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Band XXIX (2008) Spalten 719-724 Autor: Winfried Kausch

HUNGER, Albert (Abrecht), Prof. der Theologie in Ingolstadt, * 1545 in Kelheim, † 11.2. 1604 in Ingolstadt. - H., Sohn des Juristen Wolfgang H., immatrikulierte sich am 13.9. 1557 an der Ing. Universität und absolvierte dort sein Philosophiestudium. Zur Fortsetzung der Studien wandte er sich anschließend nach Rom, um in dem erst fünf Jahre zuvor gegründeten Collegium Germanicum theol. Vorlesungen zu hören. Als Bakkalar der Theol. der Universität Padua übernahm er 1567 in Ingolstadt als "novus dr." die Philosophieprofessur des Johann Albert Wimpinaeus. Im WiSe. 1567/68 fungierte er als Dekan der Artistenfak. 1570 übernahm H. nach dem Erwerb des Lizentiats und Doktorats (15. Juli 1570) eine Professur in der Theol. Seit diesem Jahr hatte er mehrfache Pfründe inne: Kanonikate in Passau und Eichstätt, Propsteien in Pfaffenmünster und Habach, die Pfarrei in Engelbrechtsmünster. - Im Vorlesungsprogramm vom März 1571 kündigte die Universität seine Vorlesungen zur Summe des Thomas von Aquin an. Das Datum zeigt das endgültige Vordringen des von den Jesuiten bevorzugten Aquinaten an der theol. Fak. und somit den Wechsel eines der wichtigsten theol. Lehrbücher, die Summa ersetzte die Sentenzen des P. Lombardus. Von 1573 bis 1576 sprang H. neben seinen Verpflichtungen an der oberen Fak. als "vicarius" mit Vorlesungen in Physik und Metaphysik an der phil. Fak. ein, da es dort nach dem Wechsel der Jesuiten nach München zu wenige Ordinarien gab und sich die Gewinnung neuer Professoren schwierig gestaltete. - Neben seiner Funktion als Dekan an der theol. Fak. (WS 1571/72, SS 74, SS 76, WS 80/81, WS 82/83, SS 85, WS 88/89, WS 90/91, WS 92/93, WS 95/96, WS 98/99, SS 1601, und SS 03) amtierte H. mehrfach als Rektor der Universität: 1568, 1572 (Prorektor neben Adelsrektor), 1573, 1574 (Prorektor neben Adelsrektor), 1586, 1590 und 1595. - Am 5.12. 1578 ernannte der Eichstätter Bischof als Kanzler der Hohen Schule H., der seit 1576 herzoglicher Kammerrat war, zum Vizekanzler als Nachfolger von Martin Eisengrein, nachdem er zuvor am 27.11. von Herzog Albrecht V., der das Präsentationsrecht hatte, akzeptiert worden war. Gleichzeitig wurde er Mitglied des Eichstätter Domkapitels. Mit dem Amt des Vizekanzlers war nach dem Willen Herzog Albrechts V. auch das Amt des Universitätsinspektors verbunden. 1585 verteidigte die Universität H. gegen herzogliche Vorwürfe der Nachlässigkeit als Inspektor und bestätigte seine eifrige Lektionstätigkeit, da Herzog Wilhelm V. 1584 die Inspektur dem Rektor übertragen hatte. 1586 konnte es die Univ. als Erfolg verbuchen, daß das Amt wieder an H. übergeben wurde. Daß seine Arbeit anerkannt wurde, zeigt auch die Tatsache, daß H. 1587 nach der Gründung eines eigenen Seminars für Ordensangehörige am Universitätsort zum Generalinspektor und Superintendenten berufen wurde. - Von seinen akademischen Arbeiten sind mehrere phil. und theol. Disputationen erhalten: Dabei hat H. bei Themen wie Transsubstantiation, Kommunion unter beiderlei Gestalten oder Verteidigung der Bibel "gegen die Protestanten" zur Klärung der Standpunkte kontroverstheologische Inhalte nicht umgangen. - "Umb die schuel wol verdient" trat H., nachdem er schon längere Zeit kränklich gewesen war, 1599 in den Ruhestand, blieb aber weiterhin Mitglied der Fak., Inspektor und Vizekanzler. 1601 nahm er trotz seiner angeschlagenen Gesundheit neben Jakob Gretser SJ als Delegierter am Regensburger Religionsgespräch teil, für das Herzog Maximilian I. von Bayern als Gesprächsgegenstand die Bedeutung der Hl. Schrift als alleinige Richtschnur in Glaubensfragen vorgeschlagen hatte. Eine Annäherung der Standpunkte zwischen den Theologen der beiden Kirchen gelang in der Donaustadt nicht. - Im Rückblick äußerte Gregor de Valencia SJ hohes Lob für sein akademisches Engagement, ähnliche Anerkennung erhielt er von Johann Engerd, einem seiner Schüler. - Vor seinem Tod schuf H. eine Stiftung von 2000 fl. für die Armen der Stadt, durch zwei Stipendien für das Georgianum unterstützte er bedürftige Studenten, seine reiche Bibliothek vermachte er der Universität. Der Verstorbene erhielt in der Marienkirche in Ingolstadt an der Sakristeiwand ein Epitaph aus Rotmarmor. - H. darf mit Recht unter den Ingolstädter Professoren, die nicht dem Jesuitenorden angehörten, als bedeutende Persönlichkeit bezeichnet werden, die durch Vielseitigkeit und Eifer nicht nur der Universität gedient hatte, sondern auch den Gläubigen außerhalb der Hohen Schule. Noch zu seinen Lebzeiten (1601/02) wurden H.s Reden von dem Hofrat und Archivar Christoph Gewold gesammelt und 1615 herausgegeben. Sie geben ein anschauliches Bild von den Promotionsfeierlichkeiten aller Fakultäten und eröffnen viele Einblicke in das akademische Leben überhaupt.

Werke: propositiones philosophicae, Ingolstadt 1567; de principiis rerum naturalium theses, Ingolstadt 1567; de natura et arte theses philosophicae, Ingolstadt 1569; theses de peccatis, Ingolstadt 1570; de hominis fine ultimo ac ipsa beatitudine assertiones theologicae, Ingolstadt 1571; catholica de fide et infidelitate disputatio, Ingolstadt 1571; de peccato adverus Lutheri, Calvini, aliorumque novatorum errores catholica disputatio, Ingolstadt 1573; oratio de prima praestantissimaque philosophia, Ingolstadt 1573; theses naturalis philosophiae de coelo, Ingolstadt 1573; ad Illustrissimum Principem ac Dominum D. Philippum Marchionem in Baden, Ingolstadt 1574; de magia theses theologicae, Ingolstadt 1574; de providentia divina oratio, Ingolstadt 1574; philosophia de elementis explicata, Ingolstadt 1574; ad prooemium librorum Aristotelis de anima disputatio, Ingolstadt 1575; adversus veteres et novos errores de anima conclusionum centuria, Ingolstadt 1575; theologica disputatio de veritate transsubstantiationis in sanctissimo sacramento eucharistiae, Ingolstadt 1577; de originis peccato theologica disputatio, Ingolstadt 1578; de auctoritate ecclesiae et eiusdem ministrorum legitima vocatione brevis disputatio, Ingolstadt 1579; duae quaestiones de sanctissimo eucharistiae sacramento, Ingolstadt 1579; thesaurus christianarum precationum, Ingolstadt 1579; oratio tertia in obitum serenissimi principis D. D. Alberti V. Bavariae ducis habita, Ingolstadt 1580; thesaurus christianarum precationum, Ingolstadt 1580; de publicis Catholicorum supplicationibus et religiosis processionibus theses, 1581; orationes duae, Ingolstadt 1582; defensio scripturae sacrae contra pseudoscripturarios Lutheranos et Calvinianos, Ingolstadt 1582; de medio ecclesiae Catholicae adversus novos et veteres extremistas disputatio theologica, Ingolstadt 1586 ; de descensu Christi ad inferos et eiusdem ad coelos ascensu, Ingolstadt 1587; disputatio de incarnati verbi mysterio, Ingolstadt 1595; disputatio de oratione et horis canonicis, Ingolstadt 1595; disputatio de sacramentis in genere, Ingolstadt 1595; disputatio theologica de beatitudine, Ingolstadt 1595; disputatio theologica de statu episcoporum, Ingolstadt 1595; disputatio theologica de modo , quo deus ab intellectu creato cognosci potest, Ingolstadt 1595; ad prooemium librorum Aristotelis de anima disputatio, Ingolstadt 1595; orationes, Ingolstadt 1615; assertiones ex philosophia naturali controversae, Ingolstadt 1651.

Lit.: Johann Nepomuk Mederer, Annales Ingolstadiensis Academiae, II, 1782, 177 ff. ; - Franz Xaver Freninger, Das Matrikelbuch der Universität Ingolstadt - Landshut - München, Rectoren, Professoren, Doctoren 1472-1872, 1872, 16 u.ö.; - Carl Prantl, Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in Ingolstadt, Landshut, München, I, 1872, 234 u. ö., II, 1872, 492 u.ö.; - Andreas Schmid, Geschichte des Georgianums in München, 1894, 42 f.; - Josef Schaff, Geschichte der Physik an der Universität Ingolstadt 1572-1800, 1912, 51; - Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, II/2 , 1913, 399f.; - Johann Baptist Götz, Die Grabsteine der Ingolstädter Frauenkirche (1428-1829), in: Sammelblatt des Hist. V. Ingolstadt 44 (1925) 89 ff.; - Wilhelm Herbst, Das Regensburger Religionsgespräch von 1601, 1928, 120 f.; - ders. : Das Regensburger Religionsgespräch von 1601, in: Theol. Literaturzeitung 55 (1930) 37 ff.; Arno Seifert, Statuten- und Verfassungsgeschichte der Universität Ingolstadt, 1971, 165 f. u.ö.; - ders. (Hsg.), Die Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert, Texte und Regesten, 1973, 150 u.ö.; - ders., Weltlicher Staat und Kirchenreform. Die Seminarpolitik Bayerns im 16. Jahrhundert, 1978 , 156 u.ö.; - Laetitia Boehm - Johannes Spörl (Hsg.), Ludwig - Maximilians -Universität , Ingolstadt - Landshut - München, 1472-1972, 1972, 151; - Ladislaus Buzas, Geschichte der Universitätsbibliothek München, 1972, 59; - Heinz Jürgen Real, Die privaten Stipendienstiftungen der Universität Ingolstadt im ersten Jahrhundert ihres Bestehens, 1972, 138; - Georg Schwaiger, Die theologische Fakultät der Universität Ingolstadt (1472-1800), in: Laetitia Boehm - Johannes Spörl (Hsg.), Die Ludwig-Maximilians-Universität in ihren Fakultäten, I, 1972, 71; - ders., Das Herzogliche Georgianum in Ingolstadt, Landshut, München 1494-1994, 1994, 51; - Gerhard Wilczek, Die Universität zu Ingolstadt, in: Ing. Heimatblätter 35/2 (1972) 28; - Alfred Schädler, Ingolstädter Epitaphe der Spätgotik und Renaissance, in: Theodor Müller - Wilhelm Reissmüller (Hsg.), Ingolstadt. Die Herzogstadt - die Universitätsstadt - die Festung, II, 1974, 37 ff.; - Winfried Kausch, Geschichte der theologischen Fakultät Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert (1472-1605), 1977, 39 u.ö.; - Barbara Bauer, Das Regensburger Kolloquium 1601, in: Hubert Glaser (Hsg), Wittelsbach und Bayern, II,1, 1980, 90ff.; - Christoph Schöner, Mathematik und Astronomie an der Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert, 1994, 442 f; - Alois Schmid (Hsg.), Gelehrtenkorrespondenz, I, P. Matthäus Rader SJ, 1995, 60 u.ö.

Lex.:ADB XIII, 413f.; - Hurter III, 343f.; - Karl Bosl (Hsg.), Bosls bayerische Biographie, 1983, 379 f.; Laetitia Boehm u.a. (Hsg.) , Biographisches Lexikon der Ludwig - Maximilians - Universität München, Teil I: Ingolstadt - Landshut 1472 -1826, 1998, 196 f.; - Hans - Michael Körner, Große bayerische biographische Enzyklopädie, II, 2005, 929.

Winfried Kausch

Letzte Änderung: 13.06.2008