HEYDEN, Sebald, Schulmann, Musiktheoretiker und Kirchenliederdichter, * 8.12. 1499 in Bruck bei Erlangen als Sohn eines Bierbrauers, † 9.7. 1561 in Nürnberg. - H. wuchs in Nürnberg auf, wohin seine Eltern kurz nach seiner Geburt übergesiedelt waren. 1505 bis 1510 besuchte er die Schule von St. Lorenz, dann die von St. Sebald. H. bezog 1513 die Universität Ingolstadt und erwarb dort die Magisterwürde. Anfang 1519 ging er in die Steiermark und war einige Wochen im Schuldienst in Knittelfeld und Bruck an der Mur und vom 2.2. bis 23.4. Kantor in Leoben. Über Regensburg kehrte H. nach Nürnberg zurück und wurde dort noch in demselben Jahr Kantor an der Spitalschule zum Heiligen Geist und 1521 Rektor dieser Anstalt. Mit Hans Sachs (s.d.), Albrecht Dürer (s.d.), Lazarus Spengler (s.d.), Wolfgang Volprecht (s.d.), Wenzeslaus Link (s. d.), Andreas Osiander (s.d.) und anderen bekannte er sich unerschrocken zur Lehre Martin Luthers (s.d.). Während des Reichtstags zu Nürnberg 1523 wagte es H., in der Kirche zum Heiligen Geist statt der Antiphone auf die Jungfrau Maria "Salve regina, mater misericordiae" des Bischofs Ademar von Puy (+ 1098) seine auf Christus bezogene Umdichtung "Salve Jesu Christe, rex misericordiae" singen zu lassen. Das brachte ihm heftige literarisch-theologische Fehden ein, führte aber dazu, daß im folgenden Jahr die Marienantiphone in Nürnberg abgeschafft wurde. Als Hans Denck (s.d.), seit Herbst 1523 Rektor an der Sebaldusschule in Nürnberg, durch Ratsbeschluß vom 21.1. 1525 entlassen und ausgewiesen wurde, übertrug man das Amt des Rektors H., der es bis zu seinem Tod treu verwaltete. Als tüchtiger Pädagoge brachte H. die Sebaldusschule zu hoher Blüte; 1554 wurde sie von 400 Schülern besucht Aus Liebe zum Humanismus führte er um 1542 das Griechische als Wahlunterricht ein und zeigte auch für die Leibesübungen lebhaftes Interesse. Im Lauf seiner Amtszeit gab H. eine große Anzahl musikalischer, pädagogischer, theologischer und anderer wissenschaftlicher Werke heraus. Als Musiktheoretiker war er schon zu seinen Lebzeiten bekannt und geschätzt. Neben den vielen Liedschöpfungen der Reformationszeit steht als weithin unbekannter Dichter H. Er hat im ganzen acht Lieder gedichtet. Das für die Abendmahlsfeier bestimmte Lied "Als Jesus Christus, unser Herr" findet sich zuerst in einem Einzeldruck aus dem Jahr 1544, erschien dann im folgenden Jahr in dem Agendbüchlein des ihm befreundeten Veit Diedrich (s.d.) und im Nürnberger Gesangbuch "Geistliche geseng von Psalmen". Zum letztenmal begegnet es uns in einem Nürnberger Gesangbuch von 1778. 1545 erschien unter dem Titel "Wie ein Christ in sterbßleufften sich trösten soll" Veit Diedrichs Predigt über den 91. Psalm vom 4.4. 1544 und als Anhang H.s Trutzlied "Wer in dem Schutz des Höchsten ist" nach diesem Psalm. Schon im nächsten Jahr findet es sich in der Sammlung "Geistliche geseng vnd Psalmen" und zum letztenmal in dem Gesangbuch "Geistliche liebliche Lieder" des Johann Porst (s.d.), Ausgabe von 1797. Noch heute bekannt und verbreitet ist H.s wichtiges dichterisches Werk, das klassische Passionslied "O Mensch, bewein dein Sünde groß", eine Nacherzählung der Leidensgeschichte Jesu in 23 Strophen (1. und letzte Strophe in EKG 54). Obwohl der erste Druck des Liedes die Jahreszahl 1525 trägt, wird es doch erst gegen 1540 entstanden sein; es kam öfter vor, daß Buchdrucker die alte Bucheinfassung eines früheren Druckes verwandten. Die dem französischen Volksgesang entstammende Weise des Matthäus Greiter (s.d.) zu Ps 119, 1-6 "Es sind doch selig alle, die im rechten Glauben wandeln hie", die zuerst im Straßburger "Deutsch Kirchenamt" 1525 erschien, wurde mit H.s Lied "O Mensch, bewein dein Sünde groß" verbunden. Johann Sebastian Bach (s.d.) schließt den ersten Teil seiner "Matthäuspassion" mit einer grandiosen Auslegung der ersten Strophe dieses Liedes ab.
Friedrich Wilhelm Bautz
Werke: Adversus hypocritas calumniatores, super falso sibi inustam haereseos nota, de inuersa cantilena, quae Salue regina incipit ... defensio, 1524; Das der eynig Christus unnser mitler und fursprech sey bey dem vatter, nicht sein mutter, noch die heyligen,... Schirmrede durch S. H. in latin geschriben u. yetzt newlich verdeutscht, 1526; Nomenclatura rerum domesticarum, 1530, spät. Aufl. 1593; Wie man sich in allerlay Nötten des Türcken, Pestilentz. Theürung &c. trösten, den Glauben stercken, und christliche Gedult erlangen soll, auss siben Sprüchen heyliger Schrifft kürzlich ansgezeygt..., 1531; Musicae stoixeiwsiV", 1532; Musicae, id est, artis canendi libri duo, 1537; 2. Ausg. u. d. T. "De arte canendi, ac vero signorum in cantibus usu, libri duo... recogniti, mutati & aucti", 1540; Catechistica summula fidei Christianae, 1538, 15422; auch als "Kurtzer Unterricht v. christl. Lehr, verdeutscht durch Stephan Agricola", 1551; Pverilivm colloquivorum formulae, latine, bohemica, et teutonica lingua consrciptae. primis tyronibus accomodatissimae, Ioannes Vopotouinus. Huc romanae puer germanae huc atq; bohemae 1541; Die einsetzung vnnd brauch des heyligen Abentmals Jesu Christi vnsers Herren, inn gesangs weyß gestell, 1544, um 1549, 1553; Der Christliche Glaub, in Gesangsweyß gestelt durch S. H. Im Thon des Vatter vnser D. Lutheri, 1545; Der 1xxx. Psalm zu singen vnd zu betten f. die Christliche Kirchen, wider alle Widerchristen vnd verfolger des göttlichen worts, inn gesangs weyß gestelt, um 1546 (enth. v. H. "Gott du hirt Israels merck auff", "Herr Gott dein namen rueff wir an", xlvi Ps. "Gott vnser sterck vnd zuuersicht"); Der xli. Psalm darin der heilige Geist sein Kirchen sonderlich troestet vnd sterckt wider den Türcken vnd alle andere Feind. Im thon. Nun freud euch alle lieben Christen gemein, nach 1548; Paedonomia scholastica, pietatis studii literarii, ac morum honestatis praecepta continens, ebd. 1555 (um 1547 (?) verdeutscht); Der passion oder das leyden Jhesu Christi in gesangs weyß gestellet, In der Melodey des cxix. Ps., vor 1544, spätere Drucke u. Aufl. o. J., 1548, 1560, 1563; Liber Canticorum, quae vulgo Responsoria uocantur secundum anni ordinem, Dominiciis & Festis diebus hactenus seruatum (m. Distichen Ad lectorem, gez. S. H.), o. J., spätere Aufl. 1558; Resp. quae annuatim in Veteri Ecclesia de tempore, Festis & Sanctis cantari solent, 1550, 1554, 1555, 1556, 1562, 1572, 1580, 1584 u. 1618; Ein Lobgesang von der Aufferstehung Christi, Vnd wazu vns dieselbe nütze sey, um 1554; Der xci. Psalm gesangsweyß, wie ein Christ in Sterbens leufften sich trösten soll, o. J.; Praeludium latinae grammaticae pro illis puerulis ordinatum, Bamberg 1597; Ausg.: Philipp Wackernagel, Bibliogr. z. Gesch. des dt. Kirchenliedes im 16. Jh., Frankfurt 1855, 212, 229, 260 f., 361; Wackernagel III, 553-560.
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