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Band II (1990)Spalten 545-553 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HARMS, Ludwig (Louis), Erweckungsprediger und Begründer der Hermannsburger Mission, * 5.5. 1808 als Pfarrerssohn in Walsrode (Lüneburger Heide), † 14.11. 1865 in Hermannsburg an der Oertze. - Als der zweitälteste unter zehn Geschwistern wuchs Ludwig in Hermannsburg heran, wohin sein Vater, der Sohn eines Hamburger Kaufmanns und Enkel eines Bauern in Moorburg bei Harburg, 1817 versetzt worden war. H. besuchte 1825-27 das Gymnasium in Celle und studierte dann in Göttingen Theologie nach dem Willen seines Vaters, aber ganz gegen seine Neigung. "Er beschloß", schreibt Theodor Harms (s. d.), sein Bruder, "das ganze Gebiet des Wissens zu durchmessen, soweit es möglich wäre. Wunderbar war der Geistesflug, den er nahm. Das Latein sprach er wie seine Muttersprache. Im Griechischen und Hebräischen war er so zu Hause, daß er - wie er mir selbst gesagt - das griechische niederschreiben konnte, was ihm hebräisch gesagt wurde. Er lernte Italienisch, um Dante (s. d.) in seiner Sprache lesen zu können; Spanisch, um den Cervantes recht zu verstehen; Neugriechisch, um es mit dem Altgriechischen vergleichen zu können; Sanskrit, um die uralten Schriften der Inder zu verstehen, die ihn sehr anzogen; Englisch und Französisch verstand er ohnehin. Er studierte Botanik, durchstreifte dazu die ganze Umgegend, und der Botanische Garten war sein Lieblingsaufenthalt; er wandte seinen Lerneifer den Sternen des Himmels zu, so daß er unter den Sternen zu Hause war wie auf der Erde. Mit besonderer Liebe ergab er sich dem Studium des Altdeutschen, und das Nibelungenlied begeisterte seine Seele. Theologie, Philosophie, Philologie, Naturwissenschaft, nichts blieb diesem wunderbaren Geist fremd; aber sein Herz blieb leer." Bei dem damals auf den theologischen Lehrstühlen herrschenden rationalistischen Geist geriet H. in völligen Unglauben und erklärte darum seinem Vater, er könne nun und nimmermehr Pastor werden, setzte aber in Gehorsam gegen ihn das Studium der Theologie fort. In seinem inneren Zwiespalt und Ringen erlebte H. gegen Ende seiner Göttinger Zeit, wie von dem Wort Jesu aus dem hohepriesterlichen Gebet "Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen" (Joh 17, 3) ein Lichtstrahl in die Nacht und Not seiner Seele fiel, sich Gott ihm offenbarte und er zum lebendigen Glauben an den Sohn Gottes durchdrang: "Ich bin kein Säufer oder Hurer gewesen; die Gemeinheit dieser Sünden ekelte mich an; ich verkehrte mit keinem gemeinen Menschen. O, es ist schrecklich, wie der arme Mensch sich täuschen kann! Weil ich nicht gemordet, nicht gehurt, nicht gestohlen hatte, weil ich allezeit die Lüge als einen Schandfleck gemieden, weil ich ein ehrbares und rechtschaffenes Leben geführt hatte, darum meinte ich Tor, ich wäre kein Sünder. Aber als der Geist Gottes mich einen Mörder schalt um meines Zornes willen, mich einen Hurer und Ehebrecher schalt um unreiner Gedanken willen im Herzen, mich einen Dieb schalt um meines Neides willen, da wurde das arme Herz zerschlagen und zerknirscht, da schwand der Ruhm auf eigene Tugend und Gerechtigkeit gänzlich dahin. - Ich gehöre von Natur und durch Kunst zu den harten Männern. Ich habe es für Weiberwerk gehalten, zu weinen; der Grundsatz, den mir mein Vater eingeprägt hatte, war in mein innerstes Leben übergegangen: mir eher den Kopf abreißen zu lassen, als daß ich eine Träne vergösse. Aber als ich aus den Zehn Geboten durch Erleuchtung des Heiligen Geistes meine Sünden erkannt hatte und ich nun auch zu den verlorenen und verdammten Menschen gehörte und fühlte meine Sünden und mein ganzes Herz bewegte sich, daß ich gegen Gott gesündigt hatte, da habe ich geweint wie ein Kind. - Als ich zum lebendigen Glauben kam, da habe ich die ganze Nacht davor nicht schlafen können. Die Bekehrung eines Menschen geht nicht mit Lachen und Lust zu, sie ist das Weh einer neuen Geburt. Da fühlen wir es hier, tief in unserem Herzen, daß die Welt keinen Trost geben kann; daß kein Mensch uns helfen kann; wir verdammen uns selbst, wollen uns nicht beschönigen und rechtfertigen, sondern geben Gott die Ehre, daß er richte, und das geängstete Herz ruft mit inniger Sehnsucht: >O daß meine Sünden vergeben werden könnten!< Ich habe mich als ein stolzer Mensch gebeugt unter Gottes Wort; ich habe meine Vernunft gefangengenommen, und so habe ich den Herrn Christus gefunden. So muß ihn jeder suchen. - Als ich anfing, den Herrn Jesus ein wenig zu lieben, da fing ich auch an, die Sünde von Herzen zu hassen. Deshalb nahm ich mir vor, allen Sünden den Abschied zu geben. Da habe ich nun gerungen und gekämpft Tag für Tag einen wahrhaft verzweifelten Kampf. Ich wollte nicht sündigen, und ich sündigte doch. Bald war ich hochmütig, bald heftig, bald lieblos, bald böser Lüste voll; dann kam Zweifel, Unglaube, Murren, Ungeduld. So sollte es nicht sein, und ich wollte es auch nicht und konnte es doch nicht lassen. Nichts hat mich so gedemütigt als dieser verzweifelte und doch vergebliche Kampf. Hätte mir da der Herr nicht beigestanden, ich wäre zugrunde gegangen. Aber er half mir, daß ich erkannte, daß alle meine Gerechtigkeit ein unflätiges Kleid sei. Das erfüllte mich mit dem tiefsten Schmerz, und das war Buße." Nach seinem Examen um die Osterzeit 1830 wurde H. Hauslehrer bei dem Kammerherrn von Linstow in Lauenburg (Elbe). Durch seine gelegentlichen Predigten rief er eine Erweckungsbewegung hervor und sammelte zur Pflege brüderlicher Gemeinschaft einen Kreis von erweckten Christen um sich. H. besuchte die Kranken, besonders eifrig während einer Choleraepidemie, und auf Fürsprache des Kammerherrn auch die Gefangenen im alten Schloßturm. Angeregt durch den Inspektor Johann Heinrich Richter (s. d.) von der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen, gründete er am 6.1. 1834 den Lauenburger Missionsverein, der Jahre hindurch um das Recht seiner Existenz kämpfen mußte, bis er von Christian VIII. von Dänemark unter Voraussetzung der Beaufsichtigung durch die Kirchenbehörde bestätigt wurde. Bei einer Schlittenpartie, bei der die Kammerherrin im Stuhlschlitten fuhr, geriet H. auf das Eis der bei Lauenburg in die Elbe mündenden Stecknitz und brach ein. Beide wurden zwar nach geraumer Zeit entdeckt und gerettet; aber H. zog sich eine starke Erkältung zu und einen Rheumatismus, von dem er nie wieder frei wurde. Die Hauslehrerzeit in Lauenburg ging im Herbst 1839 zu Ende, weil nun die Söhne des Kammerherrn von Linstow das Elternhaus verließen und in das Gymnasium in Lüneburg eintraten. Inzwischen hatte H. zwei weitere theologische Prüfungen abgelegt; aber es bestand noch keine Aussicht auf Berufung in ein Pfarramt. Bis Ostern 1840 weilte H. in Hermannsburg; er half seinem Vater beim Unterricht in der Privatschule und predigte gelegentlich. Dann übernahm H. eine neue Hauslehrerstelle bei dem Landbaumeister Pampel in Lüneburg. Auch in dieser Stadt war eine tiefgründige Bewegung die Frucht seiner erwecklichen Predigt. Er kehrte im Herbst 1843 nach Hermannsburg zurück, um seinem alten und kränklichen Vater zu helfen. Dieser beantragte beim Konsistorium, daß sein Sohn in die amtliche Stellung eines Hilfspredigers der Gemeinde Hermannsburg eingewiesen würde. Das Konsistorium und das Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten gingen darauf ein. So wurde H. im Oktober 1844 zum "Pastor collaborator", zum Hilfsprediger, ernannt und am 19.11. in Hannover zum Predigtamt ordiniert; am 2. Advent trat er in Hermannsburg sein Amt an. Am 31.10. 1848 starb sein Vater. Die Gemeinde wollte den Hilfsprediger H. als Pfarrer behalten und sandte ein entsprechendes Bittgesuch mit Unterschriften an das Konsistorium in Hannover, das im Oktober 1849 H. zum Pfarrer der Gemeinde Hermannsburg berief. Durch Predigt und Seelsorge weckte er in dem toten Land geistliches Leben und drang ernstlich auf Heiligung des durch Zucht- und Sittenlosigkeit verdorbenen Gemeinde- und Familienlebens. Auch wirkte H. durch die Versammlungen in seinem Haus, über die wir von ihm einen anschaulichen Bericht haben: "Bald nach dem Antritt meines Amtes fanden sich häufig Personen der Gemeinde bei mir ein, die sich weitere Auskunft über die vorgetragenen Wahrheiten des Christentums erbaten. Natürlich kamen diese vorzugsweise des Sonntags sowohl in der Zeit zwischen den beiden Gottesdiensten als nach dem Nachmittagsgottesdienst. Niemand war von mir eingeladen, keiner herzugezogen worden; jeder kam und ging, zu welcher Zeit es ihm beliebte, von dem eigenen Bedürfnis getrieben. Daß aber jeder, der kam, freundlich aufgenommen und jedem die gewünschten Aufschlüsse nach Kräften gern gegeben wurden, versteht sich von selbst. Besonders erfeulich ist es, daß es nicht allein die älteren Leute, sondern in ebenso reichem Maß auch die jüngeren Leute sich zu Gott gezogen fühlen und die Früchte des Geistes darin zeigen, daß sie das Herumtreiben auf den Straßen und in Wirtshäusern unterlassen, sich eines stillen, sittlichen und frommen Lebens befleißigen und die Sonntage in der Kirche und bei der Bibel und häuslicher Unterhaltung zubringen. Fast dasselbe läßt sich von den Schulkindern sagen, die mich ebenfalls fleißig besuchen und denen ich dann biblische Bilder zeige und darüber erzähle. Es ist also für die mich Besuchenden weder Zeit noch Stunde bestimmt; der Sonntag aber ist der Tag, an welchem sie am meisten zu mir kommen, so daß allerdings vom Ende der Nachmittagskirche bis gegen Abend meine Stube nie leer wird; die einen kommen, die anderen gehen. Die Unterhaltung geschieht in der gewöhnlichen plattdeutschen Mundart und verbreitet sich, je nach den Fragen, die getan werden, über alle Gebiete des Christentums. Bald wird gesprochen über einzelne unverstandene Bibelstellen, bald über die täglichen Ereignisse im Licht des göttlichen Wortes, bald über Kirchengeschichte, über Mission usw." Bei diesen Unterhaltungen kam ihm sehr zustatten seine große Gabe volkstümlicher Erzählung und die meisterhafte Art, mit der er die plattdeutsche Sprache handhabte. Eine Anzahl seiner Erzählungen und Bibelauslegungen in plattdeutscher Sprache hat sein Bruder Theodor unter dem Titel "Honnig. Vertelln und Utleggen in sin Modersprak von Louis Harms" herausgegeben, während eine weitere Auswahl von Erzählungen meist von Missionsfesten und aus dem Missionsblatt in dem Buch "Goldene Äpfel in silbernen Schalen" gesammelt ist. Am nachhaltigsten jedoch wirkte H. als vollmächtiger Prediger durch seine volksnahen, anschaulichen Predigten; seine "Evangelienpostille" gehört zu den verbreitetsten Predigtsammlungen. Wie er zu drängen und zu werben, zu bitten und zu mahnen verstand, zeigt seine Evangelienpredigt zum ersten Adventssonntag. Darin heißt es: "Aber ihr andern, um die ich auch schon geworben habe alle diese Jahre, und ihr habt mir den bitteren Kummer gemacht, daß ihr noch immer ferngeblieben seid, habt euch noch nicht bekehrt zu Jesus, habt ihn noch nicht angenommen als euren Bräutigam, sagt: Soll ich dieses Jahr auch wieder vergebens um euch werben? Wollt ihr noch einmal wieder von euch stoßen die treue Hand eures Jesus? Wollt ihr nicht haben Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit? Was wollt ihr denn? Sterben in euren Sünden ohne Jesus? - Wer weiß, ob ihr nicht in diesem Kirchenjahr zum letzten Mal meine Stimme hört. Und wenn ich dann mit euch vor Gott stehe, soll ich euch dann verklagen vor Gott dem Herrn, da ich euch doch so gern, so unbeschreiblich gern selig haben wollte und wollte so gern mit euch im Himmel sein bei Jesus? Und ich bezeuge es euch vor Gott und seinem heiligen Wort: Ihr könnt nicht selig werden, ihr seid ewig verloren ohne Jesus." H. war ein eifriger Beter, der seine Gemeindeglieder auf betendem Herzen trug. In einer Predigt sagte er: "Wenn ich euch alle auf den Armen zu dem Herrn Jesus hintragen könnte und in den Himmel hinein, dann weiß ich, es bliebe keiner von euch draußen; und daß ich für euch alle noch lange bete, wenn ihr schon alle im Bett liegt, das weiß der Herr, der mich hört." Durch sein Wirken wurde Hermannsburg bald der Brennpunkt nicht nur des Glaubens-, sondern auch des Missionslebens für ganz Niedersachsen, ja weit über das Hannoverland hinaus. Im Rückblick auf die erste Zeit seiner Wirksamkeit in Hermannsburg erzählt H.: "Dinge, die damals in der Gemeinde völlig unbekannt waren, weil man niemals etwas davon gehört hatte, waren die Wörter: Mission, Heiden, Heidenbekehrung. Als die Leute erfuhren, daß es noch so viele Hunderttausende Heiden gäbe auf der Erde und daß seit Jahrhunderten eigentlich nichts für die Bekehrung dieser armen Heiden von den Christen geschehen sei; als dann weiter das ganze namenlose Elend der Heiden, die ohne Gott in dieser Welt leben, sich vor ihren schaudernden Augen auftat; als von den Greueln der Sklaverei, der Vielweiberei, des Eltern- und Kindermordes, des Menschenfleischessens, des Götzendienstes, der beständigen unmenschlichen Kriege erzählt wurde, und wie die Heiden deshalb auch äußerlich in unmenschlichem Zustand lebten, nackend und bloß wie das Vieh umherliefen und, was die Hauptsache ist, keinen Gott und keinen Heiland hätten, folglich auch nicht selig werden könnten: da konnte es nicht ausbleiben, daß die christlichen Herzen von Mitleid und Erbarmen ergriffen wurden. Es reihte sich daran bald die Frage, wie denn diesen armen Leuten geholfen werden könnte. Die Antwort war natürlich: Allein durch die Predigt des Evangeliums." Missionsliebe und Missionseifer erwachten in Hermannsburg. Die ersten Opfergaben erhielt H. Pfingsten 1845. Sie mehrten sich von Jahr zu Jahr und wurden verwandt zur Unterstützung der Norddeutschen Missionsgesellschaft, die sich 1836 aus Gliedern der lutherischen und reformierten Kirche gebildet hatte. Auch junge Männer meldeten sich, die bereit waren, als Missionare zu den Heiden hinauszuziehen. Vergeblich bemühte sich H. um ihre Aufnahme und Ausbildung in einer der schon bestehenden Missionsanstalten. Da kam ihm der Gedanke, in dem weltabgeschiedenen Hermannsburg eine eigene Missionsanstalt zu gründen. Eines Tages erhielt H. einen Brief von seinem Bruder Theodor, der damals Hauslehrer in Wotersen (Lauenburg) war. Er teilte ihm mit, daß die unierte Norddeutsche Missionsgesellschaft, die ihren Sitz in Hamburg hatte, infolge konfessioneller Auseinandersetzungen sich aufgelöst habe und in Bremen als reformierte Mission weiterbestehen werde, so daß für die bisherigen lutherischen Mitglieder dieser Missionsgesellschaft die Frage akut sei, wie sie ihre Missionsarbeit fortsetzen sollten. Im Auftrag vieler Lauenburger Missionsfreunde richtete Theodor an seinen elf Jahre älteren Bruder die Aufforderung, in Hermannsburg eine lutherische Missionsanstalt ins Leben zu rufen. Nach dem Tod seines Vaters ging H. sofort ans Werk. Er kaufte für 4000 Taler ein noch nicht ausgebautes Bauernhaus mit etwa 10 Morgen Land dabei. Kurz vor der Eröffnung des Missionshauses sagte H. in einer Predigt auf dem Missionsfest in Celle: "Ich werde in Gottes Namen eine Missionsanstalt in Hermannsburg errichten und habe keinen Pfennig dazu. Mit wieviel Zöglingen soll ich anfangen? Mit drei oder vier? Nein, mit zwölf; denn Sein ist alles, Silber und Gold." Bereits nach einem Jahr war die letzte Rate der Kaufsumme gezahlt. Am 28.10. 1849 wurde das Missionshaus eingeweiht, an demselben Tag, an dem H. als Pastor in Hermannsburg eingeführt wurde. Zum Missionsinspektor berief er Theodor Harms, der mit 12 Schülern den Unterricht begann und gemeinsam mit ihnen im Haus und Garten arbeitete. H. vertrat eine streng lutherische konfessionelle Richtung: "Laßt uns treu bei dem Bekenntnis unserer lutherischen Kirche blei- ben. Mir könnte einer 100 Taler bieten, ja, alle Schätze der Welt, ich ließe mein Bekenntnis nicht, ich will ein Lutheraner bleiben bis an mein Ende; denn wir haben Gottes Wort und Sakrament lauter und rein. Wir Lutheraner haben das reinste und unverfälschte Bekenntnis. Darum will ich nicht, daß ihr Bekenntnisgemeinschaft mit den Katholiken und Reformierten haben sollt, ihr sollt euch nicht in eine Union mit den anderen einlassen, sondern wir wollen unverbrüchlich treu halten an unserem Bekenntnis." Er hat seiner "Bauernmission" das streng lutherische Gepräge gegeben: "Wir wollen den Heiden die lutherische Kirche bringen; denn man kann nichts bringen, als was man hat. Da wir der lutherischen Kirche Glieder sind, so wollen und können wir den Heiden natürlich keine andere Kirche bringen als die lutherische, deren Glieder wir sind. Und das auch deshalb, weil wir in der lutherischen Kirche das Wort Gottes in reiner, unverfälschter Lehre haben und in unserer Kirche Taufe und Abendmahl rein und unverfälscht nach Jesu Einsetzung verwaltet werden." Bereits im ersten Bericht über seine Hermannsburger Missionsanstalt sagte H.: "Wir arbeiten mit Fleiß daran, daß die Missionszöglinge Gottes Wort und die Lehre der Kirche gründlich erlernen. Und so sollen sie denn dreierlei, das sie hier erlernt und erlebt haben, hinaustragen in die Heidenwelt: die Herrlichkeit unseres Gottesdienstes, die reine Lehre und das reine Sakrament unserer Kirche und die Macht unseres Gesanges, und diese unermeßlichen Schätze sollen sie unseren heidnischen Brüdern unverkümmert mitteilen." Von Anfang an erstrebte H. die Eingliederung seiner Missionsanstalt in die Landeskirche, "da ja die Heidenbekehrung ein echt kirchliches Werk ist und erst durch die Bestätigung der Kirchenbehörde die rechte Weihe empfangen kann". An das Konsistorium in Hannover schrieb er 1850: "Der innigste Wunsch meines Herzens ist nur, mit der Kirche, der ich von ganzer Seele angehöre, auch in bezug auf das Missionshaus in organische Verbindung zu treten." Aber all seine Bemühungen scheiterten daran, daß das Konsistorium in dem Hermannsburger Missionswerk nur eine "Privatunternehmung" sah, auch als es schließlich sich bereit erklärte, das Aufsichtsrecht über das Vermögen der Anstalt zu übernehmen. Als 1853 nach vierjähriger Ausbildung acht Missionskandidaten - von den zwölf waren zwei gestorben, und zwei hatten die Anstalt verlassen - in Kürze ausgesandt werden sollten, bat H. das Konsistorium in Hannover um ihre Prüfung und Ordination. Es lehnte ab. Das Konsistorium in Stade aber vollzog die erbetene Prüfung und Ordination. H. wollte seine ersten Missionare nach Ostafrika zu den Galla, einem wilden Volksstamm in Äthiopien, senden und Kolonisation und Mission miteinander verbinden nach dem Vorbild der frühmittelalterlichen angelsächsischen Mission in Deutschland: "Die ersten sollen zusammen an einem und demselben Ort bleiben und sich ansiedeln, um durch gemeinsame Anstrengung stark genug zu sein, an den Heiden zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bildet sich dann um sie eine Heidengemeinde, so sollen etwa zwei bis drei bei ihr zurückbleiben und die übrigen nicht hundert oder zehn, sondern eine, zwei oder drei Meilen weiterziehen und da j ebenso wieder anfangen. Die von hier Nachrückenden haben dann gleich, wenn sie hinkommen, Beschäftigung und können um ihren Unterhalt arbeiten, bis sie die Sprache gelernt haben, und besetzen dann ihrerseits geeignete, nahe gelegene Stellen, so daß binnen kurzer Zeit ein ganzes Land mit einem Netz von Missionsstationen umzogen wird und Völker bekehrt und mit christlicher Bildung und Sitte gewappnet werden." Aus den vielen Kolonisten, die sich meldeten, wählte er acht aus. Als H. überlegte, wie er die Überfahrt seiner Missionare und Kolonisten nach Ostafrika möglichst preiswert gestalte, rieten ihm einige Hamburger Seeleute, ein eigenes Schiff bauen zu lassen, da die Baukosten sich schon durch einige Aussendungen bezahlt machen würden und das Schiff seine Unterhaltskosten durch Frachtfahrten verdienen könne. H. gab den Auftrag zum Bau, ohne zu bedenken, wie die erforderlichen Mittel aufgebracht werden sollten. "Ich will den Herrn so lange um 14 000 bis 16 000 Taler bitten", sagte er, "bis er sie hergibt, und in ihm habe ich mich noch nie getäuscht." Am 27.9. 1853 fuhr H. mit 400 Gemeindegliedern nach Harburg zur Weihe des Schiffes, das nach Apg 8, 27 den Namen "Kandaze" erhielt. Bis zu diesem Tag waren für den Bau des Schiffes an Gaben 12 500 Taler eingegangen und bis zu Anfang 1854 schon über 16 000 Taler bezahlt; der Rest folgte bald danach. Am 28.10. 1853 trat die "Kandaze" ihre erste Fahrt an nach Ostafrika und landete im Frühjahr 1854 in Sansibar. Die Missionare und Kolonisten konnten aber nicht zu den Galla vordringen, da der arabische Sultan es nicht gestattete, und mußten darum nach Südafrika zurückfahren. Mit Hilfe des Berliner Missionars Wilhelm Posselt (s. d.) fanden sie in der englischen Kolonie Natal unter den Zulukaffern ein Arbeitsfeld und legten im September 1854 südlich von Tugela die Station Hermannsburg an. Der Präsident der Burenrepublik Transvaal rief die Hermannsburger Missionare in das Westbetschuanaland herbei, da die Buren dort keine englischen Missionare mehr zuließen, die christlichen Häuptlinge aber Missionare wünschten. So kam 1857 einer der Hermannsburger Missionare zu den Bakwena, ein anderer zu den im Norden wohnenden Bamangwato, ein dritter zu den Bahurutse weiter im Süden. Nach der Aussendung des ersten Kursus begannn H. sofort mit der Ausbildung des zweiten. Der König verlieh der Missionsanstalt in Hermannsburg am 2.5. 1856 die Rechte einer juristischen Person, und das Konsistorium in Hannover erklärte sich bereit, die Missionskandidaten, die im Herbst 1857 ausgesandt werden sollten, zu prüfen und zu ordinieren. Nach einem erneuten vergeblichen Versuch, zu den Galla vorzudringen, bahnte der norwegische Missionar Hans Paludan Smith Schreuder (s. d.) den Hermannsburger Missionaren den Weg in das freie Zululand. Durch den Bau eines Wagenhauses erwarben sie sich die Gunst des schwarzen Königs, so daß eine um die andere Station gebaut werden konnte. H. nahm 1857 24 junge Männer zur Ausbildung auf und baute, weil die Aufnahmegesuche sich mehrten, ein zweites Missionshaus, das im Herbst 1862 bezogen werden konnte. Da das in Südafrika sich so rasch ausdehnende Missionswerk eines Organisators und einer starken Leitung bedurfte, sandte H. 1860 August Hardeland 551 (s. d.) als Missionssuperintendent dorthin, der Ordnung zu schaffen wußte, aber so schroff war, daß er sogar die altkirchliche Strafe des Bannes über Missionare verhängte, die sich ihm nicht fügen wollten. 1862 erfolgte in Hermannsburg die dritte Aussendung von Missionaren nach Südafrika. H. durfte es miterleben, wie Gott mit seinem Segen sich bekannte zu der Missionsarbeit in Natal und Zululand, in Transvaal und unter den Betschuanen: "O mit was für Liebe, mit was für Schmerzen, Seufzen und Gebeten und wieder mit was für Freuden hängt mein Herz an der afrikanischen Mission! " Der Gedanke einer sich selbst erhaltenden Kolonialmission hatte sich allerdings nicht verwirklichen lassen. 1864 sandte H. den früheren Leipziger Missionar Mylius nach Indien, der dort die bald hoffnungsvolle Arbeit unter den Telegu begründete. Als H. 1865 starb, bestanden 24 Stationen mit 31 Missionaren.. Neun Fahrten hat die "Kandaze" zu Ludwig H.' Lebzeiten unternommen und sechs noch nach seinem Tod. 1875 wurde sie "wegen Altersschwäche" für 5 000 Taler verkauft. Das sauber geschnitzte Modell der "Kandaze" befindet sich über der Kanzel in der Peter-Pauls-Kirche in Hermannsburg.

Werke: Evv.predigten, 1860 (192319); Epistelpredigten, 1865 (192310); Die hl. Passion, 1864 (18945); Nachlaßpredigten über die Evv., 2 Bde., 1868 (18722); Nachlaßpredigten über die Episteln, 1870 (18772); Der Psalter erkl., 1868; Weissagung u. Erfüllung, 1872; Festbüchlein. Betstunden u. Predigten auf die drei Hauptfeste, 1871; Geistl. Blumenstrauß. Predigten über das Leben Johannes des Evangelisten, das güldene ABC u. das apostol. Glaubensbekenntnis, 18742; Brosamen aus Gottes Wort, 2 Bde., 1878/79; Honnig. Vertelln u. Utleggn in sin Modersprak v. L. H., 1864-71 (19194); Goldene Äpfel in silbernen Schalen. Erzz., 18694 (194923).

Gab heraus: Hermannsburger Missionsbl., 1854 bis 1865.

Lit.: Theodor Harms, Lebensbeschreibung des Pastors Louis H., 1865 (19118); - Hermann Knaut, L. H. Lb. des Begründers der Hermannsburger Mission, 1899; - C. J. Mehrtens, L. H.', des Begründers der Hermannsburger Mission, Leben u. Wirken, 1902; - Georg Haccius, Hannoversche Missionsgesch. II, 1907 (19102); - Wilhelm Wendebourg, L. H. als Missionsmann. Missionsgedanken u. Missionstaten des Begründers der Hermannsburger Mission, 1910; - Friedrich Meyer, L. H. u. die Kirche, 1920; - Walther Zilz, L. H. oder Der Glaube bricht durch Stahl u. Stein, Miechowitz um 1931; - Heinrich Steege, L. H. Ein luth. Glaubenszeuge, 1934; - Ders., L. H. zw. Luthertum u. Pietismus, in: ELKZ 12, 1958, 136 ff.; - Ders., Die Gnade Gottes u. die Verantwortung des Menschen in der Verkündigung v. L. H., in: EvTh 18, 1958, 227 ff.; - Ders., L. H. als Prediger des Ev., 1958; - Hans Salzmann, L. H. Ein Lb., 1936; - Winfried Wickert, Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen. L. H. z. Gedächtnis seines 70. Todestags, 1936; - Ders., Und die Vögel des Himmels wohnen unter seinen Zweigen. 100 J. Bauernmission in Südafrika, 1949; - Wilhelm Schmidt, L. H. als Beter. Zum Lernen f. unser Gebetsleben, 1937; - Hans Dannenbaum, Sie werden leuchten wie die Sterne. Männer der Erweckungsbewegung in Niedersachsen. Spitta, Petri, H., 1938; - Joh. Brammer, L. H., der Vater der Hermannsburger Mission, 1949; - Rudolf Schmidt, L. H. bricht mit der Norddt. Mission, in: JGNKG 48, 1950, 120 ff.; - Ders., Die Anträge v. L. H. auf die Einordnung der Mission in die verfaßte Kirche, ebd. 56, 1958, 47 ff.; - Hermann Dörries, L. H., ein dt. Heide- u. Heidenpastor, ebd. 50, 1952, 114 ff.; - Elise Averdieck, Das Hermannsburger Missionsfest im J. 1853. Ein Erlebnisber., hrsg. v. Hannah Gleiß, 1953; - Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen II, 1954, 412 ff.; - Gerhard Heintze, Das Geheimnis wirksamer Verkündigung. Eine Besinnung über L. H., in: Zeitwende 26, 1955, 529 ff.; - Srocka, L. H., in: Kirchenbl. f. ev-luth. Gemeinden 108, 1958, 79 ff.; - Gerhard Günther, Die Missionsgedanken v. L. H., in: JGNKG 56, 1958, 67 ff.; - O. Rosinski, L. H., Gründer der Hermannsburger Mission, in: DtPfrBl 58, 1958, 198 ff.; - Arno Pagel, L. H. Gottes Rufer in der Heide, 1958 (19652); - Friedrich Hauß, Väter der Christenheit III, 1959, 9 ff.; - Rabeler, L. H. Der Gottesmann u. Volksmann aus der Lüneburger Heide, in: Heimatkal. f. die Lüneburger Heide, 1959, 63 ff.; - Herwart Bartels, Die theol. Grdl.n der Missionsarbeit bei L. H. (Diss. Göttingen), 1960; - Hugald Grafe, Die volkstüml. Predigt des L. H. Ein Btr. z. Predigt- u. Frömmigkeitsgesch. im 19. Jh. (Diss. Leipzig, 1959), Göttingen 1965 (19742; Rez. v. Karl Kupisch, in: ThLZ 96, 1967, 695 ff.); - Zur Erinnerung an L. H. anläßl. der 100. Wiederkehr seines Todestages, in: Luth. Bll. 17, 1965, 125 ff.; - Klaus Harms, KG im Gespräch. XV. L. H., der gesegnete Prediger, in: PBl 105, 1965, 558 ff.; - Harm Alpers, Auf den Spuren v. L. H. im Pfarrarch. zu Hermannsburg, in: JGNKG 64, 1966, 154 ff.; - ADB X, 612 ff.; - NDB VII, 687 f.; - Kosch, LL I, 835; - RE VII, 439 ff.; - EKL II, 28 f.; - RGG III, 76 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2007

Torben Rakowski, L.H.' diakonisches Wirken, in: LTK 31.2007, S. 195-247; -

2008

Jobst Reller, Ein lernfähiger Charismatiker. L.H. zum 200. Geb., in: DtPfrBl 108.2008, S. 271-273; - Jobst Reller und Hartwig F. Harms, Gelebte Liebe u. deutliche Worte. Der Hermannsburger Pastor u. Missionsgründer L.H. Hermannsburg 2008; - Jobst Reiler, Heidepastor L.H. Gründer d. Hermannsburger Mission. Holzgerlingen 2008; - Torben Rakowski, "Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist" (Gal 5,6). L.H.' (1808-1865) diakon. Wirken, in: JGNKG 106.2008, S. 81-127; -

2009

Seelsorge, Gemeinde, Mission u. Diakonie. Impulse von L.H. aus Anlass seines 200. Geb. Jobst Reller (Hg.). Berlin 2009; - Christoffer H. Grundmann, Heidepastor L.H. Gründer d. Hermannsburger Mission, in: EvTh 69.2009, S. 391-393.

Letzte Änderung: 06.11.2009