IBN DAUD, Abraham, oder Abraham ben David ha-Levi, abgekürzt RABaD I. bzw. d. Ä., identisch mit Avendauth, jüdischer Geschichtsschreiber, Philosoph und Astronom, * um 1110 in Còrdoba, † um 1180 wahrscheinlich als Märtyrer in Toledo. - Von I.s Leben bis 1160 ist wenig bekannt. Fest steht, daß er als Enkel des Isaac ben Baruch Albalia seine Jugendzeit im Haus des Bruders seiner Mutter, Baruch ben Isaac Albalia, in Granada verbrachte. Bei diesem erhielt er eine umfassende Ausbildung: I. war vertraut mit der jüdischen Tradition, griechischer, arabischer und jüdischer Philosophie, Astronomie, dem Koran und dem Neuen Testament. Wahrscheinlich infolge der Almohadeninvasion ließ sich I. in Toledo nieder. I. übertrug dort zusammen mit dem bekannten Übersetzer Dominicus Gundissalinus arabische wissenschaftliche und philosophische Werke ins Lateinische. Um 1160/61 verfaßte er sein Geschichtswerk "Sefer ha-Kabbalah" (Buch der Überlieferung) zusammen mit den beiden Anhängen "Dibre malkej Jisra el be-Bajjit schnej" (Geschichte der Könige Israels zur Zeit des zweiten Tempels) und "Zikron dibre Romij" (Gedächtnis der Geschichte Roms). Die Historiographie "Sefer ha-Kabbalah" gibt einen Überblick über die Geschichte Israels und führt die ununterbrochene Reihe der Träger der jüdischen Überlieferung bis in die Zeit des Autors auf. Gegen die Karäer, die bedeutendste jüdische Sekte, die die in Mischna und Talmud kodifizierte mündliche Tradition des rabbinischen Judentums scharf ablehnten, wies I. in dem Werk nach, daß die Kette der jüdischen Tradition niemals unterbrochen wurde. Deutlich erkennbar ist das weniger historiographische Interesse des Verfassers, der hier versuchte, die Geschichtsschreibung in den Dienst seiner polemischen Argumentation in der Auseinandersetzung mit der Traditionskritik der Karäer zu stellen. In dem Anhang "Zikron dibre Romij "griff I. in scharfer Form die Christen an, indem er behauptete, das Neue Testament sei eine Fälschung Konstantins. Ebenfalls um 1160 entstand das religionsphilosophische Werk "Al-aqida al-Rafi'a" (Der erhabene Glaube). I. versuchte hier den Nachweis einer Vereinbarkeit von Glauben und Wissen. Das Werk gilt als der erste an dem arabischen Aristotelismus orientierte philosophische Entwurf im Umkreis des Judentums. Der Aristotelismus, der in den philosophischen Schulen des Islam bereits vorherrschend war, bekamt erst mit I. entscheidenden Einfluß auf die jüdische Philosophie, die bis dahin noch vom Neuplatonismus bestimmt war. Das aristotelische Modell des Gottesbeweises wurde von I. ergänzt: In seiner Konzeption ging er von der Kontingenz allen Seins mit Ausnahme der Existenz Gottes aus. Jede kontingente Wesenheit muß nun ihren Ursprung in etwas haben, das aus sich selbst heraus notwendig existiert. Von dieser Gottesvorstellung des islamischen Aristotelismus leitete I. die Einheit und Einzigartigkeit Gottes ab. Zwischen der wahren Philosophie und der Torah sah er eine völlige Übereinstimmung, da die Torah alle Wahrheiten umschließt. Das astronomische Werk des I. ist verloren. Zwar kann I. als der erste jüdische Aristoteliker bezeichnet werden, aber seine Schrift wurde bald durch das klassische Werk des jüdischen Aristotelismus, den "Dalalat al-Chairin" (Führer der Schwankenden) des Maimonides verdrängt. I. kann dennoch als einer der rationalistischsten jüdischen Philosophen seiner Zeit betrachtet werden. Seine religionsphilosophische Schrift kennzeichnet die Wende zum Aristotelismus in der jüdischen Philosophie des Mittelmeerraumes. Das "Buch der Überlieferung" hatte noch bis ins 19. Jahrhundert hinein Einfluß auf die jüdische Geschichtsschreibung. Seine Bedeutung liegt weniger in seiner historischen Darstellung als in seinem Zeugnis jüdischen Lebens und Denkens im Spanien des 12. Jahrhunderts.
Werke: Al-aqida al-rafi'a (Der erhabene Glaube), ins Hebr. übers. v. Samuel ibn Motot: "Ha-Emunah ha-nissa'ah", 1391, neu hrsg. u. ins Dt. übers. v. Simson Weil, "Sefer ha-Emunah ha-rama", Frankfurt a. M. 1852, Neudr. 1967; Sefer ha-Kabbalah (Buch der Überlieferung), ed. prima Mantua 1519, krit. hrsg. v. A. Neubauer, in: Mediaeval Jewish Chronicles I (1887), 47-84, hrsg., engl. übers. u. kommentiert v. Gerson David Cohen, Philadelphia 1967.
Lit.: J. Guggenheimer, Die Religionsphilosophie des Abraham ben David ha-Levi, Augsburg 1850; - D. Kaufmann, Geschichte der Attributenlehre in der jüdischen Religionsphilosophie des MA von Saadja bis Maimuni, 1877, 241-252, 341-360; - Jacob Guttmann, Die Religionsphilosophie des I. aus Toledo, Göttingen 1879; - Ders., Die Beziehungen der maimonidischen Religionsphilosophie zu der des I., in: Judaica, FS Hermann Cohen, Berlin 1912, 135-144; - Wilhelm Bacher, Die Bibelexegese der jüdischen Religionsphilosophen des MA vor Maimuni, 1892, 137-155; - D. Neumark, Geschichte der jüdischen Philosophie des MA, Bd. 1, 1907, 510-523, 566-576; - S. Horovitz, in: Jahresbericht des jüd.theol. Seminars Breslau 1912, 212-286; - Ismar Elbogen, I. als Geschichtsschreiber, FS Jakob Guttmann, Leipzig 1915, 186-205; - J. Bagen, Sefer ha-Kabbalah de R. A. ha-Levi b. Daud, Granada 1922; - Marie-Thérèse d'Alverny, Avendauth?, Homenaje a Millás - Vallicrosa, Barcelona 1954, 19-43; - Milton Arfa, I. and the Beginnings of Medieval Jewish Aristotelianism, Ann Arbor/Michigan 1954; - Gerson David Cohen, The Story of the Four Captives, in: PAAJR 29 (1960/61), 55-131; - Jerome Gellmann, The Philosophical "Hassagot" of Rabad on Maimonides "Misnch Torah", in: New Scholasticism 58, 2 (1984), 145-170; - EJud I, 438 ff.; - EncJud VIII, 1159-1163; - LThK I,60 f.; - RGG3 III, 552; - TRE I,388 f.; - UJE V, 523.
Michael Tilly
Letzte Änderung: 09.04.2011