HILDUIN, Abt von St. Denis, Erzkaplan Ludwigs des Frommen, † 22.11. 840/844 (?). - H. entstammte einer vornehmen fränkischen Familie, wurde ein Schüler Alkuins (s.d.) und stand als gelehrter Mann in freundschaftlicher Verbindung zu Hrabanus Maurus (s.d.) Seit 814 war er Abt von St. Denis, wo Hinkmar von Reims (s.d.) sein Schüler wurde, der ihm 819 auch nach Aachen folgte, als H. dort Erzkaplan am Hofe Ludwigs des Frommen wurde. Dieser übergab ihm auch die Klöster St. Médard in Soissons, für das H. die Reliquien des heiligen Sebastian erwarb, St. Germain-des-Prés, St Ouen und Saonnes. H. hatte Ludwig in seiner Reichseinheitspolitik unterstützt, war 830 aber auch an dem Aufstand der Söhne gegen Ludwig beteiligt. Als dieser zusammengebrochen war, wurde H. seiner Ämter enthoben und von seinem Lager bei Paderborn, wo er sich gerade aufgehalten hatte, in das Kloster Korvey verbannt. Nach bald erfolgter Aussöhnung erhielt H. noch 830 St. Denis zurück. Als er sich 840 erneut der Partei Lothars I. anschloß, verlor er die Abtei wieder. Literarisch setzte sich H. insbesondere als vermutlicher Verfasser der "Gesta Dagoberti" für die Aussöhnung der Parteien ein und verherrlichte seine Abtei. Diesem Bestreben diente auch die im Auftrag Ludwigs verfaßte Lebensbeschreibung des heiligen Dionysius von Paris (s.d.). H. veranlaßte und überwachte auch die Übersetzung des griechischen Manuskripts der Werke des Pseudo-Dionysios Areopagita (s.d.), welches 827 Ludwig dem Frommen durch den byzantinischen Kaiser übersandt worden war und auf diesem Wege in Europa Verbreitung fand. Auf H. geht im wesentlichen auch die Gleichsetzung des heiligen Dionysius mit dem Pseudo-Dionysios im weiteren Mittelalter zurück.
Werke: Gesta Dagoberti (z. T. auch Hinkmar v. Reims zugeschrieben) MGSS rer. Merov. 2, 395-425; Visa S. Dionysii, sive treopagitica, auctore Hilduino abate, MPL 106, 9-50; H. als Übers. des Pseudo-Dionysius: Études Dionysiennes II: Edition de sa traduction (G. Théry) = Études de philosophie mediévale 19, Paris 1937.
Briefe: MG Epp. 5, 325-335.
Lit.: A. Ebert, Allgemeine Gesch. der Lit. des MA II, Leipzig 1880. 147. 248. 348; - H. Foss, Über den Abt H., Berlin 1886: - F. Lot, in: MA 16, 1903, 249 ff.; 17, 1904, 338 ff.; - C. Weltsch-Weishut, Der Einfluß der "Vita S. Dionysii Areopagitae" des Abtes H. v. St. Denis auf die hagiographische Lit. (Diss. München), 1922; - M. Buchner, Das Vizepapsttum des Abtes v. St. Denis, Paderdorn 1928; - Ders., Die Areopagita des Abtes H. v. St. Denis u. ihr kirchenpolitischer Hintergrund, ebd. 1939; - W. Levison, in ZSavRGkan 18, 1929, 578 ff.;- G. Thery, Études Dionysiennes I, Paris 1932; - Dom M. Cappuyns, Jean Scot Érigene, 1933; - S. McK. Crosby, The Abbey of St. v-Denis 475-1122, I, New haven (Connecticut), London 1942; - J. de Ghellinck, Le mouvement théologique du XIIe siècle, 19482; - L. Halphen, Charlemagne et l'Empire carolingien, Paris 19492; - L. Levillain, in: Bibliothèque de l'École des Chartes 108, Paris 1949-50, 5 ff.; - W. Ohnesorge, in: Arch. f. Diplomatik, Schriftgesch., Siegel- u. Wappenkunde I, Münster - Köln 1955, 117 ff.; - J. Fleckenstein, Die karolingische Hofkapelle, Stuttgart 1959; - Wattenbach-Levison III, 318 ff. u. ö.; - NDB IX, 136 f.; - RE VIII, 73 f.; - Wetzer-Welte V, 2089 ff.; - The New Schaff-Herzog, Encyclopedia of Religious Knowledge V, Grand Rapids/Michigan 1953, 285 f.; - DSp I, 1416; III, 245. 263. 319. 334; V, 825; - EC VI, 1623; - Catholicisme V, 744 f.; - LThK V, 346.
Friedrich Wilhelm Bautz
Letzte Änderung: 09.04.2011