HEUBNER, Heinrich Leonhard, Theologe, * 2.6. 1780 als Pfarrerssohn in Lauterbach bei Marienberg (Erzgebirge), † 12.2. 1853 in Wittenberg. - H. erhielt seine Vorbildung seit 1793 in Schulpforta bei Naumburg (Saale) und bezog 1799 die Universität Wittenberg, wo Johannes Matthias Schröckh und Karl Ludwig Nitzsch (s. d.) am stärksten auf ihn wirkten. Er wurde 1805 Privatdozent und 1811 ao. Professor in Wittenberg und war seit 1808 zugleich dritter Diakonus an der Stadtkirche. Seit 1817 wirkte H. als Mitdirektor an dem infolge der Verlegung der Wittenberger Universität nach Halle neugegründeten Predigerseminar in Wittenberg und wurde 1832 dessen Ephorus und zugleich Superintendent und 1842 Konsistorialrat. Er war ein Mann wahrer Herzensfrömmigkeit und rücksichtsloser Selbstverleugnung, eine geheiligte Persönlichkeit. Das Vertrauen der Bürgerschaft hatte sich H. 1813/14 durch sein unerschrockenes Verhalten während der Belagerung der Stadt und der Typhusepidemie erworben. Auf die Kandidaten im Predigerseminar übte er starken Einfluß aus. H. pflegte die Verbindung mit der Brüdergemeine, die ihm ein befreundeter Prediger in der Oberlausitz vermittelt hatte, und stand auch mit dem Bischof Johann Michael Sailer (s. d.) in Regensburg in engem Briefverkehr. Mannigfache Anregung und Förderung verdankte er dem Studium der Schriften Martin Luthers (s. d.) und des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (s. d.). Mit Männern der Erweckungsbewegung, wie Hans Ernst Freiherr von Kottwitz (s. d.), Johannes Jänicke (s. d.) und August Tholuck (s. d.), war H. innerlich verbunden, er selbst "eine eherne Säule in der Zeit des herrschenden Unglaubens, festgewurzelt wie eine Zeder des Libanon, ein Lichtpunkt in den Finsternissen dieser verweltlichten Zeit". Während seiner Abwesenheit drangen 1845 auch in Wittenberg die "Protestantischen Freunde" ein, die im Volksmund "Lichtfreunde" genannt wurden, eine von dem Pfarrer Leberecht Uhlich (s. d.) begründete Bewegung, die ein "einfaches evangelisches Christentum" forderte. H. erließ von Teplitz aus ein "in heiligem Gotteseifer flammendes" Schreiben gegen die "Lichtfreunde" und trat nach seiner Rückkehr auf der Kanzel gegen sie auf, so daß die Bürgerschaft die "Lichtfreunde" bei einem nochmaligen Werbeversuch aus der Stadt vertrieb. Da Ludwig Nicolovius (s. d.), Direktor der geistlichen Abteilung im Kultusministerium, ihn sehr schätzte, hatte H. auf die kirchliche Personalpolitik Preußens Einfluß. Trotz seiner Weigerung, der Union beizutreten und die Agende anzunehmen, blieb H. als bekenntnistreuer Lutheraner unbehelligt.
Werke: Katechismuspredigten, 1855 (1865
2); Prakt. Erkl. des NT, hrsg. v. August Hahn, 4 Bde., 1855-59; Predigten über freie Texte, 1857; Christl. Topik oder Darst. der christl. Glaubenslehre f. den homilet. Gebrauch, 1863.
Gab heraus: Franz Volkmar Reinhard, Vers. über den Plan, welchen der Stifter der christl. Rel. zum Besten der Menschheit entwarf (1781), 18305; Gottfried Büchner, Bibl. Real- u. Verbalkonkordanz (1740), 18406.
Lit.: Heinrich Schmieder, Nekrolog, in: EKZ 1853, 289 ff. (auch einzeln ersch.); - Zum Gedächtnis Dr. L. H.s, hrsg. v. den Mitgliedern des Kgl. Predigerseminars, 1853; - Friedrich Nippold, Richard Rothe. Ein christl. Lb., 2 Bde., 1873-74; - Georg Rietschel, H. L. H., ein brennend u. scheinend Licht auf dem Leuchter Wittenberg. Gedächtnispredigt beim 100j. Geb. (mit biogr. Notizen), 1880; - Wachs, Erinnerungen an Vater H., 1880; - Hermann Theodor Wangemann, Die kirchl. Kabinettspolitik Friedrich Wilhelms III., 1884, 171 ff. 182 ff.; - A. Koch, D. H. L. H. in Wittenberg. Züge u. Zeugnisse aus u. zu seinem Leben u. Wirken, 1885; - Adolf Hausrath, Richard Rothe u. seine Freunde I, 1902, 157 ff.; - Otto Dibelius, Das Kgl. Predigerseminar zu Wittenberg, 1917, 60 ff.; - Kurt Hüberlein, Ein preuß. Lutheraner. H. L. H., in: Luth. Nachrr. Hrsg. v. der Luther. Arbeitsgemeinschaft in den Unionskirchen Dtld.s 5, 1956, Nr. 25, S. 8 ff.; - Barth, PrTh2 545; - ADB 50, 285 ff.; - NDB IX, 38; - RE VIII, 19 ff.; - RGG III, 505.
Friedrich Wilhelm Bautz
Letzte Änderung: 09.04.2011