HAHN, Traugott, Pastor und Volksmissionar, * 15.8. 1848 in Komachas (Südwestafrika) als Sohn des Missionars Hugo Hahn (s. d.), † 19.4. 1939 in Burgdorf bei Hannover. - Nicht lange nach der Geburt Traugotts kehrten seine Eltern nach Otjikango (Neu-Barmen) zurück. Auf dieser Missionsstation im Hereroland verlebte er seine Kindheit mit seinen Brüdern Josaphat (* 7.8. 1884) und Hugo (* 17.7. 1846), bis ihr Vater 1853 nach Barmen zurückgerufen wurde. Im April 1854 reiste Hugo H. mit seiner Familie nach Riga zu seinem Vater und seinen anderen Verwandten. Dort blieben Frau und Kinder, während er auf seinen Reisen bis Februar 1855 in Dorpat, Reval, St. Petersburg und Moskau und auf der livländischen Synode in Wolmar und auf der kurländischen in Mitau viele Freunde für seine Arbeit im Hereroland und die Rheinische Mission gewann. Im August 1855 kehrte Hugo H. mit seiner Frau und seiner Tochter Margarita in das Hereroland zurück. Die Söhne besuchten das Evangelische Gymnasium in Gütersloh. Die Eltern wohnten von Juli 1860 bis Oktober 1863 in Gütersloh, weil dort mit finanzieller Hilfe der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft die für die Mission notwendigen Bücher in der Hererosprache gedruckt wurden. Zum Sommersemester 1867 bezog Traugott H. die Universität Berlin und setzte dann das Studium in Dorpat fort, wo er Ende 1869 das theologische Fakultätsexamen bestand. Er verlobte sich mit der l9jährigen Rosalie (genannt Lalla) Paling, deren Vater das große Dorpater Stadtgut Sotaga verwaltete, aber im Frühjahr 1870 die Verwaltung des nicht weit entfernten Gutes Saddoküll übernahm. Ende 1871 wurde H. Pastor der Gemeinde Wolde auf der Insel Ösel. Die Trauung fand am 1.1. 1872 statt. Mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand seiner Frau folgte er im Herbst 1874 dem Ruf der Gemeinde Rauge in Livland. Der Gesundheitszustand seiner Frau nötigte ihn, sich im Frühjahr 1886 um ein Pfarramt an der St. Olaikirche in Reval zu bewerben. Die Bewerbung hatte Erfolg. Nach langen, schweren Leidenstagen starb H.s Gattin am 5.1. 1905. 1915 wurde er nach Sibirien verbannt. Mit seiner Gemeinde in Reval stand H. in beständigem Briefwechsel. Im Februar 1917 brach in Rußland die Revolution aus, die den "politischen" Verbannten die Freiheit wiedergab. Am 9.12. 1917 durfte H. nach Reval zurückkehren. Am 11.12. besetzten die Bolschewiken die St. Olaikirche. Die Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen am 25.2. 1918 machte der bolschewistischen Schreckensherrschaft ein Ende. Zu seinem 70. Geburtstag verlieh die Theologische Fakultät der Universität Göttingen H. die Ehrendoktorwürde. Der Zusammenbruch Deutschlands besiegelte auch das Schicksal des baltischen Landes. Der Generalsuperintendent empfahl H., zunächst Reval zu verlassen, bis die Lage sich klären werde; es handle sich um eine Gefährdung seiner Person und nicht der Gemeinde, die ja nicht unversorgt zurückbliebe. Das Konsistorium und der Kirchenvorstand billigten einmütig seinen Entschluß, Reval zu verlassen. Mit dem letzten Militärtransport verließ H. in der Nacht vom 30.11. zum 1.12. in Begleitung seiner Tochter und seines Schwiegersohnes Reval in der Hoffnung, vielleicht nach wenigen Monaten zu seiner Gemeinde zurückkehren zu können, aber auch in dem Bewußtsein, daß es ein allerletzter Abschied von Reval sein könnte. Während einer zweistündigen Fahrtunterbrechung am Abend im Bahnhof Dorpat besuchte H. Traugott und nahm von ihm und seiner Familie Abschied. Es war das letzte Zusammensein mit seinem Sohn: am 14.1. 1919 wurde er von den Bolschewiken erschossen. Im Stephansstift in Hannover fand H. mit den Seinen Aufnahme. Da er weder Gehalt noch Pension erhielt, beschloß er, als freier Evangelist sein tägliches Brot zu verdienen. H. schrieb an ihm bekannte Pfarrer und bot ihnen seinen Dienst an. Bereits im Februar 1919 führte er in Celle seine erste Evangelisationswoche durch. In verhältnismäßig kurzer Zeit erstreckte sich sein Arbeitsfeld über ganz Westdeutschland. Seine rast- und ruhelose Evangelisationsarbeit mit etwa 200 Vorträgen und über 100 Predigten und Bibelstunden im Jahr und sein jährlicher Briefwechsel mit etwa 1200 Schreiben ließen ihm wenig Zeit und Kraft zur Fortsetzung seiner "Lebenserinnerungen" von 1886 bis Ende 1918. 1924 siedelte H. nach Frankfurt am Main über zu seiner Tochter Emmy und Woldemar Sielmann, der dort als Pfarrer wirkte. Als sein Schwiegersohn 1936 in den Ruhestand trat, zog H. nach Burgdorf zu seiner Tochter Nelly, die dort Lehrerin an der Mittelschule war.
Werke: Erinnerungen aus meinem Leben. I: Aus meiner Jugendzeit, 1919 (19212); II: Haus u. Amt, 1923 (in 1 Bd. 1940); Jesus v. Nazareth, seine Person u. sein Werk. 12 Evangelisations-Reden, 1911; Die Letztzeit u. die Vollendung der Gemeinde unseres Herrn Jesus Christus. 7 Vortrr., 1919 (19245); Aus dem inwendigen Leben u. seiner Vollendung. Eine Aufforderung z. Entscheidung. 12 Vortrr., 1919; Jesu Gebetsschule mit seinen Jüngern. 8 Evangelisations-Reden, 1920 (19242); Gottesliebe u. Weltelend. (Wie reimt sich Gottes Liebe, Allmacht u. Gerechtigkeit mit dem Weltelend?) 7 Vortrr., 1921 (19222); Die Seligpreisungen. Kurze Bibelstunden über Mt 5, 1-12, 1924; Von der Macht des Glaubens u. Bekennens. Gedanken u. Kräfte aus der Ref.zeit f. ev. Christen. 8 Evangelisationsreden, 1926; Das Christenleben im Lichte der hl. 10 Gebote. 10 Evangelisationsreden, 1926; Die letzten Dinge, 1929; Gott allein die Ehre. Kindheit u. Jugend des † D. Traugott Hahn, Dorpat, 1930; Jesus Christus gestern u. heute und derselbe auch in Ewigkeit! Tägl. Andachten, 1931 (19403).
Lit.: Eduard Frhr. v. Dellinghausen, Im Dienste der Heimat. Erinnerungen, 1930; - Nekrolog, in: Balt. Beobachter 10, 1939, 95 f.; - Magdalene Hahn, Das Geheimnis des Leidens. Ein Lb. der Pastorin Sophie Rosalie Hahn, zus.gefaßt nach "Lebenserinnerungen" v. Traugott Hahn, 1939, (19575); - Anna Katterfeld u. Wilhelm Ilgenstein, Auf der Brücke z. Ewigkeit. I: Lebensausklang gottgesegneter Männer, 1954, 100 ff. (Pastor D. T. H., ein Sämann des Ev.); II: Lebensausklang gottgesegneter Frauen, 1954, 70 ff. (Rosalie Hahn, die Frau v. Pastor D. T. H. u. Mutter des Märtyrers Prof. D. T. H.); - Balt. KG, hrsg. v. Reinhard Wittram, 1956; - Theodor Brandt, Wer ist hierzu tüchtig? Erfahrungen aus dem Dienst v. T. H., dem Vater, 1957; - Erik Thomson, T. H., Pastor u. Volksmissionar, 1959; - Dt.balt. Biogr. Lex. I710-1960, hrsg. v. Wilhelm Lenz, 1970, 288 f.; - Lex. dt. balt. Theologen, bearb. v. Wilhelm Neander, Hannover-Döhren 1967, 57; - RGG III, 30.