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Verlag Traugott Bautz
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HÄNDEL, Georg Friedrich (englische Schreibweise: George Frideric Handel), neben Johann Sebastian Bach (s. d.) der größte deutsche Barockmusiker, bedeutender Opernkomponist, Meister des Oratoriums, * 23.2. 1685 in Halle (Saale) als Sohn des Arztes Georg H., † 14.4. 1759 in London, beigesetzt in der Westminsterabtei inmitten der Großen Englands. - H.s Vater (* 24.9. 1622 in Halle, † daselbst 17.2. 1697) war der Sohn des Kupferschmieds Valentin H. aus Breslau, der 1609 das Bürgerrecht der Stadt Halle erlangt hatte. Er wurde 1652 Amtschirurg für den Halle benachbarten Bezirk Giebichenstein und stieg auf zum sächsisch-weißenfelsischen und später kurbrandenburgischen "Leibchirurgus und Geheimen Kammerdiener von Haus". H.s Mutter, Dorothea Taust (* 8.2. 1651 in Dieskau bei Halle, † 27.12. 1730 in Halle) aus dem lutherischen Pfarrhaus in Giebichenstein, eine Enkelin des Superintendenten Johannes Olearius (1546-1623) in Halle, mit der sein Vater als Witwer sich im April 1683 verheiratet hatte, "liebte Gott als ihr höchstes Gut und achtete sein Wort für den größten Schatz". Schon als achtjähriger Knabe zeigte Georg Friedrich große musikalische Begabung. Liebe und Drang zur Musik wurden gegen Wunsch und Willen des Vaters immer stärker. Der Fürsprache des Herzogs von Sachsen-Weißenfels, dem in einem Hofgottesdienst in Weißenfels das Orgelpostludium des jungen H. als eine besondere Leistung aufgefallen war, verdankte Georg Friedrich die väterliche Zustimmung zu seiner musikalischen Weiterbildung. So wurde 1694 der Organist Friedrich Wilhelm Zachow (Zachau; s. d.) an der Liebfrauenkirche in Halle (1663-1712), ein trefflicher Kantaten- und Orgelkomponist und Musikpädagoge, sein Lehrer in Komposition, Orgel-, Cembalo-, Violin- und Oboenspiel. Als Gymnasiast leitete H. das "Collegium musicum" in der Schule und den Stadtsingechor. Er bezog im Februar 1702 die Universität Halle, um nach dem Willen seines verstorbenen Vaters die Rechte zu studieren, und wurde im März 1702, obwohl Lutheraner, probeweise auf ein Jahr zum Organisten an der reformierten Dom- und Schloßkirche ernannt. Nach einem Jahr gab H. mit Zustimmung seiner Mutter das juristische Studium auf, um sich ganz der Musik zu widmen, und siedelte nach Hamburg über, der damaligen ersten Musikstadt Deutschlands. Bald nach seiner Ankunft lernte er Johann Mattheson (1681-1764) kennen, der Tenor am Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt war und sein Freund und Berater wurde, und unternahm mit ihm im August 1703 eine Künstlerfahrt nach Lübeck, dem eigentlichen Mittelpunkt des damaligen norddeutschen Barocks, zu Dietrich Buxtehude (1637-1707; s. d.), dem hochangesehenen Organisten und Komponisten an der dortigen Marienkirche. Die ihm angetragene Amtsnachfolge Buxtehudes schlug H. aus, weil er nicht gewillt war, dessen Tochter zu heiraten. Im Hamburger Opernorchester unter der Leitung von Reinhard Keiser (1674-1739) wurde H. zweiter Violinist, später Cembalist. Im Winter 1703/04 lernte er den Hamburger Dichter Christian Henrich Postel (1658-1705) kennen, der ihm einen gereimten Text zur Leidensgeschichte Jesu nach dem 19. Kapitel des Johannesevangeliums zur Komposition eines Oratoriums zur Verfügung stellte. In der Karwoche 1704 gelangte "Das Leiden und Sterben Jesu Christi", H.s sog. Johannespassion, zur Aufführung. Großes Aufsehen erregte seine erste deutsche Oper "Almira", die am 8.1. 1705 im Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt aufgeführt und im Januar und Februar etwa zwanzigmal wiederholt wurde. Den Text dieser Oper hatte cand. theol. Fr. Chr. Feustking nach einer italienischen Vorlage von Pancieri verfaßt. Am 25.2. 1705 fand die erfolgreiche Erstaufführung des "Nero" statt, der zweiten Oper von H., deren Text wiederum von Feustking ist. Wenige Wochen später gab er seine Stellung im Opernorchester auf und widmete sich nun dem Privatunterricht. Zur Vervollkommnung seiner musikalischen Ausbildung reiste H. im Winter 1706/07 über Halle nach Italien, wo er in Florenz, Rom, Venedig und Neapel sich mit dem dortigen Musikstil vertraut machte. Seine Lehrmeister waren Alessandro Scarlatti (1660-1725), der berühmte Opernkomponist, Bernardo Pasquini (1637-1710), der größte Orgel- und Klavierkomponist Italiens, und Arcangelo Corelli (1653-1713), der größte "klassische" Geiger seiner Zeit. In Rom schrieb H. u. a. die lateinische Vertonung des 110. Psalms "Dixit dominus" und die Bearbeitungen des 127. Psalms "Nisi dominus" und des 113. Psalms "Laudate pueri dominum", ferner zwei Oratorien und weltliche Kantaten. Am 1. Ostertag (8.4.) 1708 wurde in Rom im Palast des Fürsten Ruspoldi H.s Oratorium "La Resurrezione" (Text von C. S. Capeze) unter Corellis Leitung mit größtem Erfolg aufgeführt und noch in demselben Jahr in Rom das weltliche Oratorium H.s "Il Trionfo del Tempo e del Desinganno" ("Der Triumph von Zeit und Wahrheit"), dessen Text der dichtende Kardinal Benedikt Panfili geliefert hatte. Anfang April 1737 wurde das Werk in der umgearbeiteten und erweiterten Fassung unter dem Titel "Il Trionfo del Tempo e della Verità" in London aufgeführt. "The Triumph of Time and Truth", die endgültige letzte Fassung von "Il Trionfo del Tempo", für die ihm der Pfarrer Thomas Morell den englischen Text verschafft hatte, gelangte am 11.3. 1757 in London in Covent Garden zur Aufführung. Während seines Aufenthalts in Rom trat H. zu Agostino Steffani (1654-1728), der seit 1688 Hofkapellmeister in Hannover war und als bedeutender päpstlicher Diplomat 1709 Apostolischer Vikar von Norddeutschland mit dem Sitz in Hannover wurde, in nähere Beziehung und gewann ihn zum Freund. Mit ihm reiste er Ende 1709 nach Venedig. Dort wurde am 26.12. 1709 H.s letzte in Italien entstandene Oper "Agrippina" (Text von V. Grimani) mit außerordentlichem Erfolg aufgeführt. In Venedig traf er mit einigen "Hofleuten, Künstlern und Kunstfreunden" aus Hannover und England zusammen, darunter Baron von Kielmannsegge, der ihn nach Hannover an den kurfürstlichen Hof einlud. Im Frühjahr 1710 verließ H. mit Steffani Italien und wurde am 10.6. 1710 als dessen Nachfolger zum Kapellmeister in Hannover gewählt. Dann erbat er sich einen längeren Urlaub, der ihm auch gewährt wurde. H. besuchte seine Mutter und Schwester in Halle und reiste über Düsseldorf nach London, wo er im Spätherbst 1710 eintraf. Begeisterte Aufnahme fand seine in 14 Tagen vollendete Oper "Rinaldo" (Text von Giacomo Rossi, englische Übersetzung von Aaron Hill), die am 24.2. 1711 in London im "Queen's Theatre" am Haymarket aufgeführt und 14mal wiederholt wurde. Das Werk kam 1711 in Dublin, 1715 in Hamburg und 1718 in Neapel zur Wiedergabe. Im Sommer 1711 kehrte H. nach einem Besuch in Düsseldorf nach Hannover zurück, unternahm aber im Herbst 1712 mit Urlaub auf unbestimmte Zeit seine zweite Londoner Reise. Im "Queen's Theatre" wurde am 22.11. 1712 H.s Oper "Il Pastor fido" (Text von Giacomo Rossi nach Guarini) und am 10.1. 1713 ebenda seine Oper "Teseo" (Text von Nicola Haym) aufgeführt, am 6.2. 1713 im St.-James Palast eine Geburtstagsode für die Königin Anna von England und am 7.7. 1713 in St. Paul's Cathedral in London zur Feier des Utrechter Friedens vom 31.3. 1713, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, H.s "Te Deum und Jubilate". Königin Anna von England gewährte ihm ein Jahresgehalt von 200 Pfund, und der Herzog von Burlington lud ihn in seinen Palast in Piccadilly bei London zu dauerndem Aufenthalt ein. Königin Anna starb am 1.8. 1714. Der Kurfürst von Hannover bestieg als Georg I. den englischen Thron. Am 25.5. 1715 wurde H.s Oper "Amadigi" im Haymarket-Theatre, das zu Ehren des neuen Königs nunmehr wieder "King's Theatre" hieß, mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Reise Georgs I. nach Hannover im Sommer 1716 machte H. im großen Gefolge des Königs mit. Im zweiten Halbjahr 1716 schuf er eine oratorische Passion nach dem Text des Hamburger Barthold Heinrich Brockes (1680-1747; s. d.). Sein Oratorium "Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus", H.s letzte deutsche Kirchenmusik, wurde 1717 in Hamburg aufgeführt. Wahrscheinlich kam H. gleichzeitig mit Georg I. im Januar 1717 nach London zurück. James Brydges, Earl of Carnarvon, später Duke of Chandos, machte H. das Angebot, auf seinem Schloß Cannons bei Edgware zu wohnen, und verpflichtete ihn zu seinem Kapellmeister, Organisten und Komponisten von Kirchenmusik. In der Ruhe von Cannons entstanden als Vorläufer seiner Oratorien seine 11 Chandos-Anthems (Psalmentexte für Chor und Soli mit Instrumentalbegleitung), die die Tradition des Henry Purcell (1658-1695; s. d.) fortsetzten. Im Februar 1719 wurde in London für italienische Opernaufführungen die "Royal Academy of Music" gegründet und H. mit der künstlerischen Leitung und der Verpflichtung der Sänger beauftragt. Kaufmännischer Direktor des neuen Opernunternehmens war Johann Jakob Heidegger (1666-1749) aus Zürich. H. reiste nach Deutschland, verweilte in Düsseldorf, Hannover und Dresden und verpflichtete bedeutende italienische Künstler nach London für die neue Opernsaison, die am 2.4. 1720 im King's Theatre unter seiner Leitung mit einer Oper des Giovanni Porta aus Venedig eröffnet wurde. Ein glänzender, sensationeller Erfolg war die Aufführung von H.s "Radamisto" (Text von Nicola Haym) am 27.4. 1720. Im Theatersaal von Cannons wurde am 29.8. 1720 H.s erstes englisches Oratorium "Haman and Mardecai, a masque" (Text von Alexander Pope nach Jean Baptiste Racine) aufgeführt und die zweite Bearbeitung dieses Werkes (Text erweitert von Samuel Humphreys) als "Esther" an H.s Geburtstag (23.2.) 1732 in London im Haus des Bernard Gates und am 2.5. 1732 im King's Theatre. Es fehlte nicht an Rivalen. Giovanni Battista Bononcini (1670-1747) und Attilio Ariosti (1666 bis etwa 1740) wurden seine erbittertsten Gegner. Es entspann sich ein Kampf, der mit allen Mitteln der Intrige geführt wurde. Am 12.1. 1723 wurde H.s "Ottone" (Text von Haym), eine wahre Glanzoper, aufgeführt, am 20.2. 1724 "Giulio Cesare" (Text von Haym), eine der größten Opernleistungen H.s, am 31.10. 1724 H.s "Tamerlano" (Text von Haym), eine Oper ersten Ranges, und am 13.2. 1725 mit ungewöhnlichem Erfolg "Rodelinda" (Text von Haym), eins der vollkommensten Werke H.s. Am 11.6. 1727 starb Georg I., der als eine seiner letzten Amtshandlungen H. das englische Bürgerrecht verliehen hatte. Für die Krönungsfeier Georgs II. am 6.10. 1727 schrieb H. vier Coronation Anthems und wurde bei dieser Gelegenheit mit dem Hofkomponistentitel ausgezeichnet. Nach fast 500 Aufführungen, davon fast 250 mit Werken von H., löste sich im Juni 1728 die "Royal Academy of Music" wegen wirtschaftlicher Mißerfolge auf. H.s Tatkraft aber war nicht gebrochen. Mit Heidegger als geschäftlichem Leiter gründete er im Spätherbst 1728 die "New Royal Academy of Music" und reiste im Januar 1729 nach Italien, um neue Gesangskräfte zu verpflichten. Am 2.12. 1729 eröffnete H. im King's Theatre das neue Unternehmen mit seiner Oper "Lotario" (Text von Antonio Salvi), der am 24.2. 1730 "Partenope" (Text von Silvio Stampiglia) folgte. Am 2.2. 1731 wurde "Poro" (Text nach Metastasio) aufgeführt, am 27.1. 1733 die chorreiche Oper "Orlando" (Text von Braccioli) und am 17.3. 1733 das Oratorium "Deborah" (Text von Humphreys). H.s Leben und Wirken wurde immer mehr ein Kampf nach innen und außen. Viel zu schaffen machte ihm die Sängerschar, die sich ihm nur widerwillig fügte. Der berühmte Kastrat Francesco Bernardi, genannt Senesino, aus Siena, einer der gefeiertsten Sänger seiner Zeit, den H. während seines Besuchs in Dresden 1720 für die "Royal Academy of Music" gewonnen und 1730 wiederum verpflichtet hatte, wurde immer widerspenstiger, so daß es zum völligen Bruch zwischen ihm und H. kam. In seinem Ringen um die Anerkennung seines Opernschaffens wurde H. ohne sein Zutun das Opfer politischen Ränkespiels. Die Leute um den Prince of Wales, den Thronfolger, wandten sich in ihrer Abneigung und ihrem Haß gegen die hannoversche Dynastie nicht nur gegen Georg II., sondern auch gegen den Hofkomponisten H., der immer noch die Gunst des Königs besaß. Sie knüpften mit dem von H. entlassenen Senesino an und gründeten und übernahmen das Theater in Lincoln's-Inn Fields als Konkurrenzunternehmen zur "New Royal Academy of Music", das "The Opera of the Nobility" genannt wurde. Die besten italienischen Gesangskräfte verließen H. mit Ausnahme der Ann Maria Strada del Pò und traten in den Dienst der Adelsoper, deren Komponist der international berühmte italienische Tondichter und Gesangslehrer Nicolo Antonio Porpora (1686-1766) wurde. Nachdem H. auf Einladung des Vizekanzlers der Universität Oxford dort sein neues Oratorium "Athalia" (textlich in enger Anlehnung an Jean Baptiste Racines Tragödie von Humphreys gestaltet) am 10.7. 1733 aufgeführt und neue Sänger und Sängerinnen verpflichtet hatte, eröffnete er am 30.10. 1733, dem Geburtstag Georgs II., in Gegenwart der königlichen Familie das neue, nunmehr dritte Opernunternehmen. Am 26.1. 1734 fand die Erstaufführung seiner Oper "Arianna" (Text von Francis Colman) statt, die bis zum 12.3. dreizehnmal gegeben wurde. Am Ende der Spielzeit 1733/34, Ende Juni 1734, trennte sich Heidegger von H. und verpachtete der "Oper des Adels" das King's Theatre am Haymarket. H. zog in das Theater seiner Gegner, dessen Besitzer John Rich war. Dieser erwarb in Covent Garden ein neues Theater, in das H. im November 1734 übersiedelte. Am 8.1. 1735 wurde seine Oper "Ariodante" (Text von Salvi) aufgeführt, am 16.4. 1735 "Alcina" (Text von Marchi), sein letztes Meisterstück auf dem Gebiet der Oper, und am 19.2. 1736 "Alexander's Feast or the Power of Music" (nach John Drydens großer Cäcilienode von 1697 bearbeitet von Newburgh Hamilton), eine Huldigungskantate an die Musik, H.s erstes unbestrittenes Meisterwerk. Durch finanzielle Sorgen und Überarbeitung erschöpft, erlitt H. am 13.4. 1737 einen Nervenzusammenbruch und einen Schlaganfall, der seinen rechten Arm lähmte. Durch eine Kur in dem Bad Tunbridge Wells erholte er sich, blieb aber noch monatelang gesundheitlich sehr geschwächt. Im Juni 1737 machte sein drittes Opernunternehmen Bankrott, gleichzeitig auch die "Oper des Adels". Im September 1737 reiste H. zu einer Badekur nach Aachen, genas völlig und kehrte Anfang November nach England zurück. Anläßlich der Beisetzung der am 20.11. 1737 verstorbenen Königin Karoline wurde am 17.12. in der Westminsterabtei von 100 Orchestermitgliedern und 80 Sängern H.s "Funeral Anthem for Queen Caroline": "The ways of Zion do mourn" aufgeführt, eine seiner herrlichsten Trauer-Barockhymnens. Heidegger hatte am 29.10. 1737 auf eigene Rechnung im King's Theatre eine neue Opernspielzeit eröffnet. In seiner finanziellen Bedrängnis nahm H. Heideggers Angebot an, ihm für 1000 Pfund zwei Opern und ein Pasticcio zu liefern. So gelangten zur Aufführung am 7.1. 1738 "Faramondo" (Text von Apostolo Zeno), am 25.2. das Pasticcio "Alessandro Severo" und am 15.4. H.s Oper "Serse" (Text von Minato), die als erste Nummer eine Cavatina enthält, die mit den Worten beginnt: "Ombra mai fù." Das ist die als "H.s berühmtes Largo" bekannte Melodie. Am 2.5. 1738 wurde in Vauxhall Gardens, einem der Hauptvergnügungsparks Londons, eine Marmorstatue von H., wie er sitzend eine Leier spielt, enthüllt. Heidegger mußte am 6.6. 1738 sein Theater schließen, da er nicht genug Subskribenten für die Fortführung seiner Opernaufführungen fand. Während der Sommermonate 1738 komponierte H. in 67 Tagen "Saul" und vom 7. bis 28.10. 1738 nach Bibeltexten "Israel in Ägypten". Der Text von "Saul" stammt von Charles Jennens, dem reichen und musikliebenden Großgrundbesitzer auf Gopsall in der Grafschaft Leicestershire, auf dessen Landsitz H. damals oft zu Gast war. Im King's Theatre am Haymarket wurde am 16.1. 1739 "Saul" aufgeführt; es folgten in der Spielzeit 1739 noch fünf Wiederholungen. Am 4.4. 1739 fand dort die Uraufführung des monumentalen Chororatoriums "Israel in Ägypten" statt. Vom 22.8. bis 14.9. 1741 schuf H. sein berühmtestes Werk, den "Messias". Er verwandte dafür einen Bibeltext, den der Kaplan Pooley, der Sekretär des Charles Jennens, für ihn ausgewählt hatte. Kurz darauf, am 29.10. 1741, war ein weiteres Oratorium, "Samson", fast vollendet. Anfang November 1741 folgte H. der Einladung des Herzogs von Devonshire nach Dublin in Irland. Am 13.4. 1742 fand dort in der Music Hall die Uraufführung des "Messias" statt und am 3.6. ihre Wiederholung. Ende August 1742 kehrte H. nach London zurück, wo im Covent Garden Theatre am 18.2. 1743 "Samson" (Text von Newburgh Hamilton nach John Milton) und am 23.3. 1743 zum erstenmal der "Messias" aufgeführt und am 25. und 29.3. wiederholt wurde. Die erste Aufführung des "Messias" in Deutschland fand unter Thomas Augustine Arne (1710-78) aus London 1772 in Hamburg statt, die 1775 Philipp Emanuel Bach (s. d.) als Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen in Hamburg mit einheimischen Kräften und in der Übersetzung von Friedrich Gottlieb Klopstock (s. d.) und Christoph Daniel Ebeling (1741-1817) wiederholte. Der "Messias" wurde 1777 in Mannheim unter Abbé Georg Joseph Vogler aufgeführt, 1780 in Schwerin, 1781 in Weimar in der Verdeutschung von Johann Gottfried Herder (s. d.) und 1786 unter Johann Adam Hiller (s. d.) im Berliner Dom mit italienischem Text. 1786 und 1787 folgten Aufführungen des "Messias" in der Leipziger Pauluskirche. Als Hiller 1787 Städtischer Musikdirektor in Breslau wurde, führte er auch dort 1788 den "Messias" auf. Nach dem entscheidenden Sieg des Herzogs von Cumberland über die schottischen Aufständischen bei Culloden am 16.4. 1746 schuf H. zur Feier der Heimkehr des Siegers und seiner Truppen vom 9.7. bis 11.8. 1746 nach dem Text des Dr. theol. Thomas Morell das Oratorium "Judas Maccabaeus", das am 1.4. 1747 mit ungeheurem Erfolg aufgeführt wurde und die entscheidende Wende in H.s langer, sturmbewegter Laufbahn brachte. Durch dieses Werk verschaffte er sich nicht nur eine gesicherte Existenz und die allgemeine Anerkennung und den ersten Platz in der englischen Musikwelt, sondern erwarb sich auch dadurch für immer ein Heimatrecht in der geistigen Geschichte seiner Wahlheimat und in den Herzen seiner Mitbürger. H. hat dieses Oratorium im Lauf seiner ersten Spielzeit sechsmal und insgesamt 38mal während seiner zwölf letzten Lebensjahre aufgeführt. Ursprünglich fehlten in "Judas Maccabaeus" im dritten Akt der bekannte Begrüßungschor beim Einzug des siegreichen Heeres "See, the conqu'ring hero comes" = "Seht, es kommt mit Preis gekrönt", der aus dem 1747 komponierten "Joshua" 1751 nachträglich hier eingegliedert und später für das Adventslied "Tochter Zion, freue dich" verwandt wurde, und das große Duett mit Chor "Sion, now her head shall rise" = "Zion hebt ihr Haupt empor", das erst um 1756 hinzukomponiert wurde. Von H.s insgesamt 22 Oratorien seien ferner genannt: "Semele" (Text 1707 von W. Congreve verfaßt und ursprünglich für eine Oper bestimmt; vom 3.6. bis 4.7. 1743 komponiert; aufgeführt am 10.2. 1744) und "Hercules" (Text von Thomas Broughton nach Sophokles und Ovid; vom 19.7. bis 17.8. 1744 komponiert; aufgeführt am 5.1. 1745), beide aus der griechischen Mythologie; "Joseph and His Brethren" = "Joseph und seine Brüder" (Text von James Miller; 12.9. 1743 vollendet; aufgeführt am 2.3. 1744); "Belshazzar" = "Belsazar" (Text von Charles Jennens; im Oktober 1744 vollendet; aufgeführt am 27.3. 1745); "Joshua" = "Josua" (Text von Thomas Morell; in 20 Tagen, am 19.8. 1747, vollendet; aufgeführt am 23.3. 1748); "Alexander Balus", eine Fortsetzung von "Judas Maccabaeus", die von der Liebe des Alexander Balus zu einer Tochter des Ptolemäus Philometor, des Königs von Ägypten, handelt (Text von Thomas Morell; komponiert vom 1. 6. bis 4. 7. 1747; aufgeführt am 9. 3. 1748); "Susanna" (Text von einem unbekannten Verfasser; komponiert vom 11.7. bis 24.8. 1748; aufgeführt am 10.2. 1749); "Solomon" = "Salomo" (Text von Thomas Morell; komponiert vom 5.5. bis 13.6. 1748; aufgeführt am 17.3. 1749); "Theodora", neben dem "Messias" H.s einziges christliches Oratorium, das das Martyrium der Theodora und des von ihr bekehrten römischen Offiziers Didymus, der sie liebt, behandelt (Morell hatte seinen Text Pierre Corneilles "Théodore, vierge et martyre" von 1645 zugrunde gelegt; komponiert vom 28.6. bis 31.7. 1749; aufgeführt am 16.3. 1750); "Jephtha" (Text von Morell; am 12.1. 1751 begonnen und nach mancherlei Unterbrechung durch Krankheit und Kur am 30.8. 1751 vollendet; aufgeführt am 26.2. 1752). Während H. an diesem seinem letzten Oratorium arbeitete, erlebte er, wie seine Sehkraft allmählich abnahm und er durch sein Augenleiden in seinem Schaffen gehemmt wurde. Bei der vorletzten Szene des zweiten Aktes mußte H. die Arbeit unterbrechen und vermerkt das in der Orgelpartitur: "Biss hier her kommen, den 13. Febr. 1751, verhindert worden wegen des Gesichts meines linken Auges." Da er bei den Londoner Aufführungen des "Messias" im April und Mai die Noten nicht mehr lesen konnte und auf der Orgel aus dem Gedächtnis spielen mußte, reiste H. zu einer Kur nach Bad Cheltenham. Nach seiner Rückkehr nahm er die Arbeit am "Jephtha" wieder auf. Das Augenleiden verschlimmerte sich; Ende 1751 war ein Auge verloren. Erfolglos verliefen 1752 drei Operationen, bei denen jedesmal ohne Narkose die Augäpfel mit einer Nadel durchstochen wurden. Die Londoner "Evening Post" berichtete am 30.1. 1753, daß H. nun völlig blind geworden sei. Dennoch begann der Meister im März 1753 eine neue Oratorienspielzeit, überließ aber ihre eigentliche Leitung John Christopher Smith junior, dem Sohn seines Hallenser Studienfreundes und langjährigen Sekretärs. In den Konzerten spielte er aus dem Gedächtnis oder frei improvisierend Cembalo und Orgel. Seit seiner Erblindung hat H. kaum noch komponiert, aber mit Hilfe Smiths ältere Werke revidiert und ergänzt. Die bedeutendste Arbeit dieser Art war die bereits erwähnte endgültige englische Fassung seines weltlichen Oratoriums "Il Trionfo del Tempo" von 1708 und 1737, die am 11.3. 1757 als "The Triumph of Time and Truth" aufgeführt wurde. H. durchlebte 1756 mehrere Wochen schwerer Melancholie. 1758 wiederholten sich Zeiten tiefer Depressionen. Trotz seiner verfallenden Kräfte eröffnete H. am 2.3. 1759 die neue Spielzeit und dirigierte mehrere Oratorien mit zum Teil neuen Stücken, die er kurz vorher Smith diktiert hatte. Am 6.4., zwei Tage vor Palmsonntag, leitete H. den "Messias" in Covent Garden, erlitt aber nach Schluß der Aufführung einen Schwächeanfall und wurde bewußtlos nach Haus gebracht. H. fühlte, daß sein Ende herannahte: "Ich möchte am Karfreitag sterben, in der Hoffnung, mit meinem guten Gott, meinem gnädigen Herrn und Heiland, am Tage seiner Auferstehung vereint zu werden." Am Karsamstagmorgen entschlief er. - Der Musikforscher und H.-Biograph Friedrich Chrysander (1826-1901; s. d.) gründete 1856 mit dem Heidelberger Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus (1805-71) zur Herausgabe der sämtlichen Werke des Meisters die "Deutsche Händel-Gesellschaft", die sich aber bereits 1860 auflöste. Nun nahm Chrysander sozusagen ganz allein die geplante Riesenarbeit auf sich, die er 1894 mit dem 100. Band der kritischen Gesamtausgabe abschloß. In Göttingen begann mit einer Aufführung von "Rodelinda" am 26.6. 1920 durch den Kunsthistoriker Oskar Hagen eine Renaissance der H.-Oper. Von den rund 40 Opern H.s sind 20 und das Tanzspiel "Terpsichore" seit 1921 neu bearbeitet und aufgeführt worden. 1925 erfolgte in Leipzig die Gründung der "Neuen Händel-Gesellschaft", die bis 1935 bestanden hat. Ihre Aufgabe sollte es sein, die Werke H.s in erhöhtem Maß nach dem Vorbild der traditionellen H.feste der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Sie wurde bekannt durch die jährlichen H.feste und das H.jahrbuch, das 1928-33 erschien. Seit 1952 finden in Halle H.Festspiele statt. Am 2.3. 1955 wurde dort die "Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft" gegründet, in deren Auftrag Max Schneider und Rudolf Steglich die Hallische Hausgabe, die allmählich an die Stelle von Chrysanders Gesamtausgabe treten soll, und seit 1955 das neue H.jahrbuch herausgibt.
Werke: Chrysander-GA (1858-1902), Nachdr. in 84 Bden. nebst 6 Suppl.-Bden., London 1965-68. - Hallische H.-Ausg. (Krit. GA), hrsg. v. der G.-F.-H.-Ges., Kassel u. Leipzig 1955 ff., bisher ersch.: Serie 1. Oratorien u. große Kantaten. 1 (Konrad Ameln), Das Alexanderfest oder Die Macht der Musik, 1957; 2 (Karl Gustav Fellerer), Passion nach dem Evangelisten Johannes, 1964; 6 (Walther Siegmund-Schultze), Ode f. den Geb. der Kgn. Anna, 1962; 7 (Felix Schroeder), Passion nach Barthold Heinrich Brockes, 1973; 13 (Percy Marshall Young), Saul, 1964; 16 (James Simkin u. Martin V. Hall), L'allegro, il pensieroso ed il moderato, 1969; 17 (John Tobin), Der Messias, 1965; 28 (B. Rose), Susanna, 1967; 31 (W. Siegmund-Schultze), Die Wahl des Herakles, 1962; Serie 2. Opern. 28 (Siegfried Flesch), Orlando, 1969; 39 (Rudolf Steglich), Serse, 1958; Serie 3. Kirchenmusik. 1 (Eberhard Wenzel), Dixit Dominus, 1960; Serie 4. Instrumentalmusik. 1 (R. Steglich), Die 8 großen Suiten, 1955; 2 (Karl Matthaei), Orgelkonzerte (op. 4 Nr. 1-6), 1956; 3 (Hans-Peter Schmitz), 11 Sonaten f. Fl. u. bezifferten B., 1955; 4 (J. Ph. Hinnenthal), 6 Sonaten f. V. u. bezifferten B., 1955; 5 (P. Northway), Klavierwerke II (2. Smlg. v. 1733), 1970; 6 (T. Best), Klavierwerke III (Einzelne Suiten u. Stücke), 1970; 10/1 u. 10/2 (S. Flesch), 9 Sonaten f. 2 V. u. B. c. bzw. 7 Sonaten f. 2 V. u. B. c. op. 5, 1970 bzw. 1967; 11 (Frederick Hudson), 6 Concerti grossi op. 3, Neudr. 1963; 12 (Ders.), 8 Concerti, 1971; 13 (Hans Ferdinand Redlich), Water Music for the Royal Fireworks, 1962; 14 (Ders.), 12 Concerti grossi op. 6, Neudr. 1964. - Verz. der Werke, in: MGG V, 1256 ff.; J. M. Coopersmith, A Thematic Index of the Printed Works of G. F. H. (Diss. Harvard Univ., USA), 1932. - Ausgg. der Werke, in: MGG V, 1278 ff.; Riemann, ErgBd. I, 478.
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Friedrich Wilhelm Bautz
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Rainer Heyink, Zu Unrecht vernachlässigt. H.s lat. Kirchenmusik, in: MuK 79.2009, S. 10-15;- Konrad Klek, H. im Buvh. Aktuelle Neuerscheinungen, in: ebd. S. 18f.; - G.F.H. u. seine Zeit. Siegbert Rampe (Hrsg.). Laaber 2009; - Franz Binder, G.F.H. Sein Leben u. seine Zeit. München 2009; - Till Sailer, G.F.H. Wie "Der Messias" entstand u. andere Geschichten aus seinem Leben. Gießen 2009; - Annette Schellenberg, "Esther". Exeget.-theol. Beobachtungen zur Rezeption d. bibl. Stoffs bei G.F.H., in: Sprachen - Bilder - Klänge. Münster 2009, S. 275-293; - Das H.-Hörbuch. Leben in der Musik. H. - Faszination& & Inspiration. Eine klingende Biografie. Kayhude 2009. 1 CD;- Peter Overbeck, G.F.H. Frankfurt/M. 2009; - Eleni Pavlidou, Ich komponierte wie der Teufel! Anekdoten um H. Berlin 2009; - Roland Mörchen, Ein starker u. sanfter Geist. Vor 250 Jahren starb d. Komponist G.F.H., in: Zeitzeichen 10.2009,4, S. 43-45; - Händel. Ein biograf. Bilderbogen. Ed. direction by Astrid Fischer. Hamburg 2009. Buch + 4 CDs;- Hanno Herzler, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. G.F.H. - der Komponist u. sein "Messias". Hörbuch. Asslar 2009. 1 CD;- Karl-Heinz Ott, Tumult u. Grazie. Über G.F.H. Hamburg 2009. 1 CD; - Karl Böhmer, H. in Rom. Mainz 2009;- Arnold Jacobshagen, H. im Pantheon. Der Komponist u. seine Inszenierung. Sinzig 2009; - Uwe Neumahr, G.F.H. Ein abenteuerl. Leben im Barock. München 2009; - Annette Busch & Christa Merhof, Wege zum Messias. Musikal. u. geistl. Anregungen zum Oratorium von G.F.H. Marburg 2009;- Hans Hoffmann, G.F.H. Der Komponist d. "Messias". Überarb. Neuaufl. Marburg 2009; - Händels großes Halleluja. Die Geschichte eines Meisterwerkes. Holzgerlingen 2009. Buch + CD; - Silke Leopold, H. - die Opern. Kassel 2009; - Konrad Klek, Schöpfung, Messias u. Elias. Krit. Beobachtungen zur heutigen Oratorienkultur, in: Pth 98.2009, S. 404-420; - Rainer Schwindt, Zur Theol. von H.s Messias. Das Libretto d. Oratoriums im Spannungsfeld von anglikan. Orthodoxie, Antijudaismus u. Deismus, in: StZ 227.2009, S. 818-828; - Helmut R. Schulze ; Philipp Adlung, G.F.H. Ein Europäer aus Halle. Heidelberg 2009;- "True to life" - H., der Klassiker. Hrsg. von Ute Jung-Kaiser und Matthias Kruse. Hildesheim 2009; - Otto Brusatti, Mein Messias. Eine Übertragung u. Nacherzählung. Mit Kommentar. Wien 2009; - Friedbert Schmidt, "Conqu'ring hero's choicest treasure" - G.F.H.s Oratorium Judas Maccabaeus u. seine agitator. Funktion f.d. hierarchische England d. 18. Jhrs. Berlin 2009; -
2010
Gewalt - Bedrohung - Krieg. G.F.H.s "Judas Maccabaeus". Interdisziplinäre Studien. Dominik Höink/Jürgen Heidrich (Hg.). Göttingen 2010; - Nils Grinde, G.F.H. 1685 - 1759. Liv og musikk. Oslo 2009;- H.s Oratorien, Oden u. Serenaten. Hrsg. von Michael Zywietz. Laaber 2010; - Wilhelm Rothfuchs, Das gesungene Bibelwort. Ein Rückblick auf "The Messiah" im Händeljahr 2009, in: LTK 34.2010, S. 91-104.
Letzte Änderung: 15.07.2010