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Band II (1990)Spalten 667-670 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HEINRICH IV., seit 1056 König in Deutschland, Italien und Burgund, seit 1084 Römischer Kaiser, * 11.11. 1050 in Goslar (?) als Sohn des Kaisers Heinrich III., † 7.8. 1106 in Lüttich, beigesetzt im Dom zu Speyer. - Nach dem Willen des Vaters wurde H. im November 1053 in Trebur (Dorf bei Mainz, im Mittelalter Kaiserpfalz Tribur) zum König gewählt, am 17.7. 1054 gekrönt und 1055 mit Bertha von Turin verlobt. Nach dem frühen Tod H.s III. († 5.10. 1056) führte seine Witwe, Agnes von Poitou, für den noch nicht sechsjährigen Sohn die Regierung, erwies sich aber als dieser Aufgabe nicht gewachsen. Darum sann eine Verschwörung der Fürsten auf ihre Entfernung. An ihre Spitze trat Anno II., Erzbischof von Köln (s. d.). Er brachte im April 1062 durch einen Überfall in Kaiserswerth H. in seine Gewalt, entriß der Kaiserin-Witwe das Reichsregiment und wurde der alleinige Reichsverweser. Schon 1063 mußte Anno II. die Erziehung H.a und die Reichsverwaltung mit Adalbert I., Erzbischof von Hamburg-Bremen (s. d.), teilen, der auf den jungen König starken Einfluß gewann und Anno II. immer mehr zurückdrängte, zumal nach der am 29.3. 1065 in Worms erfolgten Mündigkeitserklärung Hs. Die Fürsten, an ihrer Spitze Anno II. und Siegfried von Mainz, zwangen im Januar 1066 auf dem Reichstag in Tribun H., Adalbert I. vom Hof zu weisen. Trotz aller Bemühungen gewann Anno II. nach der Verbannung seines Nebenbuhlers vom Hof seinen alten Einfluß auf H. nicht zurück. Im gleichen Jahr vermählte sich der König mit Bertha von Turin und führte die Regierung selbständig. Zur Sicherung seiner territorialen Machtgrundlage legte er im Gebiet des Harzes Burgen an. Es kam 1073 zum Aufstand des sächsischen Adels. Der König, in der Harzburg eingeschlossen, entkam zwar, mußte aber am 2.2. 1074 in dem Vergleich von Gerstungen (bei Eisenach) die Schleifung der Burgen zusagen und den Aufständigen Straffreiheit zusichern. Aus der Kirchenschändung der Harzburg leitete H. das Recht ab, den Heerbann gegen die Sachsen aufzubieten. Mit Hilfe der süddeutschen Fürsten erfocht H. am 13.6. 1075 bei Homburg an der Unstrut den entscheidenden Sieg und damit die bedingungslose Unterwerfung der Sachsen. - Bekannt ist H. durch den Investiturstreit mit Gregor VII. (s. d.). Auf der Fastensynode von 1075 in Rom eröffnete der Papst den Kampf mir dem deutschen Königtum. Auf dieser Synode erließ Gregor VII. das Verbot der Laieninvestitur. (Unter "Investitur" versteht das mittelalterliche kirchliche Recht die Übertragung des Bischofsamts mit seinen geistlichen und weltlichen Rechten durch den König durch Übergabe von Bischofsstab und später auch durch Bischofsring, ebenso die Amtsübergabe bei Äbten königlicher Klöster.) Als der Erzbischof Wido von Mailand 1071 abdankte und 1073 starb, brach ein heftiger Streit aus um die Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles. H. ernannte zum Nachfolger Widos den Grafen Gottfried von Castiglione; die "Pataria", eine revolutionäre demokratische Bewegung in Mailand in der Mitte des 11. Jahrhunderts (s. Arialdus), setzte sich für den Kleriker Atto ein. Nach der Niederwerfung des sächsischen Aufstandes mischte sich H. erneut in die Mailänder Angelegenheit ein: er besetzte den Erzstuhl von Mailand und die Bistümer Spoleto und Fermo. Im Dezember 1075 drohte Gregor VII. durch ein Schreiben und eine geheime mündliche Botschaft mit Bann und Absetzung. H. berief auf den 24.1. 1076 nach Worms eine Versammlung ein, die von 26 Bischöfen besucht wurde. Sie sagten Gregor VII. den Gehorsam ab, weil er unrechtmäßig die Papstwürde erhalten habe; das unter Nikolaus II. (s. d.) auf der römischen Fastensynode von 1059 erlassene Papstwahldekret, das dem deutschen König das Recht der Mitwirkung bei der Papstwahl einräumte, sei verletzt worden. H. setzte Gregor VII. ab. Auf der römischen Fastensynode vom 14/15.2. 1076 erwiderte der Papst mit Exkommunikation und Absetzung des deutschen Königs und der deutschen und oberitalienischen Bischöfe der vorjährigen Versammlung in Worms und löste die Untertanen vom Treueid. Es war die erste Absetzung eines deutschen Königs durch den Papst. Auf einer Fürstenversammlung in Tribur im Oktober 1076, an der auch päpstliche Legaten teilnahmen, mußte H. versprechen, dem Papst gehorsam zu sein und Genugtuung zu leisten; falls der König bis zum Jahrestag seines Bannes nicht von ihm gelöst werde, ginge er der Krone verlustig. Gregor VII, wurde auf den 2.2. 1077 zu einem Fürstentag nach Augsburg eingeladen. Als der Papst schon auf der Reise nach Deutschland war, eilte ihm H. entgegen. Mitten im kalten Winter - der zugefrorene Rhein war damals noch bis Anfang April gangbar - kletterte H. mit seiner treuen Gemahlin Bertha und einigen Mannen über die vereisten Alpen, oft auf allen Vieren kriechend, eilends; denn der Jahrestag des Bannes nahte heran. Die Begegnung fand auf der Felsburg Canossa am nördlichen Abhang des Apennin statt. Drei Tage tat H. Kirchenbuße, ohne königlichen Schmuck, barfuß, im grobwollenen Büßergewand (25. bis 27.1.). So begehrte er Wiederaufnahme in die Kirche. Am 28.1. 1077 (wesentlich durch die Vermittlung der Burginhaberin, der Markgräfin Mathilde von Tuszien) sprach ihn Gregor VII. vom Bann los. Das Absetzungsurteil nahm er nicht zurück. Die neuere Forschung betont den in dieser tiefen Selbstdemütigung liegenden politischen Sieg des Königs; doch hatte dessen Erniedrigung schwere Folgen für das mittelalterliche Ansehen des Kaisertums. Trotz der Lösung H.s vom Bann wurde am 15.3. 1077 von den Fürsten in Forchheim bei Nürnberg Rudolf von Schwaben zum Gegenkönig gewählt. Gregor VII. verhielt sich zunächst abwartend. Als aber H. erstarkte, erklärte sich der Papst für Rudolf, erneuerte Bann und Absetzung über H. und löste seine Untertanen vom Treueid. Rudolf fand in einem Gefecht in Hohenmölsen (unweit der Weißen Elster) den Tod. H.s Macht wuchs. Am 25.6. 1080 setzte er Gregor VII. ab. Die Synode zu Brixen wählte am 25.6. 1080 Wibert von Ravenna zum Gegenpapst. H. drang auch in Italien zum Entscheidungskampf mit Gregor VII. 1081 und 1082 zog der König vergeblich gegen Rom; aber 1083 gelang die Erstürmung der Stadt. Im März 1084 zog H. in Rom ein. Am 24.3. wurde Wibert als Clemens III. (s. d.) inthronisiert und H. am 31.3. von ihm zum Kaiser gekrönt. Gregor VII. wartete auf die Hilfe der Normannen. Da zog Robert Guiskard, der Normannenherzog, heran. Der Kaiser, dessen Heer stark zusammengeschmolzen war, mußte sich von Rom zurückziehen. Doch die als Befreier des Papstes erschienen waren, hausten als Feinde in der Stadt. Normannen und Sarazenen aus Sizilien raubten, plünderten und mordeten. Robert ließ die Stadt anzünden und zog unbekümmert um ihr Schicksal wieder zum Süden. In seinem Gefolge befand sich auch der Papst. In Salerno ließ man ihn zurück. In der Verbannung dort ist Gregor VII. am 25. Mai 1085 gestorben. - Die letzten 15 Lebensjahre des Kaisers waren überschattet von der Auseinandersetzung mit seinen Söhnen, die sich mit der Fürstenopposition verbanden. Seit 1090 in Italien, erlebte H. 1093 den Abfall seines Sohnes Konrad, der 1087 in Aachen zum König gekrönt worden war. 1098 hielt H. eine Reichsversammlung in Mainz, die Konrad absetzte und den jüngeren Sohn Heinrich zum Nachfolger bestimmte, der 1099 in Aachen gekrönt wurde. Konrad starb 1101 in Florenz. H. V. konspirierte seit 1104 aus Angst um seine Königswürde mit einer Fürstenrebellion im nördlichen Bayern. Der Kaiser wich 1105 nach Köln aus; Heinrich V. zog in Mainz ein. Unter trügerischen Bedingungen setzte der Sohn den Vater in der Burg Böckelheim an der Nahe gefangen. Dann zwang er ihn auf einem Reichstag zu Ingelheim am 31.12. 1105 zur Abdankung. H. aber entkam nach Aachen, wandte sich an die Öffentlichkeit und gewann in Niederlothringen eine große Anhängerschaft. Vor dem Entscheidungskampf starb H.

Lit.: Wilhelm Martens, die Besetzung des päpstl. Stuhls unter den Kaisern H. III. u. H. IV., 1887 (Nachdruck 1966); - Ernst Bernheim, Qu. z. Gesch. des Investiturstreites. 1.: Zur Gesch. Gregors VII. u. H.s IV., 1907 (19303); - Karl Hampe, Dt. Kaisergesch. in den Zeit der Salier u. Staufer, 1908 (194910), bearb. v. Friedrich Baethgen, 34 ff.); - Ders., Herrschergestalten des dt. MA, 1927 (19556, durchges. u. um einen Lit.anh. erw. v. Hellmut Kämpf, 102 ff.); - Hermann Sielaff, Stud. über Gregors VII. Gesinnung u. Verhalten gg. Kaiser H. IV. in den J. 1073 bis 1080 (Diss. Greifswald), 1910; - Bernhard Kumsteller, Der Bruch zw. "Regnum" u. "Sacerdotium" in der Auffassung H.s IV. u. seines Hofes 23.4.1073 bis 24.1.1076 (Diss. Greifswald), 1912; - Willy Reuter, Die Gesinnung u. die Maßnahmen Gregors VII. gg. H. IV. in den J. 1080-1085 (Diss. Greifswald), 1913; - Gottfried Werdermann, H. IV., seine Anhänger u. seine Gegner im Lichte der augustin. u. eschatolog. Gesch.auffassung des MA (Diss. Greifswald), 1913; - Bernhard Schmeidler, Kaiser H. IV. u. seine Helfer im Investiturstreit. Stilkrit. u. sachkrit. Unterss., 1927 (Nachdr. Aalen 1970); - Albrecht Brackmann, H. IV. als Politiker beim Ausbruch des Investiturstreites, in: SAB 1927, 32; 1928, 393-411; u. in: Canossa als Wende (s. Lit.), 1963, 61 ff.; - Erika Schirmer, Die Persönlichkeit Kaiser H.s IV. im Urteil der dt. Gesch.schreibung [Vom Humanismus bis z. Mitte des 18. Jh.s] (Diss. Jena), 1931; - Friedrich Christoph Dahlmann - Georg Waitz, Qu.kunde der dt. Gesch., hrsg. v. Hermann Haering, 1931/329, 6205-6303; - Die Briefe H.s IV., hrsg. v. Carl Erdmann (MG Dt. MA I), 1937; - Rudolph Wahl, Der Gang nach Canossa. Kaiser H. IV. Eine Historie, 19512; - MG VI; Die Urkk. H.s IV., bearb. v. Dietrich v. Gladiss, 2 Tle., 1952-53; - Die Briefe H.s IV. Mit den Qu. zu Canossa, übers. u. erl. v. Karl Langosch (GDV 3. GA, 98), 1954; - Hans Frieder Haefele, Fortuna Heinrici IV. imperatoris. Unterss. z. Lebensbeschreibung des 3. Saliers, Graz - Köln 1954; - Lambertus, Ann. Neu übers. v. Adolf Schmidt. Erl. v. Wolfgang Dietrich Fritz (Ausgew. Qu. z. dt. Gesch. des MA 13), 1957 (Darmstadt 1973); - Wolfram v. den Steinen, Canossa. H. IV. u. die Kirche, 1957 (19692); - Hans-Georg Krause, Das Papstwahldekret v. 1059 u. seine Rolle im Investiturstreit (= Studi Gregoriani per la storia di Gregorio VII e della riforma Gregoriana. 7), Rom 1960; - Hanss Leo Mikoletzky, Der "fromme" Kaiser H. IV., in: MIÖG 68, 1960, 250 ff.; - Karl Bosl, Gregor VII. u. H. IV., in: Die Europäer u. ihre Gesch. Epochen u. Gestalten im Urteil der Nationen (Vortr.reihe), hrsg. v. Leonhard Reinisch, 1961; - K. F. Morrison, Canossa, a Revision, in: Traditio 18, New York 1962, 121 ff.; - Canossa als Wende. Ausgew. Aufss. z. neueren Forsch. Hrsg. v. Hellmut Kämpf, 1963 (19763); - Anton Mayer-Pfannholz, H. IV. u. Gregor VII. im Lichte den Geistesgesch., in: Canossa als Wende (s. o.), 1963, 27 ff. - Qu. z. Gesch. Kaiser H.s IV. die Briefe H.s IV. Das Lied v. Sachsenkrieg. Neu übers. v. Franz-Josef Schmale. Das Leben Kaiser H.s IV. Neu übers. v. Irene Schmale-Ott [Paralleldr.] (Ausgew. Qu. z. dt. Gesch. des MA 12), 1963 (19743); - Peter Classen, H.s Briefe im Codex Udalrici, in: DA 20, 1964, 115 ff.; - Gerold Meyer v. Kronau, Jbb. des Dt. Reiches unter H. IV. u. H. V. I. 1056 bis 1069 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1890-1894), 1964; II. 1070-1077 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1890-1894), 1964; III. 1077 (Schluß) bis 1084 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1900), 1965; IV. 1085-1096 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1903), 1965; V. 1097-1106 (Neudr. der 1. Aufl. 1904), 1965; VI. 1106-1116 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1907), 1965; VII. 1116 (Schluß) bis 1125 (Neudr. der 1. Aufl. v. 1909), 1965; - Johannes Schneider, Stud. zu Stil u. Imitatio in der Vita Heinrici IV. imperatporis (Hab.-Schr. Berlin, Humbuldt-Univ., 1962) 1965 (Überarb. u. d. T.; Die Vita Heinrici IV. u. Sallust. Stud. zu Stil u. Imitation in der mittellat. Prosa); - Josef Fleckenstein, H. IV. u. der dt. Episkopat in den Anfängen des Investiturstreites, in: Adel u. Kirche. Gerd Tellenbach z. 65. Geb. Hrsg. v. dems. u. Karl Schmid, 1968, 221 ff.; - Bernold, Die Chron. Bernolds v. St. Blasien (Chronicon, dt.). Nach der Ausg. der MG übers. v. Eduard Winkelmann. 2. Aufl. Neu bearb. v. Wilhelm Wattenbach, New York - London 1970; - Christian Schneider, Prophet. Sacerdotium u. heilsgeschichtl. Regnum im Dialog 1073-1077. Zur Gesch. Gregors VII. u. H.s IV. (Diss. Münster, 1969), München 1972; - Gottfried Koch, Auf dem Wege z. Sacrum Imperium. Stud. z. ideolog. Herrschaftsbegründung der dt. Zentralgewalt im 11. u. 12. Jh., 1972; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch. I2, 1973, 1069 ff.; - Harald Zimmermann, Der Canossagung v. 1077. Wirkungen u. Wirklichkeit, 1975; - Gebhardt-Grundmann I, 242 ff.; - ADB XI, 399 ff.; - NDB VIII, 315 ff.; - RGG III, 202; - LThK V, 180 f.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

1994

Stefan Beulertz, Gregor VII. als "Publizist". Zur Wirkung d. Schreibens Reg. VIII,21, in: AHP 32.1994, S. 7-29; -

2004

Daniele Solvi, L'imperatore degli ultimi tempi nell'immaginario profetico tra Federico II ed Enrico IV, in: Attese escatologiche dei secoli XII-XIV. L'Aquila 2004, S. 93-125; -

2005

Rudolph Wahl, Heinrich IV. Erftstadt 2005; -

2006

Stefan Weinfurter, Canossa. München 2006; - Gerd Althoff, H.Iv. Darmstadt 2006; -

2008

Stefan Weinfurtner, Canossa - die Entzauberung der "Welt". Eine Vorlesung. Grünwald 2008. 1 CD; - Gerd Althoff, Heinrich IV. 2., unveränd. Aufl. Darmstadt 2008; - Johannes Fried, Der Pakt von Canossa. Schritte zur Wirklichkeit durch Erinnerungsanalyse, in: Die Faszination d. Papstgeschichte. Köln 2008, S. 133-197.

Letzte Änderung: 08.07.2009