JÄSCHKE, Heinrich August, Missionar und bedeutendster Sprachforscher
der Brüdergemeine, übersetzte das Neue Testament in das Tibetische,
* 17.5. 1817 in Herrnhut als Sohn eines Bäckermeisters, + 24.9. 1883
ebd. - J. wuchs in der von tiefer Frömmigkeit und materieller
Bescheidenheit geprägten Gemeinschaft von Herrnhut, dem Stammort der
evangelischen Brüderkirche, auf. Da der Knabe eine außergewöhnliche
Begabung hatte und schon an der Herrnhuter Bürgerschule seinen Lehrern
aufgefallen war, gewährte ihm die Gemeinschaft - auf Anraten des Predigers
Steengard - eine Freistelle am Pädagogikum (= Gymnasium) der Gemeinde
in Niesky. Hier nahm er in allen Fächern und Klassen den Primusplatz
ein, besondere Leistungen aber vollbrachte er auf den Gebieten der
Sprachen und der Musik. Seine ungewöhnliche Fähigkeit, sehr schnell
und perfekt eine fremde Sprache zu erlernen, stellte er etwa während
seines zweijährigen Studienaufenthaltes am theologischen Seminar in
Gnadenfeld (Oberschlesien) unter Beweis; in kürzester Zeit beherrschte
J. die polnische Sprache sowie den polnischen Dialekt, der in der
Gegend bei Gnadenfeld gesprochen wurde. Als er 1837 eine Stelle als
Institutslehrer im Knaben-Erziehungsheim in Christiansfeld (Nordschleswig)
annahm, eignete sich J. mühelos die Sprache der dänischen Nachbarn
an und erlernte während einer sechswöchigen Schwedenreise auch diese
Sprache perfekt. Im Alter von 25 Jahren wurde J. an seine ehemalige
Schule, dem Pädagogikum in Niesky, berufen, wo er von 1842-1856 als
Lehrer - für alte und neue Sprachen -, Hausgeistlicher und Seelsorger
wirkte. In diesen Jahren vervollkommnete er seine Sprachkenntnisse
und begann sich intensiv mit dem Arabischen, Persischen und dem Sanskrit
auseinanderzusetzen; am Ende seiner Lehrertätigkeit in Niesky 1856
beherrschte das Sprachgenie J. insgesamt 14 Sprachen. 1856, als die
Missionsdirektion der Gemeine ihn für die Heidenmission im Himalaya
berief, tat sich für J. ein völlig neues Aufgabenfeld und damit ein
neuer Lebensabschnitt auf. Die Gemeine, die sich von jeher als Missionskirche
verstand, hatte seit 1850 das buddhistische China und Tibet ins Blickfeld
christlicher Mission gestellt. Doch war den Missionaren Heyde und
Pagell der Zutritt in diese Länder verwehrt worden, weshalb sie an
der Westgrenze zu Tibet, im Himalayagebiet in Kyelang (Provinz Lahoul)
1854 eine Missionsstation der Gemeinde errichtet hatten. Mit doppeltem
Auftrag war J. nach halbjährlicher Reise am 23.5. 1857 in Kyelang
zu ihnen gestoßen. Während ihn seine erste Aufgabe, die Leitung der
Missionsstation im Himalaya, völlig überforderte - J. besaß einen
ausgeprägten Sonderlingscharakter, was einen kollegialen Umgang mit
Heyde und Pagell sehr erschwerte, zudem führten seine übertriebene
Sparsamkeit und Askese immer wieder zu Spannungen zwischen den Missionaren,
so daß er sich 1863 von der Leitung der Mission befreien ließ -, meisterte
J. seine zweite Aufgabe, die Erlernung des Tibetischen und die Bibelübersetzung,
glänzend. Nachdem ihm die bereits vorhandenen Wörterbücher und Grammatiken
keine sehr große Hilfe geboten hatten, gelang J. über die Bekanntschaft
mit dem jungen Lama Stobgyes der entscheidende Durchbruch zum Verständnis
des Tibetischen: mit dessen Hilfe erlernte er das klassische Tibetisch.
Damit war aber auch die Basis geschaffen, die tibetische Volkssprache
sowie die in den Seitentälern des Himalaya gesprochenen Sprachen Bunan,
Tinan und den Ladakh-Dialekt zu lernen. In rascher Folge entstand
nun das umfangreiche Schrifttum J.s, das sich in drei Gruppen gliedern
läßt. Die erste Gruppe umfaßt dabei die Schulbücher und Erbauungsschriften,
die J. für den unmittelbaren Missionsalltag verfaßt hatte; die zweite
Gruppe beinhaltet die wissenschaftlichen Abhandlungen über das Tibetische,
die ab 1865 in den Monatsberichten der Berliner Akademie erschienen,
sowie das Wörterbuch und die Grammatik, die beide heute noch unverändert
Gültigkeit besitzen; als letzte Gruppe muß die Bibelübersetzung selbst
verstanden werden, die J. zuletzt, als er sich im Tibetischen wirklich
sicher glaubte, in Angriff nahm. J. versuchte dabei, keine ganz neuartige
Terminologie zu schöpfen, sondern die Begriffe so eng wie möglich
an die buddhistischen Begriffe anzulehnen, um die größtmögliche Verständlichkeit
zu erreichen. Den Begriff »Gott«, der dem Buddhismus völlig fremd
ist, übersetzte J. dann mit einem Ausdruck, der in der tibetischen
Volkssprache sehr bekannt war: »das kostbare Ding«. Doch die anstrengende
und mühevolle Arbeit in dem rauhen Klima des Himalaya, gepaart mit
der sich selbst gegenüber schonungslosen Arbeitsweise, wie sie dem
Asket J. eigen war, forderte bald ihren Tribut: ein Rheuma- und Nervenleiden
zwang den Sprachforscher nach 12-jähriger Missions- und Übersetzungsarbeit
1868 zur Rückkehr nach Herrnhut. J. gönnte sich nur eine kurze Ruhepause,
um sogleich an der Verbesserung und Neuausgabe seines Hauptwerkes,
dem »Handwörterbuch der tibetischen Sprache« zu arbeiten. Ab 1878
jedoch erlaubte sein verschlimmerter Gesundheitszustand keine Schreibarbeiten
mehr. Die letzten Jahre seines Lebens überwachte er noch den Neudruck
seiner Neuen Testament-Übersetzung; nach längerem Leiden verstarb
J., der wohl bedeutendste Sprachforscher der Brüdergemeine, am 24.9.
1883 im Alter von 66 Jahren.
Lit.: A short periodical grammar of the Tibetan Language
with special reference to the spoken dialects, Kyelang 1865; A Romanized
Tibetan and English Dictionary, Kyelang 1866; Handwörterbuch der tibetischen
Sprache, 1871 (= Tibetisch-deutsches Lexikon, Gnadau 1876); Tibetan-English
Dictionary, London 1881; Tibetan Grammar, London 1883; NT in klassischem
Tibetisch, Berlin 1885; Aufsätze: Kleinere Artikel über die Phonologie
und Grammatik des Tibetischen in den Monatsberichten der Berliner
Akademie der Wissenschaften, 1860, 1865, 1866, 1867; Probe aus dem
tibet. Legendenbuch: die 100 000 Gesänge des Milaraspa, in: Zeitschrift
d. Dt. Morgenländ. Gesellschaft 23 (1869), 543-558; (Mit J. E. T.
Aitchison) Lahoul, its flora and vegetable products, in: The Journal
of the Linnean Society of London, Botany, 10 (1869); Aus den Liedern
des Milaraspa, in: August Hermann Francke, Geistesleben in Tibet,
1925.
Lit.: M Theodor Reichelt, Lebensskizze des Missionars
J., in: Das Ausland 57 (1884), 104-108; - H. G. Schneider, Missionsbild
aus dem westl. Himalaya, 1887; - Theodor Reichelt, Die Himalaya-
Mission der Brüdergemeine, 1896; - August Hermann Francke, Bemerkungen
zu J.s tibetischer Bibelübers., in: Zeitschrift der Dt. Morgenländ.
Gesellschaft 51 (1897), 647-657; - Ders., Bruder J. und die tibet.
Sprache, in: Die Brüder. Aus Vergangenheit und Gegenwart der Brüdergemeine,
hrsg. v. Otto Uttendörfer und Walther E. Schmidt, 1914, 321 ff.; -
Theodor Bechler, Kulturarbeit der Brüdergemeine in Himalaya 1914;
- Gerhard Heyde, 50 Jahre unter Tibetern, 2 Bde., 1921/27; -
Theodor Bechler, H. A. J., der geniale Sprachforscher der Mission
der Brüdergemeine, 1930; - Adolf Schulze, 200 Jahre Brüdermission,
Bd. II: 1834-1932, 1932; - Heinz Renkewitz (Hrsg.), Die Brüder-Unität,
1967 (= Kirchen der Welt, Bd. V); - Lexikon zur Weltmission, hrsg.
v. Stephen Neill u. a., 1975, 238; - Hartmut Beck, 250 Jahre Mission
der Brüdergemeine, 1981; - ADB L, 632 f.; - NDB X, 289 f.;
- RGG III, 7 (nur 2. Auflage).