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Band II (1990)Spalten 465-469 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HAHN, Hugo, Bahnbrecher der Hereromission, * 18.10. 1818 auf dem Gut Aahof bei Riga als Sohn des Landwirts und Gutspächters Carl Peter H. (1774-1863), †24.11. 1895 in Kapstadt, beigesetzt in Paarl bei Kapstadt. - H. besuchte das Gymnasium in Riga und bestand 1834 in St. Petersburg die Aufnahmeprüfung in das kaiserlich-russische Ingenieurkorps. Während der Wartezeit vor dem Eintritt in den Dienst des russischen Heeres erlebte er seine Bekehrung und beschloß, Missionar zu werden. Trotz zurückhaltender Antwort der Rheinischen Missionsgesellschaft verließ H. im November 1837 die Heimat, um sich in Barmen vorzustellen. Nach einer dreivierteljährigen Probezeit als Lehrergehilfe an der reformierten Pfarrschule in Elberfeld wurde H. am 1.10. 1838 in das Missionsseminar aufgenommen und 1841 nach Südwestafrika ausgesandt mit der Weisung, die rheinische Mission vom Kapland über den Oranje bis in das Hereroland auszudehnen. Am 13.10. 1841 betrat er afrikanischen Boden. Nach kurzer Vorbereitungszeit bei Johann Heinrich Schmelen (s. d.) in Kommaggas im Kleinnamaland begab sich H. 1842 mit Franz Heinrich Kleinschmidt (s. d.) nach Windhuk zu Jonker Afrikaner, dem Häuptling eines Stammes der Orlamhottentotten, in das Grenzgebiet zwischen den Nama, einem Stamm der Hottentotten, und den Herero, einer Gruppe der Bantuneger, deren Streitigkeiten für die Mission so verhängnisvoll werden sollten, besonders nach dem 1861 erfolgten Tod Jonkers. Von dort zog H. nach Okahandja und bereiste dann das noch völlig unbekannte Hereroland, während Kleinschmidt Reheboth aufsuchte. H. baute in Otjikango an den Ufern des Swakop die Station Neu-Barmen und ließ sich dort am 31.10. 1844 nieder. Er war stets von Löwen, Leoparden und Räubern bedroht und wurde Zeuge furchtbarer Greuel in dem Rassenkampf zwischen den Herero und den Nama. In jahrelanger Geduldsarbeit mußte H. den Herero ihre Sprache vom Mund ablauschen: "Fürchtete ich nicht die Hand Gottes, ich liefe weg und überließe es anderen Brüdern, die mehr Gabe und Energie besitzen, diese Sprache zu lernen." Nach mühevoller Predigtvorbereitung verkündigte er am 24.1. 1847 zum erstenmal das Evangelium in der Hererosprache. Obwohl er sich lange Jahre ohne sichtbare Frucht mühte, war H. doch zu frohen Hoffnungen berechtigt, da das Missionswerk trotz mancherlei Schwierigkeiten durch Jonker wuchs, so daß man 1849 eine zweite Station in Otjimbingue anlegen mußte, wohin Johann Rath (s. d.) zog, und 1850 als dritte Station aufs neue Okahandja mit Friedrich Kolbe (s. d.) besetzen konnte. H. sah aber auch, wie sehr der ununterbrochene Raub- und Verteidigungskrieg der Nama und Herero die gedeihliche Entwicklung der Missionsarbeit hemmte. Er mußte ihre völlige Vernichtung miterleben, als Jonker Afrikaner die Stationen plünderte und zerstörte und die Herero zu Tausenden sich unterwarf. 1853 wurde H. nach Barmen zurückgerufen, damit man auf Grund eingehender Besprechungen mit ihm die Frage entscheide, ob man die scheinbar aussichtslose Arbeit unter den Herero aufgeben solle. Den Winter über widmete er sich fleißig literarischen Arbeiten über die Ovahererosprache, die ihm 1873 den Doktortitel ehrenhalber von der Universität Berlin einbrachten. Im Mai 1854 reiste H. mit seiner Familie nach Rußland, wo er bis Anfang 1855 verweilte und viele Freunde für seine Arbeit und die Rheinische Mission gewann. H. besuchte auch England, die Heimat seiner Frau, und wirkte im Sommer 1885 in Deutschland unermüdlich für die Mission. 1856 kehrte er nach Südwestafrika zurück und ging mutig daran, die Station Otjikango neu aufzubauen. Da die Herzen der Herero nach wie vor hart wie Stein blieben, er aber bei den Ovambo ein günstiges Arbeitsfeld zu finden hoffte, machte H. 1857 mit Johann Rath und etwa 30 Leuten eine Erkundungsreise in den Norden. In Ondonga wurden sie von dem Häuptling freundlich aufgenommen, dann aber verräterisch von etwa 800 Bewaffneten überfallen. Diese ließen jedoch von der Verfolgung ab, als die Kunde sie erreichte, der Häuptling sei plötzlich gestorben. 1858 konnte H. zwar sein Hausmädchen, den Erstling der Herero, taufen; aber das täuschte ihn nicht darüber hinweg, daß die Stunde für dieses Volk noch nicht gekommen sei. 1859 wurde er abberufen, um daheim als Reiseprediger verwandt zu werden. H. dachte nicht daran, die Hereromission aufzugeben, folgte aber dem Ruf nach Barmen, um der Missionsleitung seine neuen Pläne für die Arbeit unter den Herero vorzutragen und ihre Genehmigung durchzusetzen. Er erklärte, es sei unmöglich, ein Nomadenvolk wie die Herero allein durch die Predigt des Evangeliums zur Umwandlung zu bringen, sondern es müßten von der Mission kolonisatorische Mittelpunkte geschaffen werden, die zugleich Brennpunkte des christlichen Lebens wären. Darum forderte H. Missionshandwerker, - Landwirte und - Kaufleute, durch deren Beispiel und Hilfe die Herero zu seßhaften Ackerleuten und Handwerkern erzogen werden sollten. Erst nach vielen Verhandlungen gewann er die zögernde Missionsleitung für seine Pläne, die bei dem Ravensberger Missionsverein lebhafte Unterstützung fanden. Den Antrag, 1863 als Nachfolger von Johann Christian Wallmann (s. d.) das Inspektorat der Berliner Missionsgesellschaft zu übernehmen, lehnte H. ab. 1864 kam er mit einem Schmied und einem Wagenbauer, denen 1866 weitere Missionskolonisten folgten, ins Hereroland zurück und ließ sich in Otjimbingue nieder, wo bald ein reges Leben herrschte und es sich zeigte, wie günstig sich die Durchführung der kolonisatorischen Pläne auf die Missionsarbeit auswirkte. Da das Evangelium nun bei den Herero Eingang fand, konnte H. bald einige taufen und eröffnete 1866 eine Ausbildungsstätte für eingeborene Gehilfen, das "Augustineum", das unter dem Protektorat seiner Gönnerin, der Fürstin Elisabeth von Lippe-Detmold, stand. 1866 machte er in das Ovamboland eine zweite Forschungsreise, die günstig verlief und bis zum Kunene ausgedehnt werden konnte. Sie ebnete der ihm bekannten Finnischen Missionsgesellschaft, die ein Arbeitsfeld suchte, den Weg; sie begann 1870 im Ovamboland die Arbeit. An dem Zustandekommen des Friedensvertrags vom 23.9. 1870 in Okahandja, der den siebenjährigen Freiheitskampf der Herero gegen die Nama beendete, war H. hervorragend beteiligt. Er erlebte nun die Gründung neuer Stationen und ein fröhliches Aufblühen der Hereromission. 1873 kehrte H. nach Deutschland zurück, als in Barmen der Beschluß gefaßt wurde, die Missionskolonie in Otjimbingue aufzulösen und eine neue, selbständige Unternehmung, eine "Missions-Handelsgesellschaft", ins Leben zu rufen, deren Ziel "nicht Vermischung, sondern Scheidung von Handel und Mission" sein sollte. H. dagegen erstrebte die engste Verbindung des Handels mit der Mission und hielt darum diesen Beschluß für ganz verfehlt. Er trat aus dem Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft aus und ließ in dem Gebiet, in dem er seit 1844 mühevolle Pionierarbeit geleistet hatte, nicht weniger als 13 Stationen zurück. Zu diesem Schritt hatte ihn sein lutherischer Konfessionalismus gedrängt. Getreu der Überlieferung seiner baltischen Heimat war H. ein überzeugter Lutheraner, der schon 1859 erklärte, mit den reformierten Missionaren nicht zum Abendmahl zu gehen. In der konfessionellen Krise der Rheinischen Missionsgesellschaft zu Beginn der sechziger Jahre, als ihr Bestand durch den Bekenntnisgegensatz unter den Missionaren und in der Heimatgemeinde gefährdet war, vertrat er, in diesem Ringen von den Ravensberger Gemeinden unterstützt, mit allem Nachdruck gegenüber der unierten Gesellschaft und ihrem Inspektor Friedrich Fabri (s. d.) sein Luthertum und setzte sich erfolgreich dafür ein, daß der Mission im Hereroland ihr lutherisches Gepräge und Bekenntnis erhalten blieb. Sein starres Festhalten an dem lutherischen Bekenntnis gegen Union und Konföderation der Bekenntnisse verlangte schließlich von ihm das Opfer des Verzichts auf weitere Arbeit unter den Herero. Schon Jahre zuvor hatte Fabri es verhindert, daß zwei Söhne H.s, Hugo (* 17.7. 1846 in Reheboth in Südwestafrika, † 29.10. 1933 in Paarl bei Kapstadt) und Traugott (s. Hahn, Traugott der Ältere), in den Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft eintraten, weil er befürchtete, daß der durch ihren Vater vertretene streng lutherische Charakter der Hereromission durch sie nur noch mehr verstärkt würde oder daß es auf einem anderen Arbeitsfeld durch sie zu konfessionellen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen unter den Missionaren kommen könnte. Alle lockenden Angebote, die man ihm in Europa machte, lehnte H. ab; es zog ihn nach Afrika zurück. Darum übernahm er 1874 in Kapstadt das Pfarramt der deutschen St. Martinsgemeinde, das er 10 Jahre verwaltete. Sein Sohn Hugo wurde sein Adjunkt. Am 18.6. 1880 traf ihn der schwerste Schlag seines Lebens: H. verlor seine ihm ebenbürtige Gattin, Emma Sarah, Tochter des englischen Schriftstellers William Hone (1780-1842), die er in Kapstadt einst kennengelernt und 1843 geheiratet hatte. 1882 reiste H. im Auftrag der englischen Regierung als Friedensvermittler noch einmal in sein geliebtes Hereroland, wo man ihn mit unbeschreiblichem Jubel empfing. 1884 kehrte er zum letztenmal nach Deutschland zurück und knüpfte die Verbindung mit der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen wieder an, die ihn unter die Zahl der emeritierten Missionare aufnahm. H. besuchte in Cuxhaven seinen ältesten Sohn Josaphat (* 7.8. 1844 in Windhuk), der am 20.12. 1925 als Rektor in Hamburg starb, und weilte von Herbst 1885 bis Frühjahr 1886 bei seinem Sohn Traugott, der 1874-86 als Pfarrer in Rauge/Livland wirkte. Während seines dortigen Besuchs unternahm er eine längere Reise für die Mission bis tief nach Rußland hinein. Von schwerer Krankheit genesen, hatte H. nur noch den Wunsch, seine einzige Tochter Margarita († 1906 in New York) zu sehen, an der sein ganzes Herz hing. Sie war mit dem Hereromissionar Heinrich Beiderbecke verheiratet, aber mit ihrem Mann nach Nordamerika übergesiedelt, da er das Klima des Hererolandes nicht vertrug. So verließ H. die Heimat der Väter und trat die Seereise nach Amerika an, die ihm rechte Erholung und Stärkung brachte, so daß er dort in drei Monaten zwölfmal predigte. Doch die Sehnsucht nach dem Land seiner jahrzehntelangen Wirksamkeit drängte ihn zu dem Entschluß, nach Südafrika zurückzukehren, um dort seinen Lebensabend zu verbringen und zu sterben. So reiste H. zum fünftenmal nach Südafrika, diesmal zu seinem Sohn Hugo, der 1881-1921 als Pastor der St. Petri-Kirche in Paarl bei Kapstadt wirkte. Er übernahm dessen Filialgemeinde in Worcester und bediente sie noch längere Zeit. H. erlebte 1890 den Beginn der Arbeit der Rheinischen Missionsgesellschaft im Ovamboland. Mit den beiden ersten Ovambo- und den Hereromissionaren verkehrte er rege. Auf die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft neuer Verstärkung für die Hereromission reiste H. im November 1895 nach Kapstadt, wo er erkrankte und nach kurzem Leiden starb. Seine letzte Ruhestätte fand H. in Paarl, wohin später auch der Sarg seiner Gattin übergeführt wurde. In den "Erinnerungen aus meinem Leben" schreibt Traugott Hahn im Gedenken an seine Eltern: "Dort ruhen sie in Afrikas Erde, im schwarzen Erdteil, dem ihre ganze heiße Lebensarbeit geweiht gewesen lat. Sie waren Bahnbrecher der Mission im Hereroland. Noch jetzt gedenkt das ganze Hererovolk ihrer in treuer Liebe und Dankbarkeit." Das Grabkreuz in Paarl zeigt ihres Lebens Ziel und Losung: "Dein Reich komme."

Werke: Grammatik u. Lex. der Hererosprache, 1875; Übers, des NT u. großer Teile des AT u. des Katechismus in die Hererosprache u. Umdichtung u. Neudichtung vieler Kirchenlieder.

Lit.: Ludwig v. Rohden, Gesch. der Rhein Missionsges., 18712, 84 ff. 260 ff. 270 ff.; - Rigasche Biogrr., hrsg. v. J. G. Frohbeen, 3 Bde., Riga 1881-84, II, 184; - August Schreiber, Dr. H. H., in: Berr. der Rhein. Missionsges. 53, 1896, 36 ff.; - Paul Richter, Gottesmänner im Heidenland, 1922, 27 ff.; - Eduard Kriele, Die Rhein. Mission in der Heimat, 1928, 117 ff. 206 ff. 218 ff.; - Heinrich Drießler, Die Rhein. Mission in Südwestafrika, 1932, 21 ff. 49 ff. 62 ff.; - Erik Thomson, H. H., Bahnbrecher der Hereromission u. Ahnherr eines Pfr.geschlechts, 1956; - O. Milk, Das Augustineum, in: Ein Leben f. Südwestafrika. Festschr. Dr. h. c. Heinrich Vedder. Hrsg. v. Wahrhold Drascher u. Hans Joachim Rust, Windhoek 1961 (19652 unv.) 23 ff.; - Theo Sundermeier, Mission, Bekenntnis u. Kirche: missionstheol. Probleme des 19. Jh.s bei Carl H. H. (Diss. Heidelberg, 1961), Wuppertal 1962; - Dt.balt. Biogr. Lex. I710-1960, hrsg. v. Wilhelm Lenz, 1970, 287 f.; - ADB 49, 706 ff.; - NDB VII, 509; - RGG III, 28 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Letzte Änderung: 09.07.2008