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Verlag Traugott Bautz
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INNITZER, Theodor, Erzbischof und Kardinal von Wien, * 25.12. 1875 in Neugeschrei-Weipert (heute; Vejprty, CSSR) im böhmischen Erzgebirge als Sohn eines Fabrikarbeiters, † 9.10. 1955 in Wien (Stephansdom). - I. wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und mußte nach dem Besuch der Pflichtschule als Lehrling in eine Textilfabrik gehen, um gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Mit der Unterstützung des Dechanten von Weipert, der die Begabung des jungen Knaben erkannt hatte, konnte er jedoch 1890 das Communal-Gymnaaium besuchen, von wo er 1892 auf das Staatsgymnasium in Kaaden (Eger) überwechselte und dort 1898 die Matura ablegte. In jenem Jahr trat I. in das Wiener Priesterseminar ein und nahm das Studium der Theologie an der Wiener Universität auf, das er 1902 mit der Bestnote abschoß. I. empfing am 25.7. 1902 die Priesterweihe und trat eine Stelle als Kaplan in Preßbaum nahe Wien an. Nachdem er 1903 wieder in das Priesterseminar zurückgekehrt war und dort als Studienpräfekt wirkte, führte er seine wissenschaftlichen Studien fort und promovierte mit einer Dissertation über das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Epheser- und Kolosserbrief 1906 zum Dr. theol. Zwei Jahre später nahm die Wiener Universität seine Schrift "Johannes der Täufer nach der Hl. Schrift und der Tradition" als Habilitation an und rief I. 1911 an den Lehrstuhl für Neutestamentliche Bibelwissenschaft. Über zwei Jahrzehnte lang blieb er der Theologischen Fakultät in Wien verbunden, dreimal wurde er zum Dekan gewählt, von 1928-29 bekleidete er das Amt des Rektors. I. konnte sich in dieser Zeit einen ausgezeichneten Ruf als neutestamentlicher Exeget in der Fachwelt verschaffen. Er verband historisch-kritische Methodik mit präziser philologischer Analyse und bezog in seine Studien sowohl die Tradition der Kirchenväter als auch die Ergebnisse der modernen biblischen Hilfswissenschaften mit ein. So verwendete I. als erster seines Faches bei der Auslegung der Leidensgeschichte Gutachten medizinischer Fachgelehrter. Hieraus entstand sein mehrfach aufgelegtes wissenschaftliches Hauptwerk, der "Kommentar zur Leidens- und Verklärungsgeschichte". Zuvor hatte er die vier Evangelienkommentare seines Lehrers und Lehrstuhlvorgängers Pölzl mit strenger Sorgfalt neu überarbeitet und neu aufgelegt. - I. widmete sein Talent und seine Arbeitskraft jedoch nicht nur allein der Wissenschaft, er trug auch entscheidenden Anteil an der kirchlich-kulturellen Arbeit des österreichischen Katholizismus. So redigierte er die Zeitschrift "Der Seelsorger" und die "Christlich-pädagogischen Blätter" und war Herausgeber der "Theologischen Studien der Leo-Gesellschaft". In dieser Gesellschaft versah er dann ab 1923 das Amt des Generalsekretärs. Bundeskanzler Schober berief den sozial engagierten Professor 1929 schließlich als Bundesminister für soziale Verwaltung in sein Kabinett. Hierbei erwirkte I. gerade für die durch die Inflation besonders betroffenen Kleinrentner und -pächter materielle Erleichterungen, auch im Wohnungswesen und in der Jugendfürsorge setzte er soziale Akzente. Durch den Sturz des Kabinetts Schober im September 1930 wurde eine Politik des Ausgleichs jedoch verhindert, und es zeichnete sich eine tiefe Staatskrise ab. Auf dem Höhepunkt der Krise wurde I. als Nachfolger von Pfiffl zum Erzbischof von Wien ernannt (19.9. 1932), nur wenige Monate später erfolgte die Erhebung zum Kardinal (13.3. 1933). I. und der Episkopat standen der autoritären Umgestaltung der demokratischen Republik Österreich in einen Ständestaat durch Kanzler Dollfuß, der sich dabei auf die Idee der Berufsständischen Ordnung der Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" (1931) berief, insgesamt wohlwollend gegenüber. Diese Haltung wurde durch den Abschluß des lang ersehnten Konkordats zwischen Österreich und Rom (5.6. 1933) entscheidend mitbeeinflußt. I. versuchte in den Jahren des Ständestaats durch den verstärkten Ausbau der Caritas und die Neubewertung der Laienarbeit in der Katholischen Aktion den kirchlichen Beitrag zur Linderung der sozialen und gesellschaftlichen Krise zu erhöhen. Als das Ende des österreichischen Staates durch den gewaltsamen "Anschluß" an Hitler-Deutschland gekommen war (15.3. 1938), irritierte der Kardinal das In- und Ausland mit seiner naiven Hoffnung auf ein leichtes und sogar gewinnbringendes Arrangement mit den neuen Machthabern. Noch am 15.3. 1938 stattete I. dem in Wien weilenden Hitler einen Höflichkeitsbesuch ab. Wenige Tage später unterzeichneten I. und der Episkopat eine von Gauleiter Bürckel verfaßte "Feierliche Erklärung" (21.3. 1938), in der die Bischöfe die Verdienste der NS-Politik würdigten und es dem österreichischen Volk zur "nationalen Pflicht" machten, bei der anstehenden Volksabstimmung für den "Anschluß" zu votieren. Die anfängliche Euphorie I.s, die auch in Rom Befremden hervorrief, sollte alsbald durch die kirchenfeindlichen Maßnahmen des NS-Regimes ernüchtert werden. Am 8.10. 1938 erstürmten Mitglieder von SA und HJ das erzbischöfliche Palais und bedrohten den Kardinal und seine Mitarbeiter; bald darauf wurden kirchliche Presse und Vereine verboten und die Konkordatsbestimmungen - ähnlich wie in Deutschland - für nichtig erklärt. I. und dem Episkopat gelang es jedoch, den kirchlichen Binnenraum weitgehend intakt zu halten und darüber hinaus den besonders Verfolgten des NS-Regimes, den Juden, Hilfe zu gewähren. I. richtete für diese Gruppe in seinem Palais 1940 die "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" ein und rettete damit zahlreichen Menschen das Leben. Außer in politischen Kämpfen hatte I. auch in bedeutenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen zu bestehen. Denn er war ein gewichtiger Fürsprecher der liturgischen Erneuerung in der katholischen Kirche und geriet hierbei mit dem Freiburger Erzbischof Gröber in Fragen um die Liturgie Anfang der 40er Jahre in Konflikt. Allerdings standen dann mit dem Jahre 1945 die ganz praktischen Fragen des Überlebens und des Wiederaufbaus im Zentrum. I. gab daher seinem Klerus die strikte Weisung, nicht zu weltlichen oder politischen Fragen Stellung zu nehmen, sondern Caritas und Seelsorge in den Vordergrund zu rücken. Um den Wiederaufbau der beschädigten und zerstörten Kirchen zu beschleunigen, ließ er nun eigens ein erzbischöfliches Bauamt einrichten. 1948 feierte I. zusammen mit der begeisterten Wiener Bevölkerung die Wiedereröffnung des Stephansdoms. - Es war dennoch nicht übersehbar, daß I. zu einer umstrittenen Figur geworden war. Seine allzu schwankende und politisch naive Haltung besonders zu Anfang des NS-Regimes gegenüber dem Nationalsozialismus wie auch seine unkritische Einstellung zum Dollfuß-Ständestaat hatten ihn großen Teilen der Öffentlichkeit entfremdet. Auch in der heutigen Forschung werden die Stellungnahmen I.s kontrovers diskutiert. Jedenfalls stellte der Vatikan 1950 dem Kardinal den dynamischen Dr. Franz Jachym als Koadjutor zur Seite, der nunmehr de facto die Diözese leitete. Das letzte wichtige Ereignis vor I.s Tod war dessen Teilnahme am 1. Allgemeinen Österreichischen Katholikentag, wo er als päpstlicher Legat auftrat. I. starb am 9.10. 1955 in Wien und wurde unter großer Teilnahme der Bevölkerung im Stephansdom beigesetzt.
Werke: Johannes der Täufer. Nach der Hl. Schrift und der Tradition dargestellt, Wien 1908; Die Parabeln der Evangelien, Wien 1909; Kurzgefaßter Kommentar zu den vier hl. Evangelien. Begr. v. F. X. Pölzl, fortges. v. Jh. I., 5 Bde., Graz-Wien 1912 ff., 41928/48; Hofrat Dr. F. X. Pölzl, Graz 1915; Was ist uns die Bibel? = Studienhefte. Relig.wiss. Reihe 3, Wien 1920, Kurzgefaßter Kommentar zur Leidens- und Verklärungsgeschichte Jesu Christi, Graz 1924; Zusammen mit H. Balsz u. F. Wilke, Die Religionen der Erde in Einzeldarstellungen, = Wissenschaft und Kultur der Erde 2, Leipzig-Wien 1929; (Hrsg.) Der Seelsorger 7/8, Wien 1931/32; Die sozialen Aufgaben der Schule, = Schriften d. päd. Inst. d. Stadt Wien 3, Wien-Leipzig 1935; Glaubensbrief, 3 Hefte, Wien 1939/40; Die Stimme der Kirche zur sozialen Frage, = Schriftenreihe d. Wiener Kath. Akademie 1, Wien 1946; (Hrsg.) Psalterium Breviarii Romani secundum novam e textibus primigeniis interpretationem Latinam Papae Pii XII. auct..., Wien 1946; Kommentar zur Leidens- und Verklärungsgeschichte Jesu Christi, Wien 1948; Er ist auferstanden! Wien 1949; (Hrsg.) Der Stephansdom bittet Österreich und die Welt, Wien 1950; Was tun wir selbst? I. und F. Jachym rufen zur Hilfe für junge Familien, Wien 1951.
Lit.: Albert H. Rügenau, Dr. Th. I. Wiens neuer Kardinal, 1933; - Bernhard Birk, Unser Kardinal. Eines Priesters und Menschen Weg, 1935; - Kard. I., hrsg. v. Verlag d. Wiener Kirchenblatts, 1945; - Theol. Fragen der Gegenwart, Festgabe f. Kard. I., hrsg. v. d. Kath. Theol. Fak. Wien, 1952; - F. Jachym, in: Wiener Kirchenblatt v. 16.10.1955; - Kard. Th. I. zum Gedächtnis, in: Wiener Diözeseanblatt 12, 1955; - W. Lorenz, C'est l'amour seul qui compte, in: Wort und Wahrheit 10, 1955, 881-884; - Eh. Th. I., o. V., 1956; - R. Hacker, Kard. I. (= Schriftenreihe d. Sudetendeutschen Priesterwerkes Königstein/Taunus 4), 1956; - Karl Mühldorf (Hrsg.), EB. Dr. Th. I., unser Kardinal. Ein Erinnerungsbuch, 1956; - I. Gampl, Kard. I. als Diözesegesetzgeber, in: ÖAKR 8, 1957, 161-184; - R. Hacker, Der Sendbote des Herzens Jesu, 1957, 272-275; - Ladislaus Klener, Das Wiener Seelsorgeinstitut u. Seelsorgeamt. Ihr Wirken f. d. Fortbildung des Klerus unter Kard. I., 1957; - Erika Weinzierl, Die österr. Konkordate v. 1855-1933, 1960, 181-249; - J. E. Mayer, in: Kirche in Österreich 1918-1965, 1966, Bd. 1, 88-96; - Viktor Reimann, I. - Kard. zwischen Hitler und Rom, 19672; - Franz Groß/Franz Loidl, Insultation Kard. I. durch Radikal-Nationalsozialisten Anfang Juli 1939 (= Miscellanea 6), 1976; - Kard. I. Fürbitten für Todeskandidaten. Helfer zum Kriegsende (= Miscellanea 29), 1977; - Lothar Groppe, Die erzbischöfl. Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien (= Miscellanes 64), 1978; - Martin Krexner, Th. Kard. I., Vorläufige Biographie in Daten ( Miscellanea 41), 1978; - Josef Kremsmair, Der Weg zum österr. Konkordat von 1933/34, Diss. 1880; - Franz Loidl, 1.- Populär und umstritten, in: Jahrbuch der Erzdiözese Wien 1980, 206-209; - Theodor Maas-Ewerd, Die Krise der liturgischen Bewegung in Deutschland und Österreich, 1981; - Maximilian Liebmann, Kard. I. und der Anschluß, 1982; - Franz Loidl, Geschichte des Erzbistums Wien, 1983, 325-331; - Franz Loidl/Martin Krexner, Wiens Bischöfe und Erzbischöfe, 1983, 86-88; - Erwin Gatz, Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 - 1945. Ein biograph. Lexikon, 1983, 339-343; - LThK V, 685; -NDB X, 174-175; - NÖB XX, 20-28.
Bernd Wildermuth
Literaturergänzung:
Fenzl, Annemarie (Hrsg.), Franz Jachym, Eine Biographie in Wortmeldungen, Wien-München 1985.
Letzte Änderung: 21.02.2008