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Band II (1990)Spalten 876-879 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HINDEMITH, Paul, Komponist, Bratschist, Musikpädagoge, * 16.11. 1895 in Hanau, † 28.12. 1963 in Frankfurt a. M. - H. studierte an dem Hochschulkonservatorium Frankfurt Kontrapunkt und Komposition bei Bernhard Sekles und A. Mendelssohn, Violine bei A. Rebner. H. war zunächst Ensemble-Musiker, 1915-23 erster Konzertmeister am Opernhaus Frankfurt, Bratschist im Rebner-Quartett, 1927-37 Lehrer der Meisterklasse für Komposition an der Musikhochschule Berlin. Als engagierter Förderer Neuer Musik beteiligte sich H. 1921-26 an den "Musikaufführungen zur Förderung Zeitgenössischer Tonkunst" in Donaueschingen und übernahm später mit J. Haas und H. Burkard deren Leitung. Je mehr H. durch den aufkommenden Faschismus in Deutschland behindert wurde, desto mehr wandte er sich dem Ausland zu. Ab 1935 reiste H. für längere Zeit nach Ankara, wo ihn die türkische Regierung mit der Neuorganisation des Musiklebens beauftragte. 1937 beendete er seine Lehrtätigkeit in Berlin, unternahm 1938/39 als Bratschist Konzerttourneen in die USA, um nach seiner kurzen Niederlassung in der Schweiz (1938) dorthin zu emigrieren (1946 amerikanische Staatsbürgerschaft). 1940 bekam er einen Lehrauftrag am Music-Center in Berkshire und war 1947-53 Professor an der Musikschule der Yale-Universität in New Haven. Von 1951-57 lehrte H. am Konservatorium in Zürich und kehrte 1953 in die Schweiz nach Blonay (Vaud) zurück. (Dort ist auch der Sitz der 1968 gegründeten H.-Stiftung.) H. begann in einer Phase des sozialen und kulturellen Umbruchs zu komponieren: Reger und Debussy waren tot, die Zeit des Impressionismus und der Hochromantik im Ausklang. H.s Werke setzten Orientierungspunkte für die weitere Musikentwicklung. Als Bratschist, Lehrender und Komponist war er sich seiner Aufgaben in einer veränderten Welt bewusst. In seinen frühen Bühnenstücken und der Suite 1922 war er revolutionär, in seiner theoretischen Schrift "Unterweisung im Tonsatz" vertritt er einen konservativen Standpunkt. H. schrieb schon früh (1915) Opern, doch gelang ihm der Durchbruch zur großen Oper erst mit "Cardillac". Vom Ethos des Komponisten H. zeugen besonders die Opern "Mathis der Maler" und "Die Harmonie der Welt". Der Rilke-Zyklus "Das Marienleben" setzt einen stilistischen Wendepunkt im Liedschaffen. H.s Werke sind durch eine strenge formale und konstruktive Anlage gekennzeichnet, ohne dogmatisch zu sein. In seinen ersten Werken wendet er sich ab vom spätromantischen Orchester. Seine Kompositionen sind durch typische Stilkriterien gekennzeichnet: Parodistische Elemente, polyphone Struktur, neuartige Harmonik. Seine Melodik ist durch Intervallketten und Quartenintervalle gekennzeichnet, seine Rhythmik und Vorliebe für kontrapunktische Formen (Fuge) gehen auf J. S. Bach zurück. Wie Schönberg, Stravinsky und Bartok löste sich H. von der Dur-Moll-Tonalität, doch anders als Schönberg lehnte er eine "Atonalität" ab und stellte eine Werteskala der zwölf chromatischen Töne auf. H. hat eine ausgeprägte Beziehung zum alten Liedgut und zum Barock. In seinen Kompositionen bedient sich H. mehrerer Formsymbole (Lied, Marsch, Passacaglia), die neben die konstruktive Ordnung seiner Musik treten. Die Frage um Tonalität und Ordnung als Garant gegen Willkür und Unsicherheit erhält in späteren Jahren eine transzendentale, philosophisch-spekulative Dimension, und H.s Tonsprache wird harmonischer und wird offener gegenüber textlicher, musikstilistisch oder religiös gebundenen Gattungen wie Motetten, Madrigalen und Messen (das lange Weihnachtsmahl). Auch wenn seine geistlichen Kompositionen nur einen geringen Teil seines Werkes ausmachen, hat seine Anschauung von der Musik als Bestandteil eines religiös gebundenen Lebens jüngere Komponisten nachhaltig beeinflußt. Seine späten Kompositionen sind von einer genau disponierten Symbolik durchdrungen, die H.s Musik Klangdichte, Konzentration und Vergeistigung verleihen (Ludus tonalis, Apparebit, Sinfonia Serena). In der Sinfonie "Die Harmonie der Welt" gelangt der Gehorsam der Musik gegenüber den Ordnungsgesetzen der Welt zu einem Höhepunkt. Die alten Formen des Barock und der Klassik (Fuge, Kanon usw.) werden variiert und symbolischen Gestalten zugeordnet.

Werke: Opern: Mörder, Hoffnung der Frauen op. 12, 1919; Das Nusch-Nuschi op. 20, 1920; Sancta Susanna op. 21, 1921; Cardillac op. 39, 1926; Cardillac (Neufassung), 1952; Neues vom Tage, 1928-29; Neues vom Tage (Neufassung), 1953;- Mathis der Maler, l934-35; Die Harmonie der Welt, 1956-57; Das lange Weihnachtsmal, 1960; Bühnenspiele: Tuttifäntchen (Weihnachtsmärchen), 1922; Lehrstück (Text v. B. Brecht), 1929; Ballette: Der Dämon op. 28, 1922; Nobilissima Visione, 1938; Thema mit vier Variationen, 1940; Hérodiade, 1944; Chorwerke: Das Unaufhörliche, 1931; Als Flieder jüngst mir im Garten blüht, 1946; Apparebit repentina dies, 1947; Ite, angeli veloces; Chant de triomphe du roi David (Psalm 17), 1955; Custos quid de nocte, 1955; Cantique de l'espérance, 1953; Werke für Orchester: Konzert für Orchester op. 38, 1925; Konzertmusik für Streichorchester u. Blechbläser op. 50, 1930; Philharmonisches Orchester, 1932; Symphonie "Mathis der Maler", 1934; Symphonische Metamorphosen über ein Thema v. C. M. v. Weber 1943; Symphonia Serena, 1946; Symphonie "Die Harmonie der Welt", 1951; Pittsburgh Symphony, 1960; Werke für Solo-Instrumente u. Orchester: Kammermusik Nr. 2 op. 36 Nr. 1, 1924; Konzertmusik f. Klavier, Blechbläser u. zwei Harfen op. 49, 1930; Kammermusik Nr. 4 op. 36 Nr. 3, 1925; Kammermusik Nr. 5 op. 36 Nr. 4, 1927; Konzert f. Orgel u. Orchester op. 46 Nr. 2, l927; Der Schwanendreher, 1935; Konzert f. Horn u. Orchester, l949; Concerto for Organ and Orchestra, 1962; Werke für Solo-Gesänge: Des Todes Tod, 1922; Die Serenaden op. 35, 1925; Das Marienleben op. 27 (nach Gedichten v. R. M. Rilke), 1922- 23 (Neufassung 1936-48); Zahlreiche Kammermusikstücke u. a.: Kanonische Sonatine op. 31 Nr. 3, 1924; Trio op. 47, 1928; Quartett C-Dur op. 16, 1921; Septett für Blasinstrumente, 1948; Mehrere Klavierstücke u. a.: Ludus tonalis, 1942; Dreizehn Motetten, 1941-1960; Zahlreiche Lieder, Chorwerke und Kanons u.a.: Zwölf Madrigale (nach Texten v. J. Weinheber), 1958; Messe für gemischten Chor a cappella, 1963; Vision des Mannes (Text: G. Benn), 1930; Der Tod (Text: F. Hölderlin), 1932; Spruch eines Fahrenden (14. Jh., Daß Gott all die berate), 1928; Theoretische und Literarische Hauptwerke: Unterweisung im Tonsatz, 3 Bde., 1937, 19752, 1939 (erw. 19752)u. l97O; Aufgaben für Harmonieschüler (1943 engl.) 1949 (dt.); Harmonieübungen für Fortgeschrittene (1948 engl.), 1949 (dt.); Übungsbuch f. elementare Musiktheorie, 1946; Johann Sebastian Bach - Ein verpflichtendes Erbe (Rede), 1950; Komponist in seiner Welt, Weiten u. Grenzen (The Charles Eliot Norton Lectures given at Harvard University, 1949-50, dt. Übers. v. P. H.), 1959; - Ges. Ausgg.: Sämtl. Werke P. H.s, hrsg. v. K. v. Fischer u. L. Finscher (i. A. d. Hindemith-Stiftung) 4 Bde., Mainz, 1977-80.

Lit.: Heinrich Strobel, P. H. (3. erw. Aufl.), Mainz (1928) 1948; - Elisabeth Westphal, P. H., Eine Bibliogr. d. In- u. Auslandes seit 1922 über ihn u. sein Werk, 1957; - Walter Abendroth, P. H., in: Das Einhorn - Jb. d. Fr. Akademie d. Künste Hamburg, 1957; - A. Jakobik, Zur Einheit d. neuen Musik, 1957; - H. Bennwitz, Die Donaueschinger Kammermusiktage 1921-26, Diss. Freiburg, 1961; - H. L. Schilling, P. H.s "Cardillac", Würzburg 1962; - Carl Orff, Gedenkrede f. P. H., in: Orden pour le mérite f. Wiss. u. Künste, Bd. 6, 1963/64, l34 ff.;-Gedenkausstellung P. H. "Emigration u. Rückkehr nach Europa" (Ffm 1965, Katalog Otfried Büthe, darin: Bibliogr. 1957-65); - P. H. als Dirigent u. Solist im Rundfunk, Dt. Rundfunkarchiv, Frankfurt 1965;- W. Puetz, Studien zum Streichquartettschaffen bei H., Bartok, Schönberg u. Webern, 1968; - P. H., Werkeverz., hrsg. v. B. Schott's Söhnen, letzte Ausg., 1969; - Andrea Lanza, Liberta à determinazione formale nel H., in: Revista italiana di musicologia V, 1970, 234-291; - Jan Kemp, H., Oxford Studies of Composers, London 1970; - Andreas Brinner, P. H. (ausf. Bibliogr. u. Werkeverz. d. gedr. u. ungedr. Oevres), Zürich 1971; - H.-Jb. 1, hrsg. v. d. H.-Stiftung, 1971, darin u. a.: Helmut Rösner, Zur H.-Bibliogr. u. Lit., 161-195; - Peter Cahn, H.s Kadenzen, 80-134; - H.-Jb. 2, hrsg. v. ders., 1972, darin u. a.: P. Cahn, H.s Lehrjahre in Frankfurt, 23-47; - B. W. Hilse, H. u. Debussy, 48-90;- W. Kirsch, Der späte H., 9-22; - D. Rexroth, Tradition u. Reflexion b. frühen H.; - Franzpeter Goebels, Interpretationsaspekte zum "Ludus Tonalis", 137-165; - H.-Jb. 3, hrsg. v. ders., 1973; - H.-Jb. 4, hrsg. v. ders., 1974/75; - H.-Jb. 5, hrsg. v. ders., 1976; - H.-Jb. 6, hrsg. v. ders., 1977; - Johannes Paul Thilmann, Das Tonalitätsproblem in H.s "Unterweisung", in: Btrr. zur Musikwiss., 1973, 179-183; - R. Haase, P. H.s harmonikale Quellen -- sein Briefwechsel mit Hans Kayser, Wien 1973; - W. Salmen, "Alte Töne" u. Volksmusik in Kompos. P. H.s, in: Musik u. Bildung, 1974, 362-369; - Andreas Briner, H. u. Adornos Kritik des Musikanten, in: ebd., 353-358; - Ludwig Fischer, P. H. - Versuch einer Neuorientierung, ebd., 350-53; - C. Gottwald, H.s Messe, ebd., 370-373; - E. Zwink, P. H.s "Unterweisung im Tonsatz" als Konsequenz d. Entwicklung seiner Kompositionstechnik, 1974; - J. E. Paulding, P. H., Diss. Iowa, 1974; - Alfred Rubeli, P. H.s A Capella-Werke, Mainz 1975; - Geoffrey Skelton, P. H. - The man behind the music, Werkeverz. London 1975; - Günther Metz, Melodische Polyphonie in der Zwölftonordnung. Studien zum Kontrapunkt P. H.s, 1976; - Gerd Sonnemül1er, Der "Plöner Musiktag" von P. H., 1976; - Andreas Briner, P. H. und die Idee einer musikal. Gemeinschaft, in: Musik u. Bildung, Zschr. f. Theorie u. Praxis d. Musikerz., 1976, 601-603; - Giselher Schubert, Über die Gesamtausgabe der musikal. Werke P. H.s, in: Musikforschung, 1977, 276-289; - James C. Kidd, Aspects of Mensuration in H.'s Clarinet Sonata, in: Music Review XXXVIII, 1977, 211-222; - Josef Dorfman, Thematic organization in the string quartets of P. H., in: Assaph, Studies in arts (orbis musicae), Tel-Aviv, 1978,43-58; - Erprobungen und Erfahrungen. Zu P. H.s Schaffen in den 20er Jahren, hrsg. v. D. Rexroth, Mainz 1978; - Ders., Einige Voraussetzungen der "Gebrauchsmusik" bei H., in: Musien, 1980, 546 ff.; - Karl Richter, Ein Komponist in seiner Welt: H.- Zyklus 1980 in NRW, in: Das Orchester, 1981, 252 ff.; - H. Hahne, H.-Zyklus in NRW, in: ebd., 32 ff.; - J. Gregor, Kulturgesch. d. Oper, 19502, 478 u. ö.; - Kürschners Dt. Musiker Kalender, hrsg. v. H. u. E. H. Müller von Asow, 19542, 497 ff. (m. Werke-Verz.); - Grove IV, 286-291; - K. H. Wörner, Neue Musik in d. Entscheidung, 271 f. u. ö.; - Ders., Gesch. d. Musik, l9807, 255, 330 f., 421 f., 543 f.; - MGG VI, 440-451 (m. Werke-Verz.); - H. J. Moser, Die Tonsprache des Abendlandes, 1960; - RGG III, 340; - Hdb. d. Musikgesch. II, hrsg. v. G. Adler, 616 u. ö.; - Blume, 277, 336; - Riemann Erg. Bd. I, 1972, 530 f.; - Brockhaus Riemann MusikLex I, hrsg. v. Dahlhaus, 1978, 549 ff.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2004

Claire Taylor-Jay, The artist-operas of Pfitzner, Krenek and Hindemith. Aldershot, Hampshire [u.a.] 2004; -

2005

Rüdiger Jennert, Paul Hindemith und die Neue Welt. Studien zur amerikan. H.-Rezeption. Tutzing 2005 (=Würzburger musikhistorische Beiträge; 26); -

2006

Camilla Bork, Im Zeichen d. Expressionismus. Kompositionen P.H.s im Kontext d. Frankfurter Kulturlebens um 1920. Mainz 2006; -

2007

H.-Interpretationen. H. u.d. zwanziger Jahre. Dominik Sackmann (Hrsg.). Bern 2007; -

2009

Stephen Luttmann, P.H. A research and information guide. 2. ed. New York 2009.

Letzte Änderung: 28.01.2010