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Band XVII (2000)Spalten 632-636 Autor: Stefan Lindinger

HELL, Maximilian (`Pater Hell'), * 15.5. 1720 in Schemnitz (heute Banskà Stiavnica, Slowakei), † 14.4. 1792 in Wien - Jesuit, Astronom, Magnetheiler. H.s Vater Matthias Cornelius war Mathematiker und als Oberkunstmeister zuständig für die Wassermaschinen der Bergwerke in Schemnitz. Schon in der Kindheit konnte sich M.H. so mit technischen Apparaturen vertraut machen, eine Erfahrung, die für seinen weiteren Lebenslauf prägend sein sollte. Nach Abschluß seiner Schulausbildung trat er im Alter von achtzehn Jahren 1738 in Trentschin den Jesuiten bei. Von 1740 bis 1743 studierte er im Wiener Jesuitenkolleg Philosophie und Mathematik. Bei dieser Gelegenheit kam er in Kontakt mit einigen der führenden jesuitischen Wissenschaftler seiner Zeit, wie dem Mathematiker Erasmus Fröhlich und dem Astronom Joseph Franz, der die Leitung der Wiener Sternwarte der Jesuiten innehatte. Letzterer machte H. zu seinem Assistenten am Observatorium. Daneben war H. mit der Einrichtung eines Museums für Experimentalphysik betraut und edierte die `Arithmetica numerica et literalis' des Johannes Crivellius für den Gebrauch als Lehrbuch. 1746 wurde er von seinem Orden nach Leutschau in Ungarn geschickt und unterrichtete an den dortigen Lateinschulen zwei Jahre lang neben Mathematik auch Latein, Griechisch, Geschichte, Geographie und Rhetorik. 1748 begann er in Wien sein Theologiestudium und bereitete gleichzeitig durch Fachvorträge junge Adlige auf den Aufenthalt in den ungarischen Bergwerksgebieten vor. 1750 erschien zum ersten Mal sein `Adiumentum memoriae manuale', das, zunächst anonym veröffentlicht, viele Auflagen erlebte und später auch auf deutsch erschien. Nachdem H. 1751 zum Priester geweiht worden war, absolvierte er sein letztes Probejahr in der Gesellschaft Jesu in Neusohl und erhielt dann den Auftrag, in Tyrnau eine neue Sternwarte anzulegen. Diese Aufgabe konnte er nicht zu Ende führen, da er nur kurze Zeit später nach Klausenburg geschickt wurde, wo ebenfalls unter seiner Leitung 1752 bis 1755 eine Sternwarte und ein neues Kollegium errichtet wurden. Darüber hinaus unterrichtete er dort Mathematik und Physik, arbeitete sich in das Gebiet der Elektrizität ein und gab die `Elementa Arithmeticae numericae et literalis' heraus. - Im Jahr 1755 verstarb der Wiener Hofastronom Johann Jacob Marinoni. Gestützt auf die astronomischen Instrumente, die Marinoni hinterlassen hatte, sollte für die Universität der Hauptstadt eine Sternwarte errichtet werden. Daraufhin wurde H., nunmehr ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Astronomie, nach Wien berufen und mit der Leitung betraut. Anfänglich hatte er auch Mechanik zu unterrichten, ließ sich von dieser Verpflichtung aber dispensieren, da er inzwischen begonnen hatte, nach dem Vorbild der Pariser Sternwarte jährlich erscheinende astronomische `Ephemeriden' herauszugeben. Diese `Ephemerides astronomicae ad meridianum Vindobonensem' festigten seinen internationalen Ruf, so daß ihn der dänische König Christian VII. einlud, von der vor der Küste Lapplands gelegenen Insel Wardöe aus den im Jahr 1769 bevorstehenden Vorübergang der Venus vor der Sonne zu beobachten. Dieses Ereignis erregte unter den Astronomen Europas große Aufmerksamkeit, da es die Möglichkeit bot, Erkenntnisse über die Entfernung der Erde von der Sonne zu gewinnen, wenn es von vielen Positionen aus beobachtet würde. Zu diesem Zweck reiste H., begleitet von dem Jesuiten Johannes Sajnovics (der später eine sprachwissenschaftliche Abhandlung über die Verwandtschaft des Ungarischen mit dem Lappländischen verfassen sollte), ins Nordmeer und errichtete auf Wardöe eigens ein Observatorium. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Kopenhagen kehrte H. 1770 nach Wien zurück. Die Ergebnisse, die er aufgrund seiner Beobachtungen in Wardöe veröffentlichte, führten aufgrund ihrer Abweichungen von den Erkenntnissen anderer Astronomen zu einer Kontroverse: Der Franzose Lalande warf ihm bewußte Fälschung vor. Die Zweifel an H.s Ergebnissen beschäftigten auch das neunzehnte Jahrhundert. So glaubte Littrow 1834, gestützt auf die handschriftlichen Aufzeichnungen H.s, feststellen zu können, dieser habe seine Beobachtungen nachträglich geändert. Erst 1883 konnte Newcomb nachweisen, daß es Littrow war, der sich getäuscht hatte. H.s in den Ephemeriden von 1771 angekündigter Plan, über die Reise nach Wardöe eine `Expeditio literaria ad Polum arcticum' zu schreiben, scheiterte aufgrund von Zeit- und Geldmangel. Er war unter anderem damit beschäftigt, auch in Erlau ein Observatorium einzurichten, und veröffentlichte weitere Arbeiten zu naturwissenschaftlichen Themen. Eine andere große Aufgabe vermochte H. nicht zu Ende bringen. Die unter seiner Leitung zu gründende Wiener Akademie der Wissenschaften, in der die Jesuiten eine führende Rolle spielen sollten, konnte nicht eingerichtet werden, da im Jahr 1773 der Orden aufgehoben wurde. - H. wurde im Europa des achtzehnten Jahrhunderts nicht nur als bedeutender Astronom bekannt, sondern erregte auch Aufmerksamkeit durch die Experimente auf dem Gebiet des Magnetismus, die er in Zusammenarbeit mit Mesmer durchführte. Dabei stellte er Magneten her, die den kranken Organen nachgebildet waren, und benutzte magnetisierte Stahlplatten oder Stabmagnete, die mit den betroffenen Körperpartien in Kontakt gebracht wurden. - Am Ende seines Lebens war H. korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Paris und ordentliches Mitglied der Akademien in Kopenhagen, Göttingen, Stockholm, Drontheim und Bologna. Als führender Wissenschaftler anerkannt und geschätzt wegen seiner Menschlichkeit und seiner Generosität starb er am 14. April 1792 in Wien an den Folgen einer Lungenentzündung und wurde in Enzersdorf begraben.

Werke und Briefe: Elementa Algebrae Joannis Crivellii magis illustrata et novis demonstrationibus et problematibus aucta, Wien 1745; Adiumentum Memoriae manuale, seu tabulae succinctae historico-chronologico-genealogicae [...], Wien 1750; Wien 1760; Ingolstadt 1760; Wien 1761; München und Ingolstadt 1763; Wien 1772; Wien 1774; Wien 1775; Wien 1789 [z.T. erweiterte und fortgeführte Ausgaben; dass. deutsch u.d.T. Chronologisch-genealogisch-historisches Handbuch zum Behuf des Gedächtnisses, Wien 1796; Wien 1797; Wien 1800]; Varia Compendia praxesque operationum arithmeticarum, itemque regulae aureae simplicis, compositae [...] cum primis ad usus mercatorum et civiles applicatae, Klausenburg 1755; Elementa Mathematica Naturalis Philosophiae ancillantia, ad praefixam in scholis normam concinnata, Klausenburg 1755; Posen 1760; Wien 1761; Wien 1762; Wien 1768; Wien 1773 [z.T. Variationen in Titel und Inhalt]; Exercitationum mathematicarum Partes tres, Wien 1755; Wien 1759; Posen 1760; Wien 1773 [z.T. Variationen in Titel und Inhalt]; Ephemerides astronomicae ad meridianum Vindobonensem, Wien 1757-93 [Angaben zum Inhalt der einzelnen Jahrgänge in: Sommervogel, 238-250]; Dissertatio complectens calculos accuratissimos Transitus Veneris per discum Solis in tertiam Junii 1769, praedicti, methodosque varias observationem hanc instituendi, Wien 1760; Kurzer Unterricht der Oster-Feyer. Für den ungelehrten gemeinen Mann, sammt der gründlichen Wiederlegung einer Schrift, welche Herr [...] Schumacher [...] verfasset, Wien 1760; Observatio transitus Veneris ante discum Solis die 5. Junii 1761, Wien 1761; Wien 1770; Introductio ad utilem usum Magnetis ex calybe, Wien 1762 [dass. deutsch u.d.T. Anleitung zum nützlichen Gebrauch der künstlichen Stahl-Magneten, Wien 1762]; Tabulae Solares ad Meridianum Parisinum, Wien 1763; Tabulae lunares ad Meridianum Parisinum, Wien 1763; Tabulae Planetarum Saturni, Iovis, Martis, Veneris et Mercurii ad Meridianum Parisinum, Wien 1763; De Satellite Veneris, Wien 1765; Elogium Rustici Tyrolensis celeberrimi Petri Anich, Innsbruck 1766; Innsbruck 1768; Observationes astronomicae ab anno 1717 ad annum 1752 factae et ab Augustino Hallerstein [...] collectae. Zwei Theile, Wien 1768; Observatio transitus Veneris ante discum Solis die 3. Junii 1769 Wardöehusii, Kopenhagen 1770; Wien 1770; De parallaxi Solis ex Observationibus Transitus Veneris 1769, Wien 1773; Brief vom 8.3.1773 an Michael Denis, in: Michael's Denis Literarischer Nachlaß. Teil 2, Wien 1802, 177f; Supplementum Dissertationis de Parallaxi solis, Wien 1774; Methodus astronomica sine usu Quadrantis vel Sectoris [...] elevationem poli cujusvis loci in continente siti accuratissimum definire, Wien 1774 [dass. deutsch u.d.T. Astronomische Art, (...) allein durch Hülfe eines Sehrohres (...) die Polhöhe eines jeden auf dem festen Land gelegenen Ortes (...) zu bestimmen, in: Beyträge zu verschiedenen Wissenschaften, Wien 1775]; Schreiben über die alhier in Wien entdeckte Magnetenkur, an einen seiner Freunde, Wien 1775; Unpartheiischer Bericht der alhier gemachten Entdeckungen der künstlichen Stahlmagneten in verschiedenen Nervenkrankheiten, Wien 1775; Erklärung über das zweite Schreiben Herrn D. Mesmers die Magnetkur betreffend an das Publikum, o.O. o.J; Von der wahren Größe, die der Durchmesser des vollen Mondes, oder der Sonne zu haben scheint, wenn man ihn mit freyem Auge ansieht, in: Beyträge zu verschiedenen Wissenschaften, Wien 1775; Appendix Ephemerides anni 1777. Aurorae borealis theoria nova, Wien 1776; Der Zucker, ein neues Präservativmittel wider den Scorbut (Scharbock). Nebst einer Zuschrift, darinn des Scharbocks Ursachen etc. und auch des Zuckers Eigenschaften gründlicher erwogen und widerlegt werden, von Herrn von Albertiz, Wien; Leipzig 1779; Epistulae Septem de Rebus mathematicis, in: Litterarium Commercium Josephi Steplingii, Preßburg 1782; Monumenta, aere perenniora, inter astra ponenda, Wien 1789 [dass. deutsch u.d.T. Drey neue Sternbilder, die als ewige Denkmäler am gestirneten Himmel errichtet werden sollten. Aus dem Lateinischen von Anton Jungnitz, Wien 1789; Wien 1790]; Diplomata, Bullae, Privilegia, libertates, immunitates, constitutiones et statuta etc. antiq. universitatis Vindobonensis, Wien 1791; Beyträge zur praktischen Astronomie, in verschiedenen Beobachtungen, Abhandlungen und Methoden aus den Astronomischen Ephemeriden des Herrn Abbé Max. Hell aus dem Lateinischen übersetzt von L.A. Jungnitz, Breslau; Hirschberg 1791-94; P.H.s Reise nach Wardoe bei Lappland und seine Beobachtung des Venus-Durchganges im Jahre 1769. Aus den aufgefundenen Tagebüchern geschöpft und mit Erläuterungen begleitet von Carl Ludwig Littrow, Wien 1835.

Lit.: [I.v. Born], Observationes macro- et microscopicae de haeresi et fine franco-muratoriorum, o.O. o.J. [eine in Wien erschienene, mit `Pater Hell' unterzeichnete Satire]; - Journal des savants 1771 (Juli), 499; - I. de Luca, Das gelehrte Österreich. Ein Versuch. Band I.1., Wien 1776, 176-194; - A. Horányi, Memoria Hungarorum et Provincialium scriptis editis notorum. Band 2, Wien 1776, 81-90; - A.H.F.v. Schlichtegroll, Nekrolog auf das Jahr 1792, Gotha 1793, 282-303; - J.G. Meusel, Lexikon der vom Jahre 1750 bis 1800 verstorbenen Teutschen Schriftsteller. Band 5, Leipzig 1805, 335-338; - M. Kunitsch, Biographien merkwürdiger Männer der österreichischen Monarchie. Band 5, Grätz 1805, 84-108; - J.v. Hormayr, Österreichischer Plutarch. Band 9, Wien 1807, 151; - Kölösy; Melzer, Ungarischer Plutarch. Teil 3, Pest 1816, 125-132; - Erdelyi Museum [Siebenbürgisches Museum] 8, 1817, 88-95; - K.v. Littrow, Beiträge zur Biographie M.H.s, in: F. Sartori (ed.), Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat 1819, Nr.90; - J.S. Ersch; J.G. Gruber (eds.), Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Band II.5, Leipzig 1829, 152-155; - F. Gräffer; Czikann (eds.), Österreichische National-Encyklopädie. Band 2, Wien 1835, 544; - G. Fejér, Historia Academiae Scientiarum Pazmaniae Archi-Episcopalis ac M. Theresianae Regiae literaria, Buda 1835, 81; 220; - J.N. Stoeger, Scriptores Provinciae Austriacae Societatis Jesu, Wien; Regensburg 1836, 128; - F. Gräffer, Kleine Wiener Memoiren. Band 1, Wien 1845, 89; - Jahns Wöchentliche Unterhaltungen für Dilettanten und Freunde der Astronomie, 3. Jahrgang 1849; - Paintner, Historia Scriptorum Societatis Jesu olim Provinciae Austriacae, Hungaricae etc., Wien 1855; - C.v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich. Band 8, Wien 1862, 262-266; - J.Ch. Poggendorff, Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften. Band 1, Leipzig 1863 [ND Amsterdam 1970], 1055; - Bruhns, M.H., in: Allgemeine Deutsche Biographie. 11. Band, Leipzig 1880, 691-693; - S. Newcomb, On Hell's alleged falsification [...], in: Monthly Notices of the Royal Astronomical Society 43, London 1883, 371-381; - C. Sommervogel S.J., Bibliothèque de la Compagnie de Jésus. Band 4, Brüssel; Paris 1893, 237-258; - L. Koch S.J., Jesuiten-Lexikon. Die Gesellschaft Jesu einst und jetzt, Paderborn 1934, 785-787; - K. Ferrari d'Occhieppo, M.H. und Pl. Fixlmillner, in: F. Knoll (ed.), Österreichische Naturforscher, Ärzte und Techniker, Wien 1957, 27-31; - A.V. Nielsen, Pater H. og Venuspassagen 1769, in: Nordisk Astronomisk Tidsskrift, Kopenhagen 1957, Nr.3; - K. Ferrari d'Occhieppo, Dictionary of Scientific Biography. Band 6, 1965; - K. Ferrari d'Occhieppo, M.H., ein Begründer der neueren Astronomie in Österreich, in: Der Sternenbote, 1961; - K. Ferrari d'Occhieppo, M.H., in: Neue Deutsche Biographie. Band 8, Berlin 1969, 473f; - H. Holzapfel, Pater M.H. S.J. i Danmark. Et bidrag til kirkens historie i Danmark i sidtse halvdel af 18. arhundrede, Würzburg 1979; - L. Bartha, Sajnovics Janos, Hell Micsa es a `magyar ostortenet'. Sajnovics Janos szuletesenek 250. evfordulojara, in: Nyelvtudomanyi-Kozlemenyek 85, 1983, 297-303; - E. Ferencová, M.H. Významná osobnost slovenskej vedy a techniky. Vyd. 1, Bratislava 1995; - W. Killy; R. Vierhaus (eds.), Deutsche Biographische Enzyklopädie. Band 4, München; New Providence; London; Paris 1996, 561.

Stefan Lindinger

Letzte Änderung: 09.07.2008