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Band II (1990)Spalten 1222-1226 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HUTTEN, Ulrich von, Humanist, Publizist, Politiker, * 21.4. 1488 Burg Steckelberg b. Schlüchtern (Hessen), † 29.8. 1523 Insel Ufenau im Zürichsee. H. entstammte einem alten fränkischen Reichsrittergeschlecht, Sohn des Fuldaer Rats Ulrich v. H. (1458-1522) und der Ottilie († 1523), Tochter des Philipp von Eberstein († 1473), hanauer Amtmann zu Steinau. H. vom Vater für den Fuldaer Prälatenstand bestimmt, besuchte seit 1498 die Klosterschule Fulda, erhielt das Biennium Studii für Erfurt, wo er bis 1505 als Mentor blieb, studierte in Mainz, Köln und Greifswald und war 1506 Magister in Frankfurt/Oder. Dort erwarb er den artistischen Backaler und zählte zum literarischen Kreis des Bischofs Dietrich v. Bülow. 1508 bis 1509 las er in Leipzig über Humanoria und schrieb in seiner darauffolgenden Zeit in Rostock Gedichte. H. geriet in Streit mit dem Greifswalder Lötz und setzte sich mit seinen "Querelen gegen die Lötz" (1510) als lateinischer Dichter durch. Nach seinem Aufenthalt 1511 in Wien bei J. Vadian, wo er mit dem national gesinnten Humanismus in Berührung kam, studierte H. 1512/13 in Pavia und Bologna Jura, wurde später aus materieller Not Landsknecht und schrieb Epigramme an Maximilan I., denen ghibellinische Vorstellungen von Kaiser und Reich zugrunde liegen. Hier liegen Anfänge seiner antipäpstlichen Publizistik. 1514 kehrt H. nach Deutschland zurück und wurde von seinem ehemaligen Kommilitonen aus Frankfurt Mgf. Albrecht von Brandenburg (später Kf. und Erzbischof von Mainz) aufgenommen. Dieser ermöglichte H. die Fortsetzung seines Studiums 1516/17 in Rom bei Hummelberg und Corycius und in Bologna bei Domherr Jakob v. Fuchs und Joh. Cochlaeus. Schon 1514 kam H. mit dem mittel- und oberrheinischen Humanismus in Berührung, verteidigte kämpferisch mit dem Gedicht "Triumphus Capinionis" (gedr. 1518) und durch Betrachtungen zu den Dunkelmännerbriefen J. Reuchlin, den die deutschen Dominikaner wegen seines Eintretens für die Erhaltung jüdischer Schriften verfolgten. H. lernte Erasmus kennen, der ihn als lateinischen Dichter schätzte und setzte sich für eine moralische Kirchenreform und ein nationales Reich ein. H. wendete sich trotz seiner breiten antiken Bildung aktuellen Themen, der "vita activa" und Ereignissen seiner Zeit zu. 1516 schrieb er in Bologna den Zweitband der "Epistolae Obscurorum Vivorum", den er mit Crotus Rubenus geplant hatte und der sich nicht gegen Glaube und Kirche sondern ein veraltetes Bildungssystem wendete. 1517 entstand der sich stilistisch an Lukian anlehnende Dialog "Phalarius", in dem er Herzog Ulrich v. Württemberg, der Mörder H.s Vetter Hans v. H., anprangerte. Seine fünf forensischen Reden gegen den württembergischen Herzog stärkten den politischen Widerstand gegen das Territorialfürstentum. Maximilian I., H. wegen der italienischen Feldepigramme verbunden, krönte ihn 1517 auf dem Reichstag zu Augsburg zum poeta laureatus, verlieh ihm die Würde eines Dr. legum und "Eques auratus" und ernannte ihn zum kaiserlichen Orator. Als Sondergesandter des Erbischofs Albrecht von Mainz ging er bis Januar 1518 an den französischen Königshof und kam in Berührung mit dem französischen Humanismus. Als ständiger Hofrat stand H. im Dienst Albrechts, der Mainz zu einem "Main-Florenz der Wissenschaften" ausbauen wollte. In literarischen Dialogen und Streitschriften griff H. Rom erneut und schärfer an, gab Laurentius de Vallas Schriften über die Konstantinische Schenkung mit einer höhnischen Vorrede an Leo X. neu heraus und rief im Augsburger Reichstag 1518 Kaiser und Fürsten in der Exhortatio ad wincipes Germaniae, das ein reichspolitisches Reformprogramm beinhaltete, zum Türkenkrieg auf. Zusammen mit Franz von Sickingen nahm er 1519 an der Vertreibung des württembergischen Herzog Ulrich teil und der Kaiserwahl in Frankfurt. H. versuchte vergeblich, seine Reichsreformpläne, die vom Reformkatholizismus geprägt waren und einen Nationalstaat mit gestärkter kaiserlicher Zentralgewalt und Begrenzung der Macht des Territorialfürstentums beabsichtigten, gegen die Kurie durchzusetzen. H. wurde von Albrecht seines Dienstes enthoben und baute, jetzt im Dienst Erzherzog Ferdinands in Brüssel, von dem er sich eine Unterstützung seiner Reformpläne erhoffte, systematisch eine nationale Opposition auf. Nach der Leipziger Disputation sah H. Luther als die größte politische Kraft für eine Befreiung von Rom an, ohne aber dessen Anhänger zu werden; vielmehr wollte er die lutherische Bewegung für eigene politische Zielsetzungen nutzen. Bis 1521 schrieb H. weitere Streitschriften gegen Rom (Febris I und II, Inspicientes, Trias Romana), wegen der die Kurie H., der kein Ketzer war, mit dem Kirchenbann belegte. Von der Inquisition verfolgt, flüchtete H. 1520 auf die Ebernburg zum politisch aufsteigenden Franz v. Sickingen und verfaßte zahlreiche Schriften - jetzt auch wie Luther in deutscher Sprache - gegen Rom, die Kurie und weltliche Fürsten (Bulla vel Bullicida, Monitor I und II, Gesprächsbüchlein, Reimgedichte, Invekturen). Seine in hoffränkischem Deutsch abgefaßten Aufrufe richteten sich an das breite Volk und forderten es zum Aufruhr gegen die Geistlichkeit und die mit ihr verbündeten Landesfürsten auf. Sie erreichten eine politische Bewegung, die beim Wormser Reichstag 1521 einen wirksamen Faktor darstellte. H.'s Humanismus, vom vatinalen Humanismus Italiens geprägt, verband den Nationalbegriff mit dem humanistischen Bildungsbegriff. Sein politisches Anliegen war nicht neu, sondern unterstrich und verbreitete die Klagen deutscher Nationen gegen das politische Papsttum und prangerte die politische Verpflechtung von Kurie und Landesfürstentum als Gefahr für Reich und Nation an. Kaiserliche und päpstliche Diplomatie vermochten H. nicht von seinem politischen Handeln abbringen und der Kaiser sah sich genötigt, H.s und Sickingens Reformforderungen anzunehmen. Als sich dies im Wormser Edikt, das H. isolierte, als taktischer Schachzug kaiserlicher Politik erwies, brach H. mit dem Kaiser und eröffnete aus dem Untergrund seinen eigenen "Pfaffenkrieg". Die "Trierer Fehde" war der Versuch einer gewaltsamen Änderung der Zustände im Reich, die jedoch fehlschlug und damit das Scheitern H.s großer politischer Reformkonzeption bedeutete. Zuvor auf Burg Diemstein (bis November 1521) dann auf Burg Wartenberg (bis Mal 1522) versteckt, floh H. im Herbst 1522 von Burg Landstuhl nach Basel zu Erasmus, der H. jedoch abwies. H. erwiderte dies mit seiner Schrift "Expostu latio Erasmo" (1523), auf die Erasmus mit "Sponiga adversus aspergines Hutteni" antwortete. Zwingli nahm H. schließlich auf und bot ihm Ufenau im Züricher See als Zufluchtsort an, wo H. starb. Aus dem Nachlaß erschien 1529 der Dialog-"terminus", ein ungebrochener, vehementer Angriff auf das deutsche Territorialfürstentum. H. war der meistgelesene und -gedruckte deutsche Humanist. Weniger wegen seiner deutschen Schriften als wegen der lateinischen Publikationen, die eine langdauernde Wirkung auf die politische, kulturelle und literarische Entwicklung Deutschlands hatten, kommt H. als Literat eine hervorragende Bedeutung zu. In seinen politischen kulturkritischen und polemischen Schriften, die aktuelle Zeitfragen behandelten, brachte er Forderungen des Individualismus zum Ausdruck und schaffte für Deutschland erstmalig eine Synthese von Humanismus und Nationalismus. Sein politisches Handeln galt der Verwirklichung einer auf dem Recht beruhenden Lebens- und Staatsordnung der Nation in allen ihren Gliedern.

Werke: De arte versificandi. Liber unus herioco carmine, 1511; Ad divum Maximilianum Caesar, 1512; Epistolae obscurorum virorum. Briefe von Dunkelmännern, 1515?; 2 Bde., 1556; Ad Bilibaldum Pirckheymer patricium norimbergensem epistola vitae suae rationem exponens, 1518; Ad principes Germaniae ut bellum Turcis inuehant, 1518; Aula dialogus, 1518; Ex clamitio, 1518; Hoc in volumine haec continentur, n. d.; U.de Hutten ad Caesarem Maximil. ut bellum in Venetos coeptum prosequatur ex hortatium, 1519; De guaiaci medicina, 1519; Clag und Vormanug gegen übermäßigen unchristlichen Gewalt des Bapsts zu Rom, 1520; De schismate extinguendo, 1520; Hoc in libello haec continentur, 1520; Ad Carolum Idperatorum, 1520; Dialogi, 1520; Eine treue Warnung, 1520; Ain Clag über drn Brandt der Luterischen Bücher, 1521; Ein Klag über den Luterischen Brandt zu Mentz, 1521; Concilia, wie man die halten sol, 1521; Gespräch-büchlein, 1521; Hrsg. v. K. Kleinschmidt, 1957; Ulrich ab Hutten cum Erasmo roterrdamo, presbytero, theologo, expostulatio, 1523; Ars versificatoria, 1528; Arminis dialogus, 1529; De morbo galico, 1533; Commentarius in Artem versifacatoriam, 1535; Kurzer Auszug wie böslich die Bebste gegen den Deutschen Keisern jemals gehandelt, 1545; Lebendige ab contrafactur dess gantzen Bapstthumbes, 1546; De unitate Ecclesiae conservanda a schismate, 1562; Epistola qua et vitae suae rationem et temporum in quae aetas ipsius incidit conditionem luculenter descripsit, 1717; Gedichte, 1810; Querelarum libri duo, hrsg. v. G. Mohnike, 1816; Opera quae extant omnia, hrsg. v. E. Münch, 6 Bde., 1821-27: Equitis germani opera quae extant omnia, hrsg. v. E. J. Herman, 5 Bde., 1822-25, 1963; Jugendschrr. - Dichtungen didakt.-biogr. u. satyr-epigrammat. Inhalts. Zum erstenmal vollst. übers. u. erl., hrsg. v. E. Münch, 1832 (18502); Epistolae, 1842; Ulrichi Hutteni, equitis germani, opera, quae reperiri potuerunt omni (teilweise mit dt. Übers.), 5 Bde. u. 2 ErgBde. (mit den Epistolae obscurum virorum). Hrsg. v. Eduard Böcking, 1859-1870; U.s. v. H. dt. Schrr., hrsg. v. Siegfried Szamatolski, Straßburg 1891; Die deutschen Dichtungen, 1890-91, (Nachdr. Stuttgart 1974); Epistolae obscurorum virorum, hrsg. v. Aloys Böhmer, 2 Bde., 1924; Ich hab's gewagt! H. ruft Dtld., hrsg. v. K. Eggers, 1939, übers. v. K. Eggers, 1940; Arminius, ein Totengespräch, 1940; Sendbriefe; Die Freiheit der dt. Nation, 1943; Beklagung der Freistette dt. Nation, 1969. Ausg.: Auserlesene Werke, hrsg. v. E. Münch, 3 Bde., 1822-23. - Ausgewählte Gespräche und Briefe, hrsg. v. O. Stöckel, 1859, 1869. - Werke von Hutten, Müntzer, Luther, ausgewählt v. S. Streller, 2 Bde., 1970. - Dt. Schrr., hrsg. v. Peter Ukena, 1970. - Dt. Schrr., ausgewählt u. hrsg. v. Heinz Mettke, 2 Bde., 1972-74.

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Schmid, 1889, 97 f.; - Schottenloher I, Nr. 9157-9301; Nr. 666, Nr. 1609, Nr. 1837, Nr. 2567, Nr. 5725- 5726, Nr. 9812; II, Nr. 12697-12698, 12149, Nr. 13564; V, Nr. 47021- 47042c; - KLL I, 943 f. (Arminius); II, 2215 (Epistolae obscurorum virorum); III, 721-723 (Gespräch-Büchlein); - Goedeke II, 227-233; - ADB XIII, 464-475; - NDB X, 99-102; - RE VIII, 491; - EKL II, 221 f.; - RGG III, 496 f.; - EC VI, 1517 f.; - Catholocisme V, 1113 f.; - LThK V, 549 f.; - Gesch. d. Autobiogr. IV, hrsg. v. Georg Misch, 1969, 680 f.; - Kosch LL, 3. Aufl. VIII, 1981, 323-325.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

1987

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1989

Martin Treu, Balthasar Fabritius Phacchus. Wittenberger Humanist u. Freund U.s v.H., in: ARG 80.1989, S. 68-87; -

2008

Richard Ernest Walker, U.v.H.'s Arminius. An English transl. with analysis and commentary. Oxford 2008.

Letzte Änderung: 24.11.2008