HAAG, (Friedrich Julius Richard) Fritz, * 28. Mai 1901 in Kälbertshausen, † 23. April 1933 Schlierbach). - Fritz H. entstammte einer Theologenfamilie, deren männliche Mitglieder seit 1837 in ununterbrochener Folge im badischen Kirchendienst standen und mit anderen Pfarrerfamilien verschwägert waren. H. besuchte das Gymnasium in Mannheim, wo sein Vater Friedrich Wilhelm H. (1871-1930) Pfarrer im Diakonissenhaus war. 1920 legte er die Abiturprüfung ab. Danach studierte H. in Bonn, Tübingen und Heidelberg evangelische Theologie. Im Frühjahr 1924 legte er das 1., im Frühjahr 1925 das 2. Theologische Examen vor der badischen Landeskirche ab. Bis zum folgenden Jahr wirkte H. als Religionslehrer in Heidelberg und Boxberg, seit 1926 war er Pfarrvikar in Schlierbach bei Heidelberg. In dieser Zeit verfaßte H. eine ungedruckt gebliebene Dissertation, mit der er am 1. Mai 1930 von der Heidelberger Theologischen Fakultät promoviert wurde. Bereits Mitte Juni 1930 hielt H. seine Probevorlesung als Privatdozent für Altes Testament ohne vorherige Habilitationsschrift, am 5. Juli folgte die Antrittsvorlesung über »Die Entstehung des nachexilischen Judentums«. Dies ist der einzige von H. in Druck gegebene Text. - Obwohl H. in der liberalen, historisch-kritisch orientierten Tradition der Heidelberger alttestamentlichen Arbeit stand, publizierte er seine Antrittsvorlesung auffallenderweise in der Zeitschrift der theologisch wie kirchenpolitisch konservativen Gruppe innerhalb der badischen Landeskirche. H. gab einen historisch ausgerichteten Überblick über die jüdische Geschichte seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, dem er eine kurze Betrachtung über die theologische Entwicklung anfügte. In der Zeit nach dem Exil habe sich eine strenge Gesetzesreligion ohne Eschatologie und ohne universale Perspektive ausgebildet, deren wichtigste positive Entwicklung die Individualisierung der Frömmigkeit gewesen sei. Mit Paulus betonte H. die Güte des jüdischen Gesetzes, das aber mit Jesus an sein Ende gekommen sei (Die Entstehung des nachexilischen Judentums, in: Kirchlich-Positive Blätter 43 [1930], 303). - Als Privatdozent war H. für den Hebräischunterricht an der Fakultät zuständig, dem er wegen seiner ausgeprägten philologischen Neigung große Aufmerksamkeit schenkte. Durch Vermittlung seines theologischen Lehrers Georg Beer arbeitete H. seit 1931 an der sog. Gießener Mischna-Edition mit. Leiter dieses interdisziplinär-interreligiösen Projekts waren neben dem Alttestamentler Beer auch der Gießener Neutestamentler Oscar Holtzmann und der Wiener jüdische Theologe und Archäologe Samuel Krauß. - Über H.s politische Position liegen nur zwei knappe Nachrichten vor. Auf einer Heidelberger Versammlung der Deutschkirche, einer Vorgängerin der Deutschen Christen, widersprachen er und der Privatdozent für Systematische Theologie Heinz-Dietrich Wendland in Diskussionsbeiträgen den dort vorgetragenen Thesen über Christentum und Volkstum (Karl-Heinz Fix, Universitätstheologie und Politik, 1994, 184). Als nach der Auflösung des Heidelberger ASTA durch das badische Kultusministerium im Januar 1931 eine vom Staat unabhängige Deutsche Studentenschaft Heidelberg unter nationalsozialistischer Führung gegründet wurde, nahmen an der Gründungsfeier mit dem Juristen Friedrich Endemann, den Mineralogen Hans Himmel und Hans Nieland sowie Fritz H. vom Lehrkörper nur ein emeritierter Ordinarius und drei Privatdozenten teil (Der Heidelberger Student, WS 1930/31, Nr. 5, 38; Heidelberger Beobachter, Nr. 8, 30. Januar 1931, 2). Während die anderen Professoren der Veranstaltung aus politischen Gründen fernblieben oder weil sie das Verhalten der Studenten für unvereinbar mit akademischer Sitte hielten, drückten die vier Genannten mit ihrer Anwesenheit ihre Zustimmung zum Kampf der Studentenschaft gegen den seit langen Jahren von der politischen Rechten Heidelbergs angefeindeten Pazifisten und Privatdozenten für Statistik Emil Julius Gumbel und den sozialdemokratischen Kultusminister Adam Remmele aus.
Werke: Die Entstehung des nachexilischen Judentums, in: Kirchlich-Positive Blätter 43 (1930), 298-303.
Lit.: [Georg Beer], Fritz Haag, in: Süddeutsche Blätter für Kirche und freies Christentum 74 (1933), 38; - Heinrich Neu, Pfarrerbuch der evangelischen Kirche Badens von der Reformation bis zur Gegenwart, Teil II, Lahr 1939; - Heinz Dietrich Wendland, Wege und Umwege. 50 Jahre erlebte Theologie 1919-1970, Göttingen 1977; - Hermann Erbacher, Die evangelische Landeskirche in Baden 1918-1945. Geschichte und Dokumente, Karlsruhe 1983; - Herbert Hoffmann, Im Gleichschritt in die Diktatur? Die nationalsozialistische Machtergreifung in Heidelberg und Mannheim 1930-1935, Frankfurt-Bern-New York 1985; - Eike Wolgast, Die Universität Heidelberg 1386-1986, Berlin u.a. 1986; - Helmut Heiber, Universitäten unterm Hakenkreuz, Teil 1: Die Professoren im Dritten Reich, München u.a. 1991; - Christian Jansen, Professoren und Politik. Politisches Denken und Handeln Heidelberger Hochschullehrer 1914-1935 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 99), Göttingen 1992; - Karl-Heinz Fix, Universitätstheologie und Politik. Die Heidelberger Theologische Fakultät in der Weimarer Republik, Heidelberg 1994.