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Band II (1990) Spalten 1441-1444 Autor: Rainer Witt

JÄSCHKE, Heinrich August, Missionar und bedeutendster Sprachforscher der Brüdergemeine, übersetzte das Neue Testament in das Tibetische, * 17.5. 1817 in Herrnhut als Sohn eines Bäckermeisters, + 24.9. 1883 ebd. - J. wuchs in der von tiefer Frömmigkeit und materieller Bescheidenheit geprägten Gemeinschaft von Herrnhut, dem Stammort der evangelischen Brüderkirche, auf. Da der Knabe eine außergewöhnliche Begabung hatte und schon an der Herrnhuter Bürgerschule seinen Lehrern aufgefallen war, gewährte ihm die Gemeinschaft - auf Anraten des Predigers Steengard - eine Freistelle am Pädagogikum (= Gymnasium) der Gemeinde in Niesky. Hier nahm er in allen Fächern und Klassen den Primusplatz ein, besondere Leistungen aber vollbrachte er auf den Gebieten der Sprachen und der Musik. Seine ungewöhnliche Fähigkeit, sehr schnell und perfekt eine fremde Sprache zu erlernen, stellte er etwa während seines zweijährigen Studienaufenthaltes am theologischen Seminar in Gnadenfeld (Oberschlesien) unter Beweis; in kürzester Zeit beherrschte J. die polnische Sprache sowie den polnischen Dialekt, der in der Gegend bei Gnadenfeld gesprochen wurde. Als er 1837 eine Stelle als Institutslehrer im Knaben-Erziehungsheim in Christiansfeld (Nordschleswig) annahm, eignete sich J. mühelos die Sprache der dänischen Nachbarn an und erlernte während einer sechswöchigen Schwedenreise auch diese Sprache perfekt. Im Alter von 25 Jahren wurde J. an seine ehemalige Schule, dem Pädagogikum in Niesky, berufen, wo er von 1842-1856 als Lehrer - für alte und neue Sprachen -, Hausgeistlicher und Seelsorger wirkte. In diesen Jahren vervollkommnete er seine Sprachkenntnisse und begann sich intensiv mit dem Arabischen, Persischen und dem Sanskrit auseinanderzusetzen; am Ende seiner Lehrertätigkeit in Niesky 1856 beherrschte das Sprachgenie J. insgesamt 14 Sprachen. 1856, als die Missionsdirektion der Gemeine ihn für die Heidenmission im Himalaya berief, tat sich für J. ein völlig neues Aufgabenfeld und damit ein neuer Lebensabschnitt auf. Die Gemeine, die sich von jeher als Missionskirche verstand, hatte seit 1850 das buddhistische China und Tibet ins Blickfeld christlicher Mission gestellt. Doch war den Missionaren Heyde und Pagell der Zutritt in diese Länder verwehrt worden, weshalb sie an der Westgrenze zu Tibet, im Himalayagebiet in Kyelang (Provinz Lahoul) 1854 eine Missionsstation der Gemeinde errichtet hatten. Mit doppeltem Auftrag war J. nach halbjährlicher Reise am 23.5. 1857 in Kyelang zu ihnen gestoßen. Während ihn seine erste Aufgabe, die Leitung der Missionsstation im Himalaya, völlig überforderte - J. besaß einen ausgeprägten Sonderlingscharakter, was einen kollegialen Umgang mit Heyde und Pagell sehr erschwerte, zudem führten seine übertriebene Sparsamkeit und Askese immer wieder zu Spannungen zwischen den Missionaren, so daß er sich 1863 von der Leitung der Mission befreien ließ -, meisterte J. seine zweite Aufgabe, die Erlernung des Tibetischen und die Bibelübersetzung, glänzend. Nachdem ihm die bereits vorhandenen Wörterbücher und Grammatiken keine sehr große Hilfe geboten hatten, gelang J. über die Bekanntschaft mit dem jungen Lama Stobgyes der entscheidende Durchbruch zum Verständnis des Tibetischen: mit dessen Hilfe erlernte er das klassische Tibetisch. Damit war aber auch die Basis geschaffen, die tibetische Volkssprache sowie die in den Seitentälern des Himalaya gesprochenen Sprachen Bunan, Tinan und den Ladakh-Dialekt zu lernen. In rascher Folge entstand nun das umfangreiche Schrifttum J.s, das sich in drei Gruppen gliedern läßt. Die erste Gruppe umfaßt dabei die Schulbücher und Erbauungsschriften, die J. für den unmittelbaren Missionsalltag verfaßt hatte; die zweite Gruppe beinhaltet die wissenschaftlichen Abhandlungen über das Tibetische, die ab 1865 in den Monatsberichten der Berliner Akademie erschienen, sowie das Wörterbuch und die Grammatik, die beide heute noch unverändert Gültigkeit besitzen; als letzte Gruppe muß die Bibelübersetzung selbst verstanden werden, die J. zuletzt, als er sich im Tibetischen wirklich sicher glaubte, in Angriff nahm. J. versuchte dabei, keine ganz neuartige Terminologie zu schöpfen, sondern die Begriffe so eng wie möglich an die buddhistischen Begriffe anzulehnen, um die größtmögliche Verständlichkeit zu erreichen. Den Begriff »Gott«, der dem Buddhismus völlig fremd ist, übersetzte J. dann mit einem Ausdruck, der in der tibetischen Volkssprache sehr bekannt war: »das kostbare Ding«. Doch die anstrengende und mühevolle Arbeit in dem rauhen Klima des Himalaya, gepaart mit der sich selbst gegenüber schonungslosen Arbeitsweise, wie sie dem Asket J. eigen war, forderte bald ihren Tribut: ein Rheuma- und Nervenleiden zwang den Sprachforscher nach 12-jähriger Missions- und Übersetzungsarbeit 1868 zur Rückkehr nach Herrnhut. J. gönnte sich nur eine kurze Ruhepause, um sogleich an der Verbesserung und Neuausgabe seines Hauptwerkes, dem »Handwörterbuch der tibetischen Sprache« zu arbeiten. Ab 1878 jedoch erlaubte sein verschlimmerter Gesundheitszustand keine Schreibarbeiten mehr. Die letzten Jahre seines Lebens überwachte er noch den Neudruck seiner Neuen Testament-Übersetzung; nach längerem Leiden verstarb J., der wohl bedeutendste Sprachforscher der Brüdergemeine, am 24.9. 1883 im Alter von 66 Jahren.

Lit.: A short periodical grammar of the Tibetan Language with special reference to the spoken dialects, Kyelang 1865; A Romanized Tibetan and English Dictionary, Kyelang 1866; Handwörterbuch der tibetischen Sprache, 1871 (= Tibetisch-deutsches Lexikon, Gnadau 1876); Tibetan-English Dictionary, London 1881; Tibetan Grammar, London 1883; NT in klassischem Tibetisch, Berlin 1885; Aufsätze: Kleinere Artikel über die Phonologie und Grammatik des Tibetischen in den Monatsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1860, 1865, 1866, 1867; Probe aus dem tibet. Legendenbuch: die 100 000 Gesänge des Milaraspa, in: Zeitschrift d. Dt. Morgenländ. Gesellschaft 23 (1869), 543-558; (Mit J. E. T. Aitchison) Lahoul, its flora and vegetable products, in: The Journal of the Linnean Society of London, Botany, 10 (1869); Aus den Liedern des Milaraspa, in: August Hermann Francke, Geistesleben in Tibet, 1925.

Lit.: M Theodor Reichelt, Lebensskizze des Missionars J., in: Das Ausland 57 (1884), 104-108; - H. G. Schneider, Missionsbild aus dem westl. Himalaya, 1887; - Theodor Reichelt, Die Himalaya- Mission der Brüdergemeine, 1896; - August Hermann Francke, Bemerkungen zu J.s tibetischer Bibelübers., in: Zeitschrift der Dt. Morgenländ. Gesellschaft 51 (1897), 647-657; - Ders., Bruder J. und die tibet. Sprache, in: Die Brüder. Aus Vergangenheit und Gegenwart der Brüdergemeine, hrsg. v. Otto Uttendörfer und Walther E. Schmidt, 1914, 321 ff.; - Theodor Bechler, Kulturarbeit der Brüdergemeine in Himalaya 1914; - Gerhard Heyde, 50 Jahre unter Tibetern, 2 Bde., 1921/27; - Theodor Bechler, H. A. J., der geniale Sprachforscher der Mission der Brüdergemeine, 1930; - Adolf Schulze, 200 Jahre Brüdermission, Bd. II: 1834-1932, 1932; - Heinz Renkewitz (Hrsg.), Die Brüder-Unität, 1967 (= Kirchen der Welt, Bd. V); - Lexikon zur Weltmission, hrsg. v. Stephen Neill u. a., 1975, 238; - Hartmut Beck, 250 Jahre Mission der Brüdergemeine, 1981; - ADB L, 632 f.; - NDB X, 289 f.; - RGG III, 7 (nur 2. Auflage).

Rainer Witt

Letzte Änderung: 09.06.1998