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Band III (1992) Spalten 190-192 Autor: Karin Groll

JOHANNA, angebliche Päpstin, auch Agnes, Gilberta, erst bei Martin von Troppeau als J. bezeichnet, soll zwischen Leo IV. (855) und Benedikt III. (858) regiert oder um 1100 gelebt haben. - Die Fabel über die Existenz einer Päpstin taucht erstmals in der »Chronica universalis Mettensis« des Jean de Mailly Mitte des 13. Jahrhunderts auf. Doch erst mit der Chronik des Dominikaners Martinus Polonus oder Martin von Troppeau fand sie erhebliche Verbreitung. Dessen Version erzählt von einem Mädchen aus Mainz oder England, das in Athen ein Studium absolviert habe und dann als Mann verkleidet nach Rom gekommen, dort durch ihr Wissen aufgefallen und schließlich nach dem Tod Leos IV. 855 als Johannes Anglicus zum Papst gewählt worden sei. Nach zweieinhalbjähriger Regierungszeit habe sie während einer Prozession zum Lateran ein Kind geboren, sei noch an Ort und Stelle gestorben und begraben worden. Die Fabel über die angebliche Päpstin hat mehrere Versionen hervorgebracht. Der frühere, von Mailly verfaßte Text schildert, wie J. vom Notar der Kurie zum Kardinal und schließlich zum Papst aufgestiegen sei. Im Begriff, ein Pferd zu besteigen, gebar sie einen Knaben, worauf man sie mit ihren Füßen an den Schweif eines Pferdes binden, schleifen und vom Volk steinigen ließ. Doch auch die Martin-Handschrift selbst zeigt Abweichungen: In einer Variante wird berichtet, daß die Päpstin nach ihrer Niederkunft abgesetzt worden sei, ein Leben in Buße begann, bis ihr Sohn Bischof in Ostia geworden war. Nach ihrem Tod soll man sie in der dortigen Kathedrale beigesetzt haben. Der mittelalterlichen Chronik der Äbte von Kempten zufolge soll ihr sogar ein böser Geist erschienen sein, der ihr mit der Aufdeckung ihrer Identität drohte, es sei denn, sie schließe sich ihm und seiner Gesellschaft an. Ein Engel oder eine Offenbarung ließ ihr dann die Wahl, entweder - und diesen Weg wählte sie - Schmach zu erdulden oder für immer verdammt zu sein. Spekulationen über den Ursprung der Legende kamen schon früh auf. Bereits im 15. Jahrhundert äußerten Enea Silvio Piccolomini und Platina, im 16. Jahrhundert Aventinus, O. Panvinio, R. Bellarmin und D. Blondel Zweifel. Mögliche Hintergründe gibt es viele: Zum einen - dies ist die verbreitetste These - mag ihr eine römische Volkssage zugrunde liegen. In einer engen römischen Gasse befand sich eine heute verschwundene, verstümmelte antike Statue (Mithrapriester?) mit Knabe, die vom Volk als weibliche Figur und die bei ihr befindliche Inschrift als Grabinschrift der Päpstin gedeutet wurde. Ein weiterer Ursprung könnte in der Erinnerung an die Herrschaft der Theodora und Marozia im 10. Jahrhundert sein, oder eine Satire auf Johann VIII. und seine Weichheit, sowie die allegorische Verarbeitung der Entstehung und Verbreitung der pseudoisidorischen Decretalen. Die angebliche Päpstin Johanna war gerade in der Reformation ein willkommenes Mittel im Kampf gegen das Papsttum, zumal sie schon Hus auf der Konstanzer Synode als Hauptargument in den Kontroversen über Recht und Umfang der Papstgewalt gedient hatte. So fand die Fabel ihren Niederschlag auch in vielen illustrierten Flugblättern der Reformationszeit.

Lit.: Leo Allatius, Dissertatio de J. Papissa, Rom 1630; - Heumann, Dissertatio de origine tradit. falsae de J. P., 1733; - Friedrich Spanheim, Histoire de la papesse J., Den Haag 1736; - Johann Josef Ignaz v. Döllinger, Die Papstfabeln des MA.s, 1863, 18902, 7-45; - Alphagius Vacandard, tudes de critique et d'histoire religieuse 4, Paris 1923, 13-39; - Mario Praz, La legganda da papessa Giovanna, in: Belfagor ressegna di varia umanità, Firenze 1979, 435-442; - Th. d'Angomont, La papesse Jeanne vue par Stendhal, in: Revue du moyen-age latin, 41, 1985, N. 3-4, S. 243-248; - Tinsley, Barbara Sher, Pope Joan. Polemic in early modern france: the use and disabuse of myth, in: The Sixteenth Century Journal 18, 1987 III, S. 381-397; - Klaus Herbers, Die Päpstin Johanna. Ein kritischer Forschungsbericht, in: Historisches Jahrbuch 108, 1988 II, S. 174-194; - Wetzer-Welte 2VI, 1519-1524; - RE 3IX, 254; - RHE XX, 296; - Seppelt 2II, 288-240; - RGG 2II, 314 f.; - LThK 2V, 984-985.

Karin Groll

Literaturnachtrag:

1923

Alphagius Vacandard, Études de critique et d'histoire religieuse 4, Paris 1923, 13-39; -

1994

Bildagitation. Antipäpstliche Bildpolemik der böhmischen Reformation im Göttinger Hussitenkodex. Art in Science/Science in Art, Schriftenreihe der HBK Braunschweig, Weimar, 1994; - Elisabeth Gössmann 'Mulier Papa: Zur Rezeptionsgeschichte der Gestalt der Päpstin Johanna', 1994 in der Reihe 'Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung' Band 5; -

1998

Max Kerner, Die sogenannte Päpstin Johanna. Von einer wundersamen und rohen Fabeln, in: Licet preter solitum. Ludwig Falkenstein zum 65. Geburtstag, hg. v. Lotte Kéry, Dietrich Lohrmann, Harald Müller, Aachen 1998, S. 143-163; -

2006

A. Plaut, Les principales sources de Florimond de Raemond dans l'Erreur Populaire de la Papesse Jane (1587, 1594), in: JRen 4.2006; -

2007

Olivier Donneau, "Sa Sainteté femelle", ou les réincarnations discrètes du mythe historiographique de la papesse J. au Refuge huguenot, in: BSHPF 153.2007, S. 197-230; -

2008

Michael Obenaus, Hure u. Heilige. Verhandlungen über d. Päpstin zwischen spätem Mittelalter u. früher Neuzeit. Hamburg 2008; -

2009

Peter Stanford, Die wahre Geschichte d. Päpstin J. Berlin 2009.

Letzte Änderung: 19.02.2010