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Band II (1990)Spalten 1218-1221 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HUTER, Jakob, Führer und Organisator des Tiroler Täufertums, * in Moos bei St. Lorenzen, in der Nähe von Bruneck im Pustertal (Tirol), † (verbrannt) 25.2. 1536 in Innsbruck. - H. erlernte in Prag das Hutmacherhandwerk und ließ sich nach längerer Wanderschaft in Spittal an der Drau (Kärnten) nieder. In Klagenfurt wurde er vielleicht zuerst mit der Lehre der Täufer bekannt. Nachdem er "den Gnadenbund eines guten Gewissens in christlicher Taufe, mit rechter Ergebung nach göttlicher Art zu wandeln, angenommen und die Gaben Gottes reichlich bei ihm verspürt worden waren, ward er zum evangelischen Dienst erwählt und bestätigt". Als Prediger durchzog H. zunächst das Pustertal. Eine der ersten Täufergemeinden, denen er vorstand, war die kleine dortige Gemeinde Welsperg. Hier versammelten sich seine Anhänger im Haus seines Verwandten Balthasar Huter oder im Hof des Sensenschmiedes Andreas Planer. Anfang Mai 1529 erfuhr die Regierung von diesen Zusammenkünften. Am 26.5. drang der Pfleger von Toblach mit seinen Knechten in Planers Hof, in dem sich die Täufer zur Abendmahlsfeier versammelt hatten, und nahm 14 der anwesenden Brüder und Schwestern gefangen. Einige konnten entkommen, unter ihnen auch H. Nun brach über die Täufer in Tirol die Verfolgung herein. Da erinnerte sich die Gemeinde in Welsperg, "daß Gott im Markgrafentum Mähren, in der Stadt zu Austerlitz, ein Volk auf seinen Namen gesammelt, in einem Herzen, Sinn und Gemüt zu wandeln, daß sich der eine um den anderen in Treue annehmen solle". So sandten die Ältesten H. und noch einige Brüder dorthin, um Erkundigungen einzuziehen. Da diese günstig lauteten, beschlossen die Täufer in Tirol, sich mit der mährischen Gemeinde zu vereinigen. Eine Anzahl von Geschwistern zog nach Mähren. H. schickte eine Schar nach der anderen dorthin, während er in Tirol blieb und trotz aller Gefahren von Tal zu Tag zog, um die Glaubensgenossen mit "dem verbotenen Wort Gottes" zu versorgen. Seine Anhänger bewahrten ihn vor der Gefangenschaft; denn trotz grausamster Folter verriet niemand H.s jeweiligen Aufenthaltsort. Heftiger Streit zwischen der neugegründeten Gemeinde in Auspitz und der Gemeinde in Austerlitz wegen ordnungswidriger Handhabung der Satzungen führte im Winter 1530 zu einer Spaltung der Täufer in zwei feindliche Lager. H. zog im Januar 1531 nach Mähren, wohin man ihn gerufen hatte, und schlichtete den Streit. Nun gelangte das Täufertum in Mähren zu vollem Gedeihen. Aus Schlesien, Schwaben und der Pfalz kam reicher Zuzug, und aus Tirol schickte H. viel Volk nach Mähren. Die Verfolgung der Täufer in Tirol erreichte 1533 ihren Höhepunkt. Die im Juni 1533 im Guffidauner Bezirk versammelten Täufer beauftragten H., nach Mähren zu gehen, um ihnen dort eine neue Heimat zu bereiten. Am 11.8. traf H. mit einigen Brüdern in Auspitz ein. Da der Zuzug aus Tirol immer stärker wurde, entstand in Schäckowitz, südlich von Auspitz, eine neue Täufergemeinde. Unter den Täufern in Mähren war es zu neuen Streitigkeiten und Spaltungen gekommen. H. gelang es aber, die Ordnung wieder herzustellen und eine Organisation zu schaffen, "welche die mährischen Gemeinden dem drohenden Verfall entriß und seinen Namen bis auf den heutigen Tag im Gedächtnis der Brüder erhalten hat". H. gründete gemeinsame Siedlungen unter Verwirklichung eines christlichen Kommunismus, die sog. Haushaben oder Bruderhöfe. Der Mährische Landtag, der in der Fastenzeit 1535 in Znaim zusammentrat, bewilligte auf Wunsch des anwesenden Königs Ferdinand I. die Ausweisung aller Täufer. Sie zerstreuten sich darauf in alle umliegenden Länder. Ein Augenzeuge berichtet: "Jakob Huter, als ihr Diener am Wort, nahm sein Bündel auf den Rücken. Desgleichen taten seine Gehilfen und alle Brüder und Schwestern samt ihren Kindern und zogen paarweise miteinander hinaus, dem Jakob, ihrem Hirten, nach. Wurden also wie eine Herde Schafe ins Feld getrieben. Gleichwohl wollte man sie an keinem Ort lagern lassen, bis sie endlich auf dem Grund des Herrn von Lichtenstein bei Tracht angelangt waren. Da legten sie sich auf die weite Heide unter dem lichten Himmel mit vielen elenden Witwen und Waisen, Kranken und unerzogenen Kindlein". H. schrieb an den Landeshauptmann Kuna von Kunstadt-Lukow einen Brief, um die Lage seiner Glaubensgenossen zu verbessern. Der Brief hatte nur eine Verschlimmerung der Lage H.s zur Folge. Man forschte nach ihm und suchte ihn, aber überall vergebens. Die Gemeinde bat ihn dringend, nach Tirol zu gehen. So übertrug er sein Amt in Mähren Hans Amon und nahm von den Geschwistern Abschied. In Verbindung mit ihnen aber blieb er durch zahlreiche Sendschreiben. H. wurde verfolgt; aber er fürchtete sich nicht vor Haft, Marter und Tod. Als er am 30.11. 1535 mit seiner Frau, die ein Kind erwartete, in Klausen (Tirol) im Haus des früheren Mesners Hans Steiner jenseits der Eisackbrücke übernachtete, wurde H. zur Nachtzeit in aller Stille von dem fürstbischöflichen Pfleger auf Seben und dem Stadtrichter überfallen, niedergeworfen und mit seiner Frau, "dann einer fremden Dirn" und der alten Mesnerin gefangen und auf die nächst Klausen gelegene bischöfliche Feste Brandzoll gebracht. Am 9.12. schaffte man H. nach Innsbruck. Wiederholt wurde er verhört. Der Stadtpfarrer von Hall und andere Theologen sowie gelehrte Laien bemühten sich vergeblich, ihn zum Widerruf zu bewegen. Am 24.12. traf die köngiiche Entschließung ein: "Wir sind der Zuversicht, daß die Gefangennahme Huters nicht wenig zur Ausrottung der wiedertäuferischen Sekte beitragen werde. Darum wir auch endlich entschlossen seien, gedachten Huter, ob er gleichwohl von seinem Irrtum abstehen, widerrufen und Buße tun wollte, in keinem Wege zu begnaden, sondern gegen ihn als den, der in unseren Landen und an mehr Orten viele Personen verführt, sie in Abfall unseres wahren, heiligen, christlichen Glaubens zur Verlierung ihrer Seelen Seligkeit, auch um ihr Leib und Gut gebracht hat, mit der Strafe, welche er hoch und vielfältig verschuldet hat, vorgehen zu lassen". Da er weder widerrief noch seine Brüder verriet, unterzog man ihn peinlichen Verhören, ohne jedoch etwas zu erreichen. In der "Abscheidung des lieben und getreuen Bruders Jakob Huter in kurzem verfaßt" heißt es: "Da mußte er grausame Marter und Pein erdulden, nämlich also: erstlich setzten sie ihn in ein gefrorenes Wasser, zogen ihn wiederum heraus und taten ihn in eine warme Stube. Darauf schnitten sie ihm auf seinen Rücken Wunden, gossen darein Branntwein, zündeten den an und ließen es also in seinen Wunden brennen. Aber sie konnten mit einer solchen greulichen Tat noch nicht satt werden, sie hatten keine Ruhe, bis sie ihn von der Erde brachten. So verurteilten sie ihn zum Feuertode und verbrannten ihn lebendig. Also besiegelte und bekräftigte er diesen seinen Glauben recht als ein christlicher Held und Heerführer, Ritter und Kämpfer der Wahrheit zu einem rechten Exempel, Beispiel und Reizung oder Nachfolgung aller wahren gläubigen, gottergebenen Menschen". H.s Gattin war inzwischen in Brandzoll verhört worden, verharrte aber auf ihrer "verfluchten einfältigen Meinung". Sie wurde nach Guffidaun gebracht, konnte aber von dort entkommen. Zwei Jahre später fiel sie abermals in die Hände der Obrigkeit und wurde auf Schöneck gerichtet. Alle haben H. das Verdienst zuerkannt, "die unter den mährischen Täufern locker gewordene Zucht und Ordnung wiederhergestellt, die vielfach durchbrochene Gemeinschaft den einreißenden Sondergelüsten gegenüber befestigt, die Gemeinde von unreinen Elementen gesäubert und den Mißbräuchen, die andernorts die Auflösung der Gemeinden nach sich zogen, gesteuert zu haben". Seine Anhänger, die "Hutterischen Brüder", wurden 1622 durch die Gegenreformation aus Mähren vertrieben, hielten sich in Ungarn und Siebenbürgen, gaben 1685 die Gütergemeinschaft auf, mußten 1733 ihre Kinder nach katholischem Ritus taufen lassen und gingen allmählich in die katholische Kirche auf. Reste der "Hutterischen Brüder" aus Siebenbürgen flüchteten 1781 in die Ukraine und 1874 nach Montana, Süddakota und Kanada, wo heute 120 Bruderhöfe mit etwa 10 000 Seelen bestehen.

Werke: 8 Sendschreiben: verz. v. Robert Friedmann, Die Schrr. der H.ischen Täufergemeinschaften. Gesamtkat. ihrer Ms.bücher, ihrer Schreiber u. ihrer Lit. (1529-1667), in: Denkschr. der Östr. Akad. der Wiss., Phil.-hist. Klasse 86, 1695, 118 f.; teilw. veröff. v. Lydia Müller, Glaubenszeugnisse oberdt. Taufgesinnter, in: QFRG 20, 1938, 148-190; ganz, allerdings in modernem Dt. wiedergegeben v. Hans Fischer, J. H. Leben, Frömmigkeit, Briefe, in: Mennonite Historical Serie, 4, 1956.

Lit.: Josef Beck, Die Gesch.bücher der Wiedertäufer in Östr.-Ungarn, in: Fontes Rerum Austriacarum, Östr. Gesch.qu., 2. Abt. Diplomataria et Acta. 43 Bd., Wien 1883; - Johann Loserth, Der Anabaptismus in Tirol v. seinen Anfangen bis z. Tode J. H.s (1526-1536), in: AÖG 78, 1892; - Der Anabaptismus in Tirol v. 1536 bis zu seinem Erlöschen, ebd. 79, 1893; - Ders., Der Kommunismus der mähr. Wiedertäufer im 16. bis 17. Jh. Btrr. zu ihrer Gesch., Lehre u. Verfassung, ebd. 81, 1895,61 ff.; - Rudolf Wolkan, Die Hutterer, Wien 1918; - Gesch.-Buch der Hutter. Brüder, hrsg. v. dems., ebd. 1923; - Robert Liefmann, Die kommunist. Gemeinden in Nordamerika, 1922; - C. H. Smith, The Story of the Mennonites, 1920 (19503); - Lydia Müller, Der Kommunismus der mähr. Wiedertäufer, 1927; - Dies., Glaubenszeugnisse oberdt. Taufgesinnter, in: QFRG 20, 1938, 148-190; - Bertha W. Clark, Die Hutter. Gemeinschaften. Aus dem Engl. übers. v. der Leitung der Schulgemeinde des Bruderhofes Neuhof (Fulda), 1929; - Wilhelm Wiswedel, Bilder u. Führergestalter aus dem Täufertum II, 1930, 201 ff. (J. H., ein Felsenmann unter den Täufern); - A. J. F. Zieglschmid, Unpublished 16th Century Letters of the Hutterian Brethren, in: Mennonite Quarterly Review, April 1941; - Ders., Die älteste Chron. der H.ischen, 1943; - Ders., Das Klein-Gesch.buch der Hutter.Brtider, 1947; - E. Widmoser, Das Tiroler Täufertum, in: Tiroler Heimat 15, 1951, 45-90; 16, 1952, 103-128: - Grete Mecenseffy, Gesch. des Prot. in Östr., 1956; - Hans Fischer, J. H. Leben, Frömmigkeit u. Briefe, Newton 1957; - Victor John Peters, A History of the Hutterian Brethren 1528-1958 (Diss. Göttingen), 1960; - Ders., All Things commun. The Hutterian Way of Life, Minneapolis 1965; - Hans Joachim Hillerbrand, Bibliogr. des Täufertums 1520-1630, in: Qu. z. Gesch. der Täufer X, 1962, 76; - Hans Petri, Die Hutter.Brüder in Südosteuropa u. Südrußland, in: Ostdt. Wiss. 11, 1964, 181-208; - Ders., Württemberg u. die Hutter.Brüder, in: Bll. f. württemberg. KG, 1966-67, 296-311; - Robert Friedmann, Hutterite Studies, hrsg. v. Mennonite historical Review, 1961; - Ders., J. H.'s epistle concerning the schisme in Moravia in 1533, in: Mennonite quarterly review 38, 1964. 329-343; - Ders., Hutterite worship and preaching, ebd. 40, 1966, 5-25; - Ders., A Hutterite census for 1969: H. growth in one century, ebd. 44, 1970, 100-105; - Herta Hartmannshenn, Die Hutter.Brüdergemeinen in Kanada, in: Mennon. Gesch.bll. 23, 1966, 12-18; u. in: Zschr. f. Kulturaustausch 16, 1966, 36-39; - Wolfgang Schäufele, Das missionar. Bewußtsein u. Wirken der Täufer. Dargest. nach oberdt. Qu. (Diss. Heidelberg), Neukirchen-Vluyn 1966; - Hans Knübel, Die Huttersiedlungen in Mittelkanada, in: Geogr. Rdsch. Zschr. f. Schulgeogr. 19, 1967, 61-63; - Pairicia Sawka, The Hutterian way of life, in: Canadian geographical journal 77, Montreal 1968, 127-131; - Ugo Gastoldi, Le communisme de Freres Hutterites, in: Revue reformee 25, St. Germain-en-Laye 1973, 74-95; - Hertha Wolf-Beranek, Die Huter.Brüder,. Gesch. der christ-kommunist. Habaner im alten Östr., in: Damals, Zschr. f. geschichtl. Wissen 1974, 457-470; - MeunLex II, 375; - MennEnc II, 851-854; - ADB XIII, 460; - NDR X, 91 f.; - RGG III, 495 f.; - Hdb. d. KG IV, 189; - Biogr. Lex. z. Gesch. d. böhm. Länder I, hrsg. v. H. Sturm, 1976; - Kosch, LL VIII, 19813, 319.

Friedrich Wilhelm Bautz

Letzte Änderung: 09.07.2008