesem ist der in Bruchstücken erhaltene, von Wattenbach 1876 entdeckte "Solymarius" (Solyma = Jerusalem) gewidmet, die Versifizierung in Hexametern der Historia Hierosolymitana (daher der Titel des Gedichts) des Robert von Reims (Robertus Monachus), der die Eroberung Jerusalems auf dem 1. Kreuzzug beschreibt. Die Versbearbeitung wurde zwischen 1180 und 1186 verfaßt. "Ligurinus", verfaßt 1186/87, ist ein umfangreiches Epos in 10 Büchern von gesamthaft rund 6500 Hexametern klassischer Bauart, das wegen seiner tadellosen Verskunst lange als humanistische Fälschung verdächtigt wurde; darin werden Barbarossas Kämpfe in der Lombardei ("Liguria") von 1152-1160 in panegyrischer Weise geschildert. Vorlage ist auch hier ein Prosawerk, die Gesta Friderici (Buch 2-4) Ottos von Freising und Rahewins. Die einzige, inzwischen verlorene Handschrift wurde 1504 von Konrad Celtis entdeckt, in Augsburg 1507 erstmals ediert und aus unbekannten Gründen mit dem Verfassernamen Guntherus versehen. Der Autor verweist darin mehrfach auf den "Solymarius" als sein unmittelbar vorausgehendes Werk, doch ohne seinen Namen zu nennen, so daß die Zweifel an der Autorschaft G.s nicht ganz auszuräumen sind (die gegenüber den früheren Werken ausgeklügelte Verstechnik der Historia Constantinopolitana spricht nicht gegen gleiche Autorschaft).
Werke: De expugnatione urbis Constantinopolitanae seu Historia Constantinopolitana (Historia captae a Latinis Constantinopoleos): Migne, PL 212, 223-255 (Verseinlagen weggelassen); P. E. D. Riant (Hrsg.), Guntheri Alemanni [...] Historia Constantinopolitana, Genève 1875; E. Assmann (Hrsg.), Gunther von Pairis, Die Geschichte der Eroberung von Konstantinopel (Die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit, 101), Köln 1956 (übers., erl.); P. Orth, Gunther von Pairis, Hystoria Constantinopolitana: Untersuchungen und kritische Ausgabe (Spolia Berolinensia 5), Hildesheim 1994, 95-181; Rez. G. Silagi, in: DA 54, 1998, 699; A. J. Andrea (Hrsg.), The capture of Constantinople: the "Hystoria Constantinopolitana" of Gunther of Pairis, Philadelphia Pa. 1997 (lat./engl.). - Solymarius sive poema de bello sacro et captis a Gofredo Bullionis (Fragmente; zugeschrieben): W. Wattenbach, Le Solymarius de Gunther de Pairis, in: Archives de l'Orient latin 1, 1881, 551-561; E. Assmann, Ligurinus (s.u.), 499-512. - Ligurinus sive de rebus a Friderico primo gestis (zugeschrieben): Migne, PL 212, 327-476 ; J. Sturm (Hrsg.), Der Ligurinus: ein deutsches Heldengedicht zum Lobe Kaiser Friedrich Rotbarts (Studien und Darstellungen aus dem Gebiete der Geschichte, 8), Freiburg 1911; F. P. Knapp (Hrsg.), Der "Ligurinus" des Gunther von Pairis: in Abbildung des Erstdrucks von [Augsburg] 1507, Göppingen 1982; E. Assmann (Hrsg.), Gunther der Dichter, Ligurinus (MGH SS rer. Germ. in us. schol., 63), Hannover 1987; G. Streckenbach (Hrsg.), Gunther, Ligurinus: ein Lied auf den Kaiser Friedrich Barbarossa, Sigmaringendorf 1995 (übers., erl.). - De oratione, ieiunio et eleemosyna (zugeschrieben): Migne, PL 212, 97-221. - Exhortatio ad novicium Cartusianum (zugeschrieben): München, cod. clm 321 (um 1400).
Lit.: Wattenbach II6, 286-289; - M. Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, 3, München 1931, 698-701; - E. Assmann, Bleibt der Ligurinus anonym? in: DA 12, 1956, 453-472; - F. R. Swietek, Gunther of Pairis and the Historia Constantinopolitana, in: Speculum 53, 1978, 47-79 (eingehende Analyse der Historia Constantinopolitana und der Forschungsprobleme); - Orth (s.o.), 1-94; - ADB 10, 145 (W. Wattenbach); - ECatt VI, 1309f (C. Testore); - DSp VI (1965), 1296 (M. Standaert); - NDB VII (1966) 325 (F. Brunhölzl); - VerfLex. III (19812) 316-325 (F. P. Knapp); - DHGE XXI (1986) 611f (A. Dimier, s.v. Gontier de Pairis); - LMA 4, 1794 (F.-J. Schmale); - NewCathEnc VI (2002) 584 (H. MacKinnon, veraltet). - Einen Sonderfall stellen die Publikationen von H. Bayer dar, der mit gewagten Hypothesen aus G. einen "antifeudalistischen" Katharer zu machen versucht und ihn mit Gottfried von Straßburg, dem Archipoeta, dem Dichter des Nibelungenlieds und des Tegernseer Ludus de Antichristo und weiteren Autoren und Persönlichkeiten identifizieren will: H. Bayer, Hartmann von Aue: die theologischen und historischen Grundlagen seiner Dichtung sowie sein Verhältnis zu G. (Mlat. Jb., Beih. 15), Kasellaun 1979; - Ders., G. und Gottfried von Straßburg, in: Mlat. Jb. 13, 1978, 140-183; - Ders., parasitus Golias: Gottfried von Straßburg (Gunther von Pairis) und die zeitkritisch-häretische Schulpoesie der Carmina Burana, in: Mlat. Jb. 31, 1996, 39-80; - Ders., Gottfried von Strassburg und der "Archipoeta": die literarischen Masken eines Ehr- und Namenlosen (Spolia Berolinensia, 8), Hildesheim 1996; dazu die vernichtende Rez. von R. Schieffer, in: DA 53, 1997, 672.
Bruno W. Häuptli
Literaturergänzung:
Alfred J. Andrea, The "Historia Constantinopolitana". An early thirteenth-century Cistercian looks at Byzantium, in: AnCist 36.1980, S. 269-302.
Letzte Änderung: 11.06.2008