HENHÖFER, Aloysius, Führer der badischen Erweckungsbewegung, * 11.7. 1789 in Völkersbach bei Ettlingen (Baden) als Sohn eines katholischen Bauern, † 5.12. 1862 in Spöck bei Bruchsal. - H.s Mutter, eine strenge, fromme Katholikin, nahm das jüngste ihrer drei Kinder, Aloysius, ihren Liebling, schon frühe mit zur Messe und auf Wallfahrten, übte starken Einfluß auf ihn aus und bestimmte ihn schon als kleines Kind zum geistlichen Stand. H. besuchte seit Ostern 1802 die Schule der Piaristen in Rastatt und dann das dortige Lyzeum und bezog im Herbst 1811 die Universität in Freiburg/Breisgau und 1814 das Seminar in Meersburg am Bodensee. 1815 empfing er die Priesterweihe und wurde Hauslehrer und Kaplan bei dem Freiherrn Julius von Gemmingen in Steinegg bei Pforzheim. Eine seiner Schülerinnen wurde 1838 die Gattin des Professors der Theologie Friedrich August Gotttreu Tholuck (s. d.). Der Freiherr übertrug 1818 H. die Pfarrei Mühlhausen. "Die ganze Religion jener Gegend war nichts als Messehören, Rosenkranz beten, Kapellen- und Wallfahrtengehen und ein ehrbar bürgerlich Leben führen, das freilich noch durch manche Beicht', durch manches gute Werk ausgebessert werden mußte. Wer dies fleißig hielt, der war ein frommer Christ und guter Katholik." H. drang unter dem Einfluß des neuen Hauslehrers, der ein Schüler Johann Michael Sailers (s. d.) war, durch eifriges Bibelstudium und mit Hilfe der Schrift "Christus für uns und in uns" von Martin Boos (s. d.) zur evangelischen Gesinnung durch. "Mein Gebet und Seufzen wurde erhört. Viel, viel hatte Gottes Gnade um diese Zeit im stillen an meinem Herzen getan. Hier zum erstenmal wurde mir Gottes Wort lebendig, wurde mir ein zweischneidiges Schwert, das Mark und Bein durchdrang. Ein neuer Eifer, ganz anders zu werden, belebte mein Inneres. Von dieser Zeit an wurde mir die Heilige Schrift meine tägliche Lektüre; ich lernte viel auswendig und las und verglich immer gelehrter und frommer Männer Auslegung und Erklärung." In seinem Tagebuch heißt es: "Von Sonntag zu Sonntag wurde ich mehr zum Leben geführt. Mit vielem Eifer und Segen predigte ich nun Gottes Wort, und von allen Seiten kamen katholische und evangelische Zuhörer. Ein ganz neues Leben erwachte in Mühlhausen und in der Umgegend. Von jetzt an wurden meine Predigten ganz anders. Statt Moral- wurden es Bußpredigten. Diese blieben nicht ungesegnet an meiner Gemeinde; denn viele Leute wachten auf und fragten mit Ernst, was sie tun sollten, um selig zu werden." Seine Gegner verklagten ihn bei der Kirchenbehörde. Das bischöfliche Vikariat lud H. im März 1822 zur Verantwortung nach Bruchsal. Die Untersuchung zog sich bedeutend in die Länge. Im Gewahrsam dort schrieb er sein erstes und bestes Buch "Christliches Glaubensbekenntis des Pfarrers Henhöfer von Mühlhausen". Er wurde seines Amtes entsetzt und am 10.8. 1822 exkommuniziert. Am 6.4. 1823 trat H. in der Schloßkapelle zu Steinegg mit dem Freiherrn Julius von Gemmingen, dessen ganzer Familie bis auf einen Sohn und mit 40 Familien auf der Gemeinde, insgesamt 167 Personen, zur evangelischen Kirche über. Die rationalistischgesinnte Kirchenbehörde hatte Bedenken, H. unter ihre Predigtamtskandidaten aufzunehmen. Großherzog Ludwig (1818-1830) aber ernannte ihn am 1.7. 1823 zum Pfarrer in Graben bei Karlsruhe. Auch hier rief er als geistesmächtiger, volkstümlicher Prediger eine große Bewegung hervor. Seine Gegner, besonders die benachbarten Pfarrer, deren Gemeindeglieder zahlreich die Gottesdienste in Graben besuchten, verklagten ihn bei der Kirchenbehörde. Da erschien an einem Sonntag der Großherzog in der Kirche in Gruben und wurde von H.s Predigt, die "ins Herz ging", so beeindruckt, daß er von da an seine schützende Hand über ihn hielt. Durch Kabineetsorder vom 15.3. 1827 wurde H. die besser dotierte benachbarte Pfarrei Spöck mit der Filiale Stafforth bei Karlsruhe übertragen. Hier wirkte er 35 Jahre in großem Segen. Dreimal hielt H. am Sonntag in der überfüllten Dorfkirche Gottesdienst. Die Rechtfertigung durch den Glauben war das Thema seiner Predigten, die oft zwei Stunden dauerten. Er kannte nur ein Ziel: "O daß es mir gegeben würde, Jesus recht zu verherrlichen!" Als die Arbeit für ihn allein zuviel wurde, nahm sich H. einen Vikar. So haben im Lauf der Jahre 25 Vikare, darunter Karl Friedrich Ledderhose (s. d.) und Emil Frommel (s. d.), von ihm viel Anregung und Wegweisung für ihr späteres Amt empfangen. Als Vorkämpfer der positiven Richtung in seiner Landeskirche führte H. einen erbitterten Kampf gegen den Unglauben seiner Zeit, der in Wort und Schrift von den allermeisten badischen Pfarrern verbreitet wurde. Eine besondere Freude war es ihm, daß zwei benachbarte Pfarrer, die zu seinen entschiedensten Gegnern zählten, Georg Adam Dietz und Christoph Käß, seine Brüder und Bundesgenossen wurden in dem Streit um die Einführung des neuen Landeskatechismus von 1830, der ihnen im Widerspruch mit der Lehre der evangelischen Kirche zu stehen schien. Den drei Kämpfern schlossen sich noch vier jüngere Pfarrer an. Als ein katholischer Pfarrer sich in den Streit mischte, gab H. eine seiner besten Schriften heraus: "Die biblische Lehre vom Heilswege und von der Kirche". Den Kampf um die Einführung des Landeskatechismus gab er schließlich auf, da dieser nicht als Bekenntnisschrift eingeführt werden sollte. Die Generalsynode von 1855 ersetzte ihn durch einen bekenntnistreueren. - H. ist bekannt als Begründer der badischen Gemeinschaftsbewegung und hat diese als Führer einer neuen Erweckung in Baden in kirchliche Bahnen geleitet, so daß die sich bildenden Gemeinschaften innerhalb der Landeskirche blieben. 1841 fand in Bretten das erste Missionsfest in Baden statt, und H. wurde 1844 zum Vorstand des Badischen Vereins für Äußere Mission gewählt. 1856 wurde ihm von der Universität Heidelberg die theologische Doktorwürde verliehen als "dem mutigen Bekenner und Prediger des lauteren Evangeliums und ehrwürdigen Begründer des zu unserer Zeit wiederaufblühenden christlichen Lebens in der Kirche unseres Vaterlandes".
Werke: Christl. Glaubensbekenntnis des Pfr. H. v. Mühlhausen, 1822; Der neue Landeskatechismus der ev. Kirche des Ghzgt. Baden, geprüft nach der HS u. den Symbol. Büchern, 1831; Die bibl. Lehre v. Heilswege u. v. der Kirche, 1832; Die wahre kath. Kirche u. ihr Oberhaupt. Ein Zeugnis f. Priester u. Volk, 1845; Baden u. seine Rev. Ursache u. Heilung, 1850; Das Abendmahl des Herrn oder Die Messe, Christentum u. Papsttum, Diamant oder Glas, 1852 (gg. die Schr. "Diamant oder Glas?" v. Alban Stolz); Konfirmanden-Unterricht f. die ev. Jugend. Licht u.