HOFMANN, Melchior, Täufer, * Ende des 15. Jahrhunderts in Schwäbisch Hall, † 1543 in Straßburg. - H. betrieb in Waldshut das Kürschnerhandwerk. Schon früh vertiefte er sich in die Schriften der Mystiker, besonders in die "Deutsche Theologie". 1523 kam H. nach Livland. Dort hatte das Luthertum bereits Eingang gefunden. Da es an tüchtigen evangelischen Predigern fehlte, trat er in diese Lücke. H. wirkte als Prediger zuerst in Wolmar, konnte sich aber nur kurze Zeit halten. Er hat "viel Verfolgung erlitten" und wurde auch ins Gefängnis geworfen und schließlich des Landes verwiesen. H. zog nach Dorpat und entfaltete dort eine rege Tätigkeit. Sein Eifern gegen die Heiligenbilder führte am 10.1. 1525 zu einem Bildersturm. Seiner Verhaftung durch den bischöflichen Vogt widersetzte sich das Volk. Nach kurzem Aufenthalt in Riga reiste H. nach Wittenberg, um Martin Luthers (s.d.) Bestätigung seines Predigerberufs einzuholen. Mit einem Empfehlungsschreiben Luthers versehen, kehrte er im Spätsommer 1525 nach Dorpat zurück, konnte sich aber trotzdem dort nicht lange halten. Im Herbst 1525 begab sich H. nach Reval. Dort war die Reformation bereits eingeführt, und die Predigerstellen waren besetzt. Die lutherischen Prediger bezichtigten ihn der Ketzerei, weil er neben dem Glauben die Notwendigkeit der Heiligung des Lebens betonte. Auch wich seine Auffassung vom Abendmahl von der lutherischen Lehre ab. H. wurde vertrieben und zog nach Schweden. Die deutsche Gemeinde in Stockholm übertrug ihm das Predigeramt. Anfang 1526 übernahm er es und verheiratete sich. Während seiner Wirksamkeit in Stockholm veröffentlichte H. drei Schriften, die sich auf die Wiederkunft Christi beziehen. König Gustav I. Wasa (1496-1560) fürchtete, das stürmische Wesen des jungen Predigers möchte seiner Regierung Ungelegenheiten bereiten, und legte ihm darum in einem Brief vom 13.1. 1527 nahe, seine Predigttätigkeit einzustellen. Von Schweden aus wandte sich H. wiederum nach Deutschland. Vorübergehend weilte er in Lübeck und entzog sich durch die Flucht der Verhaftung. So kam H. mit seiner Frau und Kind in das holsteinische Gebiet, das damals dänisch war. Im Mai 1527 begab er sich zum zweitenmal nach Wittenberg und besuchte auf der Hinreise Nikolaus von Amsdorf (s.d.) in Magdeburg. Amsdorf hatte bei Luther angefragt, wie er den "Propheten" empfangen solle, und den Rat erhalten, ihm die Tür zu weisen und ihm zu sagen, er solle wieder zu seinem Kürschnerhandwerk zurückkehren. Amsdorf befolgte Luthers Rat. Auch in Wittenberg wurde H. abgewiesen. Auf der Rückreise warf man ihn in Magdeburg ins Gefängnis und beraubte ihn seiner Habseligkeiten. Aus der Haft entlassen, zog er über Hamburg nach Holstein. König Friedrich I. von Dänemark wies ihm Kiel als Wohnsitz an mit der Erlaubnis zur Predigt in ganz Schleswig-Holstein. Wegen seiner apokalyptisch-enthusiastischen Predigt konnte sich H. nicht lange halten. Er geriet mit von Amsdorf in erbitterten literarischen Streit, und im Land selbst trat ihm dessen Schüler Marquard Schuldorp entgegen. Zur Beilegung des Streites, bei dem es hauptsächlich um die Abendmahlslehre ging, berief der König eine Disputation ein, die am 8.4. 1529 in der Kirche des Barfüßerklosters stattfand. 400 Personen waren zugegen, darunter der Adel und die Geistlichkeit des Landes. Die lutherische Partei hatte als ihren Führer Johann Bugenhagen (s.d.) herbeigerufen. Den Vorsitz bei der Disputation führte der Kronprinz, Herzog Christian von Holstein. H. leugnete die leibliche Realpräsenz Christi im Abendmahl, gestand aber einen geistigen Genuß im Glauben zu. Am folgenden Tag wurde unter dem Vorsitz des Königs das Urteil gefällt. Es lautete auf Verbannung aus dem Reich. Innerhalb dreier Tage mußten H. und seine Gesinnungsgenossen das Land verlassen. H. wandte sich nach Ostfriesland, dann nach Straßburg, wo er Ende Juni 1529 als Vorkämpfer für die Abendmahlslehre Zwinglis (s.d.) mit offenen Armen aufgenommen wurde. H. entfaltete eine rege schriftstellerische Tätigkeit. Die Freundschaft mit den Straßburger Predigern dauerte nicht lange, da sie H.s Anschauungen bezüglich der Wiederkunft Christi nicht zustimmen konnten. Inzwischen war H. mit den Täufern in Berührung gekommen, aber dem Täufertum noch nicht beigetreten, als er im April 1530 in einer Eingabe an den Rat die Überlassung einer Kirche für die Täufer verlangte. H. forderte nicht nur Duldung für das Täufertum, sondern volle Gleichberechtigung mit der Staatskirche: Wegen dieses Gesuchs und der in seiner Auslegung der Offenbarung des Johannes enthaltenen Majestätsbeleidigung erließ der Rat den Haftbefehl gegen H., dem er aber am 23.4. 1530 sich durch die Flucht entzog. H. begab sich nach Ostfriesland. Als Luther davon hörte, warnte er in schärfster Weise vor ihm. H. trat im Juni 1530 in Emden als Prediger auf und verschaffte sich durch seine hinreißende Beredsamkeit einen großen Anhang. Wahrscheinlich wurde er von Melchior Rinck (s.d.) getauft, der vor ihm in Emden wirkte. Im August 1530 taufte H. in Emden 300 Personen. Man kann ihn als Gründer der Täufergemeinde in Emden bezeichnen. Nun schritt die Obrigkeit ein und zwang ihn, die Stadt zu verlassen. H. wandte sich abermals nach Straßburg, hielt sich aber dort nur ganz verborgen auf und zog noch im Jahr 1530 nach Holland, wo er ein ganzes Jahr für das Täuferwerk warb. H. hat die Täuferbewegung nach Holland verpflanzt und ihr dort Eingang und Duldung verschafft. Als die Obrigkeit in Amsterdam einen Haftbefehl gegen ihn erließ, konnte er sein Leben nur durch die Flucht retten. Im Dezember 1531 traf H. zum drittenmal in Straßburg ein, mußte aber wegen eines neuen Haftbefehls gegen ihn die Stadt wieder verlassen. Als apostolischer Herold und Prophet durchzog er Ostfriesland und Holland und verkündigte das Hereinbrechen des Königreichs Christi, rief aber seine Anhänger nicht dazu auf, es mit Gewalt herbeizuführen. Im Frühjahr 1533 kehrte H. nach Straßburg zurück und wurde im Mai gefangengesetzt. Er lebte in der Überzeugung, diese Stadt werde das neue Jerusalem und die Hochzeitsstätte des Lammes sein. Da alle Versuche ihn zu bekehren vergeblich waren, blieb er 10 Jahre, bis an sein Lebensende, im Kerker. - H. hat das durch Verfolgungen ermattete Täufertum neu belebt durch seine eschatologische Erwartung des himmlisch-irdischen Jerusalem in Straßburg. Die Erwartung des nahen jüngsten Tages beherrschte völlig seine Gedankenwelt und Verkündigung. Er ist der geistige Vater des Täuferreichs in Münster; der Bäcker Jan Matthys (s.d.) aus Haarlem gehörte zu den Anhängern H.s. In seiner dem König von Dänemark gewidmeten Auslegung der Offenbarung des Johannes entwickelte H. seine Eschatologie. Er gliedert die Kirchengeschichte in drei Zeitalter: das 1. von der Zeit der Apostel bis zur Herrschaft des Papstes, das 2. die Zeit der unumschränkten Macht der Päpste, das 3. das durch Johann Hus (s.d.) vorbereitete und mit der Reformation angebrochene Zeitalter. Es kostet noch einen gewaltigen Kampf zwischen Buchstaben und Geist, Papisten und Spiritualisten, ehe Christus zum Endgericht und zur Umgestaltung von Himmel und Erde erscheint. Luther, der der "Apostel des Anfangs" war, ist zum Judas geworden, der die Gläubigen verfolgt. In der Christologie vertrat H. die Anschauung, daß Christus nicht aus der Jungfrau Maria Fleisch angenommen habe, da er sonst aus dem sündigen Samen Adams stammen würde, sondern daß das ewige Wort Gottes selbst in dem Leib der Maria durch einen besonderen göttlichen Schöpfungsakt Fleisch geworden sei. Durch Predigten und zahlreiche Schriften verbreitete H. seine Gedanken. Durch die Katastrophe von Münster und die Enttäuschungen darüber, daß H.s eschatologische Zeitangaben und Prophezeiungen sich nicht erfüllten, nahm die Schar seiner Anhänger, der Melchioriten, beträchtlich ab. Sie ging allmählich in anderen täuferischen Gruppen auf oder kehrte zur Kirche zurück. H.s Christologie wirkt deutlich bei Menno Simons (s.d.) nach.
Werke: Formaninghe, 1526; Ausl. des 12. c. Dan, 1526; Ausl. des Ev. v. 2. Advent, 1526; Das Niclas Amsdorff der Magdeburger Pastor ein lügenhaftiger falscher nasengeist sey, öff. bewiesen durch M. H., 1528 (Faks.-Nachdr., hrsg. v. Gerhard Ficker, 1926); Dialogus, 1529 (Darst. des Flensburger Rel.gesprächs); Ausl. der Offb. Joh., 1530; Ordonnantie Gottes, 1530; Ausl. des Röm.briefs, 1533.
Lit.: Handlung, in dem öff. Gespräch zu Straßburg jüngst im Synodo gehalten, gg. M. H. durch die Pr. daselbst v. vier vornehmen Stücken christl. Lehre u. Haltung, Straßburg 1533; - Barthold Nicolaus Krohn, Gesch. der Fanat. u. Enthusiast. Wiedertäufer vornehml. in Norddtld. M. H. u. die Secte der Hofmannianer, Leipzig 1758; - Carl Adolf Cornelius, Gesch. des Münster. Aufruhrs. II: Die Wiedertaufe, 1860, 75 ff. 282 ff.; - W. J. Leendertz, M. H., Haarlem 1883; - Friedrich Otto zur Linden, M. H., ein Prophet der Wiedertäufer, ebd. 1885; - Fr. Amelung, M. H. in Livland u. die Einf. der Ref. in den Landkirchspielen Dorpat u. Müggen im J. 1525, in: SB der gelehrten esthn. Ges. 1901/02, 196 ff.; - G. Faust, Einige Bem. zu M. H.s Dialogos, in: Schrr. des Ver. f. schleswigholsteinische KG II/3, 1903/05, 96 ff.; - E. H. Bax, Rise and Fall of the Anabaptists, London 1903, 95 ff.; - Abr. Hulshof, Geschiedenis van de Doopsgezinden te Straatsburg van 1525 tot 1527, Amsterdam 1905, 106 ff.; - Samuel Cramer, Die Ordonnantie Godts. Door M. H., in: Bibliotheca Reformatoria Neerlandica V, 1909, 125 ff.; - Ders., M. H. Verclaringe van den geuangenen ende vrien wil, ebd. 171 ff.; - Ders., Handelinge van der disputacie in Synodo te Straesburch teghen M. H. door die predicanten derseluer stadt. Anno 1533, ebd. 199 ff.; - E. Kübler, M. H., in: Doopsgezinde Bijdragen, Amsterdam 1919, 124 ff.; - L. Knappert, Het ontstaan en de vestiging van het Protestantisme in de Nederlanden, 1924, 180 ff.; - W. J. Kühler, Geschiedenis der Nederlandsche Doopsgezinden in de zestiende Eeuw I, Haarlem 1932, 52 ff.; - Ernst Feddersen, KG Schleswig-Holsteins II, 1938, 47 ff.; - F. Wendel, L'egilse de Strasbourg. La constitution et son organisation 1532-35, Paris 1942; - S. H. Smith, The Story of the Mennonites, 1950; - Hans-Joachim Schoeps, Vom himml. Fleisch Christi. Eine dogmengeschichtl. 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