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Band XVIII (2001)Spalten 635-655 Autor: Klaus-Gunther Wesseling

HEYNE, Christian Gottlob, protestantischer Altertumswissenschaftler und Polyhistor, Hofrat, * 25.7. 1729 in Chemnitz, † 14.7. 1812 in Göttingen. - H. ist das Kind des armen Leinewebers Georg Heyne und dessen Gattin Elisabeth geb. Schreyer; er wächst in kärglichen Verhältnissen auf und muß früh zur Sicherung der allerdings auch oft ausfallenden Tageseinkünfte der Familie beitragen. Nur dank seines Lernwillens und der Unterstützung des ledigen Pfarrers Seydel gelingt H. der Übergang von der Vorstadtschule auf das Gymnasium. 1748 immatrikuliert sich in Leipzig und erwählt die Jurisprudenz als Brotstudium. Schon früh jedoch gilt H.s Interesse der Philologie, die von Johann August Ernesti (s.d.) vertreten wurde; Vorlesungen kann H. aber nicht hören, da er das Kollegiengeld nicht entrichten kann. Nach dem Studienabschluß schlägt sich H. wie schon zu Studienzeiten als Hauslehrer durch, da aus finanziellen Gründen an eine akademische Laufbahn nicht zu denken ist. Mit viel Geduld erreicht H. die Einstellung als Kopist und Hilfsibliothekar mit einem Jahressold von 100 Talern beim bigotten sächsischen Grafen Heinrich von Brühl (13.8. 1700-28.10. 1763) in Dresden, der u.a. als Premier- und Kabinettsminister am Hofe des Kurfürsten Friedrich Augusts II. (August III. von Polen, 17.10. 1696-5.10. 1763) wirkte und auf H. über einen lateinischen Gelegenheitsnekrolog aufmerksam geworden war. Im Nobember 1753 tritt H., der mittlerweile nach Dresden übergesiedelt und Unterkunft beim Theologiekandidaten Sonntag gefunden hatte, in den Brühlschen Dienst ein; in diesem Winter tritt H. in Kontakt mit Johann Joachim Winckelmann (s.d.), der zu der Zeit als Hilfsbibliothekar bei Brühls Rivalen, dem Reichsgrafen Heinrich von Bünau (1697-1762), in Stellung war. H.s spätere Würdigung Winckelmanns, Antwort auf die Preisaufgabe der Kasseler Akademie der Wissenschaft zum zehnjährigen Todestag des Archäologen und Kunsthistorikers, erhielt dann auch gegen den Beitrag des Mitbewerbers Johann Gottfried Herder (s.d.) die Auszeichnung. - Zur Aufstockung seiner geringen Barmittel veranstaltet H. Übersetzungen aus dem Englischen und Griechischen sowie die Edition der Werke von Tibull und Epiktet, die seinen Ruhm als Philologen begründen sollten; ihnen sollten später seine wegweisende kommentierte Edition des Vergil (s.d.) sowie die Pindar-Ausgabe von 1773 (s.u.) folgen. Der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756) vereitelt sowohl die beabsichtigte Besoldungsverdoppelung als auch die Übernahme einer Hauslehrerstelle beim Grafen Brühl, der geflohen war; dafür gelingt es H. im Herbst 1757, Erzieher des Grafen von Boitzen zu werden. 1757 folgt H. von Boitzen an die Wittenberger Universität. In den Kriegswirren um das Bombardement Dresdens werden H.s geringe Habseligkeiten und Papiere vernichtet, und H. kommt auf dem oberlausitzer Gut Mangelsdorf beim Herren von Pöhl unter. - Mit dem Tod von Johann Matthias Gesner (9.4. 1691-3.8. 1761) werden in Göttingen der Lehrstuhl für Beredsamkeit und die Oberbibliothekarsstelle vakant. Vergeblich versucht der Universitätskanzler Gerlach Adolph von Münchhausen († 26. 11. 1770), den in Leiden lehrenden, aus Stolp in Pommern stammenden David Ruhnken (2.1. 1723-14.5. 1798) zu gewinnen; Ruhnken und Frans Tiberius Hemsterhuis empfehlen jedoch H., den Ernesti schließlich ausfindig macht, und mit Schreiben vom 26.2. 1763 wird H. als Ordinarius für Poesie und Beredsamkeit nach Göttingen berufen, wo H. am 29. 6. eintrifft. Die Bibliotheksleitung bleibt allerdings vorerst in den Händen von Johann David Michaelis (s.d.), der Gesners Amt kommissarisch verwaltete und die Neuordnung des Bibliothekswesens einleitete. H. liest über griechische und lateinische Literaturgeschichte sowie griechische und römische "Alterthümer"; H.s Antikebegriff umfaßt, modern gesprochen, alles, was zur Ausprägung der Gesellschafts- und Religionskultur eines Volkes einschließlich seines Privatlebens führte. - 1670 löst H. Johann David Michaelis im Sekretariat der Societät der Wissenschaften ab; verbunden ist mit dieser Aufgabe die Schriftleitung der Göttingischen Gelehrten Anzeigen, für deren Rezensionsteil H. dank seines wissenschaftsorganisatorischen Gespürs kompetente Fachreferenten gewinnen konnte. Die Bibliotheksleitung wird H., unterstützt von seinem in dessen textphilologischen Neuerungsansätzen geförderten Unterbibliothekar und späterem Amtsnachfolger (1824-1827) Georg Friedrich Bene[c]ke (17.2. 1798-1.3. 1854), bis zu seinem Tod innehaben. Den Titelbestand von 60.000 bei Amtsübernahme stockt H. bis 1788 auf 200.000 auf, und unter H.s Ägide wird von 1777 bis 1787 der alphabetische Katalog verfertigt. Gegenüber Münchhausen äußerte H. wiederholt, daß ihm Geschäftsführung mehr als der akademische Lehrberuf lägen, so daß H.s bibliothekarisches Engagement einleuchtend wirkt. H. arbeitete selber Auktionskataloge zur Aufstockung des Göttinger Bestandes durch und erledigte persönlich das Rechnungswesen. Berufungen an die Kunstsammlung in Kassel, als Abt nach Klosterbergen oder als Bibliothekar nach Dresden zu wechseln schlug H. ebenso aus wie das mit 4.000 Talern plus 500 Talern Witwenrente dotierte lukrative Angebot, sich als Vizekanzler an die Universität Kopenhagen berufen zu lassen. Immerhin bewirkten die auswärtigen Anfragen, daß H.s Göttinger Bezüge nach und nach auf 1.300 Taler erhöht wurden. 1774 übernimmt H. schließlich noch die Inspektion der Göttinger Freitische. Auch über Münchhausens Tod hinaus und selbst unbeeinträchtigt vom Übergang der Universitätsaufsicht auf Hannover als Hauptstadt des Königreichs Westfalen bzw. Kassel, bleibt H. eine Schlüsselfigur bei allen Berufungsverhandlungen. Das Vertrauensverhältnis, das Münchhausen und seine Referenten Georg Brandes und Ernst Brandes im Umgang mit H. pflegten, bestand ähnlich zum Schweizer Historiker Johannes von Müller (3.1. 1752-29.5. 1809), der in der napoleonischen Zeit für die westfälische Kultuspolitik verantwortlich zeichnete. - Mit der Göttinger Berufung ist H. von materiellen Nöten befreit. 1772 wird der auf Empfehlung von Johann August Ernesti nach Göttingen gewechselte Lutheraner Johann Benjamin Koppe (s.d.) H.s Amanuensis und Repetent. In die Wissenschaftsakademie rückt H. als Sekretär in der Nachfolger von Johann David Michaelis auf; infolge der nicht mehr erfolgten Rückkehr des Schweizer Anatoms und Botanikers Albrecht [seit 1749: von] Haller (16.10. 1708-12.12. 1777) steht ihr praktisch vor. - H. war ein ungemein produktiver Publizist; H. veröffentlichte nicht nur eigene Abhandlungen, sondern übersetzte auch zahlreiche englische und französische Titel sowie an die sieben- bis achttausend (!) Rezensionen vornehmlich in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen. H.s Rezensententätigkeit steht im Zusammenhang mit seiner kaum zu unterschätzenden Leistung als Bibliothekar; während seiner Dienstzeit wuchs der Titelbestand auf an, was einen durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von ca. 2.200 Titeln bedeutet, der seinerzeit sondergleich ist. Dieser Leistung geht H.s Wissenschaftsverständnis einher, das sich ausgesprochen kritisch gegenüber der zeitgenössischen äußerte. H. gilt zudem als erfolgreicher Wissenschaftsorganisator, der das Gelehrtentum strikt von persönlichen Ansichten und politischen Konstellationen trennte. 1770 reorganisierte H. auf Weisung Münchhausens das Ilfelder Pädagogium; H. arbeitete die Bildungsstatuten aus und visitierte jährlich für eine Woche die Lehranstalt, an deren Prüfungen er auch teilnahm. So empfohlen leitete H. 1798 auf Aufforderung des städischen Magistrats die Umgestaltung des Göttinger Gymnasiums erfolgreich ein, die ihm als Anerkennung u.a. Steuerbefreiung eintrug, sowie 1802/1803 die Schulreform Hannovers. Den 1767 von Münchhausen geforderten Revers, nicht von der Göttinger Universität zu gehen, wies H. brüsk als unwürdiges Ansinnen zurück, und der regierungsamtliche Aufforderung, seinen offen mit der Französischen Revolution sympathisierenden Schwiegersohn Johann Georg Adam Forster (26.11. 1754-12.1. 1794) sowie den Straßburger Bürgermeister Friedrich von Dietrich aus der Mitgliedschaft in der Societät der Wissenschaften zu entlassen, verweigerte H. den Vollzug unter Hinweis auf deren akademische Verdienste. - H. als Begründer der Mythosforschung in der klassischen Altertumswissenschaft gilt "in gewisser Hinsicht überhaupt [als] Begründer der Religionsgeschichte" (Graf [1985], 284), da er mit seinem "Mythus"-Begriff eine kulturhistorische Theorie zur "Kindheit des Menschengeschlechts" entwickeln konnte. Im Kontext der zeitgenössischen Ossian-Begeisterung und der von Johann Gottfried Herder (s.d.), mit dem H. befreundet war, vorangetriebenen Suche nach dem Natürlichen in ursprünglicher Volksdichtung, führt H. mit seiner Apollodor-Edition von 1783 den "mythus" als non-fiktionalen, seriösen Fachterminus im Kontrast zum "fabula"-Begriff ein (vgl. auch "Historiae scribendae inter Graecos primordia", 1799). War seit der antiken Rhetorik der Mythos nach einem dreigliedrigen Klassifikationsschema des Überlieferten als unwahre erfundene Erzählung ohne Glaubwürdigkeitsanspruch gedeutet bzw. allegorisch interpretiert und so zum Motivarsenal beliebiger Deut- und Vereinnahmbarkeit geworden, so postuliert H., daß der Mythos durchaus historische und universelle Qualität habe, da er das erste Zeugnis menschlicher Welt- und Daseinsdeutung in Zeiten sprachlichen Ausdrucksunvermögens und so eine frühere Stufe als die Dichtkunst darstelle. Zwar unterscheidet H. auch zwischen dem genus philosophicum, historicum und später noch dem genus poeticum beim Mythos, doch insistiert H. auf der zeitlichen Ferne des Mythos, die seine vorschnelle Abqualifizierung wie auch eine distanzlose Stoffaneignung verhinderten: der Mythos ist kein zufälliges Konstrukt, sondern eine mangels Alternativen bewußte Sprachform von Kollektiven, deren eigentlicher Dedeutungsinhalt erst entschlüsselt werden müsse. Das Idealbild des antiken Griechenland bleibt hiervon unberührt, da H. die Mythenbildung in vorhellenische Zeit ansetzt. H.s Paradigmenwechsel stützt sich auf ethnographische Beobachtungen zumal bei amerikanischen "Primitivvölkern" mit präkolumbianischen Kulturüberlieferungen. Als gräflicher Bibliothekar hatte H. Zugang zur neuesten Reiseliteratur, die er späterhin auch ausführlich in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen rezensiert. Hs. Forderung nach vergleichendem Studium primitiver Lebensformen ist die Kernthese eines Vortrages von 1779 ("Vita antiquissima hominum Graeciae ex ferorum et barbarorum populorum comparatione illustrata", s.u.); sie wirkt nach Jahrhundertfrist in den komparatistischen Forschungen der "Cambridge Ritualists" (James George Frazer, Jane Ellen Harrison [s.d.] u.a.) fort; allerdings hat H. noch keine Verbindungslinien zwischen Mythos und Kultritus gezogen. Einen mythenhermeneutischen Gesamtentwurf legt H. mit seiner letzten Akademieschrift ("Sermonis mythici sive symbolici interpretatio ad causas et rationes ductasque inde regulas revocata", s.u.) vor; an ihr wird später Karl Otfried Müller (s.d.) anknüpfen. - Mit H. endet die Epoche der admirativen abendländischen Homersicht und weicht der anfangs ablehnend aufgenommenen Einsicht in das sich über Jahrhunderte hinziehende Wachstum des "Homer". H.s Erkenntnisse (überliefert in der Vorlesungsmitschrift seines Schülers Wilhelm von Humboldt [s.d.] vom Sommersemester 1789), die sein Schüler (ab 1777) Christian Wilhelm Friedrich August Wolf (s.d.) 1795 als Hallenser Ordinarius in seiner bahnbrechenden Vorrede zur Ilias-Ausgabe einerseits propagierte, andererseits im Hinblick auf die Leistung Homers uminterpretierte, kulminieren in der 1802 publizierten Ansicht, daß die Figur Homers im 6. vorchristlichen Jahrhundert den mündlich tradierten Ilias- und Odysseestoff kompilierte und unter dem Aspekt des μηνις-Motivs und der Götterwelt als Gliederungsmoment episch verdichtete. Damit kritisierte H. Wolfs These der mündlichen Überlieferung mangels verfügbarer Schriftlichkeit des homerischen Werkes in seinen Einzelteilen, das immerhin rund 28.000 Hexameter-Langverse umfaßt, mit dem Argument, daß kein Sänger einen solch umfangreichen Stoff ohne schriftliche Fixierung erinnern könne. Bei seinen Forschungen konnte H. auf die Homerstudien von Richard Bentley (s.d.) zurückgreifen, die ihm nach Bentleys Tod vom Trinity College überlassen worden waren. Als vermutlich erster hat H. 1773 nach der editio princeps (Pindari lyricorum principis plus quam sexcentis in locis emaculati ut iam legi et intellegi possit, Wittenberg 1616) von Erasmus Schmi[e]d (14.4. 1570-4.9. 1637) die Textüberlieferung der Lyrik Pindars (um 520-440 v. Chr.) philologisch bereinigt und ihre komplizierte Metrik in ersten Ansätzen analysiert (H. war sich der Unzulänglichkeit eigener metrischer Kenntnisse durchaus bewußt); ein erster Durchbruch hier gelang aber erst Johann Gottfried Jacob Hermann (s.d.), der von H. zur metrischen Untersuchung aufgefordert worden war (maßgebend wurden später die Erörterungen von August Boeckh [s.d.]). Von der Fachwelt ist H.s Pindar allerdings zurückgewiesen worden; der Tonfall der Kritiken von Johann Hinrich Voss (20.2. 1751-29.3. 1826), Friedrich August Wolf und Immanuel Bekker (21.5. 1785-7.6. 1871) verletzte H. tief. - In seiner Prorektoratsrede vom 2.1. 1787 zeichnet H. ein differenzierteres Bild vom Athener Phokion (402/401-19. Munychion [7.5.] 318 v. Chr.), dessen Ergehen August Ludwig von Schlözer (5.6. 1735-9.9. 1809) zuvor in Parallele zur 1784 erfolgten Entmachtung des Braunschweig-Wolfenbütteler Herzogs Ludwig Ernst (1708-1788) durch Wilhelm V. (8.3. 1748-9.4. 1806) von Oranien und Nassau, Generalstatthalter der Niederlande (1781-1795), als Opfer der Machtverschiebungen gesetzt hatte (dieser Vergleich steht in der Tradition des 18. Jahrhunderts, für das Phokion exemplarischer Topos moralisierender Historik ist); Schindel (H. und die Historiographie, s.u.) spricht daher H. in der Kontroverse mit Schlözer als aufklärerischen Geschichtskritiker an, der über die (freie und bearbeitende) Übersetzung der "Allgemeinen Weltgeschichte" (1765-1767, s.u.) von William Guthrie und John Gray sowie die Unterstützung von Johann Christoph Gatterers (14.7. 1727-5.4. 1799) Aufbau des Institutum Historicum zu einer eigenen historiographischen Perspektive gelangt, die nicht selten tagesaktuelle Ereignisse zum Anlaß historischer Reflexionen nimmt und so neue Interpretationsperspektiven geschichtlicher Begebenheiten gewinnt, die zu erhellen H. u.a. durch eine differenzierte Quellenkritik und die Einbeziehung historischer Hilfswissenschaften gelingt (vgl. "De belli Romanorum socialis causis et eventu, respectu ad bellum cum coloniis Americanis gestum habito" zum Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten am 4.7. 1783; "Foederatarum rerum publicarum coalitio vix unquam satis fata exempliis ex antiquitate illustratur" [1783] zur Anerkennung der 13 unabhängigen US-Bundesstaaten; "De foederum ad Romanorum opes imminuendas initorum eventis eorumque causis" [1785] bei Gelegenheit des Fürstenbundes mit Österreich; "Reges a suis fugati externa ope in regnum reducti" anläßlich der vergeblichen Flucht Ludwigs XVI. [s.d.]). H. löst sich von der faktensammelnden Polyhistorie durch das Bestreben, Einzelbeobachtungen zu kontextualisieren und einen säkularen Beobachtungsstandpunkt einzunehmen. - Zu H.s Schülern gehören neben Friedrich August Wolf und Georg Friedrich Creuzer (s.d.) der Homerübersetzer Johann Heinrich Voß (20.2. 1751-29.3. 1826), der später H. als seinen Gegner betrachten und mit Wolf und Immanuel Bekker (21.5. 1785-7.6. 1871) H.s Homerkritik teilweise sogar polemisch-verletzend kritisieren wird, die Gebrüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel (s.d.) sowie der dänische Ägyptologe, Koptologe und Archäologe Georg [auch: Giorgio; eigentlich: Jørgen] Zoëga (20.12. 1755-11.2. 1809, s.d.), der 1773 in Göttingen studierte und hierher 1779 für neun Monate zurückkehrte B Zoëga, der seit dem 30.1. 1783 in Rom lebte, wird eine Generation später Friedrich Gottlieb Welcker (s.d.) stark beeinflussen; Johann Wolfgang von Goethe (28.8. 1749-22.3. 1832) war es väterlicherseits allerdings verwehrt worden, bei H. in Göttingen zu studieren. Goethe wird zur Entstehungsgeschichte seiner "Orphischen Begriffe" Gottfried Hermann (s.d.), Georg Friedrich Creuzer (s.d.), H., Zoëga und Welcker als seine Wegweiser zur griechischen Mythologie bezeichnen. Wichtige Impulse empfängt Karl Lachmann (s.d.) während seiner Göttinger Studienzeit (ab 1809) von H. - H. heiratete im Juni 1761 Therese Weiß († 1775), mit der er sich 1759 verlobt hatte, und 1777 Georgine Brandes, der Tochter des Ministerialbeamten Georg Brandes. H.s Tochter ehelichte den Historiker Arnold Hermann Ludwig Heeren (25.10. 1760-7.3. 1842), der H.s bislang einzige Biographie verfaßte. Weitere Schwiegersöhne H.s sind der Forschungsweltreisende, Kulturanthropologe und Begründer der wissenschaftlichen Reiseliteratur Johann Georg Adam Forster (Ehemann von H.s Tochter Therese) und Huber. H. selber wird von Zeitgenossen als Misanthrop geschildert, der das Gesellschaftsleben weitgehend mied und dafür den Briefverkehr bevorzugte. - H. war Mitherausgeber der "Sämmtlichen Werke" Johann Gottfried Herders (s.d.).

Werke Auswahl: Disputatio de jure praedicatorio. Präs. Jo. August Bach, Leipzig 11. IV. 1752; Oratio solleninis in ipsis academiae Georgiae Augustae anniversariis inaugurationis sacris et de pace augustissima ad potentissima Britanniarum regis Georgii III. moderatione sapientia ac virtute orbi terrarum reddita gratulationibus publico academiae nomine, Göttingen 1763; Allgemeine Weltgesch. v. der Schöpfung an bis auf gegenwärtige Zeit (...) ausgefertigt v. Wilhelm Guthrie, Johann Gray u. andern in diesen Theilen der Wiss. berühmten Gelehrten. 17 Bde. (in 50 Teilbde.), Leipzig 1765-1808; Ueber die Kasten des Cypselus, eine alte Kunstwiss. nach Pausanias, Leipzig 1770; Pietas societatis Reg. scientiarum Gotting. in Münchhusii viri immortalis conditoris conservatorisque sui funere, Göttingen 1770; Additamenta ad lectiones varietatum in Pindari carmina edita, Göttingen 1773, 1791; Oratio in anniversariis inaugurationis sacris academiae Georgiae Augustae, Göttingen 1776; Lobschr. auf Winckelmann, Kassel/Leipzig 1778, Wiederabdr. in: Arthur Schulz (Hrsg.), Die Kasseler Lobschrr. auf Winckelmann. Einf. u. Erll. (Jahresgabe 1963 der Winckelmann-Ges. Stendal) (Berlin 1963), 17-27; Vita antiquissima hominum Graeciae ex ferorum et barbarorum populorum comparatione illustrata, 1779; Nachricht von der Einrichtung der Pädagogie zu Ilfeld, Göttingen 1780; Nova armorum inventa in vetere Graecia quid ad rerum summam profecerunt?, Göttingen 1782; Rerum Chersonesi Tauricae memoriae breviter expositae, Göttingen 1787; Opuscula academica I, Gottingiae 1785 (darin: Professionis rhetoricae atque poeticae adeundae causa, 39-75); Res a Phocione in Republica Atheniensium gestae in disceptationem vocatae. Ad commemorandum novum Prorectorem Io. Nic. Möckert d. 2. Ian. 1787, in: Opuscula Academica, vol. III, Gotingiae 1788, 344-364; E quibus terris municipia in Graecorum et Romanorum fora advecta fuerint, Göttingen 1789; Oratio in solemni sacro I-III inaugurationis Georgiae Augustae a.d. 17. Sept. 1790, Göttingen 1790; Serioris artis opera quae sub imperatoribus Byzantinis facta memorantur, Göttingen 1791; Jean-Baptiste Lechevalier, Beschreibung der Ebene v. Troja mit einer auf der Stelle aufgenommenen Charte. Der Kön. Societät z. Edenburg [...] vorgelegt v. [...] Herrn Lechevalier [...] Mit Anm. u. Erl. v. Herrn Andreas Dalzel, [...] Aus dem Engl. übers. u. mit Vorrede, Anm. u. Zuss. des Herrn Hofrath H. begleitet. Mit vier Charten, Leipzig 1792; Leges agrariae perniciosae et execrabiles, Göttingen 1793; Libertatis et aequalitatis civilis in Atheniensi republica delineatio, Göttingen 1793 (dt.: Ueber die bürgerliche Freyheit u. Gleichheit in der Republik der Athenienser, Lingen 1794); Das vermeinte grabmal Homers nach einer Skizze des Herrn Lechevalier gezeichnet v. Joh. Dominik Fiorillo. Erl. v. C. G. H. Mit fünf Kupfertf., Leipzig 1794; De antiqua Homeri lectione indaganda, dijudicanda et restituenda, Göttingen 1795; Rez. Friedrich August Wolf, Prolegomena ad Homerum: Göttingische Anz. v. gelehrten Sachen 186, 21. 11. 1795; Elogium Joh. Christoph. Gattereri, Collegae et Sodalis desideratissimi, Gottingiae 1799; Historiae scribendae inter Graecos primordis, Göttingen 1799; Memoria Jh. Fr. Gmelin, Göttingen 1805; De obitu Caroli Wilhelm Paetz i. u. professoris a. d. 27. III. 1807 ad Heerenium suum scripsit, o.O. 1807; Sermonis mythici sive symbolici interpretatio ad causas et rationes ductasque inde regulas revocata, Gotingia 1807; Memoria Ernesti Brandis, Göttingen 1810; Memoria Cph. Meiners, Göttingen 1810; Memoria Joannis de Müller, Göttingen 1810; Memoria Jh. Beckmanni, Göttingen 1811; Opuscula academica collecta et animadversionibus locupletata vol. VI. Gottingiae 1812; P. Vergilius Maro, Opera in tironum gratiam perpetua annotat. ill. a Ch.G. H. Ed. E. -.F. Wunderlich. 2 vol., Hannoverae et Lipsiae 1816. Vergilis Opera. In tironum gratiam perpetua annotatione illustra a Chr. G. H. Edidit et suas animadversiones adiecit E. C. Fr. Wunderlich. 2 Bde., Leipzig 1828. P. Vergilius Maro, Varietate lectionis et perpetua adnotatione. Illustr. a C. G. H. Ed. IV cur. G. E. P. Wagner. IV Vol., Lipsiae 1830-1832. - Wilhelm v. Humboldts Werke, hrsg. v. Albert Leitzmann, VII/2: Paralipomena, Berlin 1908, 550-553 [Vorlesungsnachschr. v. Sommersemster 1789]. Ders., Briefe an Friedrich August Wolf. Textkrit. hrsg. u. komm. v. Philip Mattson (Im Anh.: Humboldts Mitschr. der Ilias-Vorlesung C. G. H.s aus dem Sommersemester 1789), Berlin/New York 1990, 332-352.

Bibliographie: C. G. H. biographisch dargest. V. [August Hermann Ludwig] Heeren, Göttingen 1813, 489-522.

Korr.: A. C. Lucht, H. an K. F. Heinrich. Bisher ungedruckte Briefe aus dem Nachl. des letzteren, Rendsburg 1867; Briefe Fr[iedrich] H[einrich] v. der Hagen's an C. G. H. (1805-1812) u. an G[eorg] Fr[iedrich] Benecke (1810-1820). Festgruß an Karl Weinhold z. 70. Geb. Hrsg. v. Karl Dziatzko, Leipzig 1893; Albert Leitzmann, Aus H.s Briefen an seine Tochter Therese u. seine Schwiegersöhne Forster u. Huber: Arch. f. das Studium der Neueren Sprachen u. Literaturen 121 (1908), 1-23; Johannes Joachim, Aus Briefen C. G. H.s an Friedrich August Carus, in: Georg Leyh (Hrsg.), Aufss. Fritz Milkau gewidmet (Leipzig 1921), 187-208; Hans Ruppert, Aus H.s Briefen, in: Aus dem 18. Jh. Th. Apel u. H. Seeliger z. 8.6.1922 zugeeignet (Leipzig 1922); Ders., Goethe u. die Altertumswissenschaftler seiner Zeit. Mit den v. Goethe u. H. gewechselten Briefen: FF 33 (1959), 230-236; Friedrich August Wolf, Ein Leben in Briefen. Die Smlg. besorgt u. erl. durch Siegfried Reiter. I. Bd.: Frühzeit, Hallische Meisterj. (1779-1807). II. Bd.: Berliner Leidens- u. Alterstage (1807-1824). Entw. einer Selbstbiogr. III. Bd.: Erll., Stuttgart 1933. Ders., Friedrich August Wolf. Ein Leben in Briefen. Ergänzungsbd. 1: Die Texte, Halle 1956 (= Nachdr. Opladen 1990). Friedrich August Wolf. Ein Leben in Briefen. Ergänzungsbd. 2: Die Erll., hrsg. v. Rudolf Sellheim u. Rudolf Kassel, Opladen 1990.

Lit.: August Ludwig Schlözer, Ludwig Ernst, Hzg. z. Brausnchweig u. Lüneburg, Ein Actenmässiger Ber. v. dem Verfahren gg. Dessen Person, so lange Höchstderselbe die erhabenen Posten als Feldmarschall, Vormund u. Repraesentant des Herren Erbstatthalters, Fürst Wilhelms V. v. Oranien in der Republik der Vereinigten Niederlande, bekleidet hat, Göttingen 1786; - J. A. Martyni-Laguna epistola ad virum inclutum C. G. H. professorem Gottinganum sub tempus feriarum semisecularium Almae Georgiae scripta. Exponitur de libris Lucani editis, qui seculo quintodecimo typographorum formulis descripti sunt, o.O. 1787; - Johann David Michaelis, Lebensbeschreibung, v. ihm selbst abgefaßt u. mit Anm. hrsg. v. J. W. Hassencamp. Nebst Bem. über ihn, v. Johann Gottfried Eichhorn u. Schulz, u. das Eulogium v. H., Rinteln/Leipzig 1793; - [Friedrich August Wolf,] Prolegomena ad Homerum sive de Operum Homericorum prisca et genuina forma variisque mutationibus et probabili ratione emendandi, scripsit Frid. Aug. Wolfius, vol. I, Halis Saxonum 1795. Prolegomena ad Homerum sive de Operum Homericorum prisca et genuina forma variisque mutationibus et probabili ratione emendandi vol. I. Cum notis ineditis Immanuelis Bekkeri. Editio secunda, cui accedunt partis recundae prolegomenorum quae supersunt ex Wolfii manuscriptis eruta, Berolini 1876. Prolegomena z. Homer. Ins Dt. übertr. v. Prof. Dr. Hermann Muchau. Mit einem Vorwort über die Homerische Frage u. die wiss. Ergebnisse der Ausgrabungen in Troja u. Leukas-Ithaka (Philipp Reclam's Universal-Bibl.), Leipzig o.J. [1908]. Prolegomena ad Homerum [1795], translated with Introduction and Notes by Anthony Grafton, Glenn W[arren] Most, James E. G. Zetzel, Princeton NJ 1985; - Ders., Darst. der Altertumswiss. nach Begriff, Umfang, Zweck u. Wert (Dokumente der Wissenschaftsgesch.), Berlin 1985; - Uebersicht der neuesten Fortschritte, Erfindungen u. Entdeckungen in den speculativen u. positiven Wiss. v. Ostern 1800 bis Ostern 1801. Hrsg. v. J. J. 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Klaus-Gunther Wesseling

Literaturergänzung:

Sotera Fornaro, Lo 'studio degli antichi', 1793-1807, in: Quaderni di storia, 43, gennaio/giugno 1996, 109-155; - Marianne Heidenreich, C.G.H. u.d. Alte Geschichte. München 2006.

Letzte Änderung: 27.09.2009