HARRISON, Jane Ellen, LL. D., baptistische englische Altphilologin, Archäologin, Anthropologin und Religionshistorikerin, * 9.9. 1850 in Cottingham, Yorkshire, † 5.4. 1928 in London. - J. E. H. war die dritte Tochter aus erster Ehe des Holzhändlers Charles Harrison; ihre Mutter Elizabeth Hawksley starb kurz nach der Entbindung. Unter ihrer Stiefmutter (Charles Harrison hatte die ehemalige J.s Gouvernante geehelicht) wächst J. E. H. in der Enge des walisischen Evangelikalismus auf, lernt aber auch Deutsch, Griechisch, Latein und Hebräisch. Als J. E. H. siebzehnjährig engere Beziehungen zu einem Hilfsgeistlichen aufnimmt wird sie 1868 auf das renommierte Cheltenham Ladies College geschickt; zum Konflikt mit der Leiterin Dorothea Beale kommt es aber bald, als J. E. H. 1869/ 1870 in den Bann von David Friedrich Strauß' (s.d.) "Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet" (1835/1836) gezogen wird und hierdurch sich von ihrer religiösen Sozialisation emanzipiert und sich dem Agnostizismus zuwendet. Vermutlich liegt hierin der entwicklungspsychologische Schlüssel für J. E. H.s späteres dominantes Interesse an Fragestellungen zum religionsgeschichtlichen Matriarchat, dessen Konzeption J. E. H. an die Forschungen Johann Jakob Bachofens (22.12. 1815-25.11. 1887) in seinem zweibändigen Hauptwerk "Das Mutterrecht" (1861) anschließt; dies mag auch erklären, warum die Todesdämonen κῆρες zeitlebens große Anziehungskraft auf sie ausübten und warum ihrer bürgerlichen Außenseiterstellung zahlreiche Liebesenttäuschungen (s.u.) einhergingen. - Als Kind des viktorianischen Zeitalters sah sich die sprachbegabte J. E. H. (sie soll im Alter sechzehn Fremdsprachen beherrscht haben; ihr Spätwerk widmet sich sprachpsychologischen Problemen der russischen Aspekte B das Faible für Russisch entwickelte J. E. H., bedingt durch die weitreichenden Handelsbeziehungen ihres Vaters, aber schon in Jugendtagen) zeitlebens Vorbehalten gegen Frauenbildung und den damit einhergehenden Karrierebehinderungen ausgesetzt: zu ihren späteren großen Enttäuschungen gehört der erneut gescheiterte Versuch, die Frauengraduierung zuzulassen B hiergegen hatte sich u.a. auch Arthur Bernard Cook, der zum weiteren Kreis der "Cambridge Ritualists" (s.u.) gehört und zahlreiche wissenschaftliche Anregungen von J. E. H. empfing, ausgesprochen. - Der Vater gab seinen Widerstand gegen J. E. H.s akademische Laufbahn erst auf, als sie 1874 das Stipendium des Newnham College, Cambridge, errang (Newnham College war 1871 vom Philosophen und utilitaristischen Ethiker Henry Sidgwick [31.5. 1838-29.8. 1900] gegründet worden und war neben dem Girton College das zweite Frauencollege). Ihre akademische Ausbildung erhielt H. bei u.a. Samuel Henry Butcher (1850-1910) und Arthur Woollgar Verrall (5.2. 1851-18.6. 1912), dem H. freundschaftlich verbunden war. Der kauzige Butcher scheint ihr Avancen gemacht zu haben, heiratete aber dann die Tochter von Erzbischof Trench. Erste Hoffnungen auf ein Lehramt als classical lecturer am Newnham College zerschlugen sich, als die altphilologische Dozentur 1880 an Margaret de Gaudion Merrifield (die spätere Gattin von Arthur Woollgar Verrall) vergeben wurde; J. E. H.s Beziehung zur Collegeleiterin Anne Clough, die dem walisischen Evangelikalismus ebenfalls nahestand, war ohnehin gespannt. Nach nur einem Trimester als Lateinlehrerin an der Notting Hill High School sowie der Oxforder Mädchenschule Oxford High School setzt J. E. H. ihre Studien fort und hört griechischen Kunstgeschichte und Archäologie bei Sir Charles Thomas Newton (16.9. 1816-28.11. 1894, hervorgetreten als Ausgräber des Mausoleums von Halikarnassos [heute: Bodrum]) am Londoner British Museum; ihr archäologisches Interesse hatte 1878 der damalige Direktor des Fitzwilliam-Museums, Sidney Colvin, durch einen Gastvortrag über Olympia geweckt. Von 1880 bis 1897 lebt J. E. H., vom Ertrag ihrer Lehrtätigkeit an der Girl's Public High School abgesehen, ohne geregeltes Einkommen in London von Druckhonoraren und ihrer Vortragstätigkeit; hier in London tritt sie in Kontakt mit dem Künstlerkreis um den antikisierenden Maler (Sir) Edward Coley Burne-Jones (28.8. 1833-17.6. 1898) und den Essayisten Walter Horatio Pater (4.8. 1839-30.7. 1894), aber auch zu Isadora Duncan (eigentl.: Angela Duncan, 26.5. 1877-14.9. 1927), die von J. E. H. choreographische Impulse erhält. Überhaupt pflegte J. E. H. intensive Beziehungen zur literarisch-künstlerischen Avantgarde; zu ihrem Bekanntenkreis zählten die "Bloomsbury Group" um Adeline Virginia Woolf geb. Stephen (25.1. 1882-28.3. 1941), die Kunstkritiker und Postimpressionisten Roger Eliot Fry (14.12. 1866-9.9. 1934) und Arthur Clive Heward Bell (16.9. 1881-17.9. 1964), der Biograph Giles Lytton Strachey (1.3. 1880-21.1. 19. 1932) und seine Schwester Pernel, die als Dozentin am Newnham College wirkte. Nur eher distanzierte Sympathie kann J. E. H. aber der Frauenwahlrechtsbewegung entgegenbringen, obwohl sie zahlreiche Beziehungen zu den Suffraganten knüpfte und 1911 an der Spitze der "Suffrage Procession" zur Einforderung des Frauenwahlrechts marschierte. Auf ihren zahlreichen Forschungsreisen in den ägäischen Raum zwischen 1881 und 1890, deren Ertrag "Myths and Monuments of Ancient Athens" als Kommentar zu Pausanias' (143-176) Reiseberichten sind und als das erste Werk der ritualistischen Schule ("Cambridge Ritualists", s.u.) gilt, lernt J. E. H. die Archäologen Wilhelm Klein (1850-1924), Ernst Curtius (2.9. 1814-11.7. 1896) und Carl Robert (8.3. 1850-17.1. 1922) kennen. Unter der Leitung von Wilhelm Dörpfeld (26.12. 1853-25.4. 1940; Dörpfeld, Homerarchäologe in der Nachfolge Heinrich Schliemanns [6.1. 1822-26.12. 1890] und Mitarbeiter von Ernst Curtius, Ausgräber der Zitadelle von Tyrins, ist Widmungsträger von J. E. H.s "Primitive Athens as Described by Thucydides" [einem archäologischen Kommentar zu Thuk. II,15], das Dörpfelds topographische Interpretationen seiner Ausgrabungen der Athener Agora religionshistorisch stützt und gegen James George Frazers [s.d.] kritischen Pausaniaskommentar ["Pausanias's Description of Greece", 1898] verteidigt) nahm sie an einer seiner archäologischen Kampagnen teil und wird ihm später aber noch wiederholt auf Studienreisen begegnen. - 1882 erschien J. E. H.s erste Monographie ("Myths of the Odyssey in Art and Literature", s.u.), in der sie die These vertrat, daß die Motivik griechischer Vasenmalerei und der homerischen Epik eine gemeinsame mythologische Quelle hätten. Damit grenzt sich J. E. H. von der bis dahin gängigen communis oppinio in der Klassischen Archäologie ab, daß die griechische Kunst lediglich Mythos und Epik illustrierten und begründet die Sichtweise, die Bilderwelt der Vasenmalerei bisweilen eigenständige Mythenkommentare bzw. einzelne Ritualformen darstelle. Zu diesen Erkenntnissen gelangte J. E. H. u.a. durch die Rezeption der historisch-mythenkritischen Vorabeiten Karl Otfried Müllers (s.d.) an, den sie gelegentlich auch mit dem Göttinger Heinrich Dietrich Müller (1819-21.6. 1893) verwechselt, sowie die Integration vergleichender anthropologischer Fragestellungen, die die 1871 unter dem Eindruck Charles Robert Darwins (s.d.) erschienene Monographie "Primitive Culture: Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art, and Custom" von (1912: Sir) Edward Burnett Tylor (2.10. 1832-2.1. 1917) begründet hatte. Aber auch Darwins Evolutionstheorie ist zentral für J. E. H.s religionshistorisches Lebenswerk. In einem späteren Beitrag unterstrich sie, daß der Darwinsche Denkweg ihr verdeutlichte, daß religiöse Ausdrucksformen nicht als absolute und unveränderliche Wahrheiten aufgefaßt werden dürften, sondern daß sie einem selbstverständlichen Wandel und Fortschritt von primitiven Anfangs- bis hin zu zivilisiert-reflektierten Spätformen durchlaufen ("The Influence of Darwinism on the Study of Religions" [1909, s.u.]). J. E. H.s Forschungssympathie galt dann explizit den archaisch-primitiven religiösen Phänomenen, die relikthaft ("survivals" nach der Begriffsprägung Edward Burnett Tylors) auch in höheren Entwicklungsstufen nachweisbar sind. - Dörpfelds und Newtons Einfluß prägten Thematik und Stil ihrer Publikationen bis 1887, die sich ästhetischen Fragen antiker Kuntgeschichte widmen. Einen Bruch in J. E. H.s Vortrags- und Schreibstil markiert die Auseinandersetzung mit dem späteren Kustos der Tate Gallery, Dugald Southerland MacColl (1859-1948); daß MacColl J. E. H.s geschmäcklerische Popularisierung heftig kritisierte hinderte ihn nicht, ihr einen Heiratsantrag machte, den J. E. H. allerdings ausschlug. Ab 1887 wendet sich J. E. H. dann der Mythenforschung zu, richtet ihr Augenmerk aber weniger auf die olympischen Gottheiten, sondern untersucht in ihren beiden Hauptwerken ("Prolegomena to the Study of Greek Religion" [1903, s.u.], "Themis. A Study of the Social Origins of Greek Religion" [1912, s.u.]) archaische religiöse Vorstellungen mit ihrem Niederschlag im athenischen Festkalender (und hier namentlich die Hauptfeste der Anthesteria [Dionysosfest, 11.-13. Anthesterion = Februar/März], Diasia [Zeusfest, 23. Anthesterion = Februar/März] und Thargelia [Apollonfest, 6.-7. Thargelion = Mai/Juni]) sowie den Kultus chthontischer Gottheiten unter Einbeziehung soziologischer und soziohistorischer Fragestellungen mit dem Resultat, daß der gemeinschaftliche Kult die Gruppenidentität und [landwirtschaftliche] Fruchtbarkeit sichern sollte. Das hierhinter verborgene Motiv des δρώμενον (s.u.) begegnet gleichermaßen in Kunst und Religion ("Ancient Art and Ritual" [1912], s.u.). Hauptthese der "Prolegomena to the Study of Greek Religion" (dem Hauptwerk von J. E. H.s erster Forschungsphase, deren Resultate in "The Religion of Ancient Greece" [1905, s.u.] zusammengefaßt sind) ist die Ansicht, daß der sich durchsetztende Kult der olympischen Götter die Verehrung der Chthonier über deren Transformation in himmlische Gottheiten ersetzen sollte. J. E. H.s religionshistorischer Ansatz, mit dem sie zuvor schon "Mythology and Monuments of Ancient Greece" verfaßt hatte, zielt letztlich auf ein tieferes Verständnis altgriechischer Literatur. Besondere Aufmerksamkeit widmet J. E. H. als streitbare Feministin aber auch Fragen nach der Frauenrolle in Religion und Gesellschaft, etwa in ihren im März 1898 am Passmore Edwards Institute in Bloomsbury gehaltenen Vorträgen über Delphi, in denen sie den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat skizzierte (vgl. "Delphika (A) The Erinyes. (B) The Omphalos" [1899, s.u.]): so figurieren (mit fernem literarischen Nachklang in den "Choephoroi" und "Eumeniden" des Aischylos) die Erinyen für die archaische schlangenförmige Gottheit mit dem ὀμφαδός als Höhlenheiligtum des Ahnenkults; in der kultischen Verehrung des Schlangenförmigen erblickte J. E. H. den Beweis für die auf William Robertson Smiths (s.d.) Totemismusthese zurückgehende Theorie, daß der Theriomorphismus die ursprünglichere Vorstellung des Göttlichen darstelle als der Anthropomorphismus. Das enigmatische E in Delphi deutete J. E. H. Relikt dreier Kultsteine oder Säulen, die die drei Chariten (Grazien) verkörperten. In der Gestalt der Pandora erkannte J. E. H., gestützt auf literarische Zeugnisse und Vasenmalereien, zunächst die Erdmutter und Spenderein guter Gaben; ihr Faß ist zuerst der Krug, in dem die Totenseelen aufbewahrt werden, bevor sie am Fest der Anthesteria (Dionysosfest) freigelassen werden. Erst Hesiod dämonisierte Pandora zur unheilvollen Kreatur des Zeus ("Pandora's Box" [1900, s.u.]). - 1888 und 1896 bewirbt sich H. erfolglos um den 1880 am Londoner University College errichteten Yates-Lehrstuhl für Klassische Archäologie. Am 14.12. 1888, nach dem erzwungenen Rücktritt des glücklosen und kränkelnden Sir Charles Thomas Newton, unterliegt sie trotz zahlreicher guter Referenzen bezüglicher ihrer fachlichen Qualifikation und ihres Vortragsgeschicks acht Mitbewerbern; nominiert wird schließlich der Numismatikkustos des British Museum, Reginald Stuart Poole (1832-1895), und im Juni 1896 wird ihr nach Pooles Amtsverzicht (1894) und Tod Ernest Arthur Gardner (1862-1939) unter fünf Mitbewerbern vorgezogen. Für beide Besetzungsverfahren hat Calder (s.u.) darauf hingewiesen, daß frauenfeindliche Gesichtspunkte unmaßgeblich waren. 1898 schließlich erhält J. E. H. die Stellung einer Associates' Research Fellowship (Resident Lecturer in Classics) am Newnham College, die 1903 ausläuft. Newnham College wird J. E. H. allerdings bis 1922 angehören; ab 1919 lehrt sie dort Russisch, seit 1920 zudem Spanisch. 1910 ist J. E. H. Hörerin der Vorträge des Sozialanthropologen Alfred Reginald Radcliffe-Brown (17.1. 1881-24.10. 1955) im Archäologischen Museum zu Cambridge. 1912 bereist J. E. H. letztmals Griechenland, 1913 Italien. Einen tiefen Einschnitt markiert der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in J. E. H.s Leben: der Militarismus und die antideutsche Einstellung ihres akademischen Umfeldes isoliert sie, die eine pazifistische Haltung einnimmt und in der "Union for Democratic Control" Partei für den aus seiner Dozentur am Trinity College entlassenen Bertrand Russell (s.d.) ergreift. Die Auftragsarbeit, in Cyril Baileys "The Year's Work in Classical Studies" die Sammelberichtserstattung über Neuerscheinungen aus ihrem Fachgebiet zu übernehmen ("Greek Religion and Mythology" [1915, 1917, s.u.]), befriedigt J. E. H. kaum. Ihren umfangreichen Briefwechsel hat H. 1922 nach dem Verkauf ihrer Bibliothek und dem Wegzug aus Cambridge nach Paris verbrannt, wo sie mit ihrer langjährigen Bekannten und früheren Studentin, der Schriftstellerin Hope Mirrless, im American University Women's Club zusammenzog; hier besorgten sie u.a. Übersetzungen russischer Folklore und Religion heraus ("The Life of the Archpriest Avvakum", 1924; "The Book of the Bear", 1926). Daß ein Großteil ihrer Korresponenz dennoch erhalten blieb verdankt sich der umfangreichen Briefschenkung des seinerzeit führenden britischen Gräzisten George Gilbert Aimé Murray (s.d.) an das Newnham College. In Paris, wo sie durch die Vermittlung von Charles Desjardins in den Intellektuellenzirkel der "Nouvelle Revue Française" in Kontakt tritt und u.a. André-Paul-Guillaume Gide (22.11. 1869-19.2. 1951), Heinrich Mann (27.3. 1871-12.3. 1950), André Maurois ([eigentlich: Émile Herzog] 26.7. 1885-9.10. 1967) und Jean Schlumberger kennenlernt, schreibt J. E. H. ihre Lebenserinnerungen nieder ("Reminiscences of a Student's Life" [1925, s.u.]); eine weitere frühere Studentin, Jessie Graham Stewart (Geburtsname: Crum), wurde J. E. H.s Biographin ("J. E. H.: A Portrait from Letters", s.u.). Der Arbeitsproduktivität ihrer Wissenschaftlerinexistenz korrespondiert, daß J. E. H.s Privatleben durchgängig von persönlichen Enttäuschungen und Verletzungen begleitet wurde. Ihre Verlobung mit dem Cambridger Philologen und Orientalisten Robert Alexander Neil (1852-1901), Pembroke Fellow, endete jäh mit dessen frühem Tod an Blinddarmentzündung. Der 25 Jahre jüngere Francis Macdonald Cornford (s.d.) konnte ihre ihm entgegengebrachten Gefühle nicht erwidern. Cornford heiratete 1909 Frances Crofts Darwin (30. 3. 1886-19.8. 1960), eine Enkelin Charles Robert Darwins, der gegenüber J. E. H. bis zu ihrem Schweizer Kuraufenthalt (1912) lediglich Haßgefühle empfand. Unerfüllt blieb letztlich auch J. E. H.s letzte Liebe zum russischen Prinzen David Mirsky. - Mit dem Erscheinen ihres umfangreichen Aufsatzes "Mystica Vannus Iacchi" (1903-1904, s.u.) über das λίκνον (Getreideschwinge, -korb) in den eleusinischen Mysterien zeichnet sich ein Wendepunkt in der Forschung J. E. H.s ab: galten den Spuren chthonischer Gottheiten und ihrer Verdrängung durch die olympischen Götter bislang ihre Aufmerksamkeit, so rücken unter dem Eindruck von James George Frazers "The Golden Bough" die Auseinandersetzung mit den Ausdrucksformen und der soziohistorischen Bedeutung des Vegetationskultes in den Vordergrund. Mit diesen Fragestellungen entsteht eigentlich die sog. "Cambridge School", und J. E. H. gilt neben Francis Macdonald Cornford, James George Frazer und Gilbert Murray sowie William Robertson Smith als deren vielleicht erstem Vertreter und Arthur Bernard Cook eher als Randfigur als prominente Forscherin im informellen Kreis der "Cambridge Ritualists". Disziplinhistorisches Merkmal dieser angelsächsischen religionsgeschichtlichen Forschungsrichtung, für die Edward Burnett Tylors Monographie "Primitive Culture" zu einem Schlüsseltext wurde, ist die Abkehr vom Subjektivismus als religionsprägendem Faktor. Von Friedrich Creuzers (s.d.) Mythenforschung her bzw. der Creuzer-Rezeption bei seinem archäologischen Schüler Theodor Sigismund Panofka (25.2. 1800-20.6. 1858, Ordinarius in Berlin) gilt ihr Augenmerk unter Einbeziehung ethnologischer Studien dem Kultus und Ritual als Ausdruck von Volksglauben und -frömmigkeit. J. E. H. entwickelt im Anschluß an Karl Otfried Müller die Theorie, daß am Anfang griechischer Religiosität die kultische Vereherung der älteren matriarchalen Chthonier und jüngeren patriarchalen Olympier nebeneinander besteht; erst die seit Homer kanonisierte Verehrung der Gottheiten des olympischen Pantheons und der damit einhergehenden Mythenumbildung verdrängt archaische Residuen, die jedoch in lokalen Kultfeiern latent lebendig bleiben (J. E. H. wird in ihrem Spätwerk korrekter von Matri- bzw. Patrilinearität sprechen). Ferner verdanken J. E. H. und James George Frazer dem Germanisten und Brauchtumsforscher Wilhelm Mannhardt (1831-1880) und seinem bahnbrechenden zweibändigen Werk über "Wald- und Feldkulte" (1875-1877, 19055 = 1963) wesentliche Impulse und an erster Stelle wohl den Stichwortverweis auf Vegetationsgottheiten. Ihre Ansichten sah J. E. H. durch minoisch-mykenischen Funde bestätitgt, die (ab 1911: Sir) Arthur John Evans (8.7. 1851-11.7. 1941), der spätere Ausgräber des Palastes von Knossos, im Jahre 1900 gemacht hatte. Für das Frühwerk von J. E. H. ist der Einfluß Emile Durkheims (s.d.) und der französischen Soziologie eher unwahrscheinlich; erst nach 1907 rezipiert J. E. H. durch die Vermittlung des Sozialanthropologen Robert Ranulph Marett (13.6. 1866-18.2. 1943) das Werk Durkheims und seine These von der Religion als Repräsentationsform kollektiver Daseinserfahrung und -deutung. Durkheims Ansatz wird neben den Forschungen von Lucien Lévy-Bruhl (19.4. 1857-13.3. 1939) und dem vitalistischen Denkansatz des Philosophen Henri[-Louis] Bergson (18.10. 1859-4.1. 1941) seinen Niederschlag in "Themis" (s.u.) finden. - Die Rolle von J. E. H. als Impulsgeberin der "Cambridge Ritualists" verdeutlichen die beinahe gleichzeitigen Erscheinungsdaten ihres "Primitive Athens as Described by Thucydides" (1906 [s.u.], einem Seitenstück zum vorangehenden "Primitive Athens as Described by Thucydides" [s.o.]), Francis Macdonald Cornfords "Thucydides Mythistoricus" (1907) und Gilbert Murrays "The Rise of the Greek Epic" (1907), die ihrerseits J. E. H.s werkbiographische Bedeutung unterstreichen. Den Höhepunkt der ritualistischen Forschung der Cambridger Gruppe markiert das Jahr 1912, das die Publikation von drei Schlüsselwerken erlebte: Francis Macdonald Cornfords "From Religion to Philosophy. A Study in the Origins of Western Speculation", Gilbert Murrays "Four Stages of Greek Religion" sowie J. E. H.s "Themis. A Study of the Social Origins of Greek Religion", zu dem Cornford und Murray jeweils einen Beitrag beigesteuert haben. Der Titel dieses Werks greift die Göttinnengestalt der Themis Θέμις auf, die am Ende des von Gilbert Murray nach der editio princeps des von Robert Carr Bosanquet edierten und emendierten Kouroshymnus (einer bei Palaikastro auf Kreta gefundenen und auf ca. 200 n. -hr. datierten Inschrift) erwähnt wird; in ihr erkennt J. E. H. eine Gottheit, die zwar hinter Gaia zurücksteht, der aber noch vor dem Göttervater Zeus eminente Wichtigkeit zukommt und in Relation zu Dike steht, da sie naturgesetzliche Abläufe verkörpert, zu deren sozialer Verbindlichkeit die Mysterieninitiation durchgeführt werden und deren Vollzug sie sanktioniert. Die Mysterienkulte stellen für J. E. H. das Religiöse schlechthin dar, da sich in ihnen Zeit- und Welterfahrung durch die Erschaffung des Göttlichen ϑεῐον nach menschlichem Bilde elementar manifestiere. In "Themis" korrigiert J. E. H., die sich mit diesem Werk der vergleichenden Religionswissenschaft und -soziologie zuwendet, ihre bisherige Ritualdeutung: ging sie bislang davon aus, daß die gegenüber den Chthoniern vollzogene Ritualhandlung der Wirkweise des "do ut abeas", die gegenüber den Olympiern der des "do ut des" entspricht, so gelangte sie nun über die Rezeption der kretisch-minoischen Fundinterpretationen von Arthur John Evans, der Passageriten-Theorie des Ethnographen Charles-Arnold Kurr van Gennep (1873-1957, "Les Rites de Passage", 1909) und James George Frazers Forschungen zum Sakralkönigtum zur Überzeugung, daß das Ritual fundamentaler zu bestimmen sei, da es mimetische, kommemorative, re-präsentative oder antizipatorische Bedeutung habe, da es im Zusammenhang mit der Geburtsvorstellung stehe. Kern des Rituals ist das δρώμενον, das ursprünglich ein götterloses Frühjahrs-, also Vegetationsfest war und die Stammesinitiation der Mannbaren in die matriarchalen Mysterien begleitete. Die These der hierbei von den Initianten vollzogene Identifikation mit dem sterbenden und auferstehenden κοῦρος μέγιστος als dem vielnamigen Jahresdämon (J. E. H. prägte hierfür den Ausdruck ἐυιαυτὸς δαίμων, wobei sie die δαίμωνες ϑεοί mit anfänglich apotropäischer Funktion für ursprünglicher hält als die Gottheiten [?eo?], ihnen hier aber eine positiv-fertile Bedeutung zuwies) wurde im Kreis der "Cambridge Ritualists" weiterentwickelt: Francis Macdonald Cornford diente sie zur Tiefendeutung der Lyrik Pindars (518/522-nach 446 [438?] v. Chr.), und Gilbert Murray fand diese Grundstruktur noch in der Dramaturgie und Personenführung der griechischen Tragödiendichtung wirksam. J. E. H.s Rekonstruktionsbemühungen um archaisch-blutige Rituale im Umfeld der einer im Jahreskreis leidenden, sterbenden und wiedergeborenen Vegetationsgottheit, deren namentliche Personifikation letztlich gleichgültig ist, da J. E. H. hier ein "monotheistisches" Prinzip zu erkennen meinte, ließ sie die Farblosigkeit der Olympier erkennen, während sie umgekehrt die sie persönlich abstoßende latente Gegenwärtigkeit des Chthonischen in wesentlichen Zügen des Dionysos auslotete. Auf die Spur des Dionysos und des Ekstatischen (dessen Herkunft sie im thrakischen Raum annimmt, da die kultische Einbindung der theriomorphen Satyrn ihrer Theorie zuwiderlaufen, daß der Anthropomorphismus die Fortschrittserscheinung griechischer Rationalität sei) war J. E. H. schon früher über die Lektüre von Erwin Rohdes (s.d.) Monographie "Psyche, Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen", die sie in der "Classical Review" 1890 bzw. 1894 rezensiert hatte (s.u.), sowie die zeittypische Nietzsche-Rezeption gestoßen. Folgerichtig postulierte dann auch J. E. H., daß das δρώμενον Ursprung des griechischen δρᾶμα sei, denn der Dithyrambos bildet den Lebensgang des ἐνιαυτὸς δαίμων nach. In den Kreis der kultischen Dionysosverehrung nahm J. E. H. auch die Orphik auf. J. E. H.s Postulat des ἐνιαυτὸς δαίμων wurde besonders heftig von Arthur Bernard Cook, Lewis Richard Farnell (1856-1934) und dem Archäologen (ab 1919: Sir) William Ridgeway (6. 8. 1853-12. 8. 1926) angegriffen, andererseits vom Durkheim-Schüler Adolphe Reinach (s.u.) begrüßt und von Carl Robert zur Deutung der Figur des Ödipus dankbar aufgegriffen. - In der Göttinnengestalt der Hera glaubte H. Spuren mutterrechtlicher Vorstellungen nachweisen zu können; ihr lebenslanges Interesse an der religionsgeschichtlichen Rolle der Frau in der Antike verleitete sie allerdings nicht zur Bejahung der weiblichen Autorenschaft der Odyssee, die der Schriftsteller und Essayist Samuel Butler (4. 12. 1835-18. 6. 1902) aufgestellt hatte. Zu Zeus äußerte J. E. H. (hierin den Forschungen Arthur Bernard Cooks ähnlich, ohne dessen Hang zur monotheistischen Interpretation zu folgen) die Ansicht, daß er im Kontext des frühgriechischen Vogelkults, der namentlich Specht und Kuckuck galt, in archaischer Zeit als Specht verehrt wurde ("Zeus, The Woodpecker" [1909, s.u.]). Auch die Prometheuslegende rückte J. E. H. in die Nähe von Säulen- und Vogelkult ("Promethée et le culte du pillier" [1907, s.u.]); überdies hielt J. E. H. die griechischen Heroen (Prometheus, Theseus, Orpheus etc.) für historische Figuren. Ähnlich wie Cook nahm J. E. H. die ambivalente Nähe von Pallas Athene und Medusa an, wobei einmal der vorsehende, das andere Mal der Böse Blick als Zentralmotiv dominiert; allerdings postulierte J. E. H. über Cook hinausgehend, daß Athene und Medusa Doppelgängerinnen seien. Zu einer scharfen Kontroverse führte J. E. H.s These, daß der religionsgeschichtliche Hintergrund der Perikope von der Enthauptung Johannes des Täufers (s.d.) Mk 6,17-29 in der archaischen rituellen Freude über den Tod des Jahresdämons liege und Analogien im Adonis-, Tammuz-, Dionysos- und Orpheuskultus finde ("The Head of John Baptist" [1916, s.u.]). - J. E. H.s wissenschaftliche Summe sind die 1921 erschienenen "Epilegomena to the Study of Religion", die neben Emile Durkheims "Les formes élémentaires de la vie religieuse" (1912) und James Georges Frazers "The Golden Bough" in dritter Auflage auch Carl Gustav Jungs (s.d.) "Psychologie des Unbewußten" (1916), Wladimir Sergejewitsch Solowjews (s.d.) "Rechtfertigung des Guten" und Sigmund Freuds (s.d.) "Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" (1912/1913) unter Ausschluß seiner Sexualtheorie rezipieren; die beiden letzten mit "Mythology: Our Debt to Greece and Rome" (1924) und "Myths of Greece and Rome" (1927) betitelten Bücher sind für das breitere Publikum bestimmte Gesamtschauen, die auch zu J. E. H.s frühem Ästhetizismus zurückkehren. - Erst um 1910 wird H.s Werk auch in der deutschsprachigen und kontinentaleuropäischen Forschungsliteratur rezipiert; J. E. H.s Einfluß war trotz der Propagierungsversuche durch den Schweden Sam Wide (1861-1918, Ordinarius in Uppsala) bis dahin auf Großbritannien beschränkt. Heutzutage haben sich viele Forschungshypothesen J. E. H.s sowohl hinsichtlich der methodologischen Erschließung als auch des faktischen Postulats als unhaltbar erwiesen; als obsolet gelten müssen z.B. ihre Thesen hinsichtlich der Rolle und kultischen Verehrung der Themis (s.o.) sowie der konstruierte diametrale Gegensatz zwischen δαίμωνεσ und 'ϑεσί, für den sich keine literarischen Belege finden lassen. Gleichwohl wird ihr Denken noch vielfach rezipiert, so etwa bei Gilbert Murrays Lehrstuhlnachfolger, dem Iren Eric Robertson Dodds (26.7. 1893-8.4. 1979), im Umkreis der religionshistorisch vergleichenden Schule des Franzosen Jean-Pierre Vernant (* 1914) mit Pierre Vidal-Naquet (* 1930), Marcel Detienne (* 1935), Nicole Loraux (* 1943) oder bei Walter Burkert (* 2.2. 1931); die neuere Forschung revidiert J. E. H.s Annahme, daß frühgriechische Religiosität wesentlich primitive Glaubensinhalte und magische Kultpraktiken aufweise, zugunsten des epistemologischen Ansatzes, der die Andersartigkeit der griechischen Religion ohne wertendes Interesse zum historischen Forschungsgegenstand erhebt. - Als Wissenschaftlerin sah sich H. zeitlebens wiederholten Scharlatanerievorwürfen ausgesetzt (z.B. durch Montague Rhodes James [s.d.], s.u.). J. E. H., die sich selbstironisch als "Aunt Clegg" nach der gleichnamigen Seitenfigur in T[homas] S[tearns] Eliots (26.9. 1888-4.1. 1965) zweitem Roman "The Mill on the Floss" (1860) identifizierte, lebt bei dem spätviktorianischen Schriftsteller George Meredith (2.2. 1828-18.5. 1909, "Jump-for-Glory Jane", 1892) und der literarischen Vorkämpferin der Frauenbewegung Virginia Woolf nach ("A Room of One's Own", 1929); J. E. H. als ihr Idealbild einer Dozentin hat, wie die feministische Literaturwissenschaftlerin Jane Marcus (s.u.) in zahlreichen Beiträgen nachgewiesen hat, einen kaum unterschätzbaren Einfluß auf das Schaffen Virginia Woolfs in sowohl thematischer als auch formaler Hinsicht ausgeübt (vgl. z.B. "Between the Acts", ). J. E. H., die ihre eigenen Emanzipationsvorstellungen im Essay "Homo sum. Being a Letter to an Anti-Suffragist from an Anthropologist" (1909[?]/1911, s.u.) niederschrieb, engagierte sich in der universitären Frauenförderung. - Gilbert Murrays Tragödienübersetzungen und J. E. H.s "Themis" als Haupt- und Schlüsselwerk der "Cambridge Ritualists" wirkte stimulierend auf das Werk von z.B. D[avid] H[erbert] Lawrence (11.9. 1885-2.3. 1930), wie überhaupt J. E. H.s Werk nicht auf die Religions- und Altertumswissenschaften allen beschränkt blieb, sondern sich gelegentlich auch auf die moderne Dramentheorie sowie das literarische Werk neuerer Autoren erstreckt (z.B. in der Lyrik des US-Amerikaners Charles Olson [27.12. 1910-10.1. 1970], "Carrying Water to the Youth in Honor of Sappho/J. H./& Miss Duncan If/She Had", in: The Collected Poems of Charles Olson, Excluding the `Maximus' Poems, ed. George F. Butterick, Berkeley 1987, 496-497). Die Universitäten Aberdeen und Durham würdigten J. E. H. 1897 durch die Verleihung des Ehrendoktorats. J. E. H. war Mitglied des Council der Classical Association und wurde 1896 als Korrespondentin in das Berliner Deutsche Archäologische Institut aufgenommen. Seit 1928 veranstaltet das Newnham College die J. E. H. Memorial Lectures. - 1926 von Paris nach London zurückgekehrt starb J. E. H. am 5.4. 1928 in London, 11 Mecklenburgh Street, an Leukämie. J. E. H.s Vortrags- und Vorlesungstätigkeit war ab ihrer Cambridger Dozentinnenzeit von großer Lebendigkeit, Sinn für Anschaulichkeit und dem Einsatz theatralischer Effekte zu Demonstrationszwecken gekennzeichnet. In ihrem Lebenswandel dominierten exzentrische Ausdrucksformen und eine Vorliebe für Genußgifte.
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