JÖRG, Joseph Edmund, Archivar, Historiker, Publizist und Politiker;
herausragende Gestalt des politischen und sozialen Katholizismus in
der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, * 23.12. 1819 in Immenstadt (Allgäu)
als Sohn eines Glasermeisters und Amtsschreibers, † 18.11. 1901
auf Schloß Trausnitz bei Landshut. - J. wuchs mit vier jüngeren
Geschwistern in einem bescheidenen von kirchlich-bäuerlicher Weltsicht
geprägten Elternhaus auf. Nach dem Besuch der Klosterschule in Füssen
wechselte er auf das Gymnasium in Kempten über, das er mit 18 Jahren
erfolgreich abschloß, um 1838 das Theologiestudium in München aufzunehmen.
Hier förderten seine Lehrer, darunter insbesondere der Kirchenhistoriker
Ignaz Döllinger, den talentierten Studenten, der sich auch außerhalb
der Universität für kirchliche Zeitfragen interessierte und deshalb
durch Döllinger in die damals aktivste Gruppierung des deutschen Katholizismus,
den "Görres"-Kreis, eingeführt wurde. Neben Joseph Görres, der Zentralgestalt
des vormärzlichen Katholizismus und Verfasser der berühmten Kampfschrift
"Athanasius" (1838), und dessen Sohn Guido Görres, lernte J. hier
auch den Publizisten Jarcke und den Kirchenrechtler Philipps kennen.
Als J. 1843 sein Studium mit glänzenden Zensuren beendet und bereits
die niederen Weihen empfangen hatte, ergriff er jedoch nicht - wie
vorgesehen - den Priesterberuf, sondern nahm Döllingers Angebot, an
dessen Buch über die Reformation mitzuarbeiten, an, und wurde sein
Assistent. Dieser Entscheidung lag dabei nicht nur das bei J. erwachte
Interesse an der Geschichte zugrunde, sondern sie hatte auch materielle
und persönliche Ursachen. Zum einen war ihm durch den frühen Tod der
Eltern die Sorgepflicht für die jüngeren Geschwister zugefallen, so
daß er gezwungen war, seine Ausbildung abzubrechen und sofort Geld
zu verdienen, zum anderen aber war er kurz vor dem Empfang der höheren
Weihen der jungen Arzttochter Walburga Berner, seiner späteren Frau,
begegnet. - Die intensiven Quellenstudien für Döllingers Buch,
zu dem J. fast 2/3 des Materials beisteuerte, waren ein augenscheinlicher
Beweis für seine Befähigung zum Historiker, so daß er - auf Empfehlung
Döllingers - am Königlichen Reichsarchiv in München eine Praktikantenstelle
als Archivar zum 7. März 1847 antreten konnte. Aber weder die Zeitumstände
noch J.s umfassende Interessen ließen es zu, daß er sich fortan einzig
der Wissenschaft und seinem Archivarberuf, den er zeitlebens ausübte,
widmen konnte. Denn er wurde, wie viele andere seiner Generation auch,
von den Ereignissen des Revolutionsjahres 1848 zur Tagespolitik hingezogen;
wobei er ganz selbstverständlich Partei für die konservativ-katholische Seite ergriff. Er schloß sich dem von Guido Görres im Mai
1848 in München gegründeten "Verein für konstitutionelle Monarchie
und religiöse Freiheit" an und agierte im ganzen Allgäuer Raum als
Redner, der gleichermaßen gegen die Revolution wie gegen staatliche
Bevormundung in kirchlichen Angelegenheiten sprach. J. verstand den
Verein, dessen 2. Vorsitzender er 1849 wurde, als bewußt politisches
Organ zur Verfechtung katholischer Interessen und plante bereits die
Gründung einer katholischen Partei. Doch stieß er damit in weiten
Kreisen des Katholizismus auf Unverständnis und auch Döllinger lehnte
eine derartige Verquickung von Religion und Politik strikt ab. Da
der Verein von seiner Linie nicht abrückte, verwehrte man ihm schließlich
den Eintritt in den Gesamtverband der katholischen Vereine. 1851 veröffentlichte
J. seine Studie über den Bauernkrieg, den er als eine soziale und
religiöse Revolution auffaßte, die von allen Gesellschaftsgruppen
mitgetragen worden war. Er schlug damit nicht nur eine neue Interpretation
des Bauernkrieges vor, sondern wollte den Zeitgenossen auch den Blick
für zwei zentrale Probleme der Gegenwart schärfen, auf die J. durch
das ganze Jahr 1848 gestoßen war: die soziale Frage und die Revolution.
Der große Erfolg des Buches in den Fachkreisen ließen ihn und seinen
Verleger Herder sofort neue Projekte ins Auge fassen, doch wurde J.
im Sommer 1852 von der Redaktion der "Historisch-Politischen Blätter"
zur vorübergehenden Leitung der Zeitschrift gerufen. Dort war nämlich
durch den überraschenden Tod von Guido Görres und den Weggang von
George Philipps nach Wien eine bedrohliche Lücke entstanden. Aber
aus der vorübergehenden wurde die lebenslange Leitung der Zeitschrift,
von 1852 bis zu seinem Tode 1901 meldete sich J. in den "Zeitläufen"
und den "Glossen zur Tagesgeschichte" kontinuierlich zu Wort und leistete
damit einen der gewichtigsten Beiträge zur katholischen Publizistik
des 19. Jahrhunderts. Er setzte dabei den Akzent nicht mehr wie seine
Vorgänger Görres und Jarcke auf die Restauration, sondern vertrat
einen, den Problemen der Zeit aufgeschlossenen Konservatismus, wobei
er besonders die soziale Frage in den Vordergrund stellte. Ab 1857
setzte sich J. für die "ständisch-genossenschaftliche" Reform des
Wirtschaftslebens ein und forderte die Einführung von "Gewerblichen
Associationen", wie sie auch von Lasalle und den Frühsozialisten gefordert
wurden. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sollte demnach
durch freie Produktions- und Konsumtionsgenossenschaften aufgehoben
werden. - J., der seit November 1852 eine feste Anstellung als
Kanzlist im Königlichen Reichsarchiv hatte und somit verbeamtet war,
bekam jedoch aufgrund seiner publizistischen Tätigkeit bald Schwierigkeiten
mit seinen Dienstherren, besonders als er in einer Artikelserie »Autonomie
und Bürokratie« die Bürokratie stark kritisiert hatte. Er wurde daraufhin
nach Neuburg a. D. strafversetzt und mußte einen unselbständigen Schreiberposten
einnehmen. Trotz allem fand er jedoch Energie und Zeit, in kurzer
Folge zwei Werke zu publizieren,
die beide aus Artikelserien in den "Historisch-Politischen
Blättern" hervorgegangen waren. 1858 erschien die zweibändige »Geschichte
des Protestantismus«, in der er die neuesten Strömungen und Parteiungen
vorstellte und analysierte, für seine nüchterne und sachliche Darstellung
erhielt J. in beiden Konfessionen ein positives Echo. 1860 veröffentlichte
er die Schrift »Die neue Ära in Preußen«, in der er sich mit dem Verbot
der "Historisch-Politischen Blätter" in Preußen auseinandersetzte
und die preußische Kirchen- und Religionspolitik kritisierte, die
seit 1858 unter liberaler Programmatik stehend die Katholiken diskriminierte
und dem Kulturkampf zusteuerte. Schließlich erschien noch 1867 seine
»Geschichte der socialpolitischen Parteien in Deutschland«, in der
J. bilanzierte, welche Lösungsvorschläge zur Behebung der sozialen
Frage in Deutschland bisher vorgebracht worden waren. Er verwarf darin
sowohl die liberalen wie auch die sozialdemokratischen und konservativen
Lösungsmodelle und setzte dagegen die Idee einer neuen Gesellschaftsorganisation,
in der sich fortschrittliche Elemente (Produktionsassoziationen) mit
ständischen Formen (Zwangsinnungen) mischen sollten. Hiermit nahm
er wichtige Grundgedanken der katholischen Soziallehre vorweg, weshalb
J. neben Ketteler und Kolping als einer der Gründungsväter dieser
Lehre angesehen werden muß. - J. nahm jedoch nicht nur Stellung
zu den innenpolitischen und sozialen Problemen seiner Zeit. Seine
Analysen des Krimkrieges weisen ihn als sensiblen Beobachter der Außenpolitik
aus und belegen, daß er als einer der ersten überhaupt die weltpolitische
Dimension dieses Konfliktes erkannt und den Aufstieg Rußlands und
Nordamerikas zu Weltmächten und die daraus resultierende Verschiebung
des weltpolitischen Kräftegleichgewichts registriert hatte. Es war
daher nur konsequent, daß ein so hervorragender Kenner der Politik,
wie J. es war, in den 60iger Jahren selbst politisch aktiv wurde.
1863 trat er zum erstenmal in der bayerischen Kammer auf, wo er ab
1865 als vollberechtigter Abgeordneter des Wahlkreises Neumarkt (Oberpfalz)
die Politik mitgestaltete, zudem wurde er Mitglied des deutschen Zollparlaments.
Schließlich war er maßgeblich an der Gründung der "Bayerischen Patriotenpartei"
beteiligt, die unter katholisch-konservativer Programmatik für einen
starken Föderalismus und eine großdeutsche Reichskonzeption eintrat.
Sie errang 1869 die Mehrheit in der bayerischen Kammer und J., als
einer der Führer der Partei, wurde zum 1. Sekretär der Kammer gewählt.
In den in diesen Jahren ausgebrochenen innerkirchlichen Diskussionen
um die antiliberale Politik des Papstes Pius IX. bezog J. eindeutig
ultramontane Position und unterstützte auch die Verkündung der päpstlichen
Unfehlbarkeit (1870). Dadurch kam es zum Bruch mit seinem langjährigen
Gönner und Freund Döllinger, der als vehementer Gegner der päpstlichen
Politik aufgetreten war. Der Eintritt Bayerns in das von Preußen angeführte
kleindeutsche Reich 1871 war für den überzeugten Föderalisten J. ein
schwerer Schlag, so versuchte er in seiner Zeit als
Zentrumsabgeordneter im Reichstag 1874-79 partikulare Interessen
in Bismarcks Deutschland durchzusetzen. Als sich jedoch nach dem Kulturkampf
eine Annäherung zwischen dem Zentrum und dem Kanzler anbahnte, schied
J. zutiefst enttäuscht freiwillig aus dem Parlament aus. Zwei Jahre
später, 1881, legte er sein Mandat auch in der bayerischen Kammer
nieder, dort hatte der radikale Flügel der Patriotenpartei die Oberhand
gewonnen und den gemäßigten J. förmlich vertrieben. - J., der
seit 1866 seinen Wohnsitz auf Schloß Trausnitz bei Landshut hatte,
wo er Vorstand des dortigen Königlichen Archivkonservatoriums war,
widmete sich nach dem Ausstieg aus dem eher glücklos verlaufenen parlamentarischen
Leben fortan nur noch seiner Archivtätigkeit und der Redaktion der
"Historisch-Politischen Blätter". J. verstarb, nachdem er sich in
den letzten Jahren seines Lebens immer mehr zurückgezogen hatte, an
den Folgen mehrerer Schlaganfälle am 18. November 1901.
Werke: Deutschland in der Revolutionsperiode von 1522
bis 1526. Aus den diplomatischen Correspondenzen und Original-Akten
bayerischer Archive dargest., Freiburg/Br. 1851; »Glossen zur Tagesgeschichte«,
»Aphoristische Zeitläufte«, »Zeitläufe« u. versch. Artikelserien in
den HPBl der Jahre 1852-1901; Der Irvingianismus. Abgedr. aus den
HPBl, München 1856; Gesch. des Protestantismus in seiner neuesten
Entwicklung, 2 Bde., Freiburg/Br. 1858; Die neue Ära in Preußen, Regensburg
1860; Gesch. der socialpolitischen Parteien in Deutschland, Freiburg/Br.
1867; Döllinger. Erinnerungen seines alten Amanuensis, in: HPBl 105
(1890), 237-262; Ausgewählte Texte von J., in: Emil Ritter (Hrsg.),
Katholisch-konservatives Erbgut. Eine Auslese für die Gegenwart, 1934,
227-268; Dimitrij Tschizewskij/Dieter Groh (Hrsg.), Europa und Rußland.
Texte zum Problem des westeurop. und russ. Selbstverständnisses, 1959,
354-383; Dieter Albrecht (Hg.) J.E.J.: Briefwechsel 1846-1901, 1989.
Lit.: Franz Binder, J. E. J., in: HPBl 128 (1901), 773-792;
- Albert Maria Weiss, Ein Kapitel Erinnerungen aus der großen
Zeit, in: HPBl 141 (1908), 293-312; - Martin Spahn, E. J., in:
Hochland 17,1 (1919/29), 273-283, 434-443; - Heinrich Reinarz,
Aus J. E. J.s socialpol. Gedankenwelt, Diss. Köln 1923; - Anton
Doeberl, Die kath.-konserv. Richtung in Bayern und die "Deutsche Frage".
Mit besonderer Berücksichtigung der Haltung E. J.s, in: Gelbe Hefte
I,2 (1924/25), 1111-1135; - Fritz Wöhler, J. E. J. und die sozialpol.
Richtung im dt. Katholizismus, Diss. Leipzig 1929; - Wilhelm v.
Kloeber, Die dt. Frage 1859-1871 in großdeutscher und antiliberaler
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Hans Martin, Die Stellung der Hist.-Pol. Blätter zur Reichsgründung
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- ein Wegbereiter kath.-dt. Denkens, in: Dt. Volk 1 (1933/34), 388-396;
- Paul Grebe, Die Arbeiterfrage bei Lange, Ketteler, J. und Schäffle.
Aufgezeigt an ihrer Auseinandersetzung mit Lasalle, 1935 (= HStud.
H. 283); - Maria Poll, J. E. J. und der Protestantismus, in: Cath
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Bd. 3: Aus dem dt. Katholizismus des 19. und 20. Jh.s, hrsg. v. Jürgen
Aretz u. a., 1979, 75-90; - Heribert Raab, Der Einsiedler von
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Briefen, in: ZBLG 45 (1982), 575-587; - Friedrich Hartmannsgruber,
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Publizistik und kath. Geschichtsschreibung, in: ZBLG 50 (1987) S.
591-637; - Bosls Bayr. Biographien, 1983, 393 f.; - BJ VI,
429 ff.; - Kosch KD, I, 1897 f.; - LThK V, 1121 f.; -
NDB X, 461 f.; - StL IV, 655 f.