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Band III (1992) Spalten 132-138 Autor: Rainer Witt

JÖRG, Joseph Edmund, Archivar, Historiker, Publizist und Politiker; herausragende Gestalt des politischen und sozialen Katholizismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, * 23.12. 1819 in Immenstadt (Allgäu) als Sohn eines Glasermeisters und Amtsschreibers, † 18.11. 1901 auf Schloß Trausnitz bei Landshut. - J. wuchs mit vier jüngeren Geschwistern in einem bescheidenen von kirchlich-bäuerlicher Weltsicht geprägten Elternhaus auf. Nach dem Besuch der Klosterschule in Füssen wechselte er auf das Gymnasium in Kempten über, das er mit 18 Jahren erfolgreich abschloß, um 1838 das Theologiestudium in München aufzunehmen. Hier förderten seine Lehrer, darunter insbesondere der Kirchenhistoriker Ignaz Döllinger, den talentierten Studenten, der sich auch außerhalb der Universität für kirchliche Zeitfragen interessierte und deshalb durch Döllinger in die damals aktivste Gruppierung des deutschen Katholizismus, den "Görres"-Kreis, eingeführt wurde. Neben Joseph Görres, der Zentralgestalt des vormärzlichen Katholizismus und Verfasser der berühmten Kampfschrift "Athanasius" (1838), und dessen Sohn Guido Görres, lernte J. hier auch den Publizisten Jarcke und den Kirchenrechtler Philipps kennen. Als J. 1843 sein Studium mit glänzenden Zensuren beendet und bereits die niederen Weihen empfangen hatte, ergriff er jedoch nicht - wie vorgesehen - den Priesterberuf, sondern nahm Döllingers Angebot, an dessen Buch über die Reformation mitzuarbeiten, an, und wurde sein Assistent. Dieser Entscheidung lag dabei nicht nur das bei J. erwachte Interesse an der Geschichte zugrunde, sondern sie hatte auch materielle und persönliche Ursachen. Zum einen war ihm durch den frühen Tod der Eltern die Sorgepflicht für die jüngeren Geschwister zugefallen, so daß er gezwungen war, seine Ausbildung abzubrechen und sofort Geld zu verdienen, zum anderen aber war er kurz vor dem Empfang der höheren Weihen der jungen Arzttochter Walburga Berner, seiner späteren Frau, begegnet. - Die intensiven Quellenstudien für Döllingers Buch, zu dem J. fast 2/3 des Materials beisteuerte, waren ein augenscheinlicher Beweis für seine Befähigung zum Historiker, so daß er - auf Empfehlung Döllingers - am Königlichen Reichsarchiv in München eine Praktikantenstelle als Archivar zum 7. März 1847 antreten konnte. Aber weder die Zeitumstände noch J.s umfassende Interessen ließen es zu, daß er sich fortan einzig der Wissenschaft und seinem Archivarberuf, den er zeitlebens ausübte, widmen konnte. Denn er wurde, wie viele andere seiner Generation auch, von den Ereignissen des Revolutionsjahres 1848 zur Tagespolitik hingezogen; wobei er ganz selbstverständlich Partei für die konservativ-katholische Seite ergriff. Er schloß sich dem von Guido Görres im Mai 1848 in München gegründeten "Verein für konstitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit" an und agierte im ganzen Allgäuer Raum als Redner, der gleichermaßen gegen die Revolution wie gegen staatliche Bevormundung in kirchlichen Angelegenheiten sprach. J. verstand den Verein, dessen 2. Vorsitzender er 1849 wurde, als bewußt politisches Organ zur Verfechtung katholischer Interessen und plante bereits die Gründung einer katholischen Partei. Doch stieß er damit in weiten Kreisen des Katholizismus auf Unverständnis und auch Döllinger lehnte eine derartige Verquickung von Religion und Politik strikt ab. Da der Verein von seiner Linie nicht abrückte, verwehrte man ihm schließlich den Eintritt in den Gesamtverband der katholischen Vereine. 1851 veröffentlichte J. seine Studie über den Bauernkrieg, den er als eine soziale und religiöse Revolution auffaßte, die von allen Gesellschaftsgruppen mitgetragen worden war. Er schlug damit nicht nur eine neue Interpretation des Bauernkrieges vor, sondern wollte den Zeitgenossen auch den Blick für zwei zentrale Probleme der Gegenwart schärfen, auf die J. durch das ganze Jahr 1848 gestoßen war: die soziale Frage und die Revolution. Der große Erfolg des Buches in den Fachkreisen ließen ihn und seinen Verleger Herder sofort neue Projekte ins Auge fassen, doch wurde J. im Sommer 1852 von der Redaktion der "Historisch-Politischen Blätter" zur vorübergehenden Leitung der Zeitschrift gerufen. Dort war nämlich durch den überraschenden Tod von Guido Görres und den Weggang von George Philipps nach Wien eine bedrohliche Lücke entstanden. Aber aus der vorübergehenden wurde die lebenslange Leitung der Zeitschrift, von 1852 bis zu seinem Tode 1901 meldete sich J. in den "Zeitläufen" und den "Glossen zur Tagesgeschichte" kontinuierlich zu Wort und leistete damit einen der gewichtigsten Beiträge zur katholischen Publizistik des 19. Jahrhunderts. Er setzte dabei den Akzent nicht mehr wie seine Vorgänger Görres und Jarcke auf die Restauration, sondern vertrat einen, den Problemen der Zeit aufgeschlossenen Konservatismus, wobei er besonders die soziale Frage in den Vordergrund stellte. Ab 1857 setzte sich J. für die "ständisch-genossenschaftliche" Reform des Wirtschaftslebens ein und forderte die Einführung von "Gewerblichen Associationen", wie sie auch von Lasalle und den Frühsozialisten gefordert wurden. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sollte demnach durch freie Produktions- und Konsumtionsgenossenschaften aufgehoben werden. - J., der seit November 1852 eine feste Anstellung als Kanzlist im Königlichen Reichsarchiv hatte und somit verbeamtet war, bekam jedoch aufgrund seiner publizistischen Tätigkeit bald Schwierigkeiten mit seinen Dienstherren, besonders als er in einer Artikelserie »Autonomie und Bürokratie« die Bürokratie stark kritisiert hatte. Er wurde daraufhin nach Neuburg a. D. strafversetzt und mußte einen unselbständigen Schreiberposten einnehmen. Trotz allem fand er jedoch Energie und Zeit, in kurzer Folge zwei Werke zu publizieren, die beide aus Artikelserien in den "Historisch-Politischen Blättern" hervorgegangen waren. 1858 erschien die zweibändige »Geschichte des Protestantismus«, in der er die neuesten Strömungen und Parteiungen vorstellte und analysierte, für seine nüchterne und sachliche Darstellung erhielt J. in beiden Konfessionen ein positives Echo. 1860 veröffentlichte er die Schrift »Die neue Ära in Preußen«, in der er sich mit dem Verbot der "Historisch-Politischen Blätter" in Preußen auseinandersetzte und die preußische Kirchen- und Religionspolitik kritisierte, die seit 1858 unter liberaler Programmatik stehend die Katholiken diskriminierte und dem Kulturkampf zusteuerte. Schließlich erschien noch 1867 seine »Geschichte der socialpolitischen Parteien in Deutschland«, in der J. bilanzierte, welche Lösungsvorschläge zur Behebung der sozialen Frage in Deutschland bisher vorgebracht worden waren. Er verwarf darin sowohl die liberalen wie auch die sozialdemokratischen und konservativen Lösungsmodelle und setzte dagegen die Idee einer neuen Gesellschaftsorganisation, in der sich fortschrittliche Elemente (Produktionsassoziationen) mit ständischen Formen (Zwangsinnungen) mischen sollten. Hiermit nahm er wichtige Grundgedanken der katholischen Soziallehre vorweg, weshalb J. neben Ketteler und Kolping als einer der Gründungsväter dieser Lehre angesehen werden muß. - J. nahm jedoch nicht nur Stellung zu den innenpolitischen und sozialen Problemen seiner Zeit. Seine Analysen des Krimkrieges weisen ihn als sensiblen Beobachter der Außenpolitik aus und belegen, daß er als einer der ersten überhaupt die weltpolitische Dimension dieses Konfliktes erkannt und den Aufstieg Rußlands und Nordamerikas zu Weltmächten und die daraus resultierende Verschiebung des weltpolitischen Kräftegleichgewichts registriert hatte. Es war daher nur konsequent, daß ein so hervorragender Kenner der Politik, wie J. es war, in den 60iger Jahren selbst politisch aktiv wurde. 1863 trat er zum erstenmal in der bayerischen Kammer auf, wo er ab 1865 als vollberechtigter Abgeordneter des Wahlkreises Neumarkt (Oberpfalz) die Politik mitgestaltete, zudem wurde er Mitglied des deutschen Zollparlaments. Schließlich war er maßgeblich an der Gründung der "Bayerischen Patriotenpartei" beteiligt, die unter katholisch-konservativer Programmatik für einen starken Föderalismus und eine großdeutsche Reichskonzeption eintrat. Sie errang 1869 die Mehrheit in der bayerischen Kammer und J., als einer der Führer der Partei, wurde zum 1. Sekretär der Kammer gewählt. In den in diesen Jahren ausgebrochenen innerkirchlichen Diskussionen um die antiliberale Politik des Papstes Pius IX. bezog J. eindeutig ultramontane Position und unterstützte auch die Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870). Dadurch kam es zum Bruch mit seinem langjährigen Gönner und Freund Döllinger, der als vehementer Gegner der päpstlichen Politik aufgetreten war. Der Eintritt Bayerns in das von Preußen angeführte kleindeutsche Reich 1871 war für den überzeugten Föderalisten J. ein schwerer Schlag, so versuchte er in seiner Zeit als Zentrumsabgeordneter im Reichstag 1874-79 partikulare Interessen in Bismarcks Deutschland durchzusetzen. Als sich jedoch nach dem Kulturkampf eine Annäherung zwischen dem Zentrum und dem Kanzler anbahnte, schied J. zutiefst enttäuscht freiwillig aus dem Parlament aus. Zwei Jahre später, 1881, legte er sein Mandat auch in der bayerischen Kammer nieder, dort hatte der radikale Flügel der Patriotenpartei die Oberhand gewonnen und den gemäßigten J. förmlich vertrieben. - J., der seit 1866 seinen Wohnsitz auf Schloß Trausnitz bei Landshut hatte, wo er Vorstand des dortigen Königlichen Archivkonservatoriums war, widmete sich nach dem Ausstieg aus dem eher glücklos verlaufenen parlamentarischen Leben fortan nur noch seiner Archivtätigkeit und der Redaktion der "Historisch-Politischen Blätter". J. verstarb, nachdem er sich in den letzten Jahren seines Lebens immer mehr zurückgezogen hatte, an den Folgen mehrerer Schlaganfälle am 18. November 1901.

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Werke: Deutschland in der Revolutionsperiode von 1522 bis 1526. Aus den diplomatischen Correspondenzen und Original-Akten bayerischer Archive dargest., Freiburg/Br. 1851; »Glossen zur Tagesgeschichte«, »Aphoristische Zeitläufte«, »Zeitläufe« u. versch. Artikelserien in den HPBl der Jahre 1852-1901; Der Irvingianismus. Abgedr. aus den HPBl, München 1856; Gesch. des Protestantismus in seiner neuesten Entwicklung, 2 Bde., Freiburg/Br. 1858; Die neue Ära in Preußen, Regensburg 1860; Gesch. der socialpolitischen Parteien in Deutschland, Freiburg/Br. 1867; Döllinger. Erinnerungen seines alten Amanuensis, in: HPBl 105 (1890), 237-262; Ausgewählte Texte von J., in: Emil Ritter (Hrsg.), Katholisch-konservatives Erbgut. Eine Auslese für die Gegenwart, 1934, 227-268; Dimitrij Tschizewskij/Dieter Groh (Hrsg.), Europa und Rußland. Texte zum Problem des westeurop. und russ. Selbstverständnisses, 1959, 354-383; Dieter Albrecht (Hg.) J.E.J.: Briefwechsel 1846-1901, 1989.

Lit.: Franz Binder, J. E. J., in: HPBl 128 (1901), 773-792; - Albert Maria Weiss, Ein Kapitel Erinnerungen aus der großen Zeit, in: HPBl 141 (1908), 293-312; - Martin Spahn, E. J., in: Hochland 17,1 (1919/29), 273-283, 434-443; - Heinrich Reinarz, Aus J. E. J.s socialpol. Gedankenwelt, Diss. Köln 1923; - Anton Doeberl, Die kath.-konserv. Richtung in Bayern und die "Deutsche Frage". Mit besonderer Berücksichtigung der Haltung E. J.s, in: Gelbe Hefte I,2 (1924/25), 1111-1135; - Fritz Wöhler, J. E. J. und die sozialpol. Richtung im dt. Katholizismus, Diss. Leipzig 1929; - Wilhelm v. Kloeber, Die dt. Frage 1859-1871 in großdeutscher und antiliberaler Beurteilung. Die Zeitläufe J.s in den Hist.-Pol. Blättern, 1932; - Hans Martin, Die Stellung der Hist.-Pol. Blätter zur Reichsgründung 1870/71, in: ZBLG 6 (1933), 60-84, 217-245; - Maria Poll, E. J. - ein Wegbereiter kath.-dt. Denkens, in: Dt. Volk 1 (1933/34), 388-396; - Paul Grebe, Die Arbeiterfrage bei Lange, Ketteler, J. und Schäffle. Aufgezeigt an ihrer Auseinandersetzung mit Lasalle, 1935 (= HStud. H. 283); - Maria Poll, J. E. J. und der Protestantismus, in: Cath 4 (1935), 115-131; - Dies., E. J.s Kampf für eine christl. und großdt. Volks- und Staatsordnung, 1936 (= erw. Forts. v. dies., J. E. J. Ein Beitrag zur dt. Publizistik in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s, Diss. Paderborn 1936); - Notker Eckmann, Die kritik der Hist.-Pol. Blätter an der Kulturpolitik des Kultusministers Johann v. Lutz 1870-1890, Seminararbeit Univ. München 1949; - Heinz Gollwitzer, J. E. J., in: ZBLG 15 (1949), 125-148; - Hans Weinzierl, Ein Klassiker des Föderalismus - J. E. J., in: Neues Abendland 5 (1950), 145-150; - Bernhard Zittel, J. E. J., in: Lebensbilder aus dem bayer. Schwaben, hrsg. v. Götz Freiherr v. Pölnitz, Bd. 4, 1955, 395-429; - Friedrich Zoepfl, J. E. J. und seine heimatgeschichtl. Pläne, in: Allgäuer Geschichtsfreund 58/59 (1958/59), 54-57; - Franz Josef Stegmann, Von der ständischen Sozialreform zur staatl. Sozialpolitik. Der Beitrag der Hist.-Pol. Blätter zur Lösung der sozialen Frage, 1965; - Viktor Conzemius, Ignaz v. Döllinger und E. J., in: Festschrift für Max Spindler, 1969, 734-765; - Karl-Hermann Lucas, J. E. J. Konserv. Publizistik zw. Revolution und Reichsgründung, Diss. Köln 1969; - Winfried Becker, J. E. J., in: Zeitgesch. in Lebensbildern Bd. 3: Aus dem dt. Katholizismus des 19. und 20. Jh.s, hrsg. v. Jürgen Aretz u. a., 1979, 75-90; - Heribert Raab, Der Einsiedler von Trausnitz. Ein Beitrag zu einer Biographie J. E. J.s mit unveröff. Briefen, in: ZBLG 45 (1982), 575-587; - Friedrich Hartmannsgruber, Die Bayrische Patriotenpartei, 1986; - Heribert Raab, Konservative Publizistik und kath. Geschichtsschreibung, in: ZBLG 50 (1987) S. 591-637; - Bosls Bayr. Biographien, 1983, 393 f.; - BJ VI, 429 ff.; - Kosch KD, I, 1897 f.; - LThK V, 1121 f.; - NDB X, 461 f.; - StL IV, 655 f.

Rainer Witt

Letzte Änderung: 09.04.2011