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Verlag Traugott Bautz
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JOHANNES XXII. (Jacques Duèse), Papst, * um 1245 in Cahors (Lot), 4.12. 1334 in Avignon. - J. XXII. entstammte einer angesehenen Bürgerfamilie aus dem kleinen Ort Cahors, er besaß keine universitäre Ausbildung, dürfte lediglich bei den Dominikanern deren Schule durchlaufen haben. Schon früh findet er sich dann am Hof der Anjous in Neapel, ihnen blieb er zeitlebens verbunden, verdankte er doch ihnen seinen sozialen Aufstieg. Relativ spät erhielt er um 1300 das unbedeutende Bistum Fréjus und verwaltete daneben, viel engagierter, von 1308-1310 das Hofkanzleramt Roberts von Anjou. Umstritten ist das Gewicht, das J. XXII. bei Roberts Abfassung der Denkschrift »Über die Schädlichkeit und die Überlebtheit des Imperiums« besaß; seine Mitwirkung hingegen gilt als gesichert, zumal gerade diese Schrift sich wie eine Leitlinie durch sein späteres Wirken als Papst zieht. 1310 wählte man ihn zum Bischof von Avignon, zwei Jahre später wurde er zum Kardinalbischof von Porto erhoben. Das auf den Tod Clemens' V. (s.d.) folgende Konklave währte unter entwürdigenden Umständen länger als zwei Jahre. J. XXII. war nicht der Wunschkandidat des sich stets einmischenden französischen Königs, er wurde als Kompromißkandidat akzeptiert, denn sein Alter von über 70 Jahren ließ kein langes Pontifikat erwarten. Nach seiner Wahl am 5.9. 1316 (es existieren weitere Zeitangaben) in Lyon zog J. XXII. Anfang Oktober nach Avignon. Damit zeigte er deutlich, daß er sein Versprechen - vor der Wahl abgeben - nach Rom zurückzukehren, zunächst nicht einhalten wollte. Er bezog in Avignon den bereits vertrauten bischöflichen Palast, vergrößerte und renovierte ihn, sprach aber stets nur von seinem »befestigten Haus«, um damit den Charakter eines nur vorläufigen Residenzortes hervorzuheben. - J. XXII. hatte bei seiner Wahl den Ruf, ein persönlich anspruchsloser, tadelloser Vertreter der Kirche zu sein, er galt aber als starrsinnig, als unnachgiebiger Vertreter auch aller nur vermeintlicher Rechte der Kirche. Außerdem verfocht er immer die Positionen der Anjous in Italien und, schon eher gezwungenermaßen, die Frankreichs. Sein uneinsichtiges Verhalten im Streit mit Ludwig dem Bayern schadete dem Ansehen der Kirche in allen Gebieten östlich des Rheins, es verstärkte den Ruf nach einem unabhängigen Konzil, das über Reformmaßnahmen entscheiden sollte. J. XXII. verfolgte zunächst geraume Zeit den Streit in Deutschland zwischen Ludwig dem Bayern und Friedrich dem Schönen um den Königsthron, ohne sich besonders zu engagieren. Er bestätigte lediglich Robert von Neapel in seiner umstrittenen Position des Reichsvikars für Italien. Als Ludwig der Bayer nach seinem Sieg über den Rivalen den Grafen Berthold von Neiffen als seinen Statthalter nach Italien sandte, ferner die lombardischen Ghibellinen unterstützte, drohte ihm J. XXII. mit dem Bann, wenn er nicht innerhalb von drei Monaten das Reichregiment niederlege und die Entscheidung des Papstes abwarte. J. XXII. setzte damit den zur Zeit der Staufer wütenden Kampf des Sacerdotiums gegen das Imperium fort, unterschätzte aber die gewandelte Lage, insbesondere die abgestumpften geistlichen Waffen, die ihm zur Verfügung standen und die im Imperium vielerorts nicht mehr den erforderlichen Respekt genossen. Nachdem Ludwig in zwei Erklärungen zu Nürnberg und Frankfurt verlautbaren ließ, der römische König könne allein aufgrund seiner Wahl und Krönung das Imperium regieren, lediglich die Kaiserkrönung bliebe dem Papst vorbehalten, sprach J. XXII. am 23.3. 1324 über ihn die Exkommunikation aus. Die erhoffte Wirkung unterblieb, vielmehr konnte ihn Ludwig der Bayer ungestraft der Häresie bezichtigen. In der »Sachsenhauser Erklärung« vom 23.5. 1324 forderte er offen ein allgemeines Konzil zur Lösung der gegenseitigen Probleme, seinen Häresievorwurf begründeten prominente Vertreter des Spiritualenzweiges des Franziskanerordens. Diesen, die das absolute Armutsideal des Ordens verfochten, die sich gegen jede Lockerung der strengen Ordensregel verwahrten, hatte J. XXII. die Erklärung untersagt, Christus und die Apostel hätten weder persönlich noch gemeinsam Eigentum besessen. Dadurch vermengte sich der theologische mit dem staatspolitischen Streit und Ludwig erhielt Zulauf von Gelehrten, die seinen Kampf propagandistisch besser gestalten konnten. Dazu zählten der frühere Ordensgeneral der Minoriten, Michael von Cesena, der Engländer Wilhelm von Ockham (s.d.), die beide nach München geflohen waren, sowie die beiden Pariser Universitätslehrer Marsilius von Padua (s.d.) und Johannes von Jandun (s.d.). Vornehmlich Marsilius von Padua entwickelte die These, das Volk und seine gewählten Vertreter seien souverän, innerhalb der Kirche stände die oberste Entscheidungsgewalt einem Konzil zu, das, und dies war revolutionär, die Fürsten einberufen könnten. Zusätzlich verachtete Marsilius von Padua völlig jede päpstliche Jurisdiktion und gerade diesem Ansatzpunkt folgte Ludwig von Bayern in seinem künftigen Handeln. Ungeachtet dessen, daß ihn der Papst aller Reichslehen und selbst seines bayrischen Erblandes für verlustig erklärt hatte, zog er nach Rom (1327), ließ sich von Sciarra Colonna zum Kaiser krönen, eine Entscheidung, die er aber wohl nur mit halbem Herzen trug. Der Absetzung des Priesters »Jakob von Cahors«, wie Ludwig J. XXII. verächtlich nannte, folgte die Wahl des Gegenpapstes Nikolaus V. (s.d.) zu Beginn des Jahres 1328. Dieser besaß persönliche Unzulänglichkeiten, konnte sich in Rom nur mit Hilfe des Kaisers halten und unterwarf sich nach dessen Abzug aus der Stadt 1330 dem Papst in Avignon. Obwohl sich im gleichen Jahr König Johann von Böhmen mit Philipp VI. von Frankreich gegen Robert von Anjou verbündete, Philipp VI. dem Papst mit einem weiteren Ketzerprozeß drohte, bot Ludwig der Bayer seit 1331 J. XXII. einen Interessenausgleich an. Seine Bemühungen scheiterten, da J. XXII. bis zu seinem Tod unbeugsam die Oberhoheit über die deutsche Krone beanspruchte. - Auch im Bereich der Kirchenverwaltung traf J. XXII. Anordnungen, die unhaltbar waren. So fällt vor allem sein Nepotismus auf, er bevorzugte stets Verwandte, schickte so z.B. seinen Neffen Bertrand von Poget als Legaten nach Italien. Sein Fiskalismus nahm verhängnisvolle Züge an, er war mit eine der Ursachen, die zur Reformation führten. Umstritten blieb auch die Heiligsprechung Ludwigs von Toulouse, eines Bruders Roberts von Anjou. Der Vorwurf einer Willfährigkeitserklärung kann hier wohl nicht ganz beiseite geschoben werden. Besonders starrsinnig verharrte J. XXII. auf seiner Lehrmeinung, die Seelen der Gerechten gelangten nicht nach ihrem Tod, sondern erst am Jüngsten Tag zur vollen Anschauung Gottes. Er widerrief sie erst auf seinem Sterbebett und überließ unwillig eine endgültige Entscheidung seinem Nachfolger. - Wenn J. XXII. dennoch von so manchen als bedeutender Papst bezeichnet wird, so stützt sich dies darauf, daß er als Talent im Bereich der päpstlichen Verwaltung bezeichnet werden kann. Er nahm mit Erfolg eine Neueinteilung der Bistümer vor, ordnete grundlegend das Benefizien- und Provisionswesen. Als Kenner der Kanones revidierte er zudem die sogenannten »Clementinen«, verdammte in der Bulle »In agro dominico« diverse Sätze Meister Eckeharts (s.d.). Er unterstützte tatkräftig die Missionsarbeiten im nahen und fernen Osten, seine Forderung nach einem neuen Kreuzzug kann aber angesichts des Verfalls dieser Idee nur als Randgedanke gewertet werden. - J. XXII. wurde in Avignon beigesetzt, sein Grabmal findet sich in Notre-Dame-des-Doms.
Werke: Lettres communes, ed. von Guglielmo Mollat, 16 Bde., Paris 1904-1946; Lettres secrètes et curiales du pape J. XXII relatives à la France, ed. von A. Coulon, Paris 1906; Lettres de J. XXII ed. von A. Fayen, 2 Bde., Paris 1908-1909; Extravagentes J. XXII, ed. Jacqueline Tarrant, Momumenta Juris Canonici Series B, Vol., Rom 1983.
Lit.: Guglielmo Mollat/Chr. Samaran, La fiscalité pontificale en France au XIVe siècle, Paris 1905; - Ders. u. ebda., Vitae paparum Avenionensium (1305-1394), 4 Bde., Erstausgabe 1916-1922, frz. Ausgabe, les papes d'Avignon, 196510 (verb. Neuausgabe des gleichen Titels von St. Balutze, 1693); Dazu Ders., Stude crit. sur les Vitae Paparum Avenionensium, 1917; - Ders., La collation des bénéfices ecclésiastiques par les Papes d'Avignon (1305-1378), 1921; - Heinrich Finke, Papsttum und Untergang des Templerordens, 2 Bde., 1907; - Bernhard Aistermann, Beiträge zum Konflikt J.' XXII. mit dem dt. Königtum (Diss. Freiburg), 1909; - J. Asal, Die Wahl J.' XXII., 1910; - Emil Göller, Die Einnahmen der Apostolischen Kammer unter J. XXII., 1910; - Karl Heinrich Schäfer, Die Ausgaben der Apostol. Kammer unter J. XXII., 1911; - Heinrich Otto, Zur ital. Politik J.' XXII., in: QFIAB 14, 1911, 140-265; - N. Valois, Jacques Duèse, in: HistLitFrance XXXIV, 1914, 391-630; - G. Biscaro, Le relazioni dei Visconti di Milano con la Chiesa, in: Archivio storico lombardo 46, 1919, 84-228; - A. Suhle, Die Besetzung der Bistümer unter J. XXII. (Diss. Berlin), 1921; - A. Esch, Die Ehedispense J.' XXII. und ihre Beziehung zur Politik, 1929; - Erich Edmund Stengel, Avignon und Rhens, Forschungen zur Gesch. des Kampfes um das Recht im Reich in der ersten Hälfte des 14. Jh.s, 1930; - Gustav Frotscher, Die Anschauungen von Papst J. XXII. über Kirche und Staat, 1933; - Giovanni Monticelli, Chiese e Italia durante il pontificato avignonese (1305-1378), Mailand 1937; - E. Dupré-Theseider, I papi di Avignone e la questione Romana, Florenz 1939; - Ders., Problemi di papato avignonese, Bologna 1961; - Yves Renourd, Les relations des papes d'Avignon et des compagnies commerciales et bancaires de 1316 à 1378, Paris 1941; - Ders. u. ebda., La papauté à Avignon, 19693; - Friedrich Bock, Einführung in das Registerwesen des avignonesischen Papsttums, 2 Bde., Rom 1941; - Ders., Reichsidee und Nationalstaaten, 1943; - Hermann Hoberg (Hrsg.), Die Inventare des päpstl. Schatzes in Avignon (1314-1376), Rom 1944; - E. Sol, Un des plus grands papes de l'histoire. J. XXII Paris 1948; - Decima Douie, John XXII. and the Beatific Vision, in: DomSt 3, 1950, 154-174; - F. Lakner, Zur Eschatologie bei J. XXII., in: ZKTh 72, 326-332; - Giovanni Tabacco, La casa di Francia nell'azione politica di papa G. XXII, Rom 1953; - Dazu die Rezension von Friedrich Bock, in: HZ 184, 1957, 614 ff.; - Lajos P sztor, Una raccolta di sermoni di G. XXII., in: Bolletino dell'Archivio paleografico italiano 2-3, Rom 1956/57; - A. Folgado, in: Ciudad de Dios 172, 73-133; - Bernard Guillemain, La Cour Pontificale d'Avignon (1305-1378), tude de une société, Paris 19662; - Dagmar Unverhau, Approbatio-Reprobatio. Studien zum päpstl. Mitspracherecht bei Kaiserkrönung und Kaiserwahl vom Investiturstreit bis zum 1. Prozeß J. XXII. gegen Ludwig IV., (Diss. Heidelberg) 1969; - J. E. Weakland, J. XXII. before his pontificate (1244-1316), in: AHP 10, 1972, 161-185; - Alois Schütz, Die Prokuratorien und Instruktionen Ludwig des Bayern für die Kurie, 1331-1345. Ein Beitrag zu seinem Absolutionsprozeß, 1973; - Ders., Papsttum und Königtum in den Jahren 1322-1324, in: HJb 96, 1978, 245-269; - Ders., Der Kampf Ludwig des Bayern gegen Papst J. XXII. und die Rolle der Gelehrten am Münchener Hof, in: Katalog Wittelsbach und Bayern, Bd. I/1, 388-398; - David Paladilhe, Les papes en Avignon ou l'exil de Babylone, Paris 1974; - L. Coillet, La Papauté de Avignon et l'glise de France. La politique bénéficiale du pape J. XXII. en France (1316-1334), Paris 1975; - Walter Ullmann, Kurze Gesch. des Papsttums im MA, 1978, 264-277; - James Muldoon, The Avignon Papacy and the frontiers of Christendom: The evidence of Vatican Register 62, in: AHP 17, 1979, 125-195; - Karl Hausberger, Die Päpste in Avignon, in: Martin Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengesch., Bd. 11, 11985, 258-275; - Bihlmeyer-Tüchle II, 360-367; - Catholicisme VI, 489-492; - EC VI, 592-595; - DThC VIII, 633 f.; - Feine, RG, 703; - Gebhardt-Grundmann I9, 521 ff.; - Gesch. d. Kirche, 318 f. u. ö.; - Hauck V, 1.2.; - HdKG III, 2, 365-425; - NCE VII, 1014-1015; - LThK V, 993-994; - MGG VII, 83 ff.; - TRE 17, 1109-112; - RE IX, 270-271; - RGG IV, 811; - Seppelt IV, 56-187, 455-480.
Michael Hanst
Literaturergänzung:
1984
Louis Duval-Arnould, La constitution "Cum inter nonnullos" de Jean XXII sur la pauvreté du Christ et des apotres. Rédaction préparatoire et rédaction définitive, in: AFrH 77.1984, S. 406-420; -
1987
Clément Schmitt, Le "Defensorium contra errores Johannis XXII" dans uns version manuscrite de Bruxelles, in: AFrH 80.1987, S. 466-471;-
1988
Maria Grazia Bistoni Grilli Cicilioni, Un inedito del Vaticano in difesa di Giovanni XXII sulla povertà evangelica (ms. Borghese 351), in: AFrH 81.1988, S. 355-366; -
1990
Stephen C. Rowell, Pagans, peace and the pope, 1322-1324. Lithuania in the centre of European diplomacy, in: AHP 28,1990, S. 63-98; -
1993
Rasa J. Mazeika ; Stephen C. Rowell, "Zelatores maximi". Pope John XXII., Archbishop Frederick of Riga, and the Baltic mission 1305-1340, in: AHP 31.1993, S. 33-68;-
1994
Felice Accrocca, Ancora sul caso del Papa eretico. Giovanni XXII e la questione della povertà. A proposito del ms. XXI del Convento di Capestrano, in: AHP 32.1994, S. 329-341; -
1995
Christoph Flüeler, Eine unbekannte Streitschrift aus d. Kreis d. Münchner Franziskaner gegen Papst Johannes XXII., in: AFrH 88.1995, S. 497-514; -
2002
Patrick Nold, A neglected copy of a decretal harmony, in: Antonianum 77.2002, S. 585-589; -
2007
Peter Herde, The dispute between the Hospitallers and the bishop of Worcester about the Church of Down Ampney. An unpublished letter of justice of Pope John XXI (1276), in: The Hospitallers, the Mediterranean and Europe. Aldershot [u.a.] 2007, S. 47-55; - Giulia Barone, Gli Ordini Mendicanti dal Cancilio di Lione II a Giovanni XXII, in: Angelo Clareno francescano. Spoleto 2007, S. 3-25;- Jürgen Miethke, Papst J. XXII. u.d. Armutsstreit, in: ebd. S. 263-313; - Xosé M. Sánchez Sánchez, Regesta compostelana del pontifice Juan XXII (1316-1334), in: AHP 45.2007, S. 11-37; -
2008
Hermann Schaub, Die Stadtkirche zu Rheda im Licht kirchenrechtl. Aspekte d. Papsturkunde von 1326, in: JWKG 104.2008, S. 15-29; -
2009
Patrick Nold, Two views of Jihn XXII as a heretical pope, in: Defenders and critics of Franciscan life. Leiden 2009, S. 139-158; - Filippo Sedda, Un teso fraticellesco dell'Italia centrale. Edizione e studio di alcuni capitoli della "Quare detraxistis", in: AFrH 102.2009, S. 135-174; - Kerstin Hitzbleck, Exekutoren. Die außerordentl. Kollatur von Benefizien im Pontifikat Johannes' XXII. Tübingen 2009.
Letzte Änderung: 05.02.2010