JOHANNES X., Papst: März/April 914 - Mai/Juni 928, aus Tossignano
(Romagna), vorher Erzbischof von Ravenna, Mitte 929. - Auf
Betreiben des römischen Adels, vor allem der mächtigen Familie Theophylakts
( um 920) und Theodoras der Älteren ( nach 916) gelangte
J. im März 914 auf den Stuhl Petri. Nach dem Bericht Luitprands von
Cremona (um 920-972) soll der Papst in einem Liebesverhältnis zu Theodora
d. Ä., der Gattin des Theophylakt, gestanden haben. Theodora habe
ihn, so der Bericht Liutprands, nach Rom holen wollen, da er als Diakon
bei seinen Besuchen in der Stadt ihr Geliebter gewesen sei. Der wahre
Grund für seine Wahl war allerdings, daß Rom dringend eines energischen
und erfahrenen Kirchenführers bedurfte. - J. nahm sich sogleich
der Mohammedaner an, durch deren verheerende Überfälle ganz Mittelitalien
heimgesucht und terrorisiert wurde. Es gelang ihm, eine Allianz italienischer
Herrscher gegen die Sarazenen zustande zu bringen und byzantinische
Hilfe zur See auszuhandeln. Persönlich nahm er an den Schlachten teil;
der entscheidende Sieg am Garigliano (August 915) soll zu einem guten
Teil seinem Verdienst zuzuschreiben sein. Auf dem Gipfel seines politischen
Erfolgs krönte er im Dezember 915 Berengar I. in St. Peter zum Kaiser,
wofür dieser den hergebrachten Eid schwor, die Rechte und Territorien
des Heiligen Stuhls schützen zu wollen. J. verfolgte eine weitreichende
Kirchenpolitik, die das Ansehen des Papsttums vergrößern sollte. Mit
den Landeskirchen nahm er Verbindung auf. Er sandte zur Synode von
Hohenaltheim im September 916 und behielt die griechischen, spanischen
und slawischen Kirchen sowie die Konvertierung der Normannen im Auge.
Aber fast ausnahmslos beschränkte er sich auch im Verkehr mit diesen
Ländern darauf, bereits getroffene oder geplante Maßregeln der Bischöfe
und Fürsten gutzuheißen, etwa als er die Wahl des fünfjährigen Grafensöhnchens
Hugo zum Erzbischof von Reims bestätigte. Damit war der Anfang zu
einer Reihe von Mißbräuchen gemacht, denn Könige und Fürsten verlangten
nun häufiger die Einsetzung von Kindern in hohe Kirchenämter, um sich
die reichen Pfründe zu sichern. - Nach der Ermordung Berengars
im April 924 versuchte J. seine Stellung zu festigen, indem er am
9. Juli 926 zu Mantua ein Bündnis mit Hugo von der Provence, dem neuen
König von Italien (926-947) schloß und eng mit seinem eigenen Bruder
Petrus zusammenarbeitete, der sich mehr und mehr zu einer einflußreichen
Persönlichkeit entwickelte. Diese Schachzüge beunruhigten die intrigante
Marozia ( nach 932), die Tochter Theophyklats und seit dessen
Tod uneingeschränkte Herrscherin über Rom. Sie organisierte einen
Aufstand gegen J. und seinen Bruder Petrus. Gegen Ende 927 wurde Petrus
vor den Augen des Papstes im Lateran erschlagen. J. selbst wurde im
Mai 928 abgesetzt und in der Engelsburg eingekerkert. Er blieb dort
mehrere Monate, bis er Mitte 929 starb (wahrscheinlich mit einem Kissen
erstickt).
Lit.: Jaffé I, 449-453, II, 706; - Duchesne LP II,
240 f. (Liber pontificalis, ed. L. Duchesne, 2 Bde., Paris 1886-1892);
- Hefele-Leclercq IV, 578 ff.; - P. Fedele: ASRomana 33 (1910),
177-247, 34 (1911), 75-115, 393-423 (Archivio della Reale Società
Romana di Storia Patria, Rom 1878-1934, ab 1935: ADRomana); -
L. Duchesne, Les premiers temps de l'tat Pontifical (1911), 317 ff.;
- O. Vehse, Das Bündnis gegen die Sarazenen 915: QFIAB XIX (1927),
181-204; - T. Venni: ADRomana 59 (1936), 1-136; - G. Fasoli,
I re d'Italia 888-962 (1949); - Mann IV, 149-187; - Seppelt
2II, 350-355, 434 f.; - Haller
2II, 199 ff., 546-549;
- ECatt VI, 585 f. (Enciclopedia Cattolica, Rom 1949 ff.); -
LThK
2V, 989.
Werner Schulz
Literaturergänzung:
1996
Wilfried Hartmann, War Papst Johannes X. ein Kenner d. Kirchenrechts?, in: Die Faszination d. Papstgeschichte. Köln 2008, S. 71-80.
Letzte Änderung: 09.04.2011